Und über uns die Wolken - Karen Harter

  • Millard hat sich blindwütig durchs Leben gegraben und diesen Maulwurfshügel hinterlassen, um nicht in Vergessenheit zu geraten. (Seite 84)


    352 Seiten, gebunden
    Originaltitel: Autumn Blue
    Aus dem Amerikanischen von Beate Zobel
    Verlag: Gerth Medien GmbH, Aßlar 2009
    ISBN-10: 3-86591-399-7
    ISBN-13: 978-3-86591-399-9



    Kurzinhalt (Quelle: Buchrückentext, eigene Ergänzung)


    Die alleinerziehende Celine fällt aus allen Wolken, als ihr 15-jähriger Sohn Tim sich wegen Ladendiebstahls vor Gericht verantworten muß. Tims einzige Möglichkeit, einer Haftstrafe zu entgehen, ist eine Bewährungsfrist unter strengen Auflagen. Celine ist überglücklich, als ihr Nachbar Willard anbietet, ihren auf die schiefe Bahn geratenen Sohn zu hüten, während sie auf der Arbeit ist. Diese Aufgabe reißt den Rentner aus seinem gemütlichen Ruhestand. Die soziale Arbeit, zu der Tim verurteilt wurde, muß er unter Anleitung des Polizisten Alex Estrada verrichten. Demjenigen, welcher ihn verhaftet hatte und der ihn anscheinend überhaupt nicht ausstehen kann. Doch gerade, als die Notgemeinschaft zu einer Art Ersatzfamilie zusammenwächst, steht Tims Vater vor der Tür. Der Mann, vor dem Celine sich endlich sicher geglaubt hatte.



    Über die Autorin


    Karen Harter war Schriftstellerin und leidenschaftliche Anglerin. Aufgewachsen ist sie an den Flüssen im Nordwesten der USA. An ihrem Romandebüt „Der Fluss, der mich trägt“ schrieb sie acht Jahre lang. Leider war es ihr nur vergönnt, insgesamt zwei Bücher zu vollenden. Sie starb am 20. August 2008 an Krebs; sie hinterläßt einen Ehemann und drei erwachsene Söhne.



    - < Klick > - Kurzbiographie sowie Interview mit der Autorin zu diesem Buch aus dem Jahre 2007 (in englischer Sprache)
    - < Klick > - hier ein Interview mit ihr auf der Homepage von Cindy Woodsmall zur RITA-Nominierung von „Und über uns die Wolken“
    - < Klick > - ein (christlicher) Beitrag zu ihrem Tod



    Meine Meinung


    „Schmerzhafter Realismus“ - „Mut, neu anzufangen“. Diese Begriffe tauchen in einer Rezension von „Publishers Weekly“ auf. Genau das ist es, was die Autorin in diesem Buch auf beeindruckende Weise vereint.


    Doch ehe ich weiter auf das Buch eingehe, will ich noch erwähnen, daß auch hier die Übersetzung gut gelungen ist. Ich hatte zu keiner Zeit das Gefühl, eine Übersetzung zu lesen oder gar das Bedürfnis, aufs Original umzusteigen. Kompliment.


    Zu Beginn lernen wir Celine und ihre drei Kinder kennen. Sie wohnen alleine in einem Wohncontainer auf einem etwas verwahrlosten Grundstück, weil neben Arbeiten und Kinderversorgen keine Zeit mehr ist, auch noch einen Garten zu pflegen oder die defekte Regenrinne zu reparieren. Tim ist jedoch nicht da; er ist von zuhause weggelaufen. Sein mißglückter Versuch eines Ladendiebstahls wird die Ereignisse der nächsten dreihundertfünfzig Seiten in Gang setzen. In diese wird auch der gegenüber wohnende Nachbar Millard Bradbury hineingezogen. Der 73-jährige Rentner lebt ein eintöniges Leben, von seiner erwachsenen Tochter Rita lustlos versorgt, die immer in Angst ist, etwas vom Erbe verlieren zu können. Seine größte Sorge ist der Maulwurf, der eines morgens seinen gepflegten Rasen verunstaltet hat. Das bedeutet Krieg. Millard wird sich bald wünschen, daß das seine einzige Sorge wäre.


    Tim wird gefaßt und unter harten Bewährungsauflagen aus dem Gefängnis entlassen. Für fünfzehn Wochen steht er unter strengem Hausarrest und muß ständig unter Aufsicht eines Erwachsenen sein. Millard, der bei der Gerichtsverhandlung anwesend ist, bietet in einem Anfall von Mitleid an, tagsüber auf Tim aufzupassen. So kommen denn die Ereignisse in Gang, an deren Ende kaum noch etwas so sein wird wie zu Beginn.


