ZDF streicht Sendung "Die Vorleser"

  • Ich war auch kein großer Fan von "Die Vorleser", allerdings finde ich es mehr als bedauerlich, dass in einem Jahr sage und schreibe drei Literatursendungen abgesetzt wurden!
    Davon habe ich zumindest zwei sehr gerne gesehen (Westermann und von der Lippe) und konnte dort ein paar tolle Tipps finden - z.B. Atlas der abgelegenen Inseln, McCarthy's Bar und Erbarmen.
    Ich denke bei den Vorlesern hat das Konzept einfach nicht gestimmt. Die Moderatoren waren offensichtlich bemüht lockerer zu werden (was Amelie Fried u.a. auch bei der Frageaktion von lovelybooks gesagt hat), doch letztlich war die Vortragsart für meinen Geschmack einfach zu gestelzt.
    Außerdem spielt die Sendezeit in meinen Augen nach wie vor eine große Rolle, doch wenn man sich die Literatursendungen mal anschaut - Fröhlich lesen, Druckfrisch, LeseZeichen, Literatur im Foyer... sie alle werden erst nach 23 Uhr ausgestrahlt, teilweise auch unter der Woche. Kein Wunder, dass die Quoten dann nicht stimmen...

  • Zitat

    Original von uert
    Ich mochte die Moderatoren nicht und habe die Sendung deswegen nicht geschaut. Und offensichtlich war ich damit nicht alleine. Schade, dass man nicht Konzept/Präsentatoren/Sendeplatz ändert, sondern einfach streicht :rolleyes


    :write


    "Druckfrisch" mit Dennis Scheck sehe ich sehr gern, die Präsentation ist gut und Dennis Scheck begeistert sich für Bücher und er kann auch schön bissig sein. Die ARD sollte ihm mehr Sendezeit/Sendetermine geben. Das ZDF soll das nicht abkupfern, aber etwas innovativer als bisher darf es beim nächsten Versuch schon sein.



    .

  • Davon habe ich mittlerweile auch gehört und gelesen. Die zweite traurige Nachricht zum Thema Literatur, nachdem die tolle Sendung mit Jürgen von der Lippe abgesetzt wurde.


    Ich selbst empfand ebenfalls die Autoren als regelrechte Qutensenker und bedauer nur, das es eine Literatursendung weniger auf dem Markt gibt.


    Es gibt wohl viele die gerne eine solche Sendung schauen würden, leider fehlt ein gutes Konzept und eine annehmbare Sendezeit. TTT und Dieter Moor, Scheck, sowie ab und an ein paar Sendungen in den Dritten, können da nur trösten, aber besser als nix.


    Bleibt wohl nur das Web, gute Bücherjournale und Tipps von Freunden um sich in Zukunft ein gutes Buch empfehlen zu lassen.

  • Zitat

    Original von JanvonderBank
    Das ist nicht das einzige gute Stück Bildungsfernsehen, das demnächst beim ZDF aus dem Programm fliegt. Den Damen und Herren in Mainz steht das Wasser momentan bis zum Bauchnabel, quotenmäßig... Wenn man mit einigen der Senderverantwortlichen spricht (so wie ich mit einer mir befreundeten Küstenwach-Redakteurin...), dann ist auf dem Lerchenberg gerade nicht nur Jahres-End-Stimmung sondern regelrecht End-Zeit-Stimmung.
    Dummerweise wird bei der Quotendiskussion vermehrt auf RTL geglotzt, die ja mal wieder an Nr. 1 stehen. Und das verheißt wenig Gutes für's kommende Programmschema.


    Sagt: Der Drehbuchautor


    Hallo Drehbuchautor Jan, wenn Du die Senderverantwortlichen persönlich kennst, kannst Du uns vielleicht mal erklären, WARUM die Öffentlich-Rechtlichen überhaupt auf die Quote schauen? Das würde mich wirklich interessieren. :gruebel Ich versteh' es nämlich nicht.


    Und vielleicht kannst Du mal den Geheimtipp von David Simon weitergeben:


    Zur Hölle mit den Quoten!




    Qualitativ gutes Fernsehen, das das Schema "sicherer massenkompatibler Durchschnitt" verlässt, kann unter Umständen solche Folgen haben:


    Why We're Teaching 'The Wire' at Harvard


    Und "The Wire" ist eine verdammt unterhaltsame Serie.


    David Simon hat außerdem im September dieses Jahres einen Preis der MacArthur Foundation erhalten. Das ist ein Geschenk von 500.000 $ ohne jegliche Verpflichtung, die es aber den Preisträgern ermöglicht, weiterhin in ihrem jeweiligen Bereich kreativ zu arbeiten.


