Jon Cohen - Die wundersame Mission des Harry Crane

  • ISBN 978-3458363620

    Insel Verlag

    537 Seiten

    ET: 2.10.2018

    OT: Harry’s Trees


    Ich mag epische und leicht surreale Geschichten, die wie ein modernes Märchen wirken, wenn sie gut geschrieben sind und es schaffen mich in ihren Bann zu ziehen und zu verzaubern. All das ist dieser Geschichte gelungen.


    Harry hat einen stupiden Job in der Forstbehörde und obwohl er Bäume liebt und jede Menge Berichte und Statistiken über sie verfasst, kommt er beruflich kaum noch mit ihnen in Berührung. Er traut sich nicht die Sicherheit aufzugeben und sich den Traum einer eigenen Firma „Harry’s Trees“ zu erfüllen. Als ausgerechnet durch den unerwartete Tod seiner geliebten Beth diese Möglichkeit in greifbare Nähe rückt, findet er das einfach nur entsetzlich und flieht in die Wälder Pennsylvanias. Denn Harry fühlt sich schuldig an Beths Tod und er kann sich nicht damit abfinden, dass er seine große Liebe verloren hat.


    Die 10jährige Oriana muss auch mit einem Verlust fertig werden. Ihr Vater ist gestorben und sie treibt ihre Mutter mit ihren surrealen Fantasien in den Wahnsinn. Sie glaubt, dass ihr Vater als geflügeltes Wesen im Wald lebt und deshalb verbringt sie dort fast ihre ganze Zeit. Dort begegnet sie Harry und in ihrer kindlichen Beharrlichkeit spannt sie ihn in ihre Pläne und Fantasien ein und rettet ihn so vor seiner Verzweiflung. Harry wird bewusst, dass es seine Mission ist, Oriana dabei zu helfen, den Weg zurück in ein normales Leben zu finden. Und für ihn sind Oriana und der Wald die Medizin, die er braucht um den Tod seiner Frau zu verarbeiten.


    Orianas Mutter Amanda kommt mit ihrer pragmatischen und praktisch veranlagten Art kaum gegen diese beiden Träumer an, aber sie ist der Anker, damit die beiden die Bodenhaftung nicht verlieren.


    Die Trauer und die Gedanken von Oriana und Harry waren sehr berührend. Es ist nicht leicht mit dem Verlust eines geliebten Menschen klarzukommen und jeder trauert auf seine Art und Weise und in seinem ganz eigenen Tempo. Das hat die Autorin mit einer gelungenen Mischung aus Drama, Tiefe und einem wunderbar warmherzigen Humor deutlich gemacht.


    Der Wald und Bäume spielen immer wieder eine wichtige Rolle. Schon als Kind hat Harry Bäume geliebt. Sie sind stark und beständig, wie sein Vater bevor dieser die Familie verließ. Zwischen Bäumen fühlt Harry sich sicher und geborgen und so kommt er in den Wäldern Pennsylvanias zur Ruhe.


    Ich habe diese ruhige und schöne Geschichte sehr gerne gelesen und bin dabei sogar auf Rotkäppchen, den bösen Wolf und eine Amazone gestoßen. Vielleicht entdeckt ihr beim Lesen noch mehr märchenhafte Figuren, denn es gibt jede Menge Nebenfiguren, welche mit ihren ganz eigenen Problemen die Handlung abrunden.


