'Wendekreis des Krebses' - Seiten 106 - 212

  • Nachdem ich nach dem ersten Teil ja wieder etwas Hoffnung geschöpft hatte, ist sie nun wieder im Eimer. Das Buch berührt mich einfach nicht. Ich lese es, aber Sinn sehe ich darin eigentlich nicht.


    Daher mal ein paar Textzeilen, die mir ganz gut gefallen. Viel gibt es davon ja auch nicht für mich in dem Buch.


    Zitat

    Aber man kann einem Mann keine Kampflust einblasen, wenn er keine Kampflust hat. Manche von uns sind so feige, daß man nicht einmal Helden aus uns machen kann, auch nicht, wenn man uns zu Tode erschreckt.


    Schmunzeln musste ich in dem Abschnitt, als es um die Hure ging, die für beide Männer 15 Franc genommen hat. ( S. 184 ff. )
    Er betrachtet Van Norden ganz distanziert mit dem Mädchen und vergleicht sie mit einer Maschine. Dann kniet er sich hinter Van Norden, das Mädchen wirft ihm flehende Blicke zu, weil es nicht klappt. Van Norden rammelt wie ein Ziegenbock und wird dann böse, weil er ihm am Hinterteil kitzelt.
    Was für eine Vorstellung. Ein Mann kann nicht, dafür kitzelt ihn der Freund. Muß doch die Horrorvorstellung schlechthin für einen Mann sein. :lache


    Ansonsten arbeitet er jetzt als Korrektor. Die Stelle hat er bekommen, weil sein Vorgänger in den Aufzugsschacht gestürzt ist und später verstorben ist. Interessant die Gedanken des gestürzten Korrektors. Nicht die Knochen waren wichtig, sondern das verlorene künstliche Gebiß. :rolleyes

    Kein Buch ist so schlecht, dass es nicht auf irgendeine Weise nütze.
    (Gaius Plinius Secundus d.Ä., röm. Schriftsteller)

  • Ich habe den Abschnitt noch nicht ganz zu Ende gelesen, überlege aber immer noch, ob ich weiter lesen werde.


    Was mich wirklich, wirklich stört, ist wie der Erzähler (Ist es Miller?) über Frauen schreibt. Manche haben Namen. Das sind die scheinbar ehrbaren, die Ehefrauen, über die nicht gesprochen wird, außer sie sind krank, übergewichtig oder führen ein strenges Regiment.
    Und da sind da die, über die ständig geschrieben wird. Sie heißen z.B. Pritschen und haben nur eine einzige Aufgabe und Daseinsberechtigung: den "Pint" des Mannes zufrieden zu stellen.


    Ich versuche immer noch, den tieferen Sinn, die Symbolik und was auch immer zu suchen, aber ich glaube, das ist nicht das Ziel des Ganzen.

  • Mittlerweile habe ich den zweiten Teil beendet und muss feststellen,
    dass Henry Miller und ich keine Freunde werden.


    Vorab eine nicht unwichtige Anmerkung: Der Schriftsteller erwähnt sich selbst im Roman und zwar an der Stelle, als er ein Telefonat für Van Norden annimmt.


    Was passiert nun im zweiten Abschnitt?
    Miller und Konsorten sind immer noch hinter dem weiblichen Geschlecht her,
    der Protagonist schildert seine Erlebnisse mit seinen Hindu-Freunden, einen davon schleppt er u.a. ins Bordell und er schließt Bekanntschaft mit einem Russen. Ihre Wege trennen sich jedoch alsbald.
    Und es wird umgezogen und mit Van Norden philosophiert, wie es ist, eine reiche Frau zu heiraten und sich das gemeinsame Eheleben vorzustellen.


    Die Sprache bleibt weiterhin direkt, zuweilen abschätzig und verletztend, jedoch immer punktgenau.
    Eine fortschreitende Handlung ist nicht zu erkennen und offensichtlich nicht gewollt. Vielmehr wird das Paris der 30-er Jahre geschildert und ein Hohelied darauf gesungen, dass Bettlern in der französischen Hauptstadt noch eine Würde im Gegensatz zu New York bleibt, es wird von Begegnungen mit anderen Künstlern berichtet und Triebe werden ausdiskutiert.


