Allee unserer Träume - Ulrike Gerold, Wolfram Hänel

  • Produktinformation (Amazon):

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    • Taschenbuch: 560 Seiten
    • Verlag: Ullstein Taschenbuch; Auflage: 1. (25. Januar 2019)
    • Sprache: Deutsch
    • ISBN-10: 3548291422
    • ISBN-13: 978-3548291420
    • ASIN: B07CVKYYGH


    Kurzbeschreibung (Verlag):

    Eine junge Architektin und ihr Traum von der größten Prachtstraße der DDR

    Berlin in den Nachkriegsjahren: Die Stadt liegt in Trümmern, doch die Lebenslust der Menschen erwacht. Die junge Architektin Ilse hat eine Vision. Sie will die Stadt wieder aufbauen und Wohnungen auch für die einfachen Arbeiter schaffen. Der Wettbewerb für den Bau der Arbeiterpaläste in der Karl-Marx-Allee in Ostberlin ist ihre große Chance. Als einzige Frau will sie sich gegen ihre männlichen Kollegen durchsetzen. Und ihre Pläne werden tatsächlich ausgewählt. Aber ihr Ehemann erpresst Ilse und gibt die Entwürfe als seine eigenen aus. Ilse soll den Architekten nur zuarbeiten. Enttäuscht fasst sie einen Entschluss: Sie wird diese Ungerechtigkeit nicht hinnehmen, sondern um ein freies Leben und den richtigen Mann an ihrer Seite kämpfen.

    Zu den Autoren (Verlag):

    Ulrike Gerold, Jahrgang 1956, studierte Germanistik, Theaterwissenschaften und Kunstgeschichte an der FU Berlin. Sie arbeitete als Produktions- und Öffentlichkeitsdramaturgin an verschiedenen Theatern. 1992 konzipierte sie das Theaterstrukturmodells IFFLANDS. Seit 1993 ist sie freie Journalistin für Kultur, Wissenschaft und Reise. Außerdem schreibt Ulrike Gerold Sachbücher für Kinder und Jugendliche sowie Reisegeschichten, seit 2012 auch Romane für Erwachsene (u.a. unter dem Pseudonym Freda Wolff).


    Wolfram Hänel, Jahrgang 1956, studierte Germanistik und Anglistik an der FU Berlin. Er arbeitete als Plakatmaler, Werbetexter, Theaterfotograf, Studienreferendar, Spieleerfinder und Dramaturg. Seit 1987 schreibt er Theaterstücke sowie Kinder- und Jugendbücher, seit 2007 auch Romane für Erwachsene (u.a. unter dem Pseudonym Kurt Appaz, gemeinsam mit Ulrike Gerold auch unter „Freda Wolff“). Inzwischen sind mehr als 100 Bücher von ihm erschienen, die in insgesamt 25 Sprachen übersetzt wurden.

    Meine Meinung:

    Ilse ist Architektin und möchte nichts lieber als ihre Pläne verwirklicht sehen. Allerdings lebt Ilse nicht mehr unter ihrem Namen, sie hat die Identität ihrer verstorbenen Schwester Marga angenommen, da sie selbst eine belastende Vergangenheit hat. Als sie ihre Pläne für eine Neubebauung in Friedrichshain vorstellt, trifft sie auf ihren Schwager Hartmut, der ihr Spiel mitspielt. Gemeinsam mit ihm schafft sie es, dass unter anderem ihre Pläne mit angenommen werden. Allerdings zu dem Preis, dass sie nicht als Urheberin der Pläne auftritt. So bekommt Ilse die Chance ihre Pläne umzusetzen und an der zukünftigen Stalin-, später Karl-Marx-Allee mitzuarbeiten. Ihren Schwager als ihren Mann auszugeben fällt ihr dabei nicht so schwer, haben doch beide ein gemeinsames Ziel.

    Doch mit dem Aufstand vom 17. Juni 1953 ändert sich alles und Ilse muss sich entscheiden, bleiben oder gehen.


    Der Klappentext des Buches ist so nicht ganz richtig. Ilse wird nicht von ihrem Mann erpresst, sondern sie und Helmut entscheiden gemeinsam ihre Pläne als seine auszugeben. Nur so kann Ilses Tarnung aufrecht erhalten bleiben und sie hat die Möglichkeit an der Verwirklichung mitzuarbeiten.

    Das Buch ist bei weitem komplexer als der Klappentext vermuten lässt. Die Protagonisten versuchen sich in ihrem Leben nach dem Krieg zurechtzufinden und in dem neuen Staat DDR ihren Platz zu finden und gleichzeitig ihre Träume wahr werden zu lassen. Dabei kollidieren diese teilweise auch einfach mit dem, was sich die Staatsführung gerade so vorstellt.

