'Der Turm' - Seiten 185 - 280

  • Auch hier kommt "Tauwetter" vor - auf S. 192 will Jens Ansorge die Geräusche des eintretenden Frühlings ("Der Schnee war krank, unter dem Harsch tropfte, sinterte, sickerte es , bildeten sich Wasserdrusen,....flochten Rinnsale. Eiszapfen hingen ...., Tropfen tockten, plingten und klockten in melodischem Wechsel;..") zu einem "Tauwettersong" verarbeiten.
    Schon den Begriff: Der Schnee ist krank könnte man deuten, oder?


    Der Roman beginnt im Winter, jetzt ist Frühling - mal sehen, in welcher Jahreszeit der Roman endet.
    Das sollte man vielleicht weiter beobachten - einen Symbolcharakter hat das doch bestimmt.


    Das Buch begeistert mich - auch die detaillierten Beschreibungen stören mich überhaupt nicht.

    Jeder trägt die Vergangenheit in sich eingeschlossen wie die Seiten eines Buches, das er auswendig kennt und von dem seine Freunde nur den Titel lesen können.
    Virginia Woolf

  • Conor, das ist eine super Beobachtung, ist mir gar nicht aufgefallen.
    Ich bin auch absolut angetan von dem Buch. Mittlerweile finde ich die Atmosphäre immer bekemmender. Tellkamp macht das aber ganu unaufdringlich. Da fand ich die Szene ganz am Anfang sehr eindringlich, wo die Soldaten die ganze Straße blockieren, aber keiner sich traut was zu sagen.

  • Die Szene mit den Soldaten fand ich auch sehr eindringlich und ich kann dir zustimmen, dass die Atmosphäre immer beklemmender wird.


    Die Szene in der Kohleninsel (Kap. 18, S. 202 - 220) mutet stellenweise kafkaesk an.
    Die immer gleichen Flure und die immer gleichen Türen - und alles ist verwirrend.
    Auch dass Regine zurückgeschickt wird an die zentrale Anmeldung, obwohl sie doch einen Schrieb hat und weiß, wo sie hinmuss.
    Ebenfalls Richards Erlebnis mit der Geige und dem Geigenbogen ist grotesk.


    Das mit dem Kulturgut der DDR will ich noch googeln.

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  • Der Besuch Menos bei von(! - ja nicht vergessen :grin) Arbogast ist auch ein wenig unheimlich, zumindestens an der Stelle, wo er sich die Untersuchungsreihe mit den Augen anschaut.


    Mit Arbogast ist Manfred von Ardenne gemeint.
    Arbogast lebt eigentlich konträr zum Sozialismus: luxuriös/pompös und so gibt er sich.



    Hier erfährt man auch den beruflichen Werdegang von Meno, warum er vom Zoologen zum Lektor wurde.

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  • War es eigentlich wirklich so? Oder ist das etwas überzogen beschrieben, was in der Kohleninsel passiert ? Der Autor kann sich ja durchaus Freitheiten erlauben, dies übertrieben zu beschreiben.


    Für mich ist so was Neuland und ich kann es nicht nachvollziehen. Deutschland ist ja ein Land der Bürokratie, aber drüben war das noch tausend Mal schlimmer ausgeprägt. Aber die Menschen kannten das ja nicht anders, konnten sich nicht dagegen wehren und waren das gewöhnt.


    :wave Ruhrmaus

  • Gerade gefunden:


    http://www.aerzteblatt.de/V4/archiv/artikel.asp?id=63634


    Zitat aus dem Ärtzeblatt:
    "Eine Hauptrolle in dem Roman spielt Dresden. Die Stadt ist aber verfremdet. Warum haben Sie nicht das reale Dresden genommen, so, wie es ist?
    Tellkamp: Jeder Dresdener hat ein anderes Dresdenbild im Kopf, so wie jeder Kölner ein anderes Kölnbild im Kopf hat. Es gibt dieses eine Köln- oder Dresdenbild nicht. Die Entscheidung für mich, die realen Gegebenheiten zu verlassen, hat der Roman getroffen, der über Dresden hinauswollte. Er wollte ein Modell liefern für das Gesellschaftssystem an sich. Und das war mit Dresden allein nicht möglich.
    Es gibt keine Kohleninsel in Dresden. Diese fast kafkaeske Behördeninsel gibt es aber im Sozialismus, und vor allem gibt es die oben im Kopf. Für jeden, der im Sozialismus auf eine Behörde gehen musste, ist die Kohleninsel sehr real."

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  • Ich bin jetzt bei dem 20.Kapitel "Dialog über Kinder" (S. 255)


    Hier drängt sich mir die Frage auf, ob Richard ein Stasi-Informant ist und erpressbar, da er eine Geliebte hat.


    Mal sehen, wie sich die Geschichte weiterentwickelt. :gruebel


    edit: Ergänzung:


    Aber auch mit der beruflichen Zukunft seiner Kinder ist er erpressbar.


    Dass man nur die Fragen, Aussagen von Richards Gegenüber lesen kann, empfinde ich als gutes Stilmittel.
    Es zeigt doch Richards Hilflosigkeit/Sprachlosigkeit - seine Zwickmühle.

