Wolfgang Kraushaar - Die blinden Flecken der RAF

  • Titel: Die blinden Flecken der RAF

    Autor: Wolfgang Kraushaar

    Verlag: Klett-Cotta

    Erschienen: August 2017

    Seitenzahl: 423

    ISBN-10: 3608981403

    ISBN-13: 978-3608981407

    Preis: 25.00 EUR


    In diesem Buch geht es um den „Deutschen Herbst 1977“ - und wie es dazu kam. Von der eher harmlosen 68er-Bewegung zur Terrorgruppe RAF. Doch wie sich zeigt, war diese „harmlose“ 68er-Bewegung wohl doch nicht so harmlos, wie es oftmals den Anschein hatte.


    Kraushaar bemüht sich hier Licht ins Dunkle zu bringen – verzettelt sich dabei aber an einigen Punkten. Er zeigt zwar auf, wie sich die RAF gründete, woraus sie entstand – widmet sich aber nur sehr wenig dem Thema über das „Fast-Versagen“ des Rechtsstaates. Rechtsbeugung war an der Tagesordnung und wurde auch durch höchste Gerichte abgesegnet. Rückwirkende Änderungen des Strafprozeßrechtes machten oftmals eine vernünftige Verteidigung der RAF-Terroristen unmöglich. Rechtsanwälte wurden massiv an der Ausübung ihres Mandates gehindert. Gerade dieser Themenkomplex wird kaum oder nur am Rande, mehr wie eine Fußnote, gestreift.


    Hervorzuheben ist die Sachlichkeit dieses Buches. Kraushaar verurteilt nicht, sondern lässt die Fakten für sich sprechen. Er nimmt nicht Partei für die eine oder andere Seite. Er ist „lediglich“ der Chronist der damaligen Zeit.


    Interessant auch die Schilderung über den jeweiligen Werdegang der verschiedenen Personen. Ein Horst Mahler beispielsweise driftet von ganz links nach ganz rechts und ist heute Holocaust-Leugner und Anwalt der NPD. Otto Schily dagegen, ehemals Teil eines Sozialistischen Anwaltskollektivs, endet als Law-and-Order-Innenminister und Hardliner in der Regierung Schröder. Auch die Lebensläufe von Ulrike Meinhof, Andreas Baader etc. werden geschildert. Wie die meisten Terroristen kamen sie aus einem bürgerlichen Umfeld, waren Studenten und drifteten aus kaum nachvollziehbaren Motiven ab in den terroristischen Untergrund. Langeweile? Wut auf was auch immer?


    Trotz einiger Mängel ist dieses Buch ungeheuer interessant, sehr lesenswert und lässt eine Zeit wieder lebendig werden, die dieses Land nachhaltig erschüttert hat. 7 Punkte

    Ich mag verdammen, was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du es sagen darfst. (Evelyn Beatrice Hall)

  • Wie die meisten Terroristen kamen sie aus
    einem bürgerlichen Umfeld, waren Studenten und drifteten aus kaum
    nachvollziehbaren Motiven ab in den terroristischen Untergrund.
    Langeweile? Wut auf was auch immer?


    :gruebel War es nicht die Wut auf die Scheinheiligkeit der Elterngeneration, die sich im Wirtschaftswunderland gütlich tat und ihre braune Vergangenheit verschwiegen oder verleugnet hat?

    Waren es nicht die allzu leicht entnazifizierten Rechtsanwälte und Richter, die diese Studenten gegen den "Muff aus den Talaren" aufbrachte?


    Wird das in diesem Buch nicht als Ursache gesehen:?:

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    Von den vielen Welten, [...] ist die Welt der Bücher die größte. (Hermann Hesse)

    :lesend Guy de Maupassant - Stark wie der Tod

  • :gruebel War es nicht die Wut auf die Scheinheiligkeit der Elterngeneration, die sich im Wirtschaftswunderland gütlich tat und ihre braune Vergangenheit verschwiegen oder verleugnet hat?

    Waren es nicht die allzu leicht entnazifizierten Rechtsanwälte und Richter, die diese Studenten gegen den "Muff aus den Talaren" aufbrachte?


    Wird das in diesem Buch nicht als Ursache gesehen:?:

    Das trug sicher auch dazu bei, war aber eben nur ein Teilaspekt. Es ging auch um die Verkrustungen aus der Adenauer-Zeit der Fünfziger. Und ein ganz entscheidender Punkt war eben auch nach dem Scheitern der Erhard-Regierung die Bildung der Großen Koalition und Kurt Georg Kiesingern im Jahre 1966. Und man darf auch auch den Frust vieler junger Menschen über den gesellschaftspolitischen Stillstand vergessen. Proteste machten sich zuerst vorsichtig in der Rock 'n' Roll Zeit bemerkbar, die dann aber zunehmen politischer wurden. Zudem wurden 1968 gegen den erklärten Willen vieler Menschen auch die Notstandsgesetze verabschiedet, die übrigens nach wie in Kraft sind. Es waren viele Faktoren die zur "68er-Bewegung" führten und die im Terrorismus ihren perversen Höhepunkt fanden. Ich erinnere mich noch gut an das Jahr 68. Eine Demo jagte die andere, ein Teach-In folgte auf das nächste. Eine spannende und auch lehrreiche Zeit. Die Auswirkungen sind auch heute noch zu merken.

    Ich mag verdammen, was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du es sagen darfst. (Evelyn Beatrice Hall)

  • Ich erinnere mich noch gut an das Jahr 68. Eine Demo jagte die andere, ein Teach-In folgte auf das nächste. Eine spannende und auch lehrreiche Zeit. Die Auswirkungen sind auch heute noch zu merken.