    Mir hat das Buch ausgesprochen gut gefallen, auch wenn ich anfangs meine Probleme mit den Zeitwechseln hatte. Anfangs wird immer abwechselnd aus dem Jahr 1950 und den Jahren davor erzählt. Dann laufen die beiden Geschichten zusammen und wir begleiten Ilse und Helmut bis zum Aufstand vom 17. Juni 1953. Dann gibt es einen Zeitsprung ins Jahr 1978 und einen Epilog, der 1989 spielt. Alle Kapitel sind mit der Zeitangabe und einer Kurzzusammenfassung überschrieben.


    Ilses Entwicklung war ausgesprochen glaubwürdig. Sie hat erkannt, dass sie von den Nazis missbraucht wurden und möchte deshalb mit Politik nichts mehr zu tun haben. Da der Bau der Stalin-Allee aber ein Politikum ist, ist sie ganz froh, dass Helmut sich in den Vordergrund stellt und sie im Hintergrund einfach nur bauen kann. Helmut hingegen biedert sich der politischen Führung an und versucht, egal wie, immer das Beste für sich heraus zu holen. Und obwohl er sich anbiedert ist er doch nicht ganz unsympathisch. Ihm liegt tatsächlich etwas an Ilse und teilt ihre Träume. Die beiden führen eine an sich nicht schlechte Scheinehe, die beiden mehr gibt als nur die Möglichkeit zu arbeiten.


    Was mir ein wenig gefehlt hat, wäre ein Nachwort gewesen, in dem noch auf die tatsächlichen historischen Hintergründe eingegangen wird. Es gibt zwar ein Vorwort, in dem klargestellt wird, dass die Geschichte erfunden ist, ebenso wie die Charaktere, aber trotzdem wurde der Plot ja von wahren Begebnissen inspiriert. Hier hätte ich mir ein genaueres Eingehen gewünscht.


    Alles in allem war es aber ein gut zu lesendes Buch, das mich sehr beeindruckt hat und mir sicherlich noch eine Weile nicht aus dem Kopf gehen wird.

    Von daher eine Leseempfehlung von mir!


    8 von 10 Punkte

  • Zu diesem Buch habe ich gegriffen, weil ich gerne mehr über das Frauenleben in der jungen DDR erfahren wollte. Über Emanzipation zwischen Kriegstrauma und Neubeginn. Über Alltagsprobleme, Politik und gesellschaftliche Entwicklungen. Das kam mir aber leider alles zu kurz. Zwar spielt die politische Situation immer wieder eine Rolle und auch der Arbeiteraufstand von 1953 kommt vor, aber insgesamt konnte ich mich nicht in die Zeit einfühlen. Ich habe es vermisst, das Lebensgefühl und die Atmosphäre dieser Zeit zu spüren und mitzuerleben.


    Dafür wird das Leben der Architektin Ilse Schellberger sehr breitgefächert erzählt. Von Kinderbeinen an über ihr Studium und ihre Arbeit an der „Allee der Träume“ bis hin zum Großelterndasein begleiten wir sie. Ehrlich – das hätte ich in der Fülle nicht gebraucht. Als Leserin hatte ich das Gefühl, jede Einzelheit wird mir vorgekaut, so dass kein Raum für eigene Interpretationen bleibt. Dazu kommt, dass Ilse immer alles meistert, immer den richtigen Riecher hat und natürlich schon vorneweg immer weiß, wer auf welcher Seite steht. So viel Perfektheit finde ich anstrengend, gerade, da ich manche Handlungen von ihr überhaupt nicht nachvollziehen kann. Da ist einiges der Dramatik zuliebe sehr aufgebauscht, daneben verlaufen aber wichtige Handlungsstränge plötzlich im Sande.


    Ungewöhnlich ist die „Zusammenfassung“ des Kapitels am Anfang jedes Abschnitts. Erinnert mich an frühere Kinderbücher. Nimmt aber einiges an Spannung und fand ich deshalb eher unpassend.


    Fazit: Es war ein unterhaltsames Buch – nicht mehr, nicht weniger. Deshalb sieben Durchschnittspunkte.

    „Aber das macht unser Leben aus, nicht wahr? Dass wir durch Begegnungen zu dem werden, was wir schlussendlich sind.“ Michael Düblin, Der kalte Saphir, Seite 263

  • 50er Jahre Berlin. Ilse Schellhaas hat schon immer davon geträumt, wie ihr Vater Architektin zu werden und hat sich mit viel Fleiß diesen Traum erfüllt. Nach dem Studium bekommt sie nun die Möglichkeit, in einem angesehenen Team von Architekten zu arbeiten und mit ihnen gemeinsam das Projekt „Stalinallee“ in Ost-Berlin zu entwerfen und zu verwirklichen. Allerdings lebt sie in einer Zeit, da Frauen als Architektinnen noch nicht ernst genommen wurde. Das will Ilse nicht hinnehmen und schafft sich dafür über ihren Mann eine neue Identität, um auf jeden Fall an dem Projekt mitarbeiten zu können. Aber was ihr erst hilft, wird bald zur Belastungsprobe, denn ihre Vergangenheit ist ihr auf den Fersen und droht, ihr mühsam erbautes Lügengebilde auffliegen zu lassen…