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    Virginia Woolf

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  • :help -diese Tante Barbara - mir würde sie auf die Nerven gehen, Christian kommt zu keinem vollständigen Satz - aber enöff!
    ;-)

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  • Ja, man kann sich diese Bürokratie nicht vorstellen, so wie sie dort beschrieben wurde - ebenso wenig, dass man an einem Geschäft Schlange stehen muss.
    Genauso unvorstellbar ist die Bespitzelung, wie es sie gegeben hat.


    Aber so war es wohl.
    Die Vorstellung, dass man niemanden trauen kann, dass man nicht weiß, ist das ein Informant oder nicht, finde ich richtig unheimlich.

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  • Zitat

    Original von Conor
    Aber so war es wohl.
    Die Vorstellung, dass man niemanden trauen kann, dass man nicht weiß, ist das ein Informant oder nicht, finde ich richtig unheimlich.


    Ja, das stimmt, das habe ich auch als sehr unheimlich empfunden.


    Mittlerweile habe ich das Kapitel beendet und muss sagen, dass ich den "Dialog über Kinder" nicht ganz einordnen konnte, da ich nicht wirklich nachvollziehen konnte, von wem die Aussagen kommen. Von Richard?


    Tante Barbara (enöff) war witzig, auf Dauer wäre ich aber wahrscheinlich auch schwer genervt von ihr :grin

  • Zitat

    Zitat buzzaldrin:
    Mittlerweile habe ich das Kapitel beendet und muss sagen, dass ich den "Dialog über Kinder" nicht ganz einordnen konnte, da ich nicht wirklich nachvollziehen konnte, von wem die Aussagen kommen. Von Richard?


    Von Richard hört man in dem Kapitel nichts, an ihn werden die Fragen/Aussagen gerichtet -und ich denke, es ist die Behörde/Stasi.
    Richard wird da ja auch ein wenig unter Druck gesetzt:
    er soll an die berufliche Zukunft seiner Kinder denken.(S. 258: "Aber ein solches Studium kostet Geld....")

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    Virginia Woolf

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  • Du hast wahrscheinlich Recht, Conor. Ich habe gerade selbst noch einmal in das Kapitel reingeschaut und die Aussagen sind wohl wirklich an Richard gerichtet - ich war nur irritiert, da es ja ein "Dialog" ist und ich nicht entscheiden konnte beim Lesen, ob einer spricht, oder mehrere.

  • Das ist ja das Schöne an einer Leserunde - man kann sich gegenseitig helfen :knuddel1

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  • Wiederaufnahme der Leserunde ab 3.Januar 2013


    Ich bin am Überlegen, ob ich das Buch weiter lese :gruebel
    Ich werde hier beim Lesen an so Vieles erinnert, und das geht mir ganz schön nahe. Hätte ich so nicht gedacht. Mal schauen...


    Ich greife mal Richard und Regines "Besuch" in der Kohleinsel heraus. Man fühlt sich unweigerlich an Kafka erinnert oder auch an das "Haus, das Verrückte macht" bei Asterix. Lustig ist das aber gar nicht, und da kommen so einige Erinnerungen von Wohnungssuche und Kohle bestellen bei mir hoch...
    Schlimm!


    In Kapitel 20 "Dialog über Kinder" ist sie dann da; lange hatte ich ihr Auftauchen schon erwartet: Die Stasi. Richard scheint eine Erklärung als inoffizieller Mitarbeiter unterschrieben zu haben während seines Studiums, wie so viele Andere. Um Studenten, in die der Staat ja Geld steckte und die irgendwann in entsprechenden Positionen sein würden, ist die Stasi ja auch rumgekrochen wie die Katze um den heißen Brei. Viele haben unterschrieben, manche aus Angst, manche des eigenen Vorteils und der Überzeugung wegen. Und diese sind dann um ihre Mitstudenten herum geschlichen und haben sie unauffällig ausgehorcht...

  • Bürokratie und Gängelei gab es auch im Westen. Auch dort konnte man von Behörden schikaniert werden.


    Aber warum durfte Meno denn mit evangelischer Ausrichtung Lektor, aber nicht Zoologe werden? Umgekehrt könnte ich das eher nachvollziehen.


    Das Kapitel mit der Stasi fand ich beeindruckend. Viele andere Kapitel dafür leider eher langweilig.

  • Zitat

    Original von xexos
    ...
    Aber warum durfte Meno denn mit evangelischer Ausrichtung Lektor, aber nicht Zoologe werden? Umgekehrt könnte ich das eher nachvollziehen.
    ...


    Meno durfte nicht promovieren, weil er nicht perfekt auf der Linie lag. So einfach war das. Auf naturwissenschaftlichem Gebiet brauchte man ohne Dr. gar nicht erst auf eine interessante Stelle zu hoffen, und welcher Zoologe will schon im Büro versauern...Sein Studium hat er abgeschlossen, also auch das Diplom gemacht, aber dann war Schluss der Leiter. Das mit dem Lektor war, wenn ich es richtig gelesen habe, Vitamin B. Sein Professor hat ihn an einen kleinen Wissenschaftlichen Verlag vermittelt, bis dann irgendwann jemand auf ihn aufmerksam wurde.

  • Danke für die Klarstellung, Clare. :wave


    Ich hätte halt nur gedacht, dass es aufgrund seiner fehlenden richtigen politischen Einstellung eher für unverfängliche Naturwissenschaften geeignet gewesen wäre. Das mit der Promotion hatte ich so nicht bedacht.