Halber Stein - Iris Wolff

  • Klappentext

    Sine, eine junge Frau, die nach Abschluss ihres Studiums auf der Suche nach ihrem beruflichen Weg ist, kehrt nach über 20 Jahren an den Ort ihrer Kindheit zurück. Ihre Großmutter Agneta ist gestorben, und gemeinsam mit ihrem Vater Johann ist sie zu deren Begräbnis nach Siebenbürgen gereist. Das Haus der Großmutter zieht sie vom ersten Augenblick an in ihren Bann: das Gebäude mit seiner geheimnisvollen Architektur, dem vermauerten Eingang zur ehemaligen Familienfärberei, den verschiedenfarbigen Räumen, Winkeln, Aufböden und Treppen erinnert sie an ihre Kindheit, die Zugehörigkeit zu Natur und Landschaft, das Spiel in Haus und Garten. In die Trauer um ihre Großmutter mischt sich die Trauer über die verloren geglaubte Heimat. Die Wiederbegegnung mit Julian, dem Freund der Kindheit, die Auseinandersetzung mit der Lebensgeschichte der Großmutter und die Erzählungen der Dorfbewohner lassen ein Bild der reichen kulturellen Vergangenheit Siebenbürgens entstehen. Details der Landschaft werden zu Metaphern einer Suche nach der eigenen Identität, und setzen in Sine einen Reifeprozess in Gang, der sie auch sich selbst näher bringt. Der in Michelsberg gelegene „Halbe Stein“, ein jahrhundertealtes Naturmonument, öffnet Sine den Blick für das Wesentliche: „Wenn man erinnert, kann man nicht verlieren.“


    Über die Autorin

    Iris Wolff, geboren in Hermannstadt, Siebenbürgen. Die Autorin wurde für ihr literarisches Schaffen mit zahlreichen Auszeichnungen geehrt, darunter mit dem Eichendorff-Literaturpreis, dem Marieluise-Fleißer-Preis sowie dem Marie-Luise-Kaschnitz-Preis und dem Solothurner Literaturpreis für ihr Gesamtwerk. Zuletzt erschien 2024 der Roman »Lichtungen«, der mit dem Uwe-Johnson-Preis und dem Spycher: Literaturpreis Leuk ausgezeichnet sowie für die Shortlist des Deutschen Buchpreises nominiert wurde. Die Autorin lebt in Freiburg im Breisgau.


    Mein persönliches Fazit

    Ein wunderschönes Buch mit einem ganz tollen Stil. Ein wenig melancholisch und ein wenig wehmütig, ganz behutsam und filigran. Mit wenigen Worten erschafft Iris Wolff eine Stimmung, die auch auf mich beim Lesen übergriffen hat. Die Trauer ist fast greifbar, ebenso der Wunsch die Vergangenheit zu verstehen und die Geschichte der eigenen Familie. Ihre Sätze sind mit viel Wärme geschrieben und ich möchte sie als einfach nur schön bezeichnen. Ich könnte so viele Zitate dieser schönen Sätze anbringen - das würde aber einerseits den Rahmen sprengen und andererseits auch zu viel spoilern.


    Iris Wolff erzählt aber auch viel Interessantes über Siebenbürgen und die Siebenbürgener Sachsen. Ein Landstrich und eine Kultur, über die ich beide relativ wenig weiß und daher alles Erzählte zu diesen Themen mit viel Interesse gelesen habe. Sie erzählt von der zweiten großen Auswanderungswelle der Siebenbürgener Sachsen um 1990 und welche Konflikte in den Familien damit einhergehen. Die, die gegangen sind, hadern mit dem neuen Leben in einem anderen Land und dem Spagat zwischen Vergessen der Vergangenheit und Blick nach vorne. Die, die geblieben sind, hadern mit dem Aussterben ihrer Kultur, ihrer Traditionen und ihrer Geschichte. Bei Sine wird dieser Spagat sehr gut sichtbar. Ihre Erinnerungen an ihre Kindheit bei Agneta kommen während ihres Besuches immer wieder hervor. Diese waren überlagert von den Ereignissen nach ihrer Auswanderung und den Jahren in Deutschland. Sie hat das Gefühl in Agnetas Haus angekommen zu sein, ein Gefühl von zu Hause und Heimat. Gleichzeitig fühlt sie sich auch fremd in dem Ort, dessen Sitten und Gebräuche sie nicht kennt und sich dadurch auch ein Stück weit ausgeschlossen fühlt.

    Sie erkundet die Lebensgeschichte ihrer Großmutter, kommt dabei dem Ort, den Menschen, dem Landstrich und damit ihren Wurzeln auch wieder näher.


    Mit hat die Geschichte unheimlich gut gefallen. Es ist ein leises, eher gemächliches Buch. Keine Hektik, keine Aufregung, aber doch mit sehr viel emotionaler Tiefe. Eine Geschichte, die man nicht schnell runterlesen sollte, sondern mit Zeit und Muße genießen sollte. Über Herkunft, Identität und Zukunft. Gefühlvoll und interessant erzählt.


    ASIN/ISBN: 3608966609

  • Sine hat ihr Studium beendet und weiß noch nicht, was sie beruflich machen will. Als ihre Großmutter Agneta stirbt, reist Sine mit ihrem Vater nach Siebenbürgen zur Beerdigung. Über zwanzig Jahre war sie nicht mehr dort. Aber als sie wieder im Haus ihrer Großmutter ist, kommen Erinnerungen und sie fühlt sie heimisch. Sie begegnet auch ihrem Jugendfreund Julian wieder. Je länger Sine in Michelsberg ist, umso mehr findet sie zu sich selbst.


