Gail Jones: Der Traum vom Sprechen

  • Gail Jones: Der Traum vom Sprechen
    Edition Nautilus 2006. 221 Seiten
    ISBN 978-3894014919
    Originaltitel : Dreams of Speaking
    Übersetzerin: Conny Lösch


    Über die Autorin:
    Gail Jones ist gebürtige Westaustralierin. Sixty Lights erschien 2004 und war für den ›Booker Prize‹ nominiert. Bereits ihr erster Roman, Black Mirror, wurde vielfach ausgezeichne Gail Jones unterrichtet Englisch, Kommunikation und Kulturwissenschaft an der University of Western Australia.


    Verlagstext:
    Für Alice Black ist es ein großartiges Gefühl: »Der gewölbte, endlose schwarze Himmel und weit unten ein Teppich unregelmäßiger Lichter, dicht und wunderschön. Leuchtende Formen schlossen sich zusammen und rutschten unter ihnen weg. Muster aus grellem, glühendem Leuchten« – so empfindet die junge Australierin den Landeanflug auf Frankfurt. Schon als kleines Mädchen in ihrer Heimatstadt voller Kohlegruben und Industrie war sie von Maschinen und Technik fasziniert. Jetzt schreibt sie in Paris über die Erfinder jener Gegenstände, die uns täglich umgeben: Zellophan, Neonreklamen, Kopiergeräte und dergleichen. Als Alice Mr. Sakamoto kennen lernt, einen Überlebenden des Atombombenabwurfs auf Nagasaki, entwickelt sich zwischen beiden eine inspirierende Freundschaft.
    In eindringlichen Bildern entfaltet Gail Jones die Familien- und Lebensgeschichten zweier ganz unterschiedlicher Menschen und erzählt zugleich von Glück und Verheißung, von Schrecken und Gewalt der Moderne. Wie sich dabei Mitgefühl und distanzierte Betrachtung beständig abwechseln und durchdringen, ist ebenso beeindruckend wie die eigenwillige Sprache, die den Leser in ihren Bann zieht. Gail Jones' Bücher gewannen bereits zahlreiche Preise, dieser Roman ist für den Orange Prize 2006 nominiert. Eine starke literarische Stimme, die es in Deutschland zu entdecken gilt!


    Inhalt:
    Die Australierin Alice ist in einer abgelegenen westaustralischen Stadt aufgewachsen. Befremden bei den Erwachsenen löste in ihrer Kindheit ihr spontan ausgesprochener Wunsch aus, dass sie später entweder Astronautin oder Surferin werden wolle. Eine selbstbewusste kräftige Sportlerin überstieg in Alices Heimatort die Vorstellungskraft. Alice war das Ausnahmekind, die begabte Torschützin, ihre Schwester Norah dagegen war bei anderen Kindern die Beliebtere. Das Verhältnis zwischen Alice und der nur ein Jahr jüngeren Norah ist von eifersüchtigem, aggressivem Gerangel bestimmt. Die Eltern fragen sich, wie sie wohl diese kriegerischen Kreaturen herangezogen haben. In Rückblenden tauchen immer wieder Szenen aus Alices und Norahs Kindheit auf und man fragt sich, warum die Schwestern sich als Erwachsene so weit auseinanderleben konnten.


    Alice ist zu einem Studienaufenthalt nach Paris gekommen und schreibt offenbar ein Buch. In Paris lernt sie den älteren Japaner Mr. Sakamoto kennen, wie sie eine äußerst schillernde Persönlichkeit. Alice gewinnt durch diese Beziehung neues Selbstvertrauen. Sakamoto stammt aus einer wohlhabenden Familie; er hatte sich als junger Mann zunächst gegen den Familienbetrieb und für ein Literaturstudium entschieden. Die Technik scheint ihn nicht losgelassen zu haben; denn Sakamoto erzählt mit Feuereifer von diversen Erfindungen und aus dem Leben prominenter Erfinder wie Alexander Graham Bell. Das Geheimnis der besonderen Beziehung zwischen Sakamoto und Bell liegt offenbar in ihrer Biografie. Bell hat wie Sakamoto sein Leben lang mit dem Verlust geliebter Menschen gehadert. Sakamoto zeigt eine besondere Begabung, den Menschen hinter dem Wissenschaftler wahrzunehmen. Sakamotos Geschichten wirken symbolhaft, deuten bisher Verschwiegenes aus seinem eigenen Leben an. Über den Tod fast seiner gesamten Familie spricht S. selten, obwohl er für einen Japaner erstaunlich offen in Gesprächen Gefühle erkennen lässt, seine Alpträume und seine Depressionen andeutet. Alices Faszination durch Sakamato mag sich u. a. daraus entwickelt haben, dass er ein exzellenter Beobachter ist; er selbst führt diese Fähigkeit auf seine Beschäftigung mit der Form des Haiku zurück. Die Geschichten Sakamotos klammern das ungleiche Paar in seiner platonischen Beziehung förmlich aneinander. Eine Frau wie Alice scheint das ideale Pendant zu Sakamoto zu sein, hatte sich doch ihr erster australischer Freund über ihr unweibliches Interesse an Technik ereifert. Ich musste mich während der Handlung immer wieder darauf konzentrieren, dass Mr Sakamoto kein Zeitreisender aus einem anderen Jahrhundert ist, sondern als kleiner Junge den Atombombenabwurf auf Hiroshima und Nagasaki miterlebte. Sakamoto, der auf die 70 zugeht und sich auf sehr poetische Weise an die Landschaften seiner Kindheit erinnert, wirkte auf mich altertümlich, nicht von dieser Welt.


