Beiträge von SchreibwettbewerbOrg

    Heldenträume

    von Marlowe


    Manchmal träume ich so für mich allein

    ich werde einst eine Berühmtheit sein

    bekannt für meine Heldentaten

    obwohl von Freund und Feind verraten

    dennoch stets meine Wege gehend

    allen Gefahren in die Augen sehend

    ich stehe immer meinen Mann

    ich komme an, ich komme an.


    Mitstreiter verloren für mich ihr Leben

    doch mich wird es für immer geben

    ein jeder Kämpfer will mich bezwingen

    die schönsten Frauen mich besingen

    die Kämpfer leblos am Boden liegen

    die Frauen im Bette mich besiegen

    ich stehe immer meinen Mann

    ich komme an, ich komme an.


    Die Bedrohten meine Hilfe suchen

    die Mächtigen mich dafür verfluchen

    ich kämpfe für Gerechtigkeit

    dafür nehme ich mir alle Zeit

    ich bin zum Sieger auserkoren

    nur dafür wurde ich geboren

    ich stehe immer meinen Mann

    ich komme an, ich komme an


    Ihr solltet mir in diesem Leben

    endlich einen besonderen Namen geben

    wenn andere längst vergessen sind

    kennt mich noch immer jedes Kind

    denn sie wissen ja, es ist wahr

    ich helfe allen in jeder Gefahr

    ich stehe immer meinen Mann

    ich komme an, ich komme an


    Gerade jetzt ruft jemand nach mir

    keine Sorge, ich bin ja schon hier

    was ist geschehen, was kann ich tun

    wie, ich soll endlich was Vernünftiges tun

    nicht länger hier liegen und nur träumen

    und endlich mein Zimmer mal aufräumen

    ja Mama, wirklich, ich mach es dann

    ich fang gleich an, gleich fang ich an


    (So fluche ich ganz unerhört

    Legenden werden so zerstört)

    Flaschendrehen

    von Breumel


    Die Flasche drehte sich schnell auf dem Teppichboden, wurde dann immer langsamer und blieb schließlich liegen. Der Flaschenhals zeigte auf mich.


    "Wahrheit oder Pflicht?"

    "Pflicht." Besser keine peinlichen Fragen. Aber… Oh oh. Jennifer hatte so ein fieses Lächeln im Gesicht.

    "Stell dich mit einer brennenden Kerze vor einen Spiegel und rufe dreimal Bloody Mary!"


    Ich fühlte, wie es mir kalt den Rücken herunterlief. Das war nur ein alberner Aberglaube, eine von diesen urbanen Legenden, aber ich wollte es trotzdem nicht tun. Die anderen lachten, aber ich konnte sehen wie erleichtert sie waren, dass es nicht sie erwischt hatte. Ausgerechnet auf einer Halloween-Pyjamaparty!


    Jennifer hatte einen großen Wandspiegel in ihrem Zimmer. Vor den musste ich mich jetzt stellen, dann reichte sie mir eine der überall herumstehenden Kerzen. Vorher hatte ich die flackernden Kerzen stimmungsvoll gefunden, jetzt war mir die Stimmung vergangen und mir wurde flau im Magen.


    Ich sah Jennifers Gesicht hinter mir im Spiegel. Sie schaute mir über die Schulter und rief fordernd: "Nun mach schon! Wahrheit oder Pflicht – du hast Pflicht gewählt!"


    Würde ich das jetzt nicht durchziehen, wäre ich untendurch. Irgendjemand würde es bestimmt in der Schule herumerzählen und ich hätte einen Ruf als abergläubischer Feigling weg. Tief holte ich Luft, sah Jennifer, die immer noch in meinem Rücken stand, im Spiegel in die Augen und rief mit fester Stimme: "Bloody Mary! Bloody Mary! Bloody Mary!"


    Die Mädchen kicherten, ansonsten passierte nichts. Was ja auch zu erwarten gewesen war, schließlich hatte ich nicht wirklich geglaubt, dass mir die blutige Mary im Spiegel erscheinen würde. "Ich bin dran!" Wir setzten uns wieder hin, ich nahm die Flasche und drehte sie schnell in der Mitte unseres Kreises.