    Ich war damals erst vier Jahre alt. Als ich letztens meine Mutter fragte, welche Erinnerungen sie an diese Zeit hat, meinte sie, sie habe nicht viel davon mitbekommen. Mit drei kleinen Kindern hatte sie damals genug anderes, das sie beschäftigte.

    Meine eindrücklichsten Vorstellungen habe ich von nachträglichen Fernsehbildern in schwarz-weiß.

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    Von den vielen Welten, [...] ist die Welt der Bücher die größte. (Hermann Hesse)

    :lesend Guy de Maupassant - Stark wie der Tod

  • Ich war damals erst vier Jahre alt. Als ich letztens meine Mutter fragte, welche Erinnerungen sie an diese Zeit hat, meinte sie, sie habe nicht viel davon mitbekommen. Mit drei kleinen Kindern hatte sie damals genug anderes, das sie beschäftigte.

    Meine eindrücklichsten Vorstellungen habe ich von nachträglichen Fernsehbildern in schwarz-weiß.

    Gerade Mütter von kleinen Kindern sind in den 60ern mit dem Boden konfrontiert gewesen, auf dem die 68er-Proteste gediehen. Prügelstrafe, Lehrer und Pfarrer als unantastbare Respektspersonen, die im Unterricht ungehindert nationalsozialistische Einstellungen vermitteln konnten, ein Ehe- und Familienrecht, das den Gehorsam der Frau gegenüber ihrem Mann vorschreibt. Die Frage wäre wohl eher, ob deine Mutter einen prügelnden Pfarrer oder Alt-Nazi als Lehrer ihrer Kinder angezeigt hätte, z. B. auch gegen den Willen deines Vaters. Dass Eltern anderer Kinder prügelnde Lehrer anzeigen und die dann aus der Schule verschwinden, gehörte zu meinen eindringlichsten Erlebnissen in der Grundschule. ;)

  • Ich glaube, man kann ganz gut beschreiben und erklären, was zu den Protesten dieser Zeit geführt hat. Die waren dringend nötig und man kann sich heute kaum mehr vorstellen, wie eng das Denken gewesen ist. Über das Handeln gar nicht zu reden.

    Und oft genug waren diejenigen, die vom "Zeitgeist" am meisten beschränkt worden sind, seine größten Verfechter. Ich erinnere mich am deutlichsten daran, bei jedem Versuch, zu Hause etwas gegen unmögliche Unterrichtsmethoden zu sagen, ein "du wirst es schon verdient haben" zu hören. Egal was sie taten, Autoritätspersonen hatten immer recht. Nur so kann man sich übrigens erklären, dass in vielen Institutionen über Jahrzehnte Misshandlungen und sexueller Missbrauch stattfinden konnten. Die betroffenen Kinder und Jugendlichen hatten es einfach nicht besser verdient und waren natürlich selber schuld. Denn es war allgemein bekannt, was da vor sich ging.

    Gut, dass sich immerhin die Einstellung verändert hat.


    Warum jemand zur Terroristin, zum Terroristen geworden ist, das ist viel schwerer zu beantworten und man muss jeden Menschen einzeln sehen. Es gab ja viele Familien, in denen ein Kind in den Terrorismus geraten ist und andere nicht.

  • Zitat

    Egal was sie taten, Autoritätspersonen hatten immer recht. Nur so kann man sich übrigens erklären, dass in vielen Institutionen über Jahrzehnte Misshandlungen und sexueller Missbrauch stattfinden konnten. Die betroffenen Kinder und Jugendlichen hatten es einfach nicht besser verdient und waren natürlich selber schuld. Denn es war allgemein bekannt, was da vor sich ging.

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    Dabei ist die Rolle der Mütter nicht zu unterschätzen, die durch "Gehorsam" gegenüber Institutionen und dem Ehemann genau diese Strukturen stützten. Es war kein Zufall, dass damals Protest gerade von Heranwachsenden aus Pfarrhäusern ausgedrückt wurde, die sich doppelt zu ducken hatten. "Du musst einfach an Gott glauben, weil ich dein Vater bin und dir das sage ..."

  • Die Frage wäre wohl eher, ob deine Mutter einen prügelnden Pfarrer oder Alt-Nazi als Lehrer ihrer Kinder angezeigt hätte, z. B. auch gegen den Willen deines Vaters. Dass Eltern anderer Kinder prügelnde Lehrer anzeigen und die dann aus der Schule verschwinden, gehörte zu meinen eindringlichsten Erlebnissen in der Grundschule. ;)

    Wahrscheinlich eher nicht, dafür hätte sie viel zu große Scheu vor Schwierigkeiten gehabt, die sich daraus ergeben hätten. Sie war ja vor ihrer Ehe selber Lehrerin und hat sich auch gegen freche Kinder durchsetzen müssen. Damals hat die Drohung, es deren Eltern zu sagen, noch gewirkt. Im Gegenteil, sie bekam sogar von manchen Eltern den Rat: "Wenn er nicht spurt, hauen sie nur kräftig zu." Was sie aber nicht getan hat (so viel ich weiß).


    In ihrer Lehrerinnenausbildung (bis 1953) hat sie theoretisch die Vorschriften zur Züchtigung, die Kultusminister Alois Hundhammer 1947 wieder eingeführt hatte, gelernt: Schläge mit einem 30 cm Rohrstock auf die Handinnenflächen ("Tatzen geben").

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    Von den vielen Welten, [...] ist die Welt der Bücher die größte. (Hermann Hesse)

    :lesend Guy de Maupassant - Stark wie der Tod

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