    Als Alice den nach Japan zurückgekehrten Sakamoto in seiner Heimat besuchen will, ist er bereits schwer erkrankt und Alice kann ihn nicht mehr treffen. Die auf Alice fremd wirkende Familie kümmert sich rührend um die Besucherin. Bevor Alice endgültig nach Australien abreist, besucht sie die Gedenkstätte von Nagasaki. Nach diesem verstörenden Erlebnis scheint es schwer vorstellbar, dass sie sich wieder in die gewohnte Struktur ihrer Familie einpassen kann. In ihrer Trauer um Sakamoto hat Alice die schwere Erkrankung ihrer Schwester eine Weile verdrängt und welche Konsequenzen diese Krankheit für sie persönlich hat.


    Fazit:
    Die Figur des älteren Mister Sakamoto, der sein Leben lang mit Biografien und Erfindungen beschäftig ist, die Menschen die Kommunikation miteinander erleichtern, könnte das verbindende Element zu Jones früheren Romanen sein, in denen es ebenfalls um Kommunikation und Erinnerungen geht. Der Traum vom Sprechen ist ihr dritter von bisher fünf Romanen, dessen Sprache mich faszinierte und der für mich der rätselhaftere der drei von ihr gelesenen Romane blieb.


    7 von 10 Punkten

  • Vielen Dank für diese detaillierte Rezi. Die mir bisher unbekannte Autorin will ich unbedingt näher kennen lernen.


    Ich glaube, die Figur der Mister Sakamoto könnte in mein "Beuteschema" fallen. :chen

  • Zitat

    Original von Rosha... Die mir bisher unbekannte Autorin will ich unbedingt näher kennen lernen. Ich glaube, die Figur der Mister Sakamoto könnte in mein "Beuteschema" fallen. :chen


    Das Buch hat bei mir hauptsächlich offene Fragen hinterlassen. Z. B. ob es eine besondere Beziehung zwischen Japan und Paris gibt, die Sakamoto zu seinen Recherchen dorthin treibt. Ein französisch sprechender Japaner scheint mir ungewöhnlich. Für Alice gilt das ebenso: was treibt sie um den halben Erdball nach Paris?

  • Hm, offene Fragen können manchmal die Gedanken beflügeln. Die von dir hier erwähnten klingen jedoch zu konkret. Diese Fragen nicht beantwortet zu sehen, ist eher frustrierend.


    Das wäre jetzt wieder etwas, das mich vom Lesen abschrecken würde.

  • Mir würden ein paar Antworten einfallen:
    Paris repräsentiert für jemanden aus der Neuen Welt die Alte Welt, die Welt der bildenden Kunst und Musik, im Fall von Mr Sakamoto vielleicht die Welt der Technik.


    Der Weg könnte - für beide - das Ziel gewesen sein.


    Dass Alice Nagasaki besucht, hat mich sehr bewegt, und ich kann mir vorstellen, dass der Besuch für sie ein letztes Mosaiksteinchen war, um Mr Sakamoto zu verstehen. Es ist sicher ein Unterschied, ob du gehört hast, jemand hat seine Familie verloren, oder ob du direkt mit den Zeitzeugnissen und dem Leid der Bevölkerung konfrontiert wirst.

  • Ich weiß, dass ich nichts weiß. Nicht zuletzt wäre Alxander Graham Bell ein interessantes Thema. Über ihn scheint es keine Biografie für Erwachsene zu geben. Als ich mich das lezte Mal mit dem Thema beschäftigt habe, wurde bei uns noch die Sendung mit der Maus geguckt. :angel

  • Die Sendung mit der Maus ist einer der besten überhaupt! Wenns passt, guck ich die heute noch gern!


    Wie kommst du jetzt eigenlich auf Bell? :gruebel Der Schaltungsplan in meinem Hirn scheint nicht kongruent mit deinem zu sein... :grin

  • Zitat

    Original von RoshaWie kommst du jetzt eigenlich auf Bell? :gruebel Der Schaltungsplan in meinem Hirn scheint nicht kongruent mit deinem zu sein... :grin


    Bell und seine gesamte Biografie waren DAS Thema für Sakamoto, was sicher viel mehr über ihn preisgibt als er selbst ahnt. Nicht zu vergessen: es geht ja nicht nur um Sakamoto, sondern sehr intensiv um das Verhältnis der beiden Schwestern, die sich als kleine Mädchen ständig angifteten und nun als Erwachsene mit einer schweren Krankheit konfrontiert werden. Also höchste Zeit für Versöhnung und Klärung der alten Geschichten.

  • Ups! Auch wenn Herr Sakamoto sich sehr für Bell interessiert, spornt mich das leider nicht zur Nachahmung an!


    Tja, und Versöhnung und Klärung alter Geschichten ist für mich gerade ein "wunder Punkt". :rolleyes Klappt es denn wenigstens im Roman damit?

  • Das hat aber jetzt eingeschlagen, Buchdoktor!
    Den "weißen Buddha" muss ich haben. Die Reizwörter "poetische und glasklare Sprache", wie sie in der amazon-Beschreibung fallen, lassen mich pawlow-mäßig anfangen zu sabbern. :-] Danke für den Tipp! :kiss