    Zitat

    Simon had been awarded a MacArthur Fellowship, also known as a "genius grant," also known as a $500,000 jackpot with no strings attached. He's one of 23 fellows announced today by the John D. and Catherine T. MacArthur Foundation, which every year showers millions of dollars on a handful of creative and innovative people around the country, just so they can continue being creative and innovative without having to fret about funding or loans or paying their electric bills.


    Simon felt honored and grateful. Then came the guilt.
    "I confess to a feeling that I can only describe as a vague sense of shame," says Simon on the phone from New Orleans, where he's in story meetings for the second season of "Treme," a post-Katrina HBO drama. "It was exacerbated when I went online and looked at the people who'd gotten fellowships in the past. The majority of them are involved in endeavors which are very tangible -- efforts to combat poverty or economic disparities, or to improve the environment. And while I think storytelling is a meaningful way to spend your life . . . it does feel a little bit secondary or off-point. I definitely felt a little sheepish after looking at the list." This year's list of fellows includes three physicists, three denizens of Cambridge, a sculptor and a type designer, a jazz pianist and a violinist, an entomologist from Minnesota and an indigenous language preservationist from Mashpee, Mass. Simon is one of a few "geniuses" whose names may be recognizable to people outside their fields.


    Warum fehlt also der Mut, innovative Sendungen zu machen? Wenn "nur" 500.000 oder eine Million Leute gucken, dann ist die "Quote" schlecht. Also zählt die Meinung einer Million intelligenter Menschen, die intelligentes Fernsehen sehen wollen nicht? :gruebel


    .

  • Hallo Uta,
    ich kann Dir die Quotengeilheit leider auch nicht erklären. Das können die Quotengeilen selber übrigens noch weniger.
    Prinzipiell ist das "Warum ist das im deutschen Fernsehen so?" eine superspannende Frage - und Thema für ein dutzend Doktorarbeiten und Habilitationen.


    Der morgendliche Quotenticker ist in jedem deutschen Sender die Messung des Patientenpulsschlages... Stimmt die Quote, ist man gesund und kann wacker zu Werke gehen. Stimmt sie nicht, kränkelt der Sender.
    Es ist der einzige Gradmesser, nach dem in der viertgrößten deutschen (!) Branche beinah sämtliches Geld verteilt wird. Das aus den Gebüren, vor allem aber das aus der Werbung.
    Zu sagen: Die Öffentlichen haben doch unsere Gebühren, was brauchen sie mehr, ist zu einfach. Über die Hälfte davon geht z.B. für Sportsenderechte drauf. (Bundesliga, WM, Olympiade...)


    Ist alles keine Entschuldigung für schlechtes, oder dummes Fernsehen, aber der Konkurrenzdruck durch z.B. RTL ist enorm.
    Das liegt daran, das RTL im gleichen Markt nach Werbekunden fischt, aber ein ganz anderes Fernsehprogramm anbietet - nämlich eines, das ziemlich billig gemacht ist. (eingekaufte US-Serien kosten ein Bruchteil einer eigenproduzierten Serie, irgendwelche Soaps, Game- oder Reality-Shows sind ebenfalls produktionskostenmäßig eher Aldi oder McDoof als Feinkost Käfer.)


    Ich spare jetzt mal die allseits so beliebten Lobeshymnen für gekaufte US-Formate aus - der Vergleich hinkt, weil diese auf einem weltweit 30 x größeren Absatz hoffen können, als vergleichbare deutsche Produktionen und ergo ein zigfach höheres Budget haben.


    Also bleiben wir bei den deutschen Produktionen:
    Da kann ich aus meiner eigenen beruflichen Erfahrung nur sagen: es ist immer noch zehn mal besser für einen öffentlich rechtlichen Sender zu schreiben, als für einen privaten.
    Mein Beispiel: 2005 begann das ZDF nach einem neuen "konservativen" Freitag-Abend-Krimiformat zu suchen, dass mittelfristig die Nachfolge von "Der Alte" antreten konnte. Herausgekommen ist "Stolberg". (Ich habe die zweite Folge "Kreuzbube" geschrieben, war also noch sehr nah am Entwicklungsprozess...) Am Anfang waren weder der Look noch die Quote so, wie das ZDF sich das vorgestellt hatte. Aber es wurde eine zweite Staffel mit sechs Folgen in Auftrag gegeben. Inzwischen kommt es so hin wie sie es haben wollten. (Ob man es mag ist eine andere Frage ;.)
    Zur gleichen Zeit hat RTL bei sechs rennomierten Produktionsfirmen neue Serienformate in Auftrag gegeben (wobei das Wort trügt... Bezahlt haben zur Hälfte die Produzenten, die wegen der zu erwartenden Gewinne in Vorleistung, später dann telweise in Konkurs gegangen sind!). Trotz bekannter Schauspieler, guter Konzepte und ordentlicher Budgets ist von denen keine einzige über die Austrahlung des Piloten hinausgekommen. Der Grund: Die Quote (und damit die zu erwartenden Werbeeinnahmen) stand nicht in Relation zu den Kosten. Also Ex und hopp und die nächte US-Konserve aufgerissen! Das ist das Konzept der Privaten.


