Ein gerader Rauch/Denis Johnson

  • Inhalt:
    Ein zutiefst eigenartiges Buch. Der Inhalt lässt sich für mich am ehesten über die wichtigsten Personen wiedergeben:


    Colonel Francis X. Sands: Ein CIA-Agent, der behauptet, in sog. „Psy Ops“ tätig zu sein, vor allem in Verbindung mit den Tunnels des Vietcong. Dies sind Operationen, die der psychologischen Kriegsführung dienen. Doch sieht man nie Beweise dieser Tätigkeit. Er erscheint wie die Graue Eminenz des Buches.


    William Sands, genannt Skip: Der Neffe des Colonels und auch bei der CIA. Er will sich nützlich machen, wird von seinem Onkel aber irgendwie stets links liegen gelassen und mit komplett sinnlosen Aufgaben beschäftigt. Hat eine kurze Affäre mit der frisch verwitweten Kathy Jones, die allerdings zu nichts führt außer dem Austausch eigenartiger Briefe, vor allem von ihr.


    Seaman William Houston: Ein Matrose, der stets in Schwierigkeiten ist und weder in der Marine noch im Leben seinen Platz findet, dem Krieg aber fernbleibt.


    Private James Houston: Sein jüngerer Bruder, Infanterist, der während seiner ersten Tour eine ruhige Kugel schiebt und dann immer wieder verlängert, bis er gar nicht mehr fort will, weil er nicht wüsste, wohin er sonst gehen sollte.


    Interessant ist, dass die Brüder einander eigentlich gar nicht mögen, aber irgendwie jeweils der einzige Mensch sind, den sie haben, da die Mutter in einer Art religiösem Wahn lebt.


    Kathy Jones: Eine kanadische Witwe, Krankenschwester, die sich in Vietnam um verletzte Zivilisten kümmert und eine Menge seelischer Probleme wälzt, teilweise in ihren verstörenden Briefen an Skip.


    Nguyen Minh: Ein junger südvietnamesischer Pilot, der für den Colonel arbeitet.


    Nguyen Hao: Sein Onkel, der ebenfalls für ihn arbeitet und als Verbindungsmann zum VC-Mann Trung Than wird, der sein Freund ist.


    Trung Than: VC, der versucht, einen Deal mit dem Colonel auszuhandeln, der ihn zum Doppelagenten machen will.


    Rick Voss und Terry Crodelle: Etwas zwielichtige CIA-Männer, die gegen den Colonel arbeiten. Oder umgekehrt?


    Sergeant Jimmy Storm: Der Schatten des Colonels.


    Eddie Aguinaldo: Ein philippinischer Offizier, der ebenfalls irgendwie in die Machenschaften des Colonels verwickelt ist.


    Father Carignan: Ein Priester auf den Philippinen, der laut dem Colonel in Waffenschmuggel verwickelt ist und während Skips anfänglichem Aufenthalt dort ermordet wird. Von wem? Dem „German“? Warum?


    Dietrich Fest – „The German“: Ein Auftragskiller vom BND der, ja, für wen eigentlich arbeitet?


    Autor (adaptiert von wikipedia):
    Denis Johnson wurde 1949 in München als Sohn eines amerikanischen Offiziers geboren und gilt als einer der wichtigsten Autoren der amerikanischen Gegenwartsliteratur. Er verbrachte seine Kindheit teilweise in Japan und auf den Philippinen und lebt heute in Idaho. Seinen ersten literarischen Erfolg verbuchte er mit dem Kurzgeschichtenband „Jesus’ Son“. (Was erklären könnte, warum sein Roman so episodenhaft wirkt. Vielleicht ist er eher ein Kurzgeschichtenerzähler?)
    Für „Tree of smoke“ erhielt er 2007 den National Book Award.


