'Die Pest' - Kapitel 3

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  • 3. Spätsommer Pest erreicht ihren Höhepunkt


    Gleich zu Anfang fällt mir der Erzähler auf, der von sich in diesem Kapitel mehrfach in der dritten Person spricht und sich damit irgendwie nicht nur von der Situation als auch von sich selbst distanziert.


    Es sterben weiterhin jeden Tag viele Einwohner der Stadt. Schonungslos wird uns über die Lebens-und Todesumstände berichtet. Grausige Schilderungen von Beerdigungen - die Pietät weicht dem Praktischen.
    Es ist eine gewisse Gleichgültigkeit eingekehrt, das Leben geht weiter, wenn auch anders.
    Hier mal ein Zitat:


    "Die großen Schicksalsschläge sind schon ihrer Dauer wegen eintönig."


    Gab es im ersten Abschnitt der Pest noch erhabenen Augenblicke, an die sich kaum einer mehr erinnern kann, so haben die Menschen jetzt ihr Gedächtnis verloren und damit auch das Gefühl von Verlust und Ohnmacht. Sicher, das ist auch eine Art Selbstschutz, aber deshalb nicht weniger erschreckend.
    Wie sagt Rieux an einer Stelle:
    "Die Gewöhnung an die Verzweiflung ist schlimmer als die Verzweiflung selbst."

    - Freiheit, die den Himmel streift -

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  • Diesen Abschnitt fand ich etwas mühsam zu lesen. Zum Glück war er nicht sehr lang.


    Camus kommt immer wieder auf die Trennung der Bewohner Orans zu ihren Liebsten und wie sie unter der Situation leiden zu sprechen. Aber mal ehrlich, wieviele Menschen sind denn gerade zufällig zum Zeitpunkt der Stadtsperrung von ihrer Familie getrennt ? So viele können das eigentlich nicht sein. Im Vergleich dazu werden die Ängste, die die Menschen ausstehen müssen, krank zu werden, relativ wenig beschrieben.


    Die Beerdigungspraktiken fand ich auch sehr grausam. Wenn man aber bedenkt, um wieviel Tote es sich mittlerweile handeln muß, irgendwie verständlich.


    Über die Bewohner scheint sich eine bleiernde Müdigkeit gelegt zu haben. Sie warten nur noch darauf, daß es endlich vorbei ist ..... so oder so.

  • Am Ende dieses Abschnitt folgt in meiner rororo-Ausgabe eine Werbung. Für Pfandbriefe !!!


    So was habe ich schon lange nicht mehr gesehen.


    Rowohlt rechtfertigt diese Werbung mit Worten von Gottfried Benn, der 1950 Zigarettenwerbung in Romanen als modern lobte. Lachhaft!

  • Zitat

    Original von Herr Palomar
    Am Ende dieses Abschnitt folgt in meiner rororo-Ausgabe eine Werbung. Für Pfandbriefe !!!


    So was habe ich schon lange nicht mehr gesehen.


    Rowohlt rechtfertigt diese Werbung mit Worten von Gottfried Benn, der 1950 Zigarettenwerbung in Romanen als modern lobte. Lachhaft!


    Meine Ausgabe ist von 1958, Verlag Volk und Welt. Keine Werbung!
    Dafür steht im Buch "Der Vertrieb in Westdeutschland und Westberlin ist nicht gestattet."
    Auch nicht viel besser...

  • Zitat

    Original von -Christine-
    ...
    Camus kommt immer wieder auf die Trennung der Bewohner Orans zu ihren Liebsten und wie sie unter der Situation leiden zu sprechen. Aber mal ehrlich, wieviele Menschen sind denn gerade zufällig zum Zeitpunkt der Stadtsperrung von ihrer Familie getrennt ? So viele können das eigentlich nicht sein. Im Vergleich dazu werden die Ängste, die die Menschen ausstehen müssen, krank zu werden, relativ wenig beschrieben.
    ...


    Ist es nicht so, dass Camus von seiner Frau getrennt war im Krieg? Dann kommt er wohl deshalb immer wieder darauf zurück.

  • Ja und ich habe langsam das Gefühl, daß ihn die Trennung von seiner Frau schwerer belastet hat als die Gefahr im Krieg zu sterben. Die Ängste der Bewohner an der Pest zu erkranken und daran zu sterben werden zumindest nicht so ausführlich beschrieben wie die Gedankengänge über ihre Familien.

  • Zitat

    Original von -Christine-
    Ja und ich habe langsam das Gefühl, daß ihn die Trennung von seiner Frau schwerer belastet hat als die Gefahr im Krieg zu sterben. Die Ängste der Bewohner an der Pest zu erkranken und daran zu sterben werden zumindest nicht so ausführlich beschrieben wie die Gedankengänge über ihre Familien.


