Peter Stamm - An einem Tag wie diesem

  • Titel: An einem Tag wie diesem
    Autor: Peter Stamm
    Seitenzahl: 205
    Verlag: S. Fischer
    Erschienen: Juli 2006
    ISBN: 3100751256
    Preis: 17,90 EUR


    Inhalt:
    An einem Tag wie diesem ändert Andreas sein Leben. Ihn packt eine Sehnsucht, die zwischen Heimweh und Fernweh nicht mehr unterscheidet. Er wirft alles hin, verkauft seine Wohnung und kündigt seine Stelle in Paris, um nach einem halben Leben zu der Frau zurückzukehren, die er einmal geliebt hat. Die Gleichheit der Tage war sein einziger Halt, jetzt hofft er auf ein Wunder und darauf dass alles neu beginnt. Seine Reise führt ihn in die Provinz seiner Jugend und wieder weg bis ans Ufer des Atlantik, in die Arme einer Frau, deren Liebe er beinah verspielt hatte.


    Der Autor:
    Peter Stamm wurde 1963 geboren. Er studierte nach einer kaufmännischen Lehre einige Semester Anglistik und Psychologie. Er lebt in Winterthur in der Schweiz. Sein erster Roman „Agnes“ erschien 1998.


    Meine Meinung:
    Das Buch welches Peter Stamm uns vorlegt ist ohne Frage sehr lesenswert. Unaufgeregt schildert er wie sich Andreas auf die Suche nach der unerfüllten Vergangenheit begibt. Stamm behält Distanz zu seinem Protagonisten. Er schubst ihn nicht dauernd an, sondern überlässt ihn auch manchmal seinem Phlegma. Es sind keine weltbewegende Dinge die dort passieren, es sind aber Dinge die jedem von uns täglich passieren können. Er verachtet nicht die, die ihren täglichen Trott leben, sondern zeigt auch, dass dieses tägliche Einerlei durchaus auch seinen Reiz haben kann. Andreas sucht seinen Platz im Leben, sucht sein Leben überhaupt. So wie viele von uns auch, ist er immer auf der Suche, verbunden mit dem Gefühl, vielleicht etwas verpasst zu haben, aber gerade das eigentlich nicht genau zu wissen.

    Ich mag verdammen, was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du es sagen darfst. (Evelyn Beatrice Hall) ich wünsche allen einen schönen Tod und eine geruchslose Verwesenung.


    Allenfalls bin ich höflich - freundlich bin ich nicht.

  • Danke für die Rezension! :anbet


    Peter Stamms schlichter, aber sehr präziser Stil hat mich bei "Agnes" und "Ungefähre Landschaft" schon überzeugt.


    Unaufgeregt und lesenswert! Das ist das, was ich von Peter Stamm erwarte.
    Ich setze das Buch auf meine Wunschliste mit mittlerer Priorität.

  • Andreas ist Ende 30, Junggeselle, Lehrer in Paris. Er führt ein recht zurückgezogenes, ereignisloses und eigentlich trostloses Leben, vermeidet soziale Kontakte, scheut sich davor, tiefere Beziehungen einzugehen, er unterhält einige belanglose Affären. Auch die familiären Kontakte zu seinem Bruder beschränken sich auf Anstandsfloskeln. Im Zuge der Geschichte bekommt man einen Hinweis, warum Andreas dieses Leben gewählt hat. Er hatte vor 20 Jahren die Liebe seines Lebens, Fabienne, kennen gelernt, aufgrund seiner Schüchternheit aber an seinen besten Freund verloren. Damals verließ er seinen Heimatort in der Schweiz um in Paris – jenem Ort, wo auch Fabienne studierte – seine Zelte aufzuschlagen. Die nächsten 20 Jahre verbringt er in einer melancholischen Trauer um die verlorene Liebe, in einem Alltagstrott, wo jeder Tag dem anderen gleicht. Bis er eines Tages mit der möglichen Diagnose einer schweren Krankheit konfrontiert wird. Ohne das Untersuchungsergebnis abzuwarten, krempelt er von einem Tag auf den anderen sein Leben um. Er kündigt seinen Job, verkauft die Wohnung und macht sich mit einem alten 2CV auf die Reise in die Schweiz, um die Vergangenheit aufzuarbeiten.


