Kollateralschaden
Breumel
"Gute Nacht, Schnuffelchen, schlaf jetzt schön." Liebevoll streicht sie Can das Haar aus der Stirn und gibt ihm einen Kuss.
"Mama? Ich habe Angst."
"Ich auch", denkt sie, aber das darf sie ihm nicht sagen. Für einen Vierjährigen ist diese Welt beängstigend genug geworden.
"Ich passe auf dich auf. Heute bin ich mit Nesrin auf dem Dach. Wenn wir etwas sehen, komme ich ganz schnell hierher und bringe dich in Sicherheit. Und Tante Alena ist im Wohnzimmer und bleibt bei dir, bis meine Wache vorüber ist."
"Kannst du nicht noch etwas bei mir bleiben?" Mit großen Kinderaugen sieht er sie an.
Verstohlen sieht sie zum Fenster. Die Dämmerung setzt gleich ein. Sie muss los, denn mit der Dämmerung kommen die Flugzeuge.
"Zwei Minuten. Aber wenn ich zurückkomme, decke ich dich nochmal zu."
Er nimmt ihre Hand und schmiegt sich in sein Kissen. Es ist immer noch fremdartig, ihren Sohn nicht in seinem Schlafanzug zu sehen, wenn er im Bett liegt. Aber wenn der Alarm ertönt, müssen sie schnell sein. Dann ist keine Zeit zum Umziehen. Die Schuhe stehen vor dem Bett und die Jacke hängt griffbereit über dem Stuhl. Die Tasche mit den Papieren, etwas Geld und ihrem Schmuck steht neben der Wohnungstür. Sie betet, dass dies nicht eines Tages alles ist, was von ihrem bisherigen Leben bleibt.
Leise verlässt sie die Wohnung. Auf dem Dach trifft sie auf Dilara.
"Wo ist Nesrin? Sie sollte doch heute mit mir die erste Wache halten."
"Sie hat jemanden gefunden, der sie und die Kinder zu ihren Eltern fährt."
Das dürfte sie einiges gekostet haben, aber wenn Dana Verwandtschaft auf dem Land hätte wäre sie auch längst fort. Leider kommt sie, ebenso wie ihr Mann, aus der Stadt. Ins Ungewisse will sie nicht fliehen, und vielleicht kommt Malik ja bald zurück und dann findet er sie hier, wo sie mit den anderen Frauen die Stellung hält. Im Haus leben nur noch Frauen, Kinder und alte Leute. Die Männer sind an der Front. Ab und an gibt es Nachrichten übers Handy, und jede der Frauen hofft, dass es nur ein technisches Problem ist, wenn die Nachrichten ausbleiben.
Die Frauen stellen sich Rücken an Rücken, um den Horizont zu beobachten. Neben ihnen ist eine primitive "Alarmanlage", gebastelt aus Eimern, Konservendosen und Stöcken. Sollten die Flugzeuge auftauchen, veranstalten sie genug Lärm, um alle Hausbewohner aufzuwecken, bevor sie zu ihren Familien rennen und sich in Sicherheit bringen. Es gibt auch offizielle Sirenen, aber darauf wollen sie sich nicht verlassen.
Es wird eine lange, kalte Nacht werden. Ihre Wache geht bis Mitternacht, dann werden sie von zwei andere Frauen abgelöst werden. Sie unterhalten sich leise, doch schließlich versinkt jede in Gedanken und beobachtet schweigend den Horizont. Sie eint der Wunsch, ihre Familien zu beschützen, die Angst vor den Angreifern und die Wut auf die Verbündeten, welche sie im Stich gelassen haben. Sie stehen auf diesem nächtlichen Dach, um ihre Familien zu beschützen, weil niemand sonst es tut. Wenn sie sterben sind sie nur eine Zahl in einer Statistik. Doch jede dieser Zahlen trug einst einen Namen.