    Die philosophischen Betrachtungen stehen im Vordergrund, und die wirklichen Dialoge, die Beziehungen konkreter Personen, treten oft in den Hintergrund. Auf jeden Fall ist es kein Üblicher Roman.

  • Die Menschen erkennen, dass an Orten wo sich viele Menschen versammeln die Pest verstärkt auftritt, dennoch versuchen sie das Thema nicht näher als nötig an sich ranzulassen.


    Häuser werden geplündert und Ausgehverbote verhängt, schrecklich. Handelt es sich wirklich um die Pest oder um ein anderes Problem. Ja, der Autor will seine Kriegserfahrungen verarbeiten. Mir als Leser erscheint deshalb die Krankheit Pest auch immer nur schemenhaft, vielmehr habe ich den Umgang mit den Juden vor Augen.


    Als z.B. die Straßenbahn entfremdet wird und als Leichenwagen fungiert, erinnert mich das an Deportation, …


    Man erkennt, dass man die Menge an Verstorbenen kaum noch unterbringen kann und schafft jetzt Massengräber.


    Auch wenn ich mich nicht so richtig für das Buch begeistern kann, so finde ich zwischendurch immer wieder Sätze, die mir unter die Haut gehen, z.B. „Die Pest hatte alle der Fähigkeit zur Liebe und sogar zur Freundschaft beraubt. Denn die Liebe verlangt ein wenig Zukunft, und für uns gab es nichts mehr als Augenblicke.“

  • Zitat

    Original von Patricia_k34
    Auch wenn ich mich nicht so richtig für das Buch begeistern kann, so finde ich zwischendurch immer wieder Sätze, die mir unter die Haut gehen,...


    Genauso ging es mir auch! Man könnte wohl auf fast jeder Seite erwähnenswerte Sätze finden, die entweder inhaltlich oder gerade auch stilistisch viel bieten.
    z.B. der Text Anfang dieses Teils erweckt ungewöhnliche Bilder:

    Zitat

    Vom bewegten und immer unsichtbaren Meer stieg ein Geruch von Algen und Salz auf. Die verlassene, staubgebleichte Stadt, durchdrungen von Meeresgerüchen, erfüllt vom Heulen des Windes, stöhnte dann wie eine unselige Insel.

  • In meinen Notizen, die ich mir beim Lesen gemacht habe, stehen auch reichlich Sätze, die ich mir für die Leserunde wörtlich notiert habe. Mich hat es auch immer überrascht, wenn mitten in den doch recht nüchtern zu lesenden, philosophischen Betrachtungen ein solcher Satz kam, lebendig, bildhaft und auch weise.

  • Zitat

    Original von Clare:
    Es sterben weiterhin jeden Tag viele Einwohner der Stadt. Schonungslos wird uns über die Lebens-und Todesumstände berichtet. Grausige Schilderungen von Beerdigungen - die Pietät weicht dem Praktischen.
    Es ist eine gewisse Gleichgültigkeit eingekehrt, das Leben geht weiter, wenn auch anders.


    Eigentlich erschreckend wie schnell die Menschen gleichgültig werden und sich an das Schreckliche gewöhnen.

  • Zitat

    Original von Vivian


    Eigentlich erschreckend wie schnell die Menschen gleichgültig werden und sich an das Schreckliche gewöhnen.


    Ich glaube, dass liegt in der Natur des Menschen, so sehr wir das vielleicht auch bestreiten möchten: Wenn es wirklich hart wird, fallen die Grundsätze des Einzelnen, und jeder ist nur noch sich selbst der Nächste. Den meisten der Einwohner wurde alles gleichgültig, außer das eigene Überleben.


    Mich hätte auch interessiert, wer all die Krankenschwestern und Pfleger waren, die in den Kliniken und Peststationen arbeiteten. Waren sie vorher schon da oder waren es Freiwillige? Von ihnen erfährt man leider nichts.

  • Stimmt, das wird in der Tat nie erwähnt. Es war nur einmal die Rede von freiwilligen Krankentransportfahrern und denenigen, die die Beerdigungen vorgenommen haben. Aber hier gar es ja sogar eine Freiwilligenliste, da verständlicherweise die Sterberate sehr hoch war. Diese müßte aber bei den Pflegern und den Krankenschwestern genauso hoch sein. :gruebel

  • Zitat

    Original von -Christine-
    Stimmt, das wird in der Tat nie erwähnt. Es war nur einmal die Rede von freiwilligen Krankentransportfahrern und denenigen, die die Beerdigungen vorgenommen haben. Aber hier gar es ja sogar eine Freiwilligenliste, da verständlicherweise die Sterberate sehr hoch war. Diese müßte aber bei den Pflegern und den Krankenschwestern genauso hoch sein. :gruebel


    Auch dort muss die Sterberate ja hoch gewesen sein...wie gesagt, mir fehlte dieser Aspekt ein wenig :gruebel

  • 3. Kapitel:
    Das dritte Kapitel ist mit 17 Seiten erfreulich kurz.
    Es geht eigentlich nur um die Beerdigungen, wie sie im Laufe der Zeit und mit Ansteigen der Zahl der Toten sich verändert.