    Auf die Frage, warum das so ist, kann man nur lakonisch antworten: Jedes Land hat auch ein bisschen das Fernsehen, das es verdient!
    Solange Tausende zu den Big Brother Containern pilgern, aber nicht zum Studio von "Die Vorleser" wird das leider so bleiben.


    EDIT: Und deswegen ist es so schön, dass es gute Bücher gibt, mit denen man sich abends an den Kamin kuscheln und sein eigenes Kopfkino sehen kann. :-)

  • Zitat

    Original von JanvonderBank
    Das ist nicht das einzige gute Stück Bildungsfernsehen, das demnächst beim ZDF aus dem Programm fliegt. Den Damen und Herren in Mainz steht das Wasser momentan bis zum Bauchnabel, quotenmäßig... Wenn man mit einigen der Senderverantwortlichen spricht (so wie ich mit einer mir befreundeten Küstenwach-Redakteurin...), dann ist auf dem Lerchenberg gerade nicht nur Jahres-End-Stimmung sondern regelrecht End-Zeit-Stimmung.
    Dummerweise wird bei der Quotendiskussion vermehrt auf RTL geglotzt, die ja mal wieder an Nr. 1 stehen. Und das verheißt wenig Gutes für's kommende Programmschema.


    Sagt: Der Drehbuchautor


    Hier noch ein kleiner[URL=http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,736856,00.html] Nachklapp[/URL] zum Thema Quote:
    Buddenbrooks floppt, Bauer sucht Frau toppt!


    Traurig aber wahr!

  • Das ist Frust, das stimmt.


    Aber ich hab bisher weder das eine noch das andere gesehen.
    Die Buddenbrooks werde ich mir ansehen, aber erst auf DVD, da es ein Zweiteiler ist.
    Ich kenn den alten Film, den damaligen Vierteiler mit Volker Kraeft & Marion Kracht als ganz Lütte noch - da hab ich sogar teilweise mitgelesen im Buch und vergleichen, ob alles stimmt :lache


    Aber, wenn der Bauer so eine gute Quote hat...... :chen
    Lohnt das denn, da mal reinzusehen :schaem
    Ich dachte immer, daß ist so eine Fremdschämserie -

  • Zitat

    Original von JanvonderBank: Hier noch ein kleiner Nachklapp zum Thema Quote: Buddenbrooks floppt, Bauer sucht Frau toppt!


    Möglich ist allerdings auch, dass eine Vielzahl von Zuschauern
    a) Die Buddenbrooks bereits im Kino gesehen hat
    b) Die Buddenbrooks auf arte bereits am 20.12.2010 gesehen hat
    c) die DVD gekauft und den Film über dieses Medium gesehen hat


    Insofern halte ich die Quote für relativ :grin.
    Aber danke für die Erinnerung, bei mir liegt noch das Filmbuch ungelesen herum.


    Was "Die Vorleser" betrifft, gehöre ich wahrscheinlich nur bedingt zur Zielgruppe.
    Wer Tageszeitung liest, das Feuilleton der großen Zeitungen verfolgt und sich zudem bei der Büchereule aufhält, dürfte über den Buchmarkt ein wenig informiert sein.


    Trotzdem war ich auf die Sendung neugierig und Die Vorleser bekamen ihre Chance.
    Fried und Mangold harmonierten nicht im Ansatz; während Fried versuchte die Hausfrauenleserschaft zu begeistern, stellte der sprachbestimmte und selbstverliebte Mangold sich und nicht das Buch in den Mittelpunkt.
    Eigentlich schade, aber meines Erachtens sollten "Die Vorleser" nicht um der Sendung willen erhalten bleiben, vor allem nicht, wenn die Zuschauer unzufrieden sind. Ein Absetzen kann deshalb auch als Chance gesehen, dass die Programmverantwortlichen sich nunmehr grundsätzlich mit dem Konzept einer Buchsendung auseinandersetzen müssen, die Quoten- und inhaltlichen Ansprüchen genügen soll. Im besten Falle wird es einen Nachfolger geben; im schlimmsten Fall kommt man zu der Erkenntnis, dass es für die Mutter der Literatursendungen (Das literarische Quartett) keinen würdigen Nachfolger geben kann.