    Was tatsächlich zur Aufregung nach Veröffentlichung des Buches geführt hat, ist mir immer noch unklar. Ebenso, warum in der heutigen Zeit Miller verehrt wird.
    Burleske Schilderungen, eine handvoll Obszönitäten und ein paar Puffbesuche reichen offensichtlich aus, um das Publikum zu polarisieren.
    Um so erstaunlicher finde ich es, dass der "Wendekreis des Krebses" es nicht schafft, mich emotional - unabhängig von der Richtung - zu berühren und mich meinungslos lässt.
    Nur die Teilnahme und Organisation dieser Leserunde lässt mich dieses Buch, das übrigens das erste in diesem Jahr wäre, nicht abbrechen.

  • Auch der zweite Teil hat nichts von seiner Faszination eingebüsst. Auch wenn die Zeit gleichmässig fliesst, so denkt das Leben nicht einen Moment daran ebenfalls gleichmässig zu fliessen. Und genau das macht Henry Miller deutlich. Er schildert das Leben so wie es ist: Unglaublich sprunghaft und nur sehr selten an einer Sache länger festhaltend.

    Ich mag verdammen, was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du es sagen darfst. (Evelyn Beatrice Hall)


    Allenfalls bin ich höflich - freundlich bin ich nicht.


    Eigentlich mag ich gar keine Menschen.

  • Zitat

    Original von Macska: Schmunzeln musste ich in dem Abschnitt, als es um die Hure ging, die für beide Männer 15 Franc genommen hat. ( S. 184 ff. ) Er betrachtet Van Norden ganz distanziert mit dem Mädchen und vergleicht sie mit einer Maschine. Dann kniet er sich hinter Van Norden, das Mädchen wirft ihm flehende Blicke zu, weil es nicht klappt. Van Norden rammelt wie ein Ziegenbock und wird dann böse, weil er ihm am Hinterteil kitzelt. Was für eine Vorstellung. Ein Mann kann nicht, dafür kitzelt ihn der Freund. Muß doch die Horrorvorstellung schlechthin für einen Mann sein. Lachen


    Auf diese Szene möchte ich zurückkommen und etwas früher ansetzen, denn Miller schafft es, mich an der ein oder anderen Stelle doch schlucken zu lassen.
    Van Norden und er treiben dieses Mädchen auf, für fünfzehn Francs will sie sich beiden hingeben. Sie ist dünn und ihr Hunger spürbar, Van Norden gibt ihr noch einen Kaffee aus, ihre Bitte nach einem Stück Brot wird ausgeschlagen und mehrfach wiederholt Van Norden gegenüber Miller, dass es keinen Spaß mache, mit einer hungrigen Frau zu schlafen.
    Aber die fünfzehn Francs dürfen nicht umsonst ausgegeben worden sein, vor allem nicht, weil Van Norden Probleme hat, den Akt zustande zu bringen.
    Eine für mich völlig beklemmende und surreale Szene: Leid steht Leid gegenüber und trifft doch auf keine Verbundenheit oder wenigstens einen Hauch von Mitgefühl. Der Eindruck, der bleibt ist, dass Van Nordens überlegener Intellekt versucht, dieser irrealen Situation eine Spur von Komik zu verleihen, die beim Leser einen bitteren Nachgeschmack hinterlässt.

  • Salonlöwin


    Wenn ich jetzt Deinen Beitrag dazu lese, dann finde ich es schon heftig. Das ist mir so gar nicht bewußt geworden. Ich habe wirkllich Zeile für Zeile gelesen, aber es hat mich nicht erreicht. Im Gegenteil, teilweise gingen meine Gedanken auf Wanderschaft und selbst beim wiederholten Lesen des Abschnittes war es nicht besser. Ich hatte wirklich nur ein paar Highlights, die mich erreicht haben und dazu gehörte eben die o.g. Szene, weil ich mir das bildlich vorgestellt habe. :-]

    Kein Buch ist so schlecht, dass es nicht auf irgendeine Weise nütze.
    (Gaius Plinius Secundus d.Ä., röm. Schriftsteller)