    Karen Harter legt schonungslos den Finger in die offenen Wunden der zerbrochenen Familien unserer Zeit. Ob das die von Celine ist, deren krimineller Ex-Ehemann keinen Unterhalt zahlt, so daß sie sehen muß, wie sie mit den Kindern über die Runden kommt, ob das Millard ist, dessen Frau vor einem Jahr starb und dessen Tochter Rita vor allem auf das Erbe wartet, oder ob das Alex mit seinen tiefen Wunden ist, die im Laufe des Buches zutage treten. Jeder hat seinen Packen zu tragen und muß sehen, wie er damit zurecht kommt.


    In wirklich bisweilen schmerzhaftem Realismus treffen die Lebensläufe der Protagonisten aufeinander; zu Beginn weiß keiner (auch wir Leser nicht), was die einzelnen so verletzt und verändert hat. Erst langsam kommen die Ereignisse zutage, werden Denk- und Handlungsweisen verständlich. Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, daß es sich hier um einen christlich geprägten Roman handelt, also der Glaube an Gott bei der einen oder anderen Person eine Rolle spielt. „Not lehrt Beten“, heißt es im Sprichwort. So auch hier im Buch. Was mir etwas gefehlt hat, war eine Hinführung dazu. Mehr im Nebensatz erfahren wir, daß Celine aus einem religiös geprägten Elternhaus kommt, selbst aber irgendwann die Verbindung zu Gott verloren hat. Jetzt, in der Not, fällt ihr wieder ein zu beten. Da hätte ich mir ein paar mehr Sätze im Vorfeld gewünscht, die diese Entwicklung vorbereiten. Allerdings, um das klar auszudrücken, gestört hat es mich nicht. Im Gegenteil, wenn ich einen Roman aus diesem Verlag lese, weiß ich, daß Religion ein Thema ist. Drum lese ich das Buch ja. :-)


    Dabei hat Karen Harter eine Art zu schreiben, die aus etwas ganz banalem, alltäglichen, etwas Besonderes macht. Etwa die Stelle, als Millard erstmals auf Maulwurfjagd geht. Ich habe ihn förmlich vor mir gesehen, wie er sich an den vermeintlichen Feind anpirschte. Oder wenn Millard darüber sinniert, wie es zu der Entfremdung zwischen ihm und seiner Tochter gekommen ist. Eine nur zu „normale“ Entwicklung in unserer Zeit.


    Letztlich sind es sind die vielen kleinen Dinge, die das Leben ausmachen und sich zu dem „Lebensfluß“ zusammenfügen. So entwickeln sich auch hier die Dinge ganz natürlich und zwangsläufig, vor allem, wenn erst mal die Fassaden zu bröckeln beginnen und man den einen oder anderen Blick dahinter erhaschen kann.


    Richtig dramatisch wird es, als Don, Celines Ex-Ehemann, auftaucht und die Handlung im Zusammentreffen aller kulminiert, fast möchte ich schreiben explodiert.


    Danach liegt dann so manches (im wörtlichen wie übertragenen) Sinne in Trümmern und es bietet sich die Chance für einen Neuanfang.


    Als ich das Buch ausgelesen hatte,habe ich das Buch innerlich ruhig und zufrieden geschlossen. In dem Bewußtsein, daß Karen Harter auch in diesem ihrem zweiten und letzten Buch Charaktere geschaffen hat, an die ich mich noch lange erinnern und an denen ich mir vielleicht selbst in manchen Situationen ein Beispiel nehmen werde. Damit nicht auf meinem Grabstein der Spruch stehen muß, der Millard einmal für den seinen (s. o.) eingefallen ist.



    Kurzfassung:


    Eine beeindruckende Geschichte, die Mut machen und Hoffnung geben kann.
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    Unter den Büchern finden wir wieder, was uns in der Fremde entschwand, Frieden im Innern und Frieden mit unserer Umgebung.
    (Gustav Freytag, 1816 - 1895, aus "Die verlorene Handschrift")

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  • Autumn Blue - Karen Harter


    Hier die amerikanische Originalausgabe als TB; es gibt auch noch eine Großdruck-HC Ausgabe.
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    Unter den Büchern finden wir wieder, was uns in der Fremde entschwand, Frieden im Innern und Frieden mit unserer Umgebung.
    (Gustav Freytag, 1816 - 1895, aus "Die verlorene Handschrift")

  • Und über uns die Wolken – Karen Harter


    Meine Meinung:
    Nach ihrem überaus ambitionierten Erstling „Der Fluss, der uns trägt“ hatte Karen Harter ihr zweites Buch etwas kleiner konzipiert, weniger Dramatik, aber mit vergleichbaren Themen und in der Summe runder.
    Im Mittelpunkt steht wieder eine Frau in einer Lebenskrise. Sie ist allein erziehende Mutter von 3 Kindern und hat jetzt Probleme mit ihrem rebellischen 15jährigen Sohn Tim, der mit dem Gesetz in Konflikt geraten ist. Er muss für einen Ladendiebstahl Sozialdienst leisten und darf ansonsten für 15 Monate das Haus nicht verlassen. Für sie als allein erziehende und berufstätige Frau ist es schwierig, das zu gewährleisten. Zum Glück hilft ihr der Nachbar Millard, ein älterer Mann und ehemaliger Lehrer. Er betreut den Jungen und versteht dessen Verbundenheit mit der Natur. Auch ein Polizist engagiert sich.
    Es ist also wieder ein Zusammenspiel zwischen mehreren Menschen. Karen Harter betrachtet intensiv ihre Beziehungen zueinander. Ihre Helden des Alltags haben Entscheidungen zu treffen, die ihr weiteres Leben beeinflussen wird.