    9 von 10 Eulen

  • Susquehanna Santa

    Die wundersame Mission des Harry Crane, Roman von Jon Cohen, 536 Seiten, erschienen Im Insel Verlag.
    Seit Harry auf Bäume klettern kann, weiß er, wie man gut durchs Leben kommt. Man muss sich nur gut festhalten. Ein kleines Mädchen zeigt ihm wie man loslässt.
    Für Harry Crane gibt es zwei wichtige Dinge in seinem Leben, seine Frau Beth und Bäume. Als Beth überraschend stirbt, gibt er sich die Schuld an ihrem Tod, er beschließt in den Wäldern Pennsylvanias seinem Leben ein Ende zu setzen. Daran hindert ihm ein kleines Mädchen und ihre Mutter beide haben den Ehemann bzw. den Vater verloren. Oriana ist davon überzeugt, dass er nicht tot sondern nur verwandelt ist. Harry soll diesen Zauber brechen.
    Am Anfang des Buches gibt es zwei Erzählstränge, die sich schon bald zu einer Geschichte vereinen. Als Stilmittel hat Jon Cohen die auktoriale Erzählform gewählt. Dadurch entsteht ein umfassender Überblick über die Handlungen der einzelnen Charaktere. Lustige aber auch ernste Dialoge beleben die Erzählung, dies ist dem Autor auch durch seinen flüssigen und vor allem bildhaften Erzählstil gut gelungen. Solche Sätze z.B. Ihre Frisur, eine pikante Mischung aus Schaf und Stachelschwein, war das blanke Grauen. So hatte ich Setting und Personen stets vor Augen. Sehr gut gelungen fand ich die Platzierung des „Buches im Buch“. Die lustige Illustration und der in Schreibschrift geschriebene Text macht „Das Buch des alten Grum“ zu einem Eyecatcher im Text. 37 Kapitel in genau passender Länge und mit Kapitelzahlen überschrieben, helfen das Buch flüssig zu lesen. Erzählungen und Vorgelesenes erscheinen kursiv.
    Der Beginn des Buches hat mich sofort begeistert, die Trauer des Protagonisten und des Mädchens und ihrer Mutter haben mich sehr berührt. Es zeigt wie die Figuren auf verschiedenste Weise mit ihrer Trauer umgehen. Verdrängung, Flucht in die Märchenwelt und Schuldgefühle. Doch im weiteren Verlauf hatte das Buch doch unnötige Längen, die weniger unterhaltsam waren. Es wäre für eine gute Geschichte m.E. nicht notwendig gewesen, die Besteigung jedes einzelnen Baumes zu erläutern, die Baumthematik fand ich sowieso viel zu ausführlich und für den Plot nicht notwendig. Auch konnte ich das Verhalten, von Harry und Oriana nicht unbedingt nachvollziehen. Das Mädchen fand ich altklug und dickköpfig, und dass sich der Protagonist dem Diktat des Kindes so unterworfen hat, fand ich nicht realistisch. Bestechend in diesem Werk sind die Nebencharaktere. Zuallererst der heimliche „Held“ der Geschichte. Ronnie, der sich die Schuld an Deans Tod gibt, ein Tolpatsch und Trinker und doch eine Superfigur. Und auch die resolute Stadtbibliothekarin Miss Perkins, ein liebenswertes Faktotum in der Bücherei, eine Frau die nach jeder Enttäuschung aufsteht und weitermacht. Die Bösewichte Stu und Wolf waren gut gezeichnet. Alles in allem ist es m. M. nach ein Märchen für Erwachsene, dazu passt der böse Bruder von Harry „der böse Wolf“, der rote Mantel von Beth, oder der Sack mit Goldmünzen. Obwohl die Geschichte traurig beginnt mangelte es nicht an Situationskomik, als der Hund die Asche der Verblichenen wie Konfetti verteilte, musste ich unfreiwillig lachen. Ein Lieblingszitat habe ich auf Seite 118 entdeckt: "Die passende Lektüre hat noch jeden Schmerz gelindert". Das kann ich nur bestätigen.
    Dieses Buch eignet sich für Leser, die sich gerne märchenhaft verzaubern lassen wollen. Eine Leseempfehlung auch für Fans von „Happy Ends“.

  • Bei einem Unglück wird seine Frau Beth völlig überraschend aus dem Leben gerissen. Für Harry Crane, Ende 30, bricht eine Welt zusammen, zumal er sich selbst die Schuld an ihrem Tod gibt. In den tiefen Wäldern von Pennsylvania will er für immer verschwinden, denn er liebt Bäume. Doch dann trifft er dort auf die zehnjährige Oriana Jeffers. Sie hat ebenfalls einen Verlust erlitten, weil ihr Vater Dean auch sehr plötzlich gestorben ist. Ihre Mutter Amanda hat ihr erklärt, dass ihm ein Aneurysma im Gehirn zum Verhängnis wurde. Doch das Mädchen will nicht akzeptieren, dass ihr Daddy tatsächlich tot sein soll. Sie ist überzeugt davon, dass Dean nur verwandelt wurde. Und um den Zauber zu brechen, muss Harry ihr helfen…


    „Die wundersame Mission des Harry Crane“ ist ein ungewöhnlicher Roman von Jon Cohen.


