Beichtgeheimnisse
Nachts klang der Dschungel anders. Nicht lauter – indiskreter. Beinahe jeder Laut überlegte kurz, ob er sich morgen zitieren lassen wollte. Das Feuer knackte pflichtbewusst, und irgendwo schrie etwas, das tagsüber als Natur verkauft wurde und nachts eher nach 'Anwalt einschalten' klang.
Mara und Ben hüteten das Lagerfeuer. Pflichtdienst. Der breite Baumstamm zum Sitzen, ein Topf mit dem ambitionierten Geruch von Nichts und diese spezielle Müdigkeit, die Menschen glauben ließ, sie seien unbeobachtet. Obwohl im Gebüsch ein rotes Lämpchen so treu glomm wie ein schlechtes Gewissen.
Sie saßen zwar nebeneinander, aber mit deutlichem Sicherheitsabstand. Nähe war im Camp eine taktische Entscheidung.
»Wenn ich noch einmal höre, dass sie die Teamplayerin ist«, flüsterte Ben, »vergesse ich mich.«
Er vergaß sich nicht. Das wäre keine echte Kommunikation. Flüstern war hier die bevorzugte Kommunikationsform: leise genug, um sich unschuldig zu fühlen, laut genug, um verwertbar zu sein.
Mara zog die Knie an. »Sie hat heute in der Prüfung wieder mal nur geschrien.«
»Kontrolliert«, sagte Ben. »Ein sehr sehr kontrolliertes Kreischen. Fast professionell. Trotzdem sollte ihr jemand stecken, dass es nur authentisch wirkt, wenn das Qietschen nach dem Ekel kommt.« Mara rollte zustimmend die Augen.
Männer lernten hier im Dschungel erstaunlich schnell, wie man weibliche Emotionen abwertete, ohne das Wort »hysterisch« zu benutzen. Das Feuer übernahm kurz das Gespräch. Es knackte bedeutungsvoll. Pausen waren hier selten leer. Sie waren voller Erwartungen.
»Ich hatte mir vorgenommen, hier nichts zu erzählen«, sagte Mara schließlich. Ihre Stimme war kaum mehr als Atem. Ben nickte sofort. Zu eifrig. Das Nicken eines Mannes, der innerlich schon den Satz »Das bleibt unter uns« formulierte.
»Gar nichts«, präzisierte sie. »Vor allem nichts von früher. Von draußen.«
Sie deutete vage in die Dunkelheit. Dort, wo Karriere, Image und Verträge lebten. Und wo das Internet niemals schlief.
»Aber«, sagte Ben.
Mara lächelte müde. »Ja. Aber man sitzt hier. Nachts. Und dann flüstert man.« Flüstern versprach Intimität. Flüstern log mit ruhigem Gewissen.
»Du erinnerst dich an diesen Skandal«, begann sie. Jetzt wirklich flüsternd. »Damals. Kurz vor… na ja.«
Ben erinnerte sich. Alle erinnerten sich. Manche hatten ihn überlebt. Andere hatten ihn nur neu verpackt.
»Das mit dem Handy?«, fragte er.
»Mhm.« Sie nickte. »Das, was angeblich so eindeutig war.«
Angeblich war im Camp ein sehr flexibles Wort. »Es war nicht so«, sagte Mara hastig. »Also nicht nur. Ich hab damals geschwiegen, weil alle gedacht haben, ich muss geschützt werden. Aber ich sag dir, dabei schützt man nur die Falschen.«
Der Dschungel hörte aufmerksam zu. Er liebte Selbstkorrekturen.
»Hast du gewusst, dass es allein seine Idee war?«, fragte sie. »Und es war Routine. Für ihn. Für andere auch.«
Ein Funke sprang aus dem Feuer. Irgendwo justierte sich eine Kamera.
Diskret, fast fürsorglich.
»Das habe ich noch nie jemandem gesagt«, fügte sie hinzu. Ein Satz, der selten ohne Folgen blieb. Ben sagte nichts. Das war klug. Schweigen wirkte später immer wie Anstand.
»Ich hab danach für alle als schwierig gegolten«, sagte Mara. »Als kompliziert. Als Risiko.« Sie lachte kurz. Humor war hier ein Reflex, kein Vergnügen. »Er hat nur als missverstanden gegolten«, ergänzte sie. »Und natürlich charmant. Wenn die wüssten.«
Die leere Hängematte hinter ihnen erlaubte sich ein inneres Kopfnicken. Das Drehbuch kannte man. Eine Weile schwiegen sie. Das Schweigen setzte sich zwischen sie wie ein zusätzlicher Hocker und hörte interessiert zu.
»Morgen muss ich wieder mit ihr in die Prüfung«, sagte Ben schließlich. Er rieb sich über die Glatze, als müsse er Mut sammeln. Themenwechsel. Fluchtmanöver. »Mit der Teamplayerin.«
Mara verzog den Mund. »Sag ihr einfach, Doctor Bob habe Ruhe empfohlen.«
Ben lachte leise. Doctor Bob war hier die moralische Instanz für Menschen, die sonst keine akzeptierten.
»Und die Moderatoren«, sagte Ben, »werden wieder erklären, wie extrem das alles für sie ist.«
»Ja«, antwortete Mara. »Vom klimatisierten Studio aus.«
Sie flüsterten weiter. Über falsche Tränen. Über echte Eitelkeit. Über Stars, die tagsüber Haltung übten und nachts Kalkulationen anstellten. Über Menschen, die genau wussten, wann eine Kamera lief. Und darüber, dass Richie mit seinen ekligen Blähungen nicht so nahe am Feuer schlafen sollte.
Als das Feuer niedriger wurde, fragte Ben: »Glaubst du, das kommt rein?«
Mara sah in die Glut. »Natürlich«, sagte sie ruhig. »Es war doch ehrlich.«
Ehrlichkeit war hier nicht bloss ein Wert. Ehrlichkeit war das Format. Als sie später abgelöst worden waren, blieb das Flüstern zurück. Für kluge, boshafte Kommentare von Menschen, die ganz genau wussten, wer hier zu viel geredet hatte.
Und wer wie immer zu wenig.
Falls ich damit für jemanden einen Schritt zu weit gegangen bin:
Meldet euch bitte per PN wegen meiner Wohnadresse. Meine Frau koordiniert den Terminplan für etwaige Steinigungen und hat bereits signalisiert, dass sie im Zweifel auch assistiert.
Sollte euch die kleine Dschungelbeichte gefallen haben und ihr Lust auf mehr Texte zum Thema »Flüstern« haben:
Gestern Nacht sind die Beiträge zum aktuellen Schreibwettbewerb live gegangen. Die Autor:innen dort würden sich ganz sicher nicht beschweren, wenn ihr kurz reinschaut. Ein kleines Like für den Beitrag, der euch am besten gefallen hat, wäre schon ziemlich großartig.
Wenn ihr euch sogar an der Punktevergabe beteiligt, würde mich das unverhältnismäßig glücklich machen. Und falls jemand über den eigenen Schatten springt und bei ein paar ausgewählten Texten auch noch einen Kommentar hinterlässt, verspreche ich feierlich: Mein Erstgeborenes wird entsprechend benannt.