Beiträge von Sonnenschein12

    Ist es heute so viel anders? Ich möchte hier keine politische Diskussion beginnen, aber ich bin der Meinung, dass auch heutzutage jeder sehen muss, wie er zurecht kommt.

    Ja, auch heute muss jeder sehen, wie er zurechtkommt, da hast Du vollkommen recht...

    Aber ich glaube, es war früher einfach "existentieller" (und mir führt dieses Buch wieder einmal deutlich vor Augen, dass es ja noch gar nicht sooo lange her ist): wenn Du da keine Arbeit hattest, hattest Du auch keine Geld, keine Wohnung, kein Essen, keine Kleidung usw. Auch ich möchte keine politische Diskussion anfangen, aber in weiten Teilen befürworte ich das "soziale Netz", was wir heute in Deutschland haben...

    Dunkle Schatten der Vergangenheit erreichen die Gegenwart...


    Ich glaube, ich kenne alle Bücher der Havel-Reihe von Tim Pieper – und bin immer wieder aufs Neue begeistert! Jedes Mal denke ich: nun ist aber keine Steigerung mehr möglich – doch der Autor kann stets noch einen „draufsetzen“...

    Man kann die Bücher auch sehr gut einzeln lesen, die Fälle sind in sich abgeschlossen. Aber ich persönlich finde immer, bei Reihen lohnt es sich, sie möglichst nacheinander zu lesen, da man die Entwicklung der Protagonisten dadurch besser nachvollziehen kann.

    Aber „Raue Havel“ hat mir besonders gut gefallen: Herr Pieper greift einerseits einen alten (historisch belegten) Spionagefall aus dem Jahr 1949 auf, vermischt ihn gekonnt mit einer wahren Begebenheit aus dem Jahr 1946, bei der einige 15-/16-jährige Schüler von der sowjetischen Besatzungsmacht zum Tode verurteilt wurden, weil sie den Russisch-Unterricht „geschwänzt“ hatten. Ein fiktiver Roman aus der Gegenwart, aber nach historischen Vorbildern... Deshalb spielt die sog. „verbotene Stadt“ der sowjetischen Geheimdienste in Potsdam eine wichtige Rolle.

    Ein Fall, der Toni Sanftleben (berechtigterweise) persönlich sehr mitnimmt und ihn an seine Grenzen bringt. Wir lernen Tonis Mutter Vera kennen und wissen nun, warum sie so ein distanziertes Verhältnis (um es mal vorsichtig auszudrücken) zu ihrem Sohn und Enkelsohn gehabt hat. Aber weitere inhaltliche Details sollen hier nicht verraten werden...

    Geschrieben ist die Geschichte in zwei Zeitebenen: 1949 und Gegenwart, beides ist aber durch Kapitelüberschriften gut erkennbar.

    Nach dem Lesen des Nachworts wird deutlich, welche Ereignisse wann, wo und warum stattgefunden haben, so dass wir Leser*innen eine gute Grundlage haben, evtl. selbst noch weitere Informationen einzuholen (z.B. werde ich – wenn ich mal wieder nach Potsdam komme – die Gedenkstätte in der Leistikowstraße besuchen).

    In der Gegenwart hat mir Tonis Kriminalkommissar Nguyen Duc Phong (Phong genannt) besonders gut gefallen. Ich kannte ihn schon (er gehört ja quasi zur „Familie“), aber ich fand, diesmal ist er arbeitstechnisch und persönlich über sich selbst hinausgewachsen. Er hat Toni mehrmals besonnen „geerdet“ und ihn vor dienstlichen „Dummheiten“ bewahrt.

    Meiner Meinung nach ist es hier dem Autor perfekt gelungen, beide Handlungsstränge miteinander zu verzahnen, d.h. Toni und seine Kollegen hatten zu einem gegenwärtigen Mordfall noch die Mordfälle aus dem Jahr 1949 aufzuklären – und einige „böse“ Menschen waren sehr interessiert, sie zu vertuschen – und schreckten vor Mordversuchen nicht zurück, um ihre Geheimnisse zu schützen!

    An manchen Stellen habe ich regelrecht mitgefiebert (und nachts einige Male zu lange gelesen), aber es hat sich gelohnt! Ich hoffe sehr auf weitere Bände mit Toni, habe mich aber selbst erstmal mit „Mord unter den Linden“ getröstet, einem historischen Krimi, in dem Tonis Großvater ermittelt…

    Ich kann die gesamte Havel-Reihe nur wärmstens weiterempfehlen; Menschen mit Interesse für die deutsche Geschichte nach dem 2. Weltkrieg sei die „Raue Havel“ besonders ans Herz gelegt!

    wie Hedda in der Hinsicht einzuschätzen ist

    Hedda finde ich eine ganz interessante Person, auf ihre weitere Entwicklung bin ich sehr gespannt: ihr klares Ziel (Amerika) vor Augen, ihre Diebstähle, um eben dieses Ziel zu erreichen, ihr Bestreben, sich Opitz vom Leib zu halten (im wahrsten Sinn des Wortes), ihr objektives Verhalten Adelheit gegenüber - doch ja, da bin ich neugierig auf die weitere Entwicklung!

    Teilst Du Deinen Verdacht mit uns?

    Ich fürchte ja fast, es geht um irgendwelche "verwandtschaftlichen" Verhältnisse, aber ich hoffe, es kommt eine andere Erklärung.

    Klar, teile ich ihn mit Euch: ich habe aber gar nicht so weit gedacht, sondern bei den ersten Seiten dachte ich, dass vielleicht der Fürst ein hübsches, unbedarftes (von seinen "Gunsten" abhängiges) junges Mädchen als "Betthäschen" haben wollte - ich hatte mich aber bei diesem Verdacht getäuscht... aber: ich finde Adelheids Einstellung immer noch sehr rätselhaft (und ich merke, dass sie mich beschäftigt...)

    Wobei: Deine "verwandtschaftlichen Beziehungen" sind auch nicht uninteressant...

    Das kann ich mir kaum vorstellen, der Fürst als Vater Adelheids? Gut, wenn sie die Älteste ist, und ihre Mutter früher im Schloss angestellt ist das durchaus möglich. Aber die Gedanken des Fürsten, als er Adelheid sieht, deuten nur darauf, dass sie ihm der Haare wegen aufgefallen ist.

    Nee, eigentlich glaube ich nicht, dass der Fürst der Vater ist... Aber eine Einstellung nur wegen der Haare - und das, wo er sie eigentlich nie zu sehen bekommt???

    Meine Erwartungshaltung war ganz zufällig passend zum Buch. Ich hab einen historischen Roman erwartet, der das Leben der Dienstboten beleuchtet - mehr tatsächlich nicht. Aber ich kenne auch bisher kein Buch von dir, dadurch habe ich vielleicht auch weniger / andere Erwartungen. Und kann natürlich keine Vergleiche ziehen.

    Sehr schön formuliert - da kann ich jedes Wort unterschreiben!

    Wie war hier eure Erwartungshaltung?

    Ich muss gestehen: ich kenne die Greifenau-Bücher nicht, kann deshalb also keine Vergleiche ziehen. Ich empfinde das Buch nicht als düster, sondern "nur" realistisch. Das Leben war damals einfach kein Zuckerschlecken, der nackte Kampf ums Überleben herrschte vor... Im Gegensatz: mich ärgert es manchmal, dass die "Goldenen Zwanziger" manchmal so positiv und interessant und aufregend geschildert werden, auch da mussten abertausend Menschen um ihre Existenz (oder sogar Überleben) fürchten...

    Ich habe lange überlegt, ob ich es überhaupt schreiben soll - andererseits sind Leserunden dazu da, Gedanken offen zuäußern

    Ich finde es gut und richtig, dass Du es geschrieben hast, denn es sist genau meine Meinung: dazu sind Leserunden da!!!

    Ich weiß nicht, wie dasum 1906 so war und ob die Menschen wirklich „besoffen vor stolz“ waren, oder ob das nur bestimmte Kreise waren

    Ich weiß nicht mehr genau, in welchem Zusammenhang es stand (war es bei Viktors Besuch in Berlin?) - aber da hatte ich gerade den Eindruck, dass da die Gegensätze Monarchie vs. Sozialdemokratie gerade aufeinanderprallten. Viktors Vater hat ja nicht umsonst wg. Majestätsbeleidigung im Gefängnis gesessen und Viktor selbst "verorte" ich auch eher bei den Sozialdemokraten als bei den Monarchisten...

    quasi zur Erholung und zur Eröffnung der Weihnachtsfilmsaison

    Danke für den Filmtipp!

    Er könnte ja versuchen als Privatlehrer zu arbeiten oder wie sein Sohn irgendwo in eine Anstellung zu gehen. Mir scheint, er ist sich zu gut dafür.

    Er gehört wohl zu den Menschen, die immer die Schuld bei anderen suchen und sich in Selbstmitleid baden... Solche Menschen gibt es auch heute noch in Massen....

    , weil ich endlich mal über den schweren und harten und wenig lustigen Arbeitsalltag der Dienstboten berichten wolllte. Sie hatte kaum Freizeit, und waren eben extrem abhängig, konnten aber jederzeit wegen Kleinigkeiten vor die Tür gesetzt werden. Und liest man Zeitungen von damals, gab es reihenweise solche Vorkommnisse.

    Ich habe die Geschichte als realistisch und authentisch eingeschätzt: traurig, aber wahr... Ich wiederhole mich: ich glaube, es war auf dem Land noch extremer als in der Stadt!

    So richtig "böse" finde ich eigentlich nur Lydia (und Gerda als ihre Mitläuferin, bei ihr denke ich noch nicht mal, dass sie ohne Lydias Einfluss so wäre) und natürlich Opitz, der seine Stellung ausnutzen will und die Mädchen bedrängt.

    So denke ich auch... Wobei ich für Lydia sogar noch ein klitzekleines Fünkchen Verständnis aufbringe, immerhin war ihr die "Beförderung" mehr oder weniger versprochen worden. Opitz ist für mich der "Dreh- und Angelpunkt" der schlechten und angstbesetzten Stimmung im Schloss... Ich hoffe, es passiert irgendetwas und er muss von seinem hohen Ross runter... Bei ihm kommen meine fiesesten Rachegedanken zusammen...

    Und für harte Arbeit, handwerkliche Tätigkeiten oder solcherlei Dinge wird er vielleicht auch nicht taugen, dazu ist er womöglich zu schöngeistig.

    Den Eindruck habe ich auch - und dazu noch seine Selbstmitleid.... puh, schlechte Kombination...

    begegnet ihr Wolfram Neumann. Ob sich da doch noch etwas anbahnt? Zumindest von seiner Seite her scheint Interesse zu bestehen.

    Aber soooo ganz uninteressiert ist sie auch nicht... Wobei ich ihr aber durchaus zutraue, wegen eines "Flirts" (oder sagte man früher "Techtelmechtel"?) ihr Ziel, nach Amerika auszuwandern, nicht aus den Augen zu verlieren...

    Das sind doch wirklich Nichtigkeiten, für die Adelheid Angst hat, rausgeschmissen zu werden.

    Für Adelheid und ihre "Chefs" waren es eben (leider) keine Lappalien, sondern "Gehorsam" stand an oberster Stelle...

    Deswegen denke ich eben, dass dieses Erntedankfest z.B. ein solcher Moment sein könnte, wo man einfach die Arbeit mal für ein paar Stunden vergessen und fröhlich sein kann.

    Das denke (und hoffe) ich auch...

    Diesem Opitz allerdings müsste das Handwerk gelegt werden.

    Da bin ich sofort dabei!

    wie wenig Zusammenhalt bei den Dienstboten besteht. "Nach oben buckeln" und nach unten treten. Neid und Missgunst sind vorherrschend.

    Ich glaube, die Konkurrenz um Arbeitsplätze war (besonders auf dem Land) einfach riesengroß. Wir erfahren es ja: entweder hatte man eine Arbeit oder man hungerte und fror erbarmungslos, soziale Netze gab es noch kaum...

    Viktor ist eine interessante Person.

    Viktor hingegen gefällt mir.

    Da stimme ich mit Dir überein!

    Ich fürchte mal, dass Adelheid für einen Diebstahl von Hedda belangt wird. Das wäre naheliegend, wenn ich den Klappentext so lese

    Das befürchte ich auch!

    Dass der Opitz sich immer wieder an Hedda ranmacht ist echt ätzend. Ich fürchte auch um Adelheid, so hüpsch wie sie scheinbar ist

    Die Rolle, ich eigentlich dem Gutsherr zugeschrieben habe, hat Opitz perfekt besetzt - und ja, auch ich fürchte um Adelheid (und ich befürchte, sie wird sich nicht so gut "wehren" - ihn hinhalten - können, wie Hedda es kann...

    Wobei ich es schon seltsam finde, dass Adelheit nur wegen ihres Äußeren eingestellt wurde. Wie ein schöner Einrichtungsgegenstand.

    Das empfinde ich bisher als das größte Rätsel: warum wurde Adelheid eingestellt???

    So, nun hatte ich gestern Nacht (wieder viel zu lange gelesen - aber es war ja sooo spannend!) endlich auch den ersten Leseabschnitt durch... Dass ich solange gebraucht habe, lag keineswegs am Buch, sondern an meiner knäpplichen Zeit - oder ich lese langsamer als früher???

    Ich habe die ganzen Beiträge meiner "Vorredner*innen" noch nicht gelesen, aber beim Durchscrollen fiel mir das Wort "düster" ins Auge... Ja, bisher ist es wirklich kein "fröhliches" Buch, aber ich glaube, die Zeiten waren damals wirklich so, gerade auf dem Land (in den Städten war es sicherlich schon etwas anders, z.B. mehr Arbeitsmöglichkeiten): so lange war die Leibeigenschaft noch nicht abgeschafft und das "Recht der ersten Nacht" nahmen sich sicherlich noch einige Großgrundbesitzer heraus...

    Mir gefällt, dass das Buch nur aus der Sicht der Bediensteten geschrieben ist (wobei ich zu gern wissen würde, warum der Fürst unbedingt Adelheid eingestellt haben will, ich hätte da ja sofort einen passenden Verdacht... Und das die Söhne alle aus dem Haus sind, hat mich auch beruhigt...), Adelheid und Viktor kommen ja aus den gegensätzlichen Richtungen - Adelheid "steigt" durch ihre Anstellung auf, während es für Viktor den totalen "Abstieg" darstellt! Ich kann schon etwas verstehen, dass sich die anderen Angestellten darüber mokieren, dass Adelheid eingestellt wurde (s.o. warum?), da ja zumindest Lydia die Stelle als Stubenmädchen fast zugesagt war. Opitz hat die Rolle übernommen, die sonst der Hausherr oder seine Söhne innehaben - igitt! Heddas Verzweiflung erscheint mir authentisch und eine richtige Lösung gibt es tatsächlich nicht. Bei Hedda schwanke ich: einerseits finde ich sie sympathisch, realistisch in ihren Träumen (Amerika), andererseits kann es doch mit ihren Diebstählen nicht lange gut gehen... Und da wir aus dem Klappentext wissen, dass Adelheit eine "Degradierung" bevorsteht, könnte ich mir vorstellen, dass sie des Diebstahls beschuldigt wird... Andererseits kann "ihr Vergehen" ja nicht so schlimm sein, da sie nicht mit Schimpf und Schande rausgeschmissen wird, sondern "nur" degradiert...

    Gern gelesen habe ich auch die kleinen Hinweise zur politischen Situation in Deutschland (Marokko-Krise, Monarchie vs. Sozialdemokratie, Verherrlichung des Militärs usw.), so kann ich das Leben aus dem Schloss Liebenberg eher in seinen gesellschaftlichen und politischen Kontext sehen.

    Von der Eulenburg-Affäre habe ich noch nie gehört und ich habe es mir bis jetzt auch verkniffen, dies schon zu Googlen....

    So, Ihr Lieben, seid mir nicht böse, Eure Beiträge kann ich erst heute Abend lesen (und kommentieren), jetzt muss ich leider los - hihi, der Alltag ruft!