    Es ist eine grandiose, faszinierende Geschichte, die Peter Stamm hier erzählt. In nüchternem, fast kargem Stil erfährt man von dem tristen, ereignislosen Leben des Andreas. Er selber erkennt, dass er sein Leben wegwirft, doch ist er zu bequem, zu passiv und zu phlegmatisch, um es selber in die Hand zu nehmen. Es bedarf erst dieser – vermeintlich – bedrohlichen Krankheit, um ihn zum Leben zu erwecken. Seine „Reise in die Vergangenheit“ wird zu einer Reise in die Zukunft, …
    Die angesprochenen Themen betreffen uns wohl alle. Es geht um vermasselte Chancen, darum, Vergangenes abzuschließen, zu bewältigen und nach vorne schauen zu können. Andreas ist derart in seiner Melancholie und Trauer gefangen, dass er seine Außenwelt gar nicht mehr wahrnimmt und so auch mögliche Chancen nicht wahrnehmen kann.


    Das Ende sehe ich etwas ambivalent.
    [sp] Einerseits hat er jetzt mit seiner Vergangenheit abgeschlossen, sie bewältigt. Er ist offen für Neues und geht nun aktiv auf seine junge Kollegin Delphine, die ihn offensichtlich sehr mag – zu.
    Auf der anderen Seite ist mir dieses „Happy End“ etwas zu billig und passt so nicht zum Buch. Allerdings wird nicht näher auf die Beziehung eingegangen, sodass jeder Leser selber das Ende interpretieren kann. [/sp].

  • Meine Meinung:


    Ohne Liebe ist alles nichts


    Dieses ist mein erstes Buch von Peter Stamm, dessen Schreibstil mich ein wenig an den von Wilhelm Genazino erinnert (und das ist äußerst positiv gemeint!).


    Andreas ist ein Mann, der sich nicht verlieben will. Dennoch ist er den Frauen gegenüber nicht abgeneigt und gönnt sich die ein oder andere Affäre. Doch in keiner dieser Liebschaften, findet er die vollkommene Erfüllung. Sich aber auf die Liebe einzulassen... davor hat er anscheinend Angst... und zudem ist sein Herz schon seit Jahrzehnten besetzt.


    Auf der Suche nach sich selber und immer doch auch nach der einzigartigen Liebe, begibt sich Andreas von Paris aus (wo er arbeitet) in die Schweiz (wo er ursprünglich herkommt). Doch wird er ans Ziel seiner Träume gelangen? Oder wird er auf immer und ewig das suchen, wonach er im tiefen Inneren strebt, was er sich selber aber vielleicht nicht eingestehen will?


    Da dieses Buch keine Kapitel hat, fiel es mir als 'Kapitel-zu-Ende-Leserin' schwer, das Buch aus den Händen zu legen. Ich würde es auch nicht als Buch bezeichnen, sondern als Geschichte. Eine Geschichte, in der viele Fragen gestellt werden, in denen ich mich selber wiedererkannt habe. Fragen, die man nicht mal mit Freunden bespricht, sondern die man sich selber stellt. Wenn man dann schwarz auf weiß liest, dass es Menschen gibt, die anscheinend ähnliche Gedanken haben, so gibt dies ein sicheres Gefühl.


    Mir hat diese Geschichte sehr gut gefallen und ich luke bereits nach dem neuen Buch von Peter Stamm: 'Sieben Jahre', dessen Inhalt sich äußerst interessant anhört.


    Ich freue mich immer über 'Fundstücke' in der Literatur und Peter Stamm ist für mich persönlich auf jeden Fall eines davon!

  • Zitat

    Original von Herr Palomar


    Inwiefern denn das?


    Mich erinnerte die Erzählweise von Peter Stamm an das Buch "Die Liebesblödigkeit" von Genazino. Irgendwie bekam ich diesen Vergleich die ganze Zeit nicht aus dem Kopf beim Lesen. Aber wie gesagt, ich meine es äußerst positiv, denn die Erzählweise von Genazino liegt mir sehr.


    PS: Diese "Detailliertheit" bei bestimmten Beschreibungen... der Hang zum Beschreiben von eigentlichen Nebensächlichkeiten. Die dann aber nicht langweilig werden, sondern die Geschichte einfach interessant machen. Ein direktes Beispiel kann ich gerade leider nicht liefern :-)

  • Mein erstes Buch von Peter Stamm hat mir gut gefallen. Der Autor erzählt unaufgeregt, nüchtern, in einem reduzierten Stil, und obschon es sich um einen fiktiven Roman handelt, weist die Geschichte eine große Realitätsnähe und Glaubwürdigkeit auf. Die Erzählerfigur, die in ihrem Alltagstrott gefangen ist, das Gefühl hat, etwas im Leben zu verpassen und schließlich einen radikalen Schritt wagt, ist mir durchwegs sympathisch gewesen, und obwohl auf den gerade einmal 200 Seiten keine großartigen Wendungen vonstatten gehen, übte der Text auf mich eine große Faszination aus.


    Peter Stamm ist auf jeden Fall eine positive Autorenneuentdeckung für mich und ich werde weitere Romane von ihm lesen.