    Wenn mein Kopf auf ein Buch trifft, klingt es hohl. Das muß nicht immer am Buch liegen...
    (Georg Christoph Lichtenberg)

  • Zitat

    Original von -Christine-
    Camus kommt immer wieder auf die Trennung der Bewohner Orans zu ihren Liebsten und wie sie unter der Situation leiden zu sprechen. Aber mal ehrlich, wieviele Menschen sind denn gerade zufällig zum Zeitpunkt der Stadtsperrung von ihrer Familie getrennt ? So viele können das eigentlich nicht sein.


    Ich weiß zwar nicht wie es zur Zeit der Handlung aussah, aber nimmt man heutige Verhältnisse als Anhaltspunkt, so ist doch allein die Menge an Pendlern schon beachtlich, und Oran hat doch auch immerhin um die 200.000 Einwohner. Hinzu kommen dann noch Touristen (man erinnere sich an die Lage am Meer, die malerischeren Berge), oder Leute die auf Durchreise waren usw. Und Camus bezieht sich auch nicht ausschließlich auf Geliebte, die voneinander getrennt sind, zumindest würde mir in so einer Exilsituation auch die Trennung von Familie, Verwandten, Bekannten und Freunden zusetzen. Und so kommt dann insgesamt schon einiges zusammen.


    Ansonsten treten spätestens im 3. Abschnitt die Parallelen zum zweiten Weltkrieg deutlich zutage. Das ist dann mehr von philosophischer Seite aus interessant, da Camus weiterhin an seiner distanzierten Erzählposition festhält und nur an wenigen Stellen an das Leben der Figuren herantritt, und aufzeigt, wie diese mit der Situation zurechtkommen. Er schreibt oft, wie Person X gerade empfindet, aber er zeigt es nur selten anhand bestimmter Szenen. Insgesamt zu wenig persönliche Eindrücke, um mich als Leser völlig zu vereinnahmen und vollständig in die Geschichte eintauchen zu lassen. Es bleibt immer Distanz, aber das ist angesichts des Themas vielleicht auch ganz gut so.


    Zitat

    Original von Vivian
    Eigentlich erschreckend wie schnell die Menschen gleichgültig werden und sich an das Schreckliche gewöhnen.


    Interessanterweise tritt diese Gewöhnung zusammen mit den Abnutzungserscheinungen allmählich auch bei mir als Leser ein. Seite um Seite schildert Camus Auswirkungen der Pest, und mich bedrückt das inwzischen längst nicht mehr so wie noch anfangs.

    Was sich überhaupt sagen lässt, lässt sich klar sagen; und wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.
    - Wittgenstein -

  • Zitat

    Original von Voland
    ...
    Ansonsten treten spätestens im 3. Abschnitt die Parallelen zum zweiten Weltkrieg deutlich zutage. Das ist dann mehr von philosophischer Seite aus interessant, da Camus weiterhin an seiner distanzierten Erzählposition festhält und nur an wenigen Stellen an das Leben der Figuren herantritt, und aufzeigt, wie diese mit der Situation zurechtkommen. Er schreibt oft, wie Person X gerade empfindet, aber er zeigt es nur selten anhand bestimmter Szenen. Insgesamt zu wenig persönliche Eindrücke, um mich als Leser völlig zu vereinnahmen und vollständig in die Geschichte eintauchen zu lassen. Es bleibt immer Distanz, aber das ist angesichts des Themas vielleicht auch ganz gut so.
    ...


    Interessanterweise tritt diese Gewöhnung zusammen mit den Abnutzungserscheinungen allmählich auch bei mir als Leser ein. Seite um Seite schildert Camus Auswirkungen der Pest, und mich bedrückt das inwzischen längst nicht mehr so wie noch anfangs.


    So wie ich es verstehe, soll uns als Lesern die distanzierte Erzählweise in ihrer Nüchternheit bewusst auf Abstand zum Geschehen halten, so als stände man hinter einem Zaun und beobachte, wie in der Arena schreckliche Dinge passieren, aber er erreicht, zumindest bei mir, nicht nur Distanz, sondern ein Abstumpfen und leichtes Desinteresse, wenn immer wieder das Leid und die Trennung und der Tod beschrieben werden. Vielleicht ist es aber auch genau das, was er erreichen wollte: Es ist furchtbar, wenn andere leiden müssen, aber irgendwann verlieren die Außenstehenden das Interesse und die bedrückenden Bilder büßen ihre Kraft ein. Wenn er uns das so zeigen wollte, dann hat er das genial gemacht und erreicht :anbet