  • Mich hat in diesem Abschnitt besonders der letzte Teil angesprochen als Miller durch Paris streift und über die Kunst nachdenkt.
    Ich habe ein bisschen gegoogelt und diesen [URL=http://www.google.de/imgres?q=henry+miller+matisse&hl=de&sa=X&biw=1600&bih=796&tbm=isch&prmd=imvnso&tbnid=isnd8QCtt9rhTM:&imgrefurl=http://altarpiece.blogspot.com/2010/06/schiele-miller-matisse.html&docid=ZlUFtsJ5gbYhLM&imgurl=http://3.bp.blogspot.com/_7QR6dHdUa2M/TB1rvmhh0RI/AAAAAAAAAWw/sr5symuxpG0/s1600/matisse.lecon-musique.jpg&w=840&h=995&ei=Lk7TT4_kFIjotQbujf25Dw&zoom=1&iact=hc&vpx=175&vpy=125&dur=2531&hovh=244&hovw=206&tx=98&ty=157&sig=115582795212183383817&page=1&tbnh=136&tbnw=116&start=0&ndsp=37&ved=1t:429,r:0,s:0,i:71]Link[/URL]
    gefunden.

    Die eigentliche Geschichte aber bleibt unerzählt, denn ihre wahre Sprache könnte nur die Sprachlosigkeit sein. Natascha Wodin

  • Zitat

    Original von Regenfisch
    Mich hat in diesem Abschnitt besonders der letzte Teil angesprochen als Miller durch Paris streift und über die Kunst nachdenkt.
    Ich habe ein bisschen gegoogelt und diesen [URL=http://www.google.de/imgres?q=henry+miller+matisse&hl=de&sa=X&biw=1600&bih=796&tbm=isch&prmd=imvnso&tbnid=isnd8QCtt9rhTM:&imgrefurl=http://altarpiece.blogspot.com/2010/06/schiele-miller-matisse.html&docid=ZlUFtsJ5gbYhLM&imgurl=http://3.bp.blogspot.com/_7QR6dHdUa2M/TB1rvmhh0RI/AAAAAAAAAWw/sr5symuxpG0/s1600/matisse.lecon-musique.jpg&w=840&h=995&ei=Lk7TT4_kFIjotQbujf25Dw&zoom=1&iact=hc&vpx=175&vpy=125&dur=2531&hovh=244&hovw=206&tx=98&ty=157&sig=115582795212183383817&page=1&tbnh=136&tbnw=116&start=0&ndsp=37&ved=1t:429,r:0,s:0,i:71]Link[/URL]
    gefunden.


    Ging mir auch so, das war der Teil, bei dem meine Sinne wieder wach wurden, nachdem ich diesen ganzen ellenlangen Passus über van Norden, seine Potenzprobleme und seine Jagd nach dem ständigen Fick irgendwann nur noch überflogen habe. In diesem Abschnitt hat sich zu 90 % fast alles irgendwie um Schwänze gedreht.


    Interessant wurde es für mich erst wieder ab seiner Zeit als Korrektor. Erstaunlich, dass dieser freie Geist, der sich keinen Zwängen aussetzen will, einen geregelten Job annimmt und darin dann offenbar doch so etwas wie Befriedigung findet. Diesmal sogar des Geistes ;-)

  • *Wischt sich den Schweiß von der Stirn*


    Was für ein Buch. (Habe ich schon gesagt) Ganz ehrlich bin ich total schockiert. Ganz Paris ist ein einziger Sündenbabel voller moralfreier Menschen. Es dreht sich alles nur um Essen, Ficken, Kunst. Es ist unglaublich eindringlich geschrieben, manchmal wird mir richtig schlecht, so furchtbar finde ich das alles.


    Faszinierend und zum ersten Mal habe ich das Gefühl, das Buch könnte mir gefallen- wobei das nun wirklich der falsche Ausdruck ist.


    :gruebel


    Edit: danke Regenfisch für den Link :-) - die Kunstwerke passen ja wie die Faust aufs Auge.


    Edit 2: ich habe jetzt mal überlegt, as genau eigentlich das Schockierende für mich ist. Im Grunde genommen ist der Mensch ja ein Tier, wenn er auf seine Bedürfnisse reduziert wird und das wird von Miller so schonungslos dargestellt. Ich glaube, das ist es. Geht es noch jemandem ähnlich? :wave

    Ailton nicht dick, Ailton schießt Tor. Wenn Ailton Tor, dann dick egal.



    Grüße, Das Rienchen ;-)

    Dieser Beitrag wurde bereits 2 Mal editiert, zuletzt von rienchen ()