    Meinung:
    Ohje. Was soll ich dazu sagen? Ich habe über zwei Wochen an dem Buch gelesen und bin damit durch Höhen und Tiefen gegangen. Immer, wenn ich mich durchgebissen habe und mir gedacht habe, was zum Geier tue ich da eigentlich, hat mich Johnson plötzlich wieder eiskalt erwischt und ich habe gefesselt und verzückt weitergelesen. Bis zum nächsten Tief. Und dennoch war es für mich, ungeduldige Leserin die ich bin, nie eine Frage, dass ich das Buch beenden werde. Nur, wann. In diesem oder dem nächsten Leben?


    Ich habe zwei Theorien.


    Erstens, die demütige. Ich habe wenig Ahnung von zeitgenössischer und vor allem zeitgenössischer amerikanischer Literatur und noch nie etwas von Johnson gelesen. Wäre es anders, vielleicht hätte ich dieses Buch anders gelesen und verstanden. So muss ich mich etwas dumm fühlen, weil mir der tiefere Sinn verborgen geblieben ist. Auch inwiefern dies hier der Vietnamkriegsroman sein soll, nach dem es keine anderen mehr geben muss. Aber ist es überhaupt einer? Was macht es so spezifisch zu einem Roman über diesen Krieg? Ich habe einen gelesen über einen etwas merkwürdigen CIA-Agenten und seine Umtriebigkeiten und die Kreise, die es zieht, auch bis in die vietnamesische Bevölkerung. Aber, wo ist der direkte Bezug zu dem Krieg und keinem anderen? Den gibt es eigentlich nur durch James Houston, der davon komplett zerstört wird. Doch sein Bruder ist ohne Krieg auch nicht wirklich sozial angepasst.
    Aber, auch hier habe ich noch nicht sehr viel gelesen. Man wird mir verzeihen, wenn ich Johnson voraussichtlich also doch nicht ans Ende meiner Lesebekanntschaft über dieses Thema stelle.


    Zweitens, die ketzerische. Hier ist ein sehr gutes Buch, das jedoch durchsetzt wurde von merkwürdigen Episoden und Einschüben, die es gezielt zu einem „anspruchsvollen“ Buch machen sollen, dessen Leserschaft sich naturgemäß zu ca. 50 % dumm fühlen wird. So wie zB ein David-Lynch-Film, bei dem es gar nicht vorgesehen ist, dass man sich auskennt. So etwas mag seinen Reiz haben und den hat es auch. Manchmal.


    Fragen über Fragen. Die herausragendste, warum habe ich es trotzdem beeendet und teilweise genossen? Weil es gut ist, weil es anders ist. Weil ich hier über Sätze gestolpert bin, bei denen ich in die Hände klatschen wollte vor Entzücken. Weil es mich zeitweise durch bitterböse Sätze zum Lachen gebracht hat. Weil die direkten Dialoge, ohne „said he“ sehr eindringlich und gut geschrieben waren.


    Bei den Charakteren konnte ich nur Skip Sands sympathisch finden, wobei er aber auch der einzige ist, den wir gut genug kennenlernen.
    Auffallend ist die Abwesenheit von Vätern in diesem Buch. Es gibt Mütter und Onkel, aber die Väter sind stets entweder tot oder irgendwo. Interessant, das ist mir erst jetzt, beim Schreiben, aufgefallen.
    Der Colonel (in Anlehnung an Colonel Kurtz?) ist der Kitt, der die Geschichte zusammenhält, bis zum zutiefst eigenartigen Epilog im Jahr 1983. Wenn man es am Ende nicht besser wüsste, weil er oft aufgetreten ist, könnte man fast bezweifeln, dass er jemals existiert hat.


    Es bleibt dabei. Entweder das Buch ist eigenartig oder ich bin ignorant. Oder, beides. Ich weiß zwar kaum, was ich hier eigentlich gelesen habe, aber vergessen werde ich es trotzdem nicht so schnell. Vielleicht bin ich sogar verrückt genug, es irgendwann noch mal zu lesen. Ich fürchte, es könnte sich lohnen.