  • Zitat

    Original von Salonlöwin
    stellte der sprachbestimmte und selbstverliebte Mangold sich und nicht das Buch in den Mittelpunkt


    Aus reiner Neugier: Woran macht sich das fest?

    Was sich überhaupt sagen lässt, lässt sich klar sagen; und wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.
    - Wittgenstein -

  • Zitat

    Original von Voland: Zitat: Original von Salonlöwin stellte der sprachbestimmte und selbstverliebte Mangold sich und nicht das Buch in den Mittelpunkt Aus reiner Neugier: Woran macht sich das fest?


    Hallo Voland,


    vorweg, die ersten beiden Sendungen habe ich gesehen, später habe ich die Ausstrahlungen nur noch sporadisch verfolgt.
    An eine der ersten Buchbesprechungen erinnere ich mich jedoch sehr genau.
    Amelie Fried versuchte mit glühendem Eifer für einen Roman zu werben und Mangold unterbrach sie immer wieder, stellte seine intellektuellen Qualitäten und sein breites Literaturwissen heraus, verwies deutlich auf seinen Arbeitsbereich bei einer der großen deutschen Zeitungen und machte unmissverständlich klar, dass Frieds Empfehlung für die Tonne sei.
    In seinem gesamten Auftreten erinnerte mich Mangold an Roger Willemsen:
    hochgebildet, aber derart eitel und in der Summe unfähig, dem Zuschauer/Leser Leidenschaft für eine Sache zu vermitteln.
    Und um die Liebe zum Buch sollte es doch bei einer Literatursendung gehen, oder?

  • Ich fand die Sendung auch nicht brilliant, aber sie war ein wahrer Lichtpunkt im Dschungel des Fernseher-Trashes... schade darum, aber zum Glück gibt es ja noch Druckfrisch. Solange das nicht abgesetzt wird, gebe ich der Welt noch eine Chance. :-)

    "Von den vielen Welten, die der Mensch nicht von der Natur geschenkt bekam, sondern sich aus dem eigenen Geist erschaffen hat, ist die Welt der Bücher die größte." (Hermann Hesse)


  • An die besagte Folge kann ich mich nicht erinnern, davon abgesehen kann ich aber zumindest ansatzweise nachvollziehen, dass einem Mangolds Art zuwider sein kann. Habe Mangold in zwei, drei anderen Diskussionsrunden gesehen, in denen ich sein Auftreten weder als arrogant noch eitel empfand. Fraglich ist sicherlich die Kombination zwischen ihm und Fried, da gab es immerzu eine spürbare Diskrepanz, was für mich wiederum den Reiz dieses Duos ausmachte, und vom Sender so wohl auch gewollt war.


    Alles in allem haben beide Beteiligten profitiert: Fried, die näher am Leser ist und in ihrer Art einnehmender und hinsichtlich des vorgestellten Buches überzeugender; und Mangold, aus der Ecke des Feuilletons mit eher literaturwissenschaftlich orientierten Einblicken. Zusammen ergab das eine gute Mischung. Müssten die beiden auf sich gestellt alleine eine solche Sendung stemmen, würde das meiner Meinung nach weniger gut funktionieren.

    Was sich überhaupt sagen lässt, lässt sich klar sagen; und wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.
    - Wittgenstein -

  • Die Sendung wurde mir persönlich zu spät ausgestrahlt. Um diese Zeit bin ich nach einer anstrengenden Arbeitswoche nicht mehr aufnahmefähig... :rolleyes Daher hatte ich es nie geschafft mir mal eine Folge davon anzusehen. Deshalb wundern mich die niedrigen Einschaltquoten nicht...


    :winkt

  • Ist auch gut so. Beim ZDF ist eh alles ein bisschen komisch geworden, dafür bezahlt man Gebühren. Die sollen mal wieder Elke holen, oder Christine Westermann, die macht die Sendung Westart Bücher auch toll. Die Sendung war zu langweilig.

    Zitat

    Bücher haben Ehrgefühl, wenn man sie verleiht, kommen sie nicht zurück. T.Fontane


    :lesend:fruehstueck
    Ich lese Thomas Mann; Der Zauberberg;