    Ich gähnte schon zum dritten Mal. "Sorry Mädels, ich gehe jetzt Zähne putzen und dann ab in den Schlafsack." Mit Zahnbürste und Zahnpasta bewaffnet verschwand ich im Bad. Als ich die Zähne putze, vermied ich den Blick in den Badezimmerspiegel. Ich kam mir albern vor, aber ich hasste Gruselgeschichten. Schließlich hob ich doch kurz den Blick. Alles wie immer. Nur mein müdes, etwas zerzaustes, mit Zahnpastabart geschmücktes ich. Mund ausspülen, Gesicht kurz abwaschen und fertig.


    "Bad ist frei!" Jennifer war die letzte, die noch nicht im Schlafsack lag. Sie wandte sich zum Bad und schloß die Tür hinter sich. Ich war gerade am eindämmern, da hörte ich einen erstickten Schrei und die Badezimmertür flog auf. Heraus taumelte Jennifer, mit bleichem Gesicht und schreckgeweiteten Augen. Auch sie hatte in den Spiegel gesehen, als ich Bloody Mary rief…

    Goldhöhle

    von Tante Li


    „Hier müsste jetzt laut Legende der Eingang sein“, sagte Bernd und schaute sich suchend um. „Meinst du die Legende von den vergoldeten Kindern?“ fragte Damien.

    „Nein!“ sagte Bernd. „Ich meine die Zeichenerklärung auf dieser Karte hier.“ Er hielt ihm die alte Wanderkarte unter die Nase und deutete auf die Symbole am Rand. „Die Sage von den goldenen Kindern ist wahrscheinlich nur ein symbolisches Märchen.“

    „Wäre doch toll, wenn wir vergoldet aus der Höhle herauskämen. Karin würde sich freuen.“ „Wenn Lorena auf mich ein Jahr warten müsste, würde sie sich wahrscheinlich weniger freuen. Nach dieser Geschichte waren die Kleinen ein ganzes Jahr und einen Tag verschwunden bevor sie als Goldkinder wieder auftauchten.“

    „Wenn wir die Höhle erst gar nicht finden, erübrigt sich die Überlegung.“ Damien rief seine Wander-App auf und suchte darin herum. „Nach dem GPS ist hier gar nichts dergleichen.“ Bernd hielt sich lieber an die Papierkarte in seinen Händen und spähte durch das dichte Unterholz zu beiden Seiten des Wanderweges.

    „Dort ist eine Felswand“, rief er schließlich und bahnte sich einen Weg durch das Gestrüpp. Damien maulte „Eine Felswand ist noch keine Höhle“, aber er folgte seinem Freund durch die Büsche einen leichten Abhang hinauf.


    Dann verdeckten nur noch ein paar Haselnusssträucher teilweise den unteren Rand des Kalkfelsens. „Lies mir noch mal die Stelle mit den Haselnüssen vor“, forderte Bernd. Damien rief die Textdatei auf und las: „Alsbald kamen die beiden an der Kante zu einem dicht behängten Haselstrauch. Erfreut pflückten sie die Nüsse, stillten ihren ärgsten Hunger und sammelten für ihre Familie ein ganzes Säckchen voll. Als sie die Sonne untergehen sahen, hielten sie ein und wandten sich der Heimat zu.“ „Halt!“ rief Bernd. „Sie sahen die Sonne untergehen. Also müssen sie einen Blick nach Westen gehabt haben.“ Er holte seinen Kompass aus der Tasche und hielt ihn waagerecht. „Wir sind hier im Nordosten der ‚Kante‘ - lass uns am Felsen entlang in Richtung Süden gehen.“

    Wieder arbeiteten sie sich durch das dicht bewachsene Unterholz entlang der Felsnase bis sie sich nach Westen kehrte. Schließlich fanden sie erneut einen Haselnussstrauch. Damien holte noch einmal den Text auf sein Smartphone und las laut: „Keine drei Schritte hatten sie getan, als sie ein unwiderstehliches Blinken lockte.“ Er sah sich im Schatten der Bäume um. Die Frühlingssonne tauchte alles in mildes Licht. „Hier blinkt gar nichts!“


