Beiträge von leselampe

    Wolf Haas

    Das Wetter vor 15 Jahren

    Hoffmann und Campe

    ISBN: 978-3-455-40004-5


    Unter dem Eindruck seiner Brenner-Krimis und seines Romans "Junger Mann" habe ich unvoreingenommen einfach mit dem Lesen begonnen, dann aber nach hinten durchgeblättert und dann etwas gestutzt. Ein Roman, der eigentlich nicht als Roman existiert, sondern nur im Interview mit einer Literaturzeitung entsteht, bzw. im Kopf des Lesers entstehen soll. Auf Seite 50 habe ich abgebrochen. Als Experiment ungewöhnlich und von der Kritik hochgelobt, mit dem Wilhelm-Raabe-Preis ausgezeichnet, finde ich es irgendwie als Zumutung. Wahrscheinlich verstehe ich nichts von moderner Literatur, so wie mich auch die Kubisten oder die Schmierereien eines Baselitz nicht berühren. Und das soll Kunst und vor allem Literatur. Kann mir jemand sagen, ob es besser wird?


    ASIN/ISBN: 3455400043

    Inhaltsangabe:

    Quincy Miller, ein junger Afroamerikaner, soll seinen früheren Anwalt erschossen haben. Trotz fehlender Beweise wird er zu lebenslanger Haft verurteilt und sitzt seit 22 Jahren im Gefängnis. Er wendet sich an die gemeinnütiger Organisation Guardian Ministries, die es sich zur Aufgabe gemachthat, unschuldig Verurteilte zu rehabilitieren. Cullen Post, der dortige Anwalt, übernimmt seinen Fall und erreicht eine Wiederaufnahme des Verfahrens, das mit seinem Freispruch endet.


    Meine Meinung:

    John Grisham ist ein Routinier und weiß, wie er den Leser bei der Stange hält. Aber alles läuft sich einmal tot. Dieser Roman liest sich wie eine Blaupause seiner anderen Justizthriller. Ab dem zweiten Drittel läuft alles wie am Schnürchen für Cullen Post, außer einigen notwendigen Störungen, die sich natürlich auch auflösen. Und wie schon in seinen anderen Thrillern, taucht dann der dringend benötigte wohl gesinnte Richter auf, und alles wendet sich zum Guten. Ich wollte das Buch ab der Mitte nicht weiterlesen, aber dann versprach es, doch noch spannend zu werden. Leider endet es dann fast wie eine Schnulze. Zu viel Routine, zu wenig richtige Spannung. Nichts Neues. Enttäuschend.


    John Grisham

    Die Wächter

    Heyne Verlag

    ISBN: 978-3-453-27221-7


    ASIN/ISBN: 3453272218

    Die Zeuginnen von Margaret Atwood


    Inhalt:

    Die Erzählung ist in Nordamerika angesiedelt. Ein Teil der USA sind von einer pseudoreligionsfanatischen Militärdiktatur erobert worden und heißt nun Gilead. In Wirklichkeit geht es um die uneingeschränkte Macht unter Männern. Frauen sind nur Gebärmaschinen, Dienerinnen und Aufseherinnen. Sie sind von jeglicher Bildung hermetisch abgeschottet. Aber es gibt eine kleine Gruppe von Frauen, die Tanten, die am Aufbau dieser Diktatur mitgeholfen haben. Sie sorgen mit brutaler Härte gegen ihre Geschlechtsgenossinnen für absoluten Gehorsam. Besonders die ranghöchste der Tanten geht buchstäblich über Leichen, um ihr Ziel, die Vernichtung von Gilead zu erreichen. Denn der Keim für dessen Untergang wurde bereits bei seinem Aufbau gelegt. der Roman ist die Fortsetzung ihres Bestsellers "Der Report der Magd".