  • Danke! Kann man mit dem vagen Geschreibsel wirklich was anfangen?


    Ich hätte ja gerne eine Amzon-Rezension geschrieben, aber bei dem Buch war es für mich unmöglich, da etwas kurzes, prägnantes und aussagekräftiges zu schreiben. Daher mußte ich wieder hierher ausweichen, weil ich hier einfach mehr Raum habe, mir schriftlich ausführlich selbst klarzumachen, was ich gelesen habe und wie ich es aufnehme. Auch ein interessanter Prozeß.


    Die auf die Personen runtergebrochene Inhaltsangabe resultiert übrigens daraus, daß ich die zwischendurch zur eigenen Orientierung geschrieben habe. Quasi ein selbsterstelltes Personenregister um mich daran zu erinnern, wer eigentlich wer ist.


    Zitat

    Original von buzzaldrin
    Wenn ich Fragen oder Probleme beim Lesen habe, kann ich mich vertrauensvoll ja an dich, als "Denis-Johnson-Forscherin" wenden ... ;-)


    Wenden kannst Du Dich gern, und ich werde die Frage dann drehen und wenden und verzweifelt eine Antwort suchen. :wow
    Oder, wir können drüber diskutieren. Bin auf jeden Fall sehr gespannt, wie es Dir ergehen wird. Viel Erfolg und Vergnügen! :wave

  • Zitat

    Original von Grisel
    Danke! Kann man mit dem vagen Geschreibsel wirklich was anfangen?


    Ja, es gibt auf jeden Fall einen sehr guten Einblick in deine Erfahrungen beim Lesen. Und das Personenregister das du erstellt hast, werde ich mir wohl einfach ausdrucken und neben das Buch legen, damit ich wenigstens eine kleine Orientierung habe während des Lesens. :wave
    Ich bin auf jeden Fall schon sehr gespannt, wie es mir ergehen wird mit dem Buch und ich denke, dass es auf jeden Fall noch zu der ein oder anderen Diskussion kommen wird. :-)


    In den FAZ-Artikel habe ich noch nicht hereingeschaut, da ich mich vor dem Lesen lieber doch nicht spoilern lassen möchte. Danke für die Warnung!

  • buzzaldrin :
    Vielleicht kannst Du ja ein paar meiner Fragezeichen beantworten und ergänzen. Gerade am Anfang, auf den Philippinen, habe ich relativ neben mir stehend gelesen. Oder, wie im anderen Thread geschrieben, mit der Frage, wer uns beiden besoffen ist, der Autor oder ich. :chen


    Apropos, die Namen. Storm, Sands. Ob er uns damit irgendwas sagen will?

  • Hallo Grisel,


    ich kann Deine Rezi eigentlich gut nachvollziehen. Vor etwa zwei Wochen hatte ich mal abends im Bett das erste Kapitel gelesen. Mein erster Eindruck war auch, dass das Buch etwas "sperrig" ist. Ich hatte ja vor, "Tree of Smoke" diese Woche zu lesen, aber diese eine kurze kostbare Urlaubswoche nach so langer Zeit, 20 Bücher in der engen Auswahl für 8 Tage :gruebel, nach Deinen nicht so enthusiastischen Zwischenberichten hat es das Buch dann doch nicht geschafft. :-(


    Ich möchte "Tree of Smoke" aber weiterhin bald lesen, da ich auch thematisch in der richtige Lesestimmung bin. Ich brauch einfach mehr Zeit. :bonk

  • Zitat

    Original von Uta
    Ich möchte "Tree of Smoke" aber weiterhin bald lesen, da ich auch thematisch in der richtige Lesestimmung bin. Ich brauch einfach mehr Zeit. :bonk


    Es braucht schon gewisse Aufmerksamkeit. Zum Zwischendurchspaßlesen fand ich es eigentlich nicht. Schon eher ein Urlaubs- oder Vielzeitinvestieren-Buch.