Der Russe ist einer, der Birken liebt - Olga Grjasnowa

  • Das ist ein fantastisch atemloser Roman von Olga Grjasnowa über eine junge Frau Mascha, die wegen des Bürgerkriegs in Berg-Karabach mit ihren Eltern nach Deutschland flieht und nun im Grunde heimatlos ist. Ihr Freund stirbt nach einer mißglückten Routineoperation, was sie endgültig entwurzelt.
    Als Sprachgenie und weil sie aus einem jüdischen Elternhaus kommt, geht sie nach Israel und arbeitet dort für eine NGO als Dolmetscherin mitten in den von den Israelis okkupierten Gebieten und den von permanenter Gewalt durchzogenen Nahen Osten.
    Ihre Liebeleien mit einem in Deutschland geborenen Türken, einem Israeli und einer politisch heftig engagierten ehemaligen israelischen Soldatin machen ihr das Leben nicht leichter.


    Alles ist so atemlos direkt erzählt, zeigt, wie Krieg und Gewalt Menschen entwurzeln und machen die Gestalt der Mascha berührend faßbar; eine junge Frau, die überall unterwegs ist, international mit sieben Sprachen unterwegs erscheint, und letztlich die eigentliche Heimat, Wurzeln und eine feste Bindung vermißt.


    Fazit: Unbedingt lesen


    Edit: Der Thread wurde in die Rezensions-Rubrik verschoben. LG JaneDoe

  • Danke, Michael!


    Das ist eine wunderschöne Rezension (die meiner Meinung nach auch dorthin verschoben werden sollte), dass ich sofort einen Spontankauf für meinen Kindle getätigt habe.


    Bin gespannt!
    LG,
    Babs

  • Kurzbeschreibung


    Mascha ist jung und eigenwillig, sie ist Aserbaidschanerin, Jüdin, und wenn nötig auch Türkin und Französin. Als Immigrantin musste sie in Deutschland früh die Erfahrung der Sprachlosigkeit machen. Nun spricht sie fünf Sprachen fließend. Sie plant gerade ihre Karriere bei der UNO, als ihr Freund Elias schwer erkrankt. Verzweifelt flieht sie nach Israel und wird von ihrer eigenen Vergangenheit eingeholt.
    Ebenso tragisch wie komisch, mit Sinn für das Wesentliche erzählt Olga Grjasnowa die Geschichte einer Generation, die keine Grenzen kennt, aber auch keine Heimat hat.


    Die Autorin


    Olga Grjasnowa wurde in Baku, Aserbaidschan, in einer jüdischen Familie geboren. Dort arbeitete der Vater als Rechtsanwalt und die Mutter als Musikwissenschaftlerin. 1996 übersiedelte die Familie als Kontingentflüchtlinge nach Hessen, wo Olga mit 11 Jahren Deutsch lernte und in Frankfurt am Main die Schule abschloss. Ab 2005 studierte sie zunächst Kunstgeschichte und Slawistik in Göttingen. Sie wechselte dann aber ans Deutsche Literaturinstitut Leipzig in den Studiengang „Literarisches Schreiben“, wo sie 2010 den Bachelor erwarb. Im Anschluss an Studienaufenthalte in Polen, Russland (Maxim-Gorki-Literaturinstitut) und Israel studiert sie jetzt Tanzwissenschaft an der Freien Universität Berlin.


    Meine Meinung


    Ich hab das Buch schon vor einiger Zeit gelesen und immer mal wieder geistert es in meinem Kopf herum. Es hinterlässt einen bleibenden Eindruck, kann mich auch jetzt Monate später nicht einfach los lassen.


    Als typisch Deutsche, dazu im Ausland lebend, hat der Begriff "Heimat" für mich eine ganz besondere Bedeutung. Mit Mischa hat Olga Grjasnowa eine Protagonistin geschaffen, die für eine neue Generation von Weltenbürgern steht, die mit diesem Begriff eigentlich gar nichts mehr anfangen können. Sie lernt Sprachen, die dieses Wort gar nicht kennen.


    Wie auch die Autorin selber, hat Mischa einen sog. "Migrantenhintergrund". Und für sie hört das Wandern auch nicht auf. Sie bleibt auf der Suche. Aber nach was? Ihre innere Unruhe wird gut beschrieben ohne dass das Buch selber dabei zu unruhig wird.


    Für mich ist es absolut faszinierend zu lesen, wie Mischa ihren Weg sucht. In manchen Gedanken erkenne ich mich selbst wieder, weil es eben sehr menschliche Wünsche und Gefühle sind. In anderen ist sie so ganz anders. Widersprüche zwischen ihr und mir, Widersprüche auch in ihrer eigenen Person: eine Jüdin, die nach Israel reist, fliessend arabisch aber kein hebräisch spricht?!? Und es ist Olga Grjasnowas Verdienst, dass diese Art Widersprüche sich am Ende irgendwie ganz normal und logisch anfühlen.


    Fazit: Ein ganz besonderes Buch, das ich nur schwer in Worte fassen kann. Das hat die Autorin sehr viel besser geschafft. Ein Jahreshighlight für mich.

    Gruss aus Calgary, Canada
    Beatrix


    "Well behaved women rarely make history" -- Laura Thatcher Ulrich

  • Ich bin erstaunt und ein wenig enttäuscht, dass ein solch gutes Buch hier so wenig Widerhall erzeugt.


    Deshalb drei Argumente, genau dieses Buch als nächste zu lesen:
    1. Das Buch ist kurz, die Handlung flott, die Sprache knackig.
    2. Die Story geht einem zu Herzen. In einer Rezension hab ich zutreffend gelesen:
    "Man würde Mascha gern in den Arm nehmen, aber sie würde sich nicht halten lassen."
    3. Die Autorin hat einen ganz trockenen, lakonischen Humor, der einen völlig überraschend anfällt. Z.B. steht da über ein thüringisches Dorf: „In den Vorgärten taten Pudel ihren Dienst, die NPD-Plakate hingen niedrig.“ Brillant!

    Ein Buch zu öffnen, meint auch zu verreisen.
    Heißt mehr noch: sich auf Neuland vorzuwagen.
    Ob seine Worte brechen oder tragen,
    muss sich beim Lesen Satz für Satz erweisen.

    (Robert Gernhardt)

  • Dieser poetische Titel täuscht über den harten, nichts beschönigenden aber auch nichts aufbauschenden Inhalt hinweg.


    Mascha, gebürtige Aserbeischanerin, dabei noch Jüdin, musste mit ihren Eltern während des Terrors in Berg Karabag fliehen. Nun, in Deuschland arbeitet sie als Dolmetscherin und Übersetzerin. Kommt gerade so zurecht mit ihrer verlustreichen Vergangenheit da stirbt ihr Freund an einem schlecht verheilten Knochenbruch.


    Das wirft sie komplett aus der schlingernden Bahn. Sie versucht in Israel zu vergessen, kommt aber hier wieder in einen schwelenden Konflikt. Dem zwischen Arabern und Israelis.


    Die Autorin schildert hier das Leben eines Flüchtlings, leider nur allzu real, es ist erschütternd, welche Konsequenzen eine wie auch immer motivierte Auseinandersetzung zwischen Menschen/Parteien haben kann. Und es sind immer Unschuldige, die darunter leiden, zu Tode kommen oder familiäre Tragödien erleben.


    Dieses Buch ist aktueller denn je und ich kann es nur empfehlen.

    [SIZE=7]"Leute die Bücher lesen, sind einfach unberechenbar." Spruch aus "Wilsberg " [/SIZE]