    Es ist eine tiefgründige Geschichte, die ruhig und sehr atmosphärisch erzählt ist. Man kann sich das Haus von Agneta und die Landschaft von Michelsberg gut vorstellen.


    Der „Halbe Stein“ von Michelsberg ist ein Naturmonument, dass dem Roman den Namen gegeben hat und das für Sines Gefühlsleben steht. Nachdem ihre Eltern ausgewandert sind, ist Sine nicht mehr zurückgekehrt. Aber nirgendwo hat sie sich so zuhause gefühlt, wie in Siebenbürgen. Als nun die Erinnerungen hochkommen, spürt sie, wie das alles sie geprägt hat. Sie sucht nach ihrer Zugehörigkeit und damit nach sich selbst. Obwohl ich Sines Gefühle oft nachvollziehen konnte, kam sie mir nicht wirklich nat. Auch zu den anderen Personen konnte ich keine Beziehung aufbauen.


    Dennoch ist es eine schöne melancholische Familiengeschichte, die nachdenklich macht. Mir hat dieser Roman gefallen.


    8/10

  • Bezauberndes Buch

    Siebenbürgen ist eine uralte Kulturlandschaft. Eingebettet zwischen den Karpaten, war es lange Zeit ein Spielball der Geschichte. Ungarische, türkische, Habsburgische und rumänische Oberhoheiten haben hier gewechselt, Die Deutschen kamen vor etwa 800 Jahren in dieses Gebiet, zur Urbarmachung aber auch um das Eindringen der Mongolen, der Tataren und anderer Reitervölker zu verzögern, um den westlich gelegenen Ländern Zeit zu verschaffen, ihre Abwehr zu organisieren. Den Blutzoll haben die Deutschen in Siebenbürgen bezahlt. So kam es, dass alle deutschen Dörfer in diesem Landstrich Kirchenburgen bauten, um sich, wenn neue Einfälle aus den Steppen im Süden und Osten drohten, sich hier zurückziehen zu können und die Belagerung auszuhalten.

    Iris Wolff schreibt mit viel Verständnis und Zartgefühl darüber, vermittelt profunde Kenntnisse über das Land, seine Geschichte und Bewohner, dass man sich im Buch schnell heimisch fühlt. Es geht um eine Heimkehr, um eine Beerdigung, um eine Begegnung mit der Kindheit, mit dem Freund aus der Kindheit, um Fragen zur Familiengeschichte, um Wiederannäherung an den Vater, dem sich Sine im Laufe der Jahre in Deutschland entfremdet hatte. Der Kindheitsfreund hat auf sie gewartet, die Nähe und Wärme sind schnell wiederhergestellt, nun kommt auch Liebe hinzu, aber diese Liebe bleibt offen. Er ist in Rumänien, sie lebt in Deutschland, kann eine Fernbeziehung Bestand haben?

    Ich kenne die Orte, die im Roman beschrieben wurden, habe dort für kurze aber prägende Zeit gelebt. Die Spaziergänge durch Hermannstadt haben mich an die vergangenen Zeiten denken lassen, die Sehnsucht in mir geweckt, mal wieder hin zu fliegen. Sines Spaziergang durch die Stadt wurde zu meinem eigenen Spaziergang.

    Der Titel des Buches - Halber Stein - ist ein großer Felsen am Ufer des Silberbachs, am Rande von Michelsberg, dem Heimatort von Sines Vater. Um diesen Felsen ranken sich Geschichten und Legenden, Sine zieht sich manchmal hierher zurück, wenn sie nachdenken will, wenn sie zu sich selbst finden will.

    Die Ranunkeln auf dem Titelbild sind nicht nur hier, in Deutschland, beliebte Gartenblumen, sondern auch in Siebenbürgen. So finde ich die Wahl des Titelbildes gelungen. Es mutet wie ein Brückenschlag zwischen alter und neuer Heimat an.

    Das Ende des Buches fand ich bezeichnend. Der Pfarrer ist nicht mehr nur Seelsorger sondern auch Hausverwahrer. Die Bewohner ziehen in den Westen, kommen nur noch als “Sommersachsen” (sehr treffender Begriff aus dem Buch) zurück, in der Zwischenzeit muss der Pfarrer neben drei oder vier zusätzlichen Gemeinden, die er seelsorgerisch betreut, auch eine wachsende Zahl von Häusern im Auge behalten, nach dem Rechten sehen, vor dem Verfall bewahren und ja, diese verlassenen Häuser brauchen auch einen Seelsorger.. Aber bevor die Verbindung zur alten Heimat komplett reißt, lieber auch nur für den Sommer zurückkehren.

    Die Sprache des Buches hat mich magisch angezogen. Wolffs Stil ist unverkennbar, ihr eigener, poetisch und prägend. Ein Innenhof in Hermannstadt wird zu einem Traumort: “Ich ging einige Schritte in den Hof hinein. Es war. als würde man unter Wasser hinauf zu den Wellen schauen, so überflutete das Dach aus Weinranken den Innenhof. Nur das Rascheln der Blätter war zu hören…” (S. 248) Hand aufs Herz, wer würde nicht gern in solch einem Haus wohnen?

    Heimat - hüben wie drüben, ob Siebenbürgen oder Bundesrepublik