    Meine Meinung:

    Über den meisterhaften spannenden Schreibstil von Margaret Atwood braucht man nicht reden. Hier geht es nun zum Einen um den Untergang einer unmenschlichen Diktatur, zum Anderen um den derzeitigen Zustand der politischen und gesellschaftlichen Systeme. Gilead ist zwar Fiktion, aber in der Interaktion mit existierenden Staaten Amerikas doch sehr real. Kanada, die Heimat der Autorin, gehört natürlich zu den Guten, bei denen Flüchtlinge aufgenommen werden. Ich fühlte mich sofort an radikale Theokratien der großen Religionen, Islam, Christentum, und Judentum erinnert, an gegenwärtige Militärdiktaturen und deren Hassideologie. Psychologisch ist der Roman sehr geschickt aufgebaut. Er erzählt die Geschichte aus der jeweiligen Perspektive verschiedener Zeuginnen und zwingt den Leser dadurch sein einfaches Urteil über Recht und Unrecht über Bord zu werden. In der Figur Tante Lydias, einer Mitbegründerin Gileads, stellt sie sehr radikal die Frage nach der Rechtmäßigkeit der Mittel, um ein Unrechtssystem zu stürzen. Wie kann ein Opfer selbst zum Folterer werden? Kann es jemals gerechtfertigt werden, am Aufbau eines Unrechtssystems mitzuwirken, um es dann stürzen zu können. Eine einfache Antwort darauf erhält der Leser nicht. Die gibt es nicht. Großartig.


    Margaret Atwood

    Die Zeuginnen

    Berlin Verlag

    ISBN: 978-3-8270-1404-7

    Nachdem mein Liebster für zwei Wochen nach Dänemark an die Nordsee gefahren ist, wärme ich mir nur einen übrig gebliebenen Pfannkuchen mit Spinat-Tomaten-Hackfleisch-Füllung auf. In der Pfanne, mit ein wenig Wasser drin auf kleiner Flamme. Durch den Dampf, der sich entwickelt, wird er wieder schön weich und frisch. Dazu grünen Salat.

    Kurzinhalt:

    Inmitten von Provinzleere, am Rande einer kaum frequentierten Landstraße, führt Herbert Szevko gemeinsam mit seiner resoluten Mutter eine alte Tenkstelle. Herbert ist lang, dünn, von mäßigem Verstande und Epileptiker. Eines Tages taucht im Dorf Hilde auf, im Gegensatz zu Herbert klein und dick, und lächelt sich in Herberts Herz. Sie arbeitet als Putzfrau im Hallenbad und Herbert trifft die Liebe wie ein Schlag. Er macht sich auf, Hilde zu erobern, ohne Plan, aber mit Erfolg. Genauso planlos geht es weiter. Herbert erschlägt das Dorfekel Greiner, als er Hilde vergewaltigen will, beide ergreifen die Flucht und schleppen dabei Herberts schwerkranke Mutter mit. Alles endet in einem grandiosen Showdown. Die Tankstelle mitsamt Herbert, Hilde und dem Fisch Georg fliegt in die Luft.


    Meine Meinung:

    Ich liebe Robert Seethaler. Seine Sprache ist so wunderbar leicht, einfach, humorvoll treffend und dabei voller Poesie und von einer großen Empathie für seine Figuren. Er braucht nicht die große Weltbühne, um großartige Literatur zu schreiben. Seine Bühne ist die Welt der kleine Leute, der Abgehängten, die sich tapfer dem Unausweichlichen stellen. Einfach wunderbar. Sonst kann ich dazu nichts sagen.


    Robert Seethaler

    Die weiteren Aussichten

    Verlag Kein & Aber

    ISBN: 9783036955254


    ASIN/ISBN: 3036959475

    So gesehen hast du natürlich Recht Mariion, natürlich steckt hinter diesen ganzen Wortkürzeln etwas Reales. Es ging mir hauptsächlich nur darum, wie unser Hirn funktioniert. Es kann nur zuordnen, was es bereits erkennt oder erlernt hat.Wenn ich noch nie mit einem Bus in Kontakt gekommen wäre, wüsste ich auch nicht, was das Wort bedeutet. Tja, unser Hirn ist zwar ein Riesencomputer, muss aber auch erst einmal mit den Daten gefüttert werden, die ihm unser Bauch (hören, sehen, riechen, schmecken, be-greifen, fühlen) übermittelt. Danke für deinen Like. :zwinker

