'Wilde Schwäne' - Kapitel 25 - Ende

  • Soo, der letzte Abschnitt beginnt...



    KAPITEL 25


    Der Vater steckt doch noch mehr in seinen alten Verhaltensmustern als ich dachte - er kann/will seine Beziehungen nicht nutzen, um seiner Tochter zu einem Studienplatz zu verhelfen. Andererseits ist das natürlich a) konsequent und b) in gewisser Weise auch richtig (Stichwort Vitamin B). Aber wenn es alle so machen? Es machen ja nur alle so, weil das System ihnen keine andere Möglichkeit gibt. Dazu interessiert mich eure Meinung sehr!!


    KAPITEL 26


    Endlich an die Universität geschafft und dann so etwas!! Reglementiertes, portioniertes Wiederkäuen von Propagandamaterial als Studium - was für ein Albtraum für Jung Chang, die doch endlich ihre Wissbegier stillen wollte :-( Sie spricht mir aus der Seele, als sie sagt: "Unwissen konnte ich akzeptieren, nicht aber seine Verherrlichung und noch weniger den Anspruch, dass die Unwissenheit zu regieren habe." (S. 577, Ausgabe von 1993).

  • KAPITEL 27


    Obwohl ich den Vater oft nicht verstanden habe - dieses Ende hat er nicht verdient. Aber ich habe es so empfunden wie seine Tochter es meiner Meinung nach sehr schön beschrieben hat: "Für ihn gab es in Maos China keinen Platz, denn er hatte versucht, ein aufrichtiger Kommunist zu sein. Er hatte sein ganzes Leben einer Sache gewidmet, und die Sache hat ihn betrogen." (S. 590, Ausgabe von 1993). Ich würde sogar korrigieren "... und die Menschen haben ihn betrogen." Die Menschen, die sich hinter der Idee des Kommunismus selbst an Gütern und vor allem Macht bereichern.


    Endlich, endlich wachen die Menschen auf und beginnen sich - wenn auch nur im Kleinen (Stichwort: Bemerkungen auf den Wandzeitungen) - zu wehren. Sie kommentieren wieder, zumindest im Stillen. Aber das ist ein Anfang!, ein guter Anfang!


    Bei Frau Mao und ihrer Viererbande frage ich mich immer mehr, ob sie - die ja anscheinend ihrem Mann in Menschenverachtung und Machtgier in nichts nachsteht - nicht die treibende Kraft hinter all dem Terror ist. Ihr Kommentar zu den Erdbeben-Opfern hat mich sprach- und fassungslos gemacht. Und die Erkenntnis bzw. das Bewusstsein, dass Mao nicht der einzige "Teufel" war, sondern es vermutlich einige "Frau Maos" gab (zu denen ich z.B. auch die Tings zähle). Nur mit diesen Anhängern konnte das Mao-Regime seine "Politik" durchsetzen.



    EPILOG


    Meine Ausgabe von 1993 endet mit einem Epilog von Mai 1991. Etwas merkwürdig fand ich hier die kurze Abhandlung der Ereignisse am Tian'anmen-Platz (Platz des himmlischen Friedens) 1989, die gerade mal 2 Abschnitte geht. Hier hätte ich mir eindeutig mehr gewünscht, insbesondere weil diese schlimmen Eregnisse doch relativ zeitnah sind und sie diese aus eine neuen Perspektive (der Chinesin, die eigentlich in London lebt, aber gerade zu Besuch in ihrer Heimat China ist) erlebt hat. Schade.


    Auch, dass sie die Gegenwart (1991) und Zukunft Chinas so positiv abschließend beurteilt, finde ich seltsam. Aber vielleicht ist das eine Frage der Relation. Im Gegensatz zu dem, was ihre Eltern durchgemacht haben, ist das heutige Leben in China (bzw. das in den 80ern/90ern) vielleicht sehr "frei", nur im westlichen Verständnis nicht. Hm. Trotzdem komisch.


    In den Infos zur Autorin vorne im Buch steht "kommentiert häufig Ereignisse der chinesischen Politik im britischen Fernsehen". Das würde mich ja mal interessieren! Gerade z.B. in Bezug auf die Olympischen Spiele, etc.


    Eine Frage an die Mitleser mit neueren Ausgaben? Gibt es bei euch noch weitere Informationen über das Jahr 1991 hinaus?


    Und war von euch schon mal jemand in China? Welche Eindrücke hattet ihr?

  • Zitat

    Original von milla
    Der Vater steckt doch noch mehr in seinen alten Verhaltensmustern als ich dachte - er kann/will seine Beziehungen nicht nutzen, um seiner Tochter zu einem Studienplatz zu verhelfen. Andererseits ist das natürlich a) konsequent und b) in gewisser Weise auch richtig (Stichwort Vitamin B). Aber wenn es alle so machen? Es machen ja nur alle so, weil das System ihnen keine andere Möglichkeit gibt. Dazu interessiert mich eure Meinung sehr!!.


    Das ist doch auch wieder ein System :-)
    Der Vater ist wie er ist und wird sich nicht ändern. Fast hätte er durch seine verquere Moral verhindert, daß Chang studieren kann. Was bleibt ihr denn anderes übrig? Es gibt keine Alternative zu Vitamin B. Ob einem das gefällt oder nicht. Mir gefällt es nicht.

  • Das das Ausbleiben der medizinischen Versorgung letztendlich zum Tode des Vaters führt, hat mir auch leid getan.


    Zitat

    Original von milla
    Die Menschen, die sich hinter der Idee des Kommunismus selbst an Gütern und vor allem Macht bereichern.


