Beiträge von Smorph

    Okay, der echte Name ist also "Valieria". Ich bin beruhigt.


    Die ganze Staffel über hatte ich befürchtet, die Eltern hätten die Namensfindung per Würfelspiel im Supermarkt entschieden – direkt vorm Waschmittelregal. Insofern hat sie noch Glück gehabt. "Omo" wäre schon grenzwertig gewesen. Und bei "Weißer Riese" wären spätestens zur Einschulung die Behörden eingeschritten.

    Ich bin mir auch nie ganz sicher, wie ich darauf reagieren soll.


    Wenn ich einmal zehn Tage nicht zuhause bin, sinkt vermutlich der Ruhepuls der Daheimgebliebenen ab diesem Punkt langsam unter 180. Würde ich also in so einem Moment einen rührseligen Brief bekommen, wäre ich … eher verstört.


    Ja, ich würde vermutlich auch weinen. Aber nur, weil ich wüsste, dass ich sie ein paar Tage später schon wiedersehen müsste.

    Mit Emanzipation und Gleichberechtigung ist's bei den Tussis auch nicht weit her ...

    "Hilfe, welcher Mann trägt das Wasser" :help

    Ich kann nichts dafür, aber ich hätte das als Aufforderung verstanden, die Feuerwehr zu rufen, das Rohr auf die Damen zu richten und in vollem Brustton "Wasser Marsch!" zu rufen.

    Irgendeine versteckte Bitte muss da doch hinter dieser Frage gesteckt haben, oder? *kopfkraty

    :anbet

    Bloß gut, daß ich die Geschichte nicht Abends vor dem Schlafen gehen gelesen habe

    Albträume kann ich gerade gar nicht gebrauchen

    Hat es auch noch was Gutes, daß ich im LKW schlafe, der hat keine Risse in der Wand ;)

    Vielen Dank fürs Feedback, mazian.
    Meine bessere Hälfte meinte übrigens, der Text sei nicht gruselig genug für schlaflose Nächte.


    Das war nun der letzte Text außerhalb der Wertung.
    Die eigentlichen Wettbewerbsbeiträge liegen nebenan – und ja, ich rühre dafür weiterhin brav die Werbetrommel.


    Ein Like reicht schon. Alles darüber hinaus ist Luxus.

    Dieser Text hier ist ein kleines Geschenk – außerhalb der Wertung, ohne Anspruch, ohne Punkte.

    Die Texte, die eure Aufmerksamkeit verdienen, liegen nebenan.

    Dort haben sich Autor:innen Mühe gemacht, geschliffen, verworfen, neu angesetzt.

    Ein Like tut nicht weh. Punkte zu vergeben kostet ein paar Sekunden mehr. Ein Kommentar wäre – zugegeben – schon der helle Wahnsinn.

    Aber genau davon lebt so ein Wettbewerb.



    Die Wand


    Ben war sich sicher, dass die Stimmen erst nach dem Einzug begonnen hatten. Die Wohnung war lächerlich günstig gewesen, zu günstig für diese Gegend. Der Flur roch noch nach altem Teppichreiniger, und die Fenster rahmten die Straße wie Augenhöhlen. Makler sagten gern: »Der Preis hat seine Gründe.« Keiner hatte erklärt, welche.


    Am dritten Abend hörte er es zum ersten Mal.


    Ein Flüstern. Kaum mehr als ein verwehter Atemzug, so nah, dass es die Härchen am Nacken bewegte.


    Ben fuhr herum. Nichts als die kahle Wand, die er irgendwann streichen wollte. Er redete sich ein, das Geräusch sei Einbildung. Müdigkeit. Ein Rest des Tages, der sich in den Nerven verfing.


    Doch die Nächte wurden länger.


    Und das Geflüster formte sich.


    Anfangs waren es zufällige Silben, ein brüchiges, nervöses Raunen. Dann schälten sich Worte heraus. Straße. Uhrzeiten. Namen.


    Seinen Namen.


    »Beeeeeen…«


    Er schaltete das Licht an. Die Wohnung antwortete mit Grabesstille.


    Ein Teil von ihm wollte einen Arzt aufsuchen. Ein anderer fürchtete, was dieser finden würde.


    Am vierten Tag bemerkte er die Risse. Feine Linien, kaum sichtbar, doch sie zogen sich wie Adern über die Schlafzimmerwand. Er war sicher, dass sie zuvor nicht dagewesen waren. Als er die Fingerspitzen darübergleiten ließ, vibrierte die Wand – ein kurzes, flüchtiges Zurückweichen, als berührte er etwas Lebendes.


    Da begann das Flüstern erneut. Mitten am Tag, hinter seinem Rücken.


    »Nicht… öffnen…«


    Ben taumelte einen Schritt zurück. »Was soll ich nicht öffnen? Wer bist du?«


    Keine Antwort – nur ein Rascheln, als kratzten Fingernägel über Stein entlang. Dann, ganz nah:


    »Sie… warten…«


    Panisch floh er aus der Wohnung, stolperte die Treppen hinunter. Erst draußen bekam er wieder Luft. Er suchte den Himmel ab, als würde ihn jemand von oben beobachten.


    Fürs erste buchte er ein Hotelzimmer. Und er schwor sich, die Wohnung am nächsten Morgen zu kündigen.


    Doch in dieser Nacht träumte er zum ersten Mal von dem, was hinter der Wand lauerte.


    Dunkelheit. Bewegungen. Schatten, die keine menschliche Form kannten. Und ein Gesicht wie seines, nur blasser, wächserner, mit Augen, die zu groß wirkten.


    Das Gesicht beugte sich zu ihm, flüsterte Worte, von denen nur eines klar blieb:


    »Zurück.«


    Ben wachte schreiend auf.


    Am nächsten Morgen stand er wieder vor seiner Wohnungstür, ohne sich an den Weg dorthin erinnern zu können.


    Die Tür stand einen Spalt offen.


    Er sollte umkehren. Er wusste es. Doch in ihm regte sich ein anderes Flüstern – leiser, vertrauter:


    Nur ein Blick.


    Er trat ein.


    Alles sah aus wie zuvor. Bis auf die Wand. Die Risse hatten sich geöffnet, groß genug, dass Splitter des Putzes wie abgestreifte Schuppen auf dem Boden lagen.


    Hinter den Spalten lag Dunkelheit. Nicht Abwesenheit von Licht – sondern ein Raum, der wie ein gähnender Schlund aussah.


    Dann hörte er sie. Die Stimmen. Mehr als eine. Ein Chor aus wispernden Kehlen, durcheinander murmelnd, bittend, warnend, lockend.


    »Ben… Ben, hör uns…«
    »Komm…«
    »Lauf…!«


    Ein kalter Atem strich aus dem Riss, und etwas darin bewegte sich – ein Schatten, der sich löste, als hätte er nur auf ihn gewartet.


    Ben wich zurück.


    Die Wand flüsterte nicht mehr. Sie sprach.


    Klar. Hart.


    »Wir haben dich gewarnt.«


    Der Riss barst auf. Dunkle Hände – zu viele Finger, zu lang – tasteten nach ihm.


    Ben schrie, doch seine Stimme brach ab, als ihn die Finsternis packte und hineinriss.


    Im Fallen hörte er die Stimmen neu, lauter, dichter. Sie verschmolzen, zogen sich zusammen wie Fäden, die verknotet wurden.


    Dann erkannte er eine davon.


    Seine eigene.


    Nicht gesprochen.


    Geflüstert.


    Und als die Dunkelheit sich über ihn schloss, verstand er, warum die Wohnung so günstig gewesen war.


    Die Wände hatten schon lange auf eine neue Stimme gewartet.

    Deine Verwirrung über Story und Logik ist der Grund, warum er nicht beim Schreibwettbewerb dabei ist.
    Ob er überhaupt als »Flyer« taugt, darüber kann man natürlich diskutieren.

    Der einzige weitere Zweck, der mir für den Text eingefallen wäre: löschen. Ich bin mir sicher, die Mods tun ihre gewohnte Arbeit, falls die Geste unangebracht erscheint.

    Dieser Text hier ist ein kleines Geschenk – außerhalb der Wertung, ohne Anspruch, ohne Punkte.

    Die Texte, die eure Aufmerksamkeit verdienen, liegen nebenan.
    Dort haben sich Autor:innen Mühe gemacht, geschliffen, verworfen, neu angesetzt.

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    Aber genau davon lebt so ein Wettbewerb.


    Austausch im Kühlraum


    Ralph schwang das klapprige Fliegengitter hinter sich zu. In einer Hand schleppte er ein Bierfass, mit der anderen drückte er eine Zigarette aus.


    Routine: Neues Fass rein. Vorgekühltes anschließen. Leeres raus.


    So tief saß das, dass Ralph an freien Tagen beinahe das Verlangen verspürte, beim Rauchen ein Bierfass mitzunehmen.

    Muskelgedächtnis – Kneipenedition.


    ∵ Hallo, Ralph. ∵


    Die Kühlraumtür klackte ins Schloss – wie eine Tierfalle. Reflexartig verspürte er den Drang, auszubrechen. Aber flüchten brachte sowieso nichts.

    Es kam immer mit.


    »Du schon wieder …«

    »Geh weg. Nicht heute. Zu viel los da draußen.«


    Als hätte das je eine Rolle gespielt.


    ∵ Dauert nicht lang diesmal. ∵


    Die Stimme war nicht neu: ein junger Mann, sachlich wie der Erzähler einer BBC-Doku – gelegentlich aufdringlich und altklug.


    »Das sagst du immer.«


    Es war kein klassisches Gespräch. Ralph dachte, die Stimme antwortete.

    Manchmal sogar schon davor.


    ∵ Diesmal stimmt's. Die Vorarbeit ist erledigt. ∵


    Ralph murmelte unfreundlich und schraubte das Ventil auf. Zwei Umdrehungen Melancholie, eine halbe Trotz.


    »Und warum bringst du's nicht zu Ende?«


    Das Fass erwachte mit leisem Zischen. Feiner Nebel kroch über seinen Handrücken.


    ∵ Ich? Ich hab nie angefangen. Ihre Freunde haben die beiden hergelockt. Jetzt bist du dran. ∵


    »Wo ist das Problem? Der Kerl ist da. Das Mädel auch. Wir haben sogar Cocktails!«


    ∵ Du triffst besser. Sogar besser als ich in alten Zeiten. ∵


    »Soll ich ihm noch zeigen … wo bei ihr alles ist?«


    ∵ Sie ist umzingelt – von ihren Freundinnen. ∵


    »Schutzhaft.« Ralph lächelte schief, lehnte sich gegen das kalte Fass und grübelte.


    ∵ Stell keine Fragen, deren Antwort du kennst. ∵

    Ein warmer Druck strich über seinen Nacken. Wie ein unsichtbarer Finger.

    