    LG

    Leselampe

    Jetzt mal was anderes zu SuB. Immer wenn ich dieses Wort sehe macht mein Hirn sofort Bus draus. Wahrscheinlich, weil ein Bus etwas ist, was real ist, im Gegensatz zu SuB, das eigentlichkein Wort, sondern nur eine Aneinanderreihung von beliebigen Abkürzungen ist. Das bringt mich schon ins Grübeln im Bezug auf Realität, wenn ich unsere Sprache betrachte, die immer mehr auf beliebige Kürzel geschrumpft wird, die wahrscheinlich nur noch von der KI verstanden wird, die, im Gegensatz zum Hirn von der Realität abgekoppelt ist.

    Werd ich mir in der Bücherei bestellen. Das Alte Testament ist ja eine wahre Fundgrube an schillernden Charakteren. Spannender als mancher Thriller. Und ein Fundus an uralten Wahrheiten und Erfahrungen.

    Robert Seethaler - Jetzt wirds ernst


    Klappentext: Mit ungestümer Zärtlichkeit, entwaffnendem Humor und ganz dicht dran an seinen Figuren schildert Robert Seethaler den Werdegang eines Jungen aus einer kleinen Provinzstadt, der es auf Umwegen schafft, seinen Traum zu verwirklichen. Dabei erzählt er von Freundschaft, Mädchen, Sex, Geburt, Tod, dem Theater, schlechten Frisuren und pinkfarbenen Chevrolets. Dem ist wenig hinzuzufügen. Außer, dass man sich wundert, wie spannend das ganz normale Leben ist.


    Ich habe Robert Seethaler ziemlich spät entdeckt und er entwickelt sich zu einem meiner Lieblingsautoren. Seine Sprache erscheint manchmal unverblümt und ehrlich, aber nie ordinär. Seine Schilderungen sind voll mit prallem Leben und zärtlichem Einfühlungsvermögen bis hin zu schmerzlichem Mitleiden, dem ich mich als Leser einfach nicht entziehen kann.

    Großartig.

    Seltsamerweise kann ich mich gar nicht erinnern, in der Schule Böll gelesen zu haben. Diverse Erzählungen von Borchert, Romane von Musil und Anna Seghers, aber kein Böll.

    Vielleicht habe ich auch Erinnerungslücken.

    Böll ist ja auch ein konsequenter Sozi und Menschenfreund, der den Kölner Dom abreißen würde, um einen Menschen zu retten. So was war zu meiner Schulzeit - 60er und 70er - sehr suspekt. Wir haben ihn auch nicht gelesen.

    Ich meinte nicht AKK als Verteidigungsministerin sondern als Parteivorsitzende. Die Begeisterung, mit der sie in Seeon in den Verjüngungsvorschlag Söders einstimmte erinnerte mich an ihren ersten Auftritt mit Pompeji, bei dem sie sich so devot und unterwürfig gab, dass mir fast schlecht wurde. Und lustig ist natürlich ironisch gemeint, außer man findet, dass jemand, der sich über andere lustig macht, selber lustig ist.

    Ich kannte diese Ballade von Schiller noch nicht. Das Thema des Menschen, der die Natur (Gott, Schöpfer) erkennen will, um dann selbst zu sein wie Gott, ist ja des öfteren literarisch verarbeitet worden. Und nicht umsonst ist bei Naturvölkern das "Erkennen" eines Menschen (Foto, Namen) verbunden mit der Gewalt über ihn. Adam bekam Gewalt über die Dinge im Paradies, weil er ihnen einen Namen gab. Im Alten Testament spricht Gott auf die Frage nach seinem Namen "Ich bin der Ich bin". Jeder kann sich selbst ausmalen, was der Jüngling gesehen hat. Es spielt sich ja vor unserer Nase ab. Der Mensch geht an sich selbst zugrunde, weil er die Natur niemals beherrschen, sondern durch seine Gier nur zerstören kann.