    Egal, wie gut die Idee auch immer am Anfang war, am Ende läuft es doch immer auf das gleiche hinaus. Einige wenige bereichern sich auf Kosten der Masse.

    Zitat

    Original von milla
    Bei Frau Mao und ihrer Viererbande frage ich mich immer mehr, ob sie - die ja anscheinend ihrem Mann in Menschenverachtung und Machtgier in nichts nachsteht - nicht die treibende Kraft hinter all dem Terror ist.


    Gefr4agt habe ich mich das auch schon. Zumindest hat Mao sie ja nicht gebremst in ihrem Tun.


    Was genau ist eigentlich mit den Tings passiert? Habe ich da was überlesen?


    Die Beschreibung der Begegnung mit den ausländischen Matrosen, um das Englisch zu verbessern fand ich übrigens so absurd und grotesk wie viele Schilderungen in diesem Buch. Da kann man nur wieder mal dasitzen und dne Kopf schüteln.


    Zitat

    Original von milla
    Auch, dass sie die Gegenwart (1991) und Zukunft Chinas so positiv abschließend beurteilt, finde ich seltsam.


    Vor allem, weil sie doch keine Repressalien mehr zu befürchten hat. Außer der Schwester lebt doch niemand von der Familie mehr in China.


    Ich war noch nicht in China. Vor seiner Rückgabe an China war ich zweimal in Hongkong und dort hat es mir ganz wunderbar gefallen. Das waren aber auch keine chinesischen Chinesen dort, sozusagen.


    Die bemerkenswerteste Figur in diesem Roman war für mich die Mutter, gefolgt von Dr. Xia. Wer war es für Euch?

  • Zitat

    Original von JaneDoe
    Egal, wie gut die Idee auch immer am Anfang war, am Ende läuft es doch immer auf das gleiche hinaus. Einige wenige bereichern sich auf Kosten der Masse.


    Irgendjemand hat mal gesagt, Kommunismus sei eigentlich eine gute Idee, aber er kann nicht funktionieren, solange er von Menschen praktiziert wird... ;-)

    Zitat

    Original von JaneDoe
    Was genau ist eigentlich mit den Tings passiert? Habe ich da was überlesen?


    Schau mal auf S. 616 vorletzter Absatz (Ausgabe 1993), da steht was aus ihnen geworden ist.



    Zitat

    Original von JaneDoe
    Die bemerkenswerteste Figur in diesem Roman war für mich die Mutter, gefolgt von Dr. Xia. Wer war es für Euch?


    Auch auf jeden Fall die Mutter!

  • :wow Puh, heftig!! Ich hab ja hinten auf dem Buch ein Bild von ihr als junge Frau (Studentin?) und hatte sie auch immer in dem Alter vor Augen - aber stimmt, sie ist ja 1952 geboren, also jetzt schon 56! :wow Dafür sieht sie aber sehr gut aus! :grin

  • Zitat

    Original von JaneDoe


    Das ist doch auch wieder ein System :-)
    Der Vater ist wie er ist und wird sich nicht ändern. Fast hätte er durch seine verquere Moral verhindert, daß Chang studieren kann. Was bleibt ihr denn anderes übrig? Es gibt keine Alternative zu Vitamin B. Ob einem das gefällt oder nicht. Mir gefällt es nicht.


    Der Vater ist seiner Linie bis zum Schluß treu geblieben, wirklich ohne Rücksicht darauf, daß das für die Tochter das Ende ihres Traums bedeuten würde. Ich würde mir das von meinem Vater nicht wünschen! Ich glaube, vor allem in diesem System war Vitamin B unabdingbar, um irgendwie weiterzukommen.

  • 1991 ist die deutschsprachige Ausgabe des Buches erstmals erschienen, ich denke dann wird die englischsprachige vielleicht 1-2 Jahre vorher erschienen sein, somit dürfte Jung Chang auf dem Bild im Buch ca. 35 gewesen sein.


    Und das Bild von 2006 .... man sieht, daß sie ein ereignisreiches Leben geführt hat, nichtsdestotrotz attraktiv



    Für mich ist auch die Mutter die herausagendste Persönlichkeit in diesem Buch

  • Also, ich bin froh, daß ich durchgehalten und zuende gelesen habe. Und das mit Euch zusammen. Solche Bücher sind schwerer alleine zu lesen ohne Austausch mit anderen.
    So schließe ich mich Millas Dank gerne an und gebe ihn zurück :wave:knuddel1

  • Ich habe im Eingangsfred schon mal nachgefragt, ob noch jemand außer uns mitliest und es hat sich nur Paradise gemeldet, die noch nachkommt - ansonsten Stille


    Das Buch hat bei mir ja wirklich lange auf dem SUB gelesen und drei Umzüge mitgemacht. Aber, ob ich ohne Leserunde in die Hufe gekommen wäre, das bezweifle ich fast - und vor allem auch durchgehalten.


    Ich danke euch auch für den regen Gedankenaustausch :anbet

  • Ich bin gerade zufällig in diese alte Leserunde gestolpert und bedaure sehr, dass ich erst einige Monate später zu den Eulen gestoßen bin. Es war das letzte Buch vor meinem ersten Besuch in China und hat meine Erwartungshaltung stark geprägt. Die Realität war im Jahr 1999 natürlich längst nicht mehr dieselbe wie im Buch beschrieben, die Spuren aber immer noch allerorts zu finden, wenn man Augen und Ohren aufsperrte. In China nicht anders als in Japan oder Deutschland, kann sich kein Volk komplett von seiner Geschichte lösen.