    Die Haupt-Protagonisten sind sehr sympathisch gestaltet. Besonders Celine ist sehr lebhaft geraten und mit vielen Facetten ausgestattet.
    Dazu gehört unter anderen auch Celines Überlegung, ob sie mit dem befreundeten Schlachter Charly eine Zweckehe eingehen soll, damit ihre Kinder ein männliches Vorbild in der Familie haben. Celine liebt Charly nicht, obwohl er ein guter Freund ist. Für ihren Ex-Mann Don hatte sie früher starke Gefühle, doch jetzt empfindet sie ihn nur noch als Bedrohung und Störung des Familienfriedens. Dann gibt es noch den Polizisten Alex, der Celines Gefühlswelt durcheinander bringt. Anfangs lehnte sie ihn ab, war er es doch, der Tim kompromisslos verfolgt hat, aber er ist es auch, der sich jetzt bei Tims Sozialdienst um ihn kümmert.


    Dieses menschliche Verhalten vieler der im diesem Roman agierenden Figuren ist etwas besonderes in einer sonst oft egoistischen Gesellschaft. Und obwohl sie durchaus ihre Fehler und Schwächen haben (vielleicht gerade deswegen) werden sie zu interessanten Personen.


    Es gibt einige Nebenfiguren, die zum Teil etwas klischeehaft wirken. Zum Beispiel mit Rita, die Tochter von Millard, die ihrem alten Vater nichts mehr zutraut. Oder Celines Ex-Mann Don, ein Taugenichts.
    Dieser Eindruck des Stereotypen entsteht aber aus der konsequenten Einhaltung der Perspektive. Ritas oder Dons schlechte Eigenschaften bzw. unsympathisches Verhalten ist die konzentrierte Wirkung, die sie auf ihr Gegenüber haben. Das ist von Karen Harter geschickt angelegt. Diese Nebenfiguren dienen mehr dem Verlauf der Geschichte und entscheidend ist dann der seelische Zustand der Hauptfiguren. Sie stehen in ihren jeweiligen Situationen am Scheideweg und es ist spannend, zu verfolgen, wie sie sich entscheiden werden.


    Karen Harter besaß einen fließenden Schreibstil, den sie so gut einzusetzen wusste, dass der Leser jederzeit gefesselt bleibt.

  • Schön, daß es Dir gefallen hat, Herr Palomar. :-)



    Ich habe genau dieses Buch übrigens dieser Tage nach etwas Nachdenken bei anderer Gelegenheit in einer Umfrage als das erklärt, was mich im vergangenen Jahr 2009 am meisten beeindruckt hat.

    Unter den Büchern finden wir wieder, was uns in der Fremde entschwand, Frieden im Innern und Frieden mit unserer Umgebung.
    (Gustav Freytag, 1816 - 1895, aus "Die verlorene Handschrift")

  • Ich kann mich euren beiden Rezensionen eigentlich nur noch anschließen. :-)


    "Und über uns die Wolken" ist ein sehr kraftvoller Roman, der mich von Beginn an gefesselt und kaum noch losgelassen hat. Karen Harter gelingt es die Charaktere sehr detailliert zu zeichnen und ich konnte mich in beinahe alle hineinversetzen. Natürlich sind manche der Charaktere und auch einige Wendungen in der Geschichte etwas vorhersagbar und klischeehaft - das hat aber meinem Lesevergnügen keinen Abbruch getan.


    Karen Harter ist ein toller Familienroman gelungen, der an vielen Stellen lustig war, aber auch sehr berührend und in der Tat Mut machend. Ich werde sicherlich noch lange über einiges nachdenken.

  • Tja, ich sehe schon - bleibt mir wohl nichts anderes übrig als dieses Buch von Karen Harter auch zu lesen. :wave

    Herzlichst, FrauWilli
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    Ich habe mich entschieden glücklich zu sein, das ist besser für die Gesundheit. - Voltaire

  • Ich habe "Und über uns die Wolken" gerade gelesen.


    Ich war gleich in der Geschichte drin und konnte mich sehr gut mit Celine identifizieren. Die Probleme die sie mit Tim hatte gingen mir richtig zu Herzen und ich hatte Angst um ihn. Besonders hat mir auch Millard gefallen, wie er sich von der Familie erst widerwillig vereinnahmen ließ und dann dazu gehört und wieder auflebt.


    Karen Harter hat die Charaktere so lebensecht beschrieben.
    Schade das es ihr letztes Buch ist.