    Das Autoren Duo Ulrike Gerold/Wolfram Hänel hat mit ihrem Buch „Allee unserer Träume“ einen interessanten Roman vor historischer Kulisse vorgelegt, der den Leser auf eine Zeitreise mitnimmt in die Jahre kurz nach dem Krieg. Der flüssige Schreibstil lässt den Leser schnell in die Handlung eintauchen und sich an der Seite von Ilse wiederfinden, die nach dem Krieg in der ehemaligen DDR bei ihrer geschiedenen Mutter aufwuchs und unbedingt in die Fußstapfen des Vaters treten möchte. Durch Ilses Perspektive und ihre Sicht auf die Dinge kommt der Leser ihr sehr nah. Sehr detailliert gehen die Autoren auf die damalige Rolle der Frau ein und lassen den Leser diese durch Ilses Augen sehen. Die Frauenrolle war damals auf Ehe und Familie beschränkt,. Ingenieurberufe oder eine akademische Laufbahn traute man ihnen nicht zu. Die Geschichte wird nicht stringent erzählt, sondern wechselt immer wieder mal in die Vergangenheit, so dass der Leser einen guten Gesamteindruck bekommt. Spannung erzeugen die Autoren durch den Identitätswechsel von Ilse – der Leser wartet ständig auf den großen Knall, dass sie enttarnt wird und ihr alles um die Ohren fliegt. Da die Autoren sehr detailliert erzählen, wirken einige Abschnitte etwas langatmig, hier wäre etwas Straffung schön gewesen.


    Die Charaktere sind lebensnah und authentisch geformt und wirken aufgrund ihrer Eigenschaften manchmal recht eigenwillig. Doch hauptsächlich dreht sich alles um Ilse, während die übrigen Protagonisten eher Staffage sind. Sie ist eine Frau, die schon recht früh weiß, was sie will und sich vom Leben erträumt. Ilse lässt sich durch nichts aufhalten, ihre Wünsche zu erfüllen, was einiges an Einfallsreichtum und vor allem Mut erfordert. Ilse hat den Drang, ihre Umgebung zu verschönern, Häuser für die ärmere Bevölkerung zu entwerfen und zu bauen.


    „Allee unserer Träume“ ist ein interessanter Roman über die damaligen Zustände im Nachkriegsdeutschland, der Rolle der Frau und einer Protagonistin, die schon früh die Zeichen der Zeit erkannt hat und den Schritt in die Zukunft wagt. Auf jeden Fall eine Leseempfehlung wert!


    Für mich 4 Sterne wert.

    "Bleibe Du selbst, die anderen sind schon vergeben"(Oscar Wilde) :)

    "Bücher sind wie Drogen, nur ohne die Gefahr einer Überdosierung" (Karl Lagerfeld)

  • Meine Erwartungen an das Buch konnten die Autoren leider nicht erfüllen. Was als literarische Hommage an Hänels Mutter gedacht war, entpuppte sich als eine um ein Ereignis herumgeschriebene Geschichte, bei der die Mutter nicht viel mehr als ihren Namen für einen weitgehend erdachten Roman hergegeben hat. So stark war sie in Wirklichkeit nicht involviert, denn der große Unterschied beginnt schon damit, dass Ilse Schellhaas Architekturstudienpläne der Krieg verhindert hat.


    Aus dem Thema hätte man mehr machen können. Die Figuren blieben für mich blass, berührten mich nicht, die Handlungsstränge erscheinen mir recht konstruiert. Ilse kommt für mich nicht als die starke toughe Frau rüber. Einmal gibt Ilse, die Architektin, auf dem Schwarzmarkt „ein kleines Vermögen“ für neue Schuhe aus. Und als sie die die neuen Schuhe „schwarz, mit halbhohen Absätzen“ erstmals trägt, heißt es: „Helmuts anerkennende Blicke entschädigten sie mehr als genug für den schmerzhaften Druck des noch steifen Leders.“ Schmerz lass nach!


    Man kann das Buch lesen, aber es kommt leider für mich nicht an die sehr guten Unterhaltungsromane zu dem Thema Nachkriegsdeutschland/ Wiederaufbau/DDR ran. Ich bedauere das sehr, denn ich habe das Buch mit wohlwollendem Leseauge zur Hand genommen, da die Autoren nur wenige hundert Meter von mir entfernt wohnen. Da wünscht man den Autoren ein gutes Debüt auf einem neuen Parkett.

    Manche Bücher müssen gekostet werden, manche verschlingt man, und nur einige wenige kaut man und verdaut sie ganz.
    (Tintenherz - Cornelia Funke)