    Meine Meinung:

    Der Roman besteht aus 37 Kapiteln sowie einem Epilog. Erzählt wird aus unterschiedlichen Perspektiven, vorwiegend jedoch aus der Sicht von Harry und der von Oriana. Eingefügt sind ein Zeitungsausschnitt, Teile des „ Buchs des alten Grumm“ und mehrere Zeichnungen. Dieser Aufbau gefällt mir gut.


    Den Schreibstil habe ich als sehr angenehm, einfühlsam und anschaulich empfunden. Schöne Sprachbilder und Metaphern kommen immer wieder vor. Es fiel mir leicht, in die Geschichte einzutauchen, und ich habe das Buch nur ungerne zur Seite gelegt.


    Obwohl Harry und Oriana jeweils auf ihre Art ein wenig anders sind, habe ich beide schon nach kurzer Zeit in mein Herz geschlossen. Beide Charaktere sind eher introvertiert, sensibel und etwas verträumt. Ihnen gemeinsam ist auch, dass sie viel Fantasie haben. Die Gedanken- und Gefühlswelt der beiden wird sehr gut deutlich. Obwohl sie altersmäßig nicht zueinander passen, hat mir die Wahl der zwei Hauptprotagonisten sehr zugesagt. Auch einige Nebenfiguren finde ich sehr sympathisch.


    Die Themen Liebe, Trauer und Verlust sorgen dafür, dass mich das Buch immer wieder berühren konnte. Ein Pluspunkt des Romans ist es, dass es nicht nur bei den ernsten, dunklen Tönen bleibt, sondern dass die Geschichte auch eine positive, lebensbejahende Botschaft vermittelt. Dabei spielt die märchenhafte Komponente eine wichtige Rolle. Sie lässt das Licht am Horizont erblicken und macht den Roman gleichzeitig zu etwas Besonderem. Trotz der recht hohen Seitenzahl und der eher langsamen Art des Erzählens kommt beim Lesen keine Langeweile auf.


    Das sehr gelungene deutsche Cover orientiert sich am Original. Es trifft absolut meinen Geschmack. Der Titel weicht dagegen stark von der englischsprachigen Version („Harry’s Trees“) ab, passt aber dennoch auch gut.


    Mein Fazit:

    „Die wundersame Mission des Harry Crane“ von Jon Cohen erzählt eine kreative und märchenhaft anmutende Geschichte, die ich in einer ähnlicher Weise noch nicht gelesen habe. Ein empfehlenswerter Roman, der mich emotional bewegen konnte.


    Ich vergebe 5 von 5 Sternen.

  • Mir hat die Geschichte, die ich als "modernes, realistisches Märchen" bezeichnen würde, sehr gut gefallen.

    Die Charaktere sind vielschichtig und vom naiven jungen Mädchen bis zum alten Griesgram sind wirklich alle vertreten. Zuerst war ich überrascht, wie dick das Buch ist, aber es wird tatsächlich zu keinem Zeitpunkt langweilig.

    Das Schicksal der beiden Hauptpersonen ist auf eine sehr ungewöhnliche Art verwoben, aber letztendlich ist dies definitiv realistisch möglich,

    Natürlich kann man sagen, dass manche Dinge "zu leicht zusammenfinden", aber das ist ja gerade das magische: Es hat ja dort alles einen Grund, nichts ist an den Haaren herbeigezogen, es gibt keinen deus ex machina, alles wurde entweder angedeutet oder eine Verbindung ergibt sich durch besondere Zufälle.



    Ich muss sagen, dass mir das Buch sehr ans Herz gegangen ist und ich mich schon freue, wenn ich es in einigen Monaten in meinem Bücherregal entdecke und dann mit einer Tasse Tee noch einmal lese.

    Von mir volle Punktzahl, weil ich wirklich nichts auszusetzen habe!