    Bernd ließ seinen Blick über den unteren Rand des Kalkfelsens streifen. Hinter einem angewehten Laubhaufen sah es verdächtig dunkel aus. „Dort!“ rief er und eilte darauf zu. Mit beiden Händen schaufelte er das trockene Laub vor der Höhle weg. „Da geht es tiefer rein.“ Er holte seine Taschenlampe aus seinem Rucksack und leuchtete in das große Loch. Damien hatte das Licht seines Handys bereits aktiviert und ließ es ebenfalls in diese Richtung strahlen. „Wow! Du hattest Recht! Das scheint wirklich der Eingang zu sein.“

    Erfreut sagte Bernd: „Ja! Zieh deinen Helm an. Mal sehen, wie tief es geht.“ Der Einlass war etwa einen halben Meter hoch und einen knappen Meter breit. „Kinder hätten hier besser durchgepasst.“ Sie setzten ihre Helme mit den Stirnlampen auf, nahmen die Rucksäcke ab und schoben sie vor sich durch das Loch. Bernd, der vorne kroch, sagte: „Hier geht es gleich ziemlich abwärts und um eine Kante. Noch viel Laub auf dem Boden.“ Er schaufelte einiges davon nach hinten, das Damien weiter nach draußen schob. „Wir bauen uns damit ziemlich zu. Also falls uns einer suchen sollte, ist von unserem Weg nicht mehr viel zu sehen.“

    „Keine Sorge! Wir befestigen gleich ein Seil an diesem Stalagmit. Dann sind wir gesichert.“


    Karin und Lorena warteten voll Sorge ein ganzes Jahr.

    Teddy

    von Inkslinger


    Wann taucht der Typ endlich auf?

    Seit einer geschlagenen Stunde sitze ich mir hier den Hintern platt. Man könnte meinen, er wäre der Rockstar, nicht ich.

    Viele denken, das Leben als Rockstar ist aufregend. 24/7 Ruhm, Glamour, Groupies und Musik. Doch die meiste Zeit wartet man. Auf seine Bandkollegen, dass der Tourbous irgendwo ankommt oder der Gig endlich anfängt und die Leute dir zu jubeln können. Und auf verkackte Leute, die dich mit Fragen löchern wollen, aber nicht einmal die Uhr lesen können!

    Meistens macht mir das nichts aus, aber heute weckt es Mordgelüste in mir.

    Endlich höre ich die erlösenden Worte. “Mr Bradfield?”

    Ich schaue hoch. Neben mir steht ein untersetzter Mann mittleren Alters.

    “Wer die Eier hat, mich solange warten zu lassen, darf mich James nennen.”

    “Okay, James. Sagen Sie Brian zu mir.”

    Brian pflanzt seinen breiten Hintern in den Sessel gegenüber. Sein Anzug knistert wie Butterbrotpapier. “Wie geht es Ihnen?”

    Ist das sein Ernst? “Was denken Sie denn, Brian?”

    “Na gut, überspringen wir den Smalltalk.”

    „Sehr gerne. Stellen Sie Ihre Fragen.”

    Brian holt einen Notizblock aus seiner Brusttasche und liest in aller Seelenruhe.

    Ich wappne mich innerlich gegen die erste Frage, werde aber trotzdem überrascht.

    “Können Sie bitte die Sonnenbrille abnehmen?”

    Wortlos folge ich seiner Bitte. Ich will nur, dass das alles endlich vorbei ist.

    Brian grinst. “Besser. Erzählen Sie mir von sich.”

    “Da gibt’s nicht viel zu sagen. Ich komme aus einem Kaff in Wales. Bergbauhochburg. Ist in den 80ern ziemlich vor die Hunde gekommen. Das kennt man ja.”

    “Die eiserne Lady hat ihre Spuren hinterlassen.”

    “Deswegen haben wir die Band gegründet. Um dem scheiß System den Kampf anzusagen.”

    “Ziemlich viel Punk für eine Rockband.”

    “Wir sind ein Genre für sich, Brian. Wir scheren uns nicht um Labels. Jede neue Musikgeneration muss das Erbe der vorherigen zerstören. Das haben wir getan.“

    “Wann haben Sie gemerkt, dass es aus dem Ruder läuft?”

    Ich schlucke. “Vor ein paar Monaten… Teddy war schon immer hart an der Grenze, hat sie aber nie überschritten.”

    “Teddy?”

    “Ja, so haben wir ihn schon in der Schule genannt.”

    “Was ist passiert?”

    “Wir haben unsere neuen Songs in Thailand promotet. Bei einem Konzert hat Teddy sich das Hemd runtergerissen und allen seine Brust gezeigt. Er hatte sich mit einem Messer übel zugerichtet. Alles hing in Fetzen und wurde nur von Zigarettenbrandnarben zusammengehalten.”

    “Wie haben die Fans reagiert?”

    “Ich weiß nicht. Ich habe nur auf Teddy geachtet. Er hat alle aufgefordert, sich für ihn die Arme aufzuschneiden. Sie sollten seinen Schmerz und Welthass teilen. Ich und die anderen haben das Set schnell zum Schluss gebracht und ihn von der Bühne geholt. Danach war er zehn Wochen in Therapie. Es ging ihm besser.”

    “Sie bleiben also bei ihrer Aussage? Sie denken immer noch, dass er wieder auftaucht?”

    Ich weiß nicht mehr, was ich denke. Seit zwei Wochen ist Teddy verschwunden, ohne Pass und Kreditkarten. Aber er hatte zuvor 2000 £ abgehoben. Damit kann er eine Weile auskommen.

    Ich nicke langsam.

    Brian klappt seinen Block zu und guckt mich lange an. “James, wir haben seinen Wagen gefunden. An der Severn Bridge.”

    Ich schüttle energisch den Kopf. “Er hat sich immer gegen Selbstmord ausgesprochen... Das würde er nicht tun…”

    “Es deutet alles darauf hin. Tut mir leid, James.”




    Das ist jetzt 25 Jahre her.

    Mittlerweile habe ich akzeptiert, dass Teddy ein Mitglied im Klub 27 ist. Trotzdem zahlen wir immer noch seinen Anteil Tantiemen auf sein Konto ein, falls er je zurückkommen sollte.

    Wir sehen uns jenseits von Cardiff, mein Freund.

    Semester 184

    von R. Bote


    Nur ein kleines Schild wies den Erstsemestern den Weg: „Einführungsveranstaltung Keltologie Raum 2.04“. Der Saal im zweiten Stock gehörte zu den kleineren Seminarräumen der altehrwürdigen Hochschule, und ein größerer war auch nicht nötig. Wenn die Zahl der Studenten, die sich zu Beginn des neuen Semesters für diesen doch eher exotischen Studiengang anmeldeten, zweistellig war, dann war das schon viel.

    Frederick zählte neun Häupter, davon waren sieben Frauen. Bis zum Beginn der Einführungsveranstaltung, die der Dekan der kleinen Fakultät halten sollte, war noch etwas Zeit, aber Frederick glaubte nicht, dass noch jemand kommen würde.

    „Ich hab gehört, hier soll es spuken!“, sagte er zu seiner Sitznachbarin, einer jungen Frau mit pechschwarzem Haar und ein paar Sommersprossen im Gesicht. Seine Kommilitonin schmunzelte. „Der berühmte ewige Student?“, meinte sie. „Den hat doch jede Uni.“ Frederick schüttelte den Kopf. „Nein, der Geist einer Studentin, die vor fast 100 Jahren hier gestorben ist.“ „Hier?“, echote die Kommilitonin, und Frederick nickte. „Der Legende nach ist es bei einer Burschenschaftsfeier passiert. In den Burschenschaften waren zwar nur Männer, aber für ihre Partys haben sie wohl doch gerne ein paar Frauen eingeladen. Was genau war, weiß keiner, weil alle, die es wussten, eisern geschwiegen haben, aber sie ist spät in der Nacht aus dem Fenster gestürzt und war sofort tot.“ „Weißt du, wie sie hieß?“ Frederick nickte. Er mochte solche geheimnisvollen Geschichten und freute sich, dass seine Kommilitonin darauf einging. „Caitriona“, antwortete er. „Sie war Irin, aber in Deutschland aufgewachsen. Die Polizei hat damals am Ende die Akten geschlossen. Unfall, hat es geheißen, sie wäre betrunken gewesen und hätte sich nicht mehr halten können. Die Legende behauptet, dass das nicht stimmt, angeblich hätte jemand nachgeholfen, dass sie fällt, jemand, der aus einer Familie stammte, die genug Einfluss hatte, um dafür zu sorgen, dass die Polizei nicht tiefer gräbt. Seitdem geht sie um auf der Suche nach ihren Mördern. Wenn’s so ist, dann könnte sie aufhören damit, die müssten mittlerweile ja weit über 100 sein, da lebt bestimmt keiner mehr. Sie könnte sich höchstens an die Nachfahren halten, wenn es welche gibt.“ „Vielleicht will sie genau das“, meinte seine Nachbarin. „Dann müsste ich mir Sorgen machen“, antwortete Frederick lachend. „Einer von den Studenten, die nachweislich auf dieser Feier waren, hieß genauso wie ich. Reiner Zufall hoffentlich!“ „Ja, hoffentlich!“, pflichtete seine Kommilitonin ihm bei. Sie lächelte, aber es wirkte hintergründig, und irgendwie hatte Frederick ein merkwürdiges Gefühl dabei.

    Sie stand auf, ließ aber ihre Tasche auf dem Tisch liegen. „Bin gleich wieder da“, kündigte sie an.

    Im Vorbeigehen stieß sie an ihre Tasche, und ohne dass sie es merkte, öffnete sich ein Seitenfach, und ein Studentenausweis rutschte heraus. Frederick fiel ein, dass er seine Kommilitonin eigentlich längst mal nach ihrem Namen hätte fragen können. Er nutzte die Gelegenheit und neigte den Kopf, um ihn vom Ausweis abzulesen: „Caitriona Hannigan.“

    :welle


    Ich freue mich, die Gewinner des Schreibwettbewerbs bekanntzugeben!


    1. (18) Ein ganz normaler Freitag von Inkslinger

    1. (18) Kollateralschaden von Breumel

    3. (16) Totenwache - Wachentod von R. Bote

    4. (8) Das Ritual von polli

    5. (4) Warte, werde... von Marlowe

    6. (3) Der Strand von Sinela

    6. (3) Der Baum von Johanna


    :danke Allen Schreibern, Bewertern und Kommentatoren fürs Mitmachen!


    Inkslinger Du bist dran, dir ein Thema auszusuchen!:wave

    Der Strand

    Sinela


    Mit kräftigen Flossenschlägen schwamm die Meeresschildkröte durch das Wasser. Ihr Instinkt ließ ihr keine Wahl, als genau an dem Strand an Land zu gehen, an dem sie vor vielen Jahren geboren worden war. Im Licht des Vollmondes verließ sie das nasse Element, das ihre eigentliche Heimat war, und lief über den Strand um eine geeignete Stelle für ihr Vorhaben zu finden. Dort begann sie ein Loch zu graben und als es tief genug war, begann sie mit der Eiablage. Nach getaner Arbeit begann sie den vorher weg geschaufelten Sand wieder in die Grube zu werfen. Immer höher wurde der Berg, bis die Schildkröte zufrieden war und sie sich wieder auf den Weg zurück zum Meer machte.


    „Wahnsinn“, flüsterte Sarah, die zusammen mit ihrem Begleiter am Waldrand zwischen einigen Bäumen lag. „Das ist jetzt schon die vierte Schildkröte heute Nacht, die ihre Eier hier abgelegt hat, und es ist erst 23 Uhr.“

    „Es ist wirklich faszinierend, was die Natur hier geschaffen hat. Die Sonne brütet die Eier aus; während bei Temperaturen über 29,9 C° nur Männchen schlüpfen, schlüpfen bei höheren Temperaturen ausschließlich Weibchen.“flüsterte Nick zurück. „Und das wundert mich nicht, wo Frauen doch so schnell frieren.“

    Sarah versetzte dem jungen Mann einen Stoß mit dem Ellenbogen, musste dann aber doch grinsen.

    „Oh, schau mal, da kommen gleich mehrere Schildkröten auf einmal an Land. Sie sind einfach nur wunderschön.“

    Als keine Antwort kam, sah sie ihren Begleiter an und bei dem Blick, den er ihr zuwarf, begann sie schneller zu atmen.

    „Du bist wunderschön, Sarah. Ich möchte dich gerne küssen, darf ich?“

    Diese Frage kam nicht völlig überraschend für die junge Frau, denn schon die ganze Zeit, in denen sie mit Nick Wache am Strand schob, war da diese Spannung zwischen ihnen gewesen. Deshalb nickte sie nur und der junge Mann eroberte mit einem tiefen Seufzen ihre Lippen. Der Kuss ging in einen weiteren über, wurde leidenschaftlicher.

    „Komm, lass uns ein Stück in den Wald hineingehen, damit uns niemand sieht. Ich möchte dich dort so sehen wie Mutter Natur dich schuf.“

    Sarah erzitterte vor Verlangen, ihr Herz raste, aber ihr Verstand ließ sie nicht so einfach gehen.

    „Aber wir können hier doch nicht weg. Was, wenn ausgerechnet dann jemand kommt, um die Schildkröteneier zu stehlen, wenn wir nicht hier sind?“

    „Ach komm, es ist jetzt die ganzen Nächte ruhig geblieben, die Eiablagezeit ist bald vorüber, da wird nicht ausgerechnet jetzt etwas passieren.“

    „Na gut“, antwortete Sarah zögernd. Nachdem sie sich ein letztes Mal umgesehen hatte, folgte sie Nick in den Wald hinein.


    Es dämmerte bereits, als die Beiden zurück zum Stand gingen. Immer wieder blieben sie dabei stehen, um sich zu küssen. Als sie aus dem Wald traten, blieben sie wie erstarrt stehen.

    „Nein, das kann nicht! Nein! Nein! Nein!“

    Sarah riss sich von Nicks Hand los und rannte über den Sand. Über den gesamten Strand verteilt waren Löcher gegraben worden, kein einziges der in dieser Nacht gelegten Eier befand sich mehr darin. Sarah drehte sich zu Nick um, der ihr gefolgt war.

    „Wir hätten nie hier weg gehen dürfen! Wir hatten doch die Verantwortung für all diese kleinen Schildkröten, die jetzt nie geboren werden! Wir sind schuld, dass die Eier für immer verloren sind!“

    Sarah schlug in ihrer Verzweiflung auf Nick ein, während die Tränen unaufhaltsam über ihre Wangen rannen.

    „Es tut mir leid, ich hätte nie gedacht ...“

    „Hör auf!“, schrie Sarah ihn an. „Hör einfach auf!“

    Sie drehte sich um und rannte über den Strand, der nun wegen ihnen doch keine Kinderstube für Meeresschildkröten werden würde.

    Der Baum

    Johanna


    Einst war er noch sehr klein

    Und stand auch nicht allein

    Wenn auch nur aus Holz

    So war er trotzdem stolz

    Er wuchs und wuchs, in die Höhe hinein


    Die Jahre, sie gingen ins Land

    Unser Freund entwickelte sich rasant

    Um ihn herum wurds immer lichter

    Bald fehlte ihm der Nachbarn Geflüster

    Er aber blieb stehen und wirkte markant


    Wo stand einst ein schöner Wald

    Verdrängten ihn die Häuser bald

    Es lärmte und es stank

    Beinahe wurde er ganz krank

    Noch stand er und trotzte dem Asphalt


    Es kam der Tag, da sollte er weichen

    Als eine der letzten verbliebenen Eichen

    Urplötzlich wurde den Menschen bewußt

    Was wäre das für ein großer Verlust

    Sie mußten setzen ein deutliches Zeichen


    Erbittert kämpften sie um ihre Welt

    Auf dass diese sich noch lange erhält.

    Heute wacht der Baum ganz stark und groß

    Die Kämpfer waren grandios

    Denn der Baum ward nicht gefällt

    Ein ganz normaler Freitag

    Inkslinger


    Heute ist der härteste Tag des Jahres. Na ja, eigentlich hatte ich dieses Jahr schon ein paar davon, aber wie die meisten Menschen neige ich dazu, unangenehme Wahrheiten zu verdrängen. Andernfalls könnte ich meinen Job nicht so ausgezeichnet erfüllen, wie ich es tue.

    Mein heutiger Auftrag ist besonders wichtig. Bianca Voss, 34 Jahre alt, Mutter von drei Kindern. Keiner meiner Kollegen wollte den Auftrag übernehmen. Also eine Möglichkeit für mich zu glänzen wie ein Swarovski-Handtäschen im Sommer. Vielleicht bleibt dann der blöden Gina ihr Kreissägenlachen im Hals stecken, wenn sie das nächste Mal mit ihren Tussis über mich lästert.



    Als mein Zielobjekt um sechs Uhr aus den Federn hüpft, habe ich sie gleich im Blick. Sie scheint unkompliziert zu sein. Einfach gestrickt und beeinflussbar, so hab ich sie am Liebsten.

    Zum Glück muss ich mich nicht um ihre Blagen kümmern. Die haben einen ziemlichen Hau. Die Große schmiert sich literweise Schminke ins Gesicht und sticht sich mit ihrem Kajalstift fast ein Auge aus. Die Mittlere geht mit geschlossenen Augen durch ein fieses Minenfeld aus Matchbox-Autos und Legosteinen. Der Kleine spuckt wie eine defekte Ballmaschine ununterbrochen Nichtigkeiten aus und verschluckt sich dabei regelmäßig an seiner eigenen Spucke.


    Vielleicht wird es doch ein ganz locker Tag für mich.

    Wieso wollte keiner meiner Kollegen den Einsatz übernehmen? Sind die alle blöd oder sitze ich in einer cleveren Falle, die sich die unausstehliche Gina für mich ausgedacht hat? Ich gehe einfach von Ersterem aus und bleibe entspannt auf meinem Posten.


    Nach langweiligem Alltags-Blabla verlassen die Kinder das Haus, um sich ihrer geistigen Entwicklung zu widmen (viel Erfolg dabei!). Bianca erledigt ihre Hausarbeit, die bis auf einen Beinahe-Griff in ein hochkant stehendes Messer im trüben Abwaschwasser unspannend bleibt, und macht sich dann auf dem Weg zur Arbeit.


    Krass! Sie biegt auf das Gelände eines Fernsehstudios ein. Beschatte ich hier etwa einen Fernsehstar? Nimm das, Gina!

    Meine Euphorie legt sich ein wenig, als sie nach einem kurzen Geplänkel mit dem Pförtner in der Umkleide ankommt. Nur ein Spind von vielen. Kein Star mit eigener Garderobe. Aber ich will mal nicht so sein. Es gibt keinen unwichtigen Job, nur unwichtige Menschen – oder wie ging der Spruch doch gleich?


    Ich folge ihr ins Studio 7. Eine riesige Halle, vollgestopft mit Kulissen, Requisiten und Krach. Die Scheinwerfer brutzeln, die Assistenten schwirren umher, Kostümleute zupfen, Schauspieler plappern.

    Bianca wird freundlich begrüßt und in ein Kostüm gesteckt. Jetzt sieht sie aus wie ein adipöses Krümelmonster in Trauer. Mich stört es nicht. Ich beurteile Menschen nicht nach ihrem BMI oder ihren Vorlieben. Wenn jemand voll kostümiert ein 10-Meter-Gerüst raufklettern will…


    Moment mal! Was macht sie denn da oben? Hangelt sich elegant wie King Kong hoch, stellt sich an den Abgrund und guckt den Megafon-Typen drei Stockwerke tiefer befehlshörig an. Was ist in ihrem Leben bloß schief gelaufen?!

    Der Angehimmelte hebt sein Sprechrohr und schreit: „Action!“

    Kaum ist sein Befehl verhallt, tritt ein schwarzgekleideter Kerl hinter Bianca, verpasst ihr ein paar Schläge und schubst sie in die Tiefe. Als sie windzerzaust aber freudestrahlend aus dem Riesenluftkissen gekrabbelt kommt, erkenne ich die entsetzliche Wahrheit: Sie haben mir eine Stuntfrau zum Beschützen gegeben! Diese miesen kleinen…



    Nach sieben Stunden nervenaufreibender Schicht kehrt Bianca in die Umkleide zurück. Dank mir hat sie bis auf ein paar blaue Flecken nichts abbekommen.

    Eine ihrer Kollegen kommt in den Raum. „Hey, super reagiert vorhin! Hast den verdrehten Gurt beim Autocrash gut abgefangen. Scheiß Freitag der Dreizehnte, was?“

    Bianca nickt und grinst. „Mein Schutzengel braucht heute bestimmt einen Schnaps zur Beruhigung.“

    Nicht nur einen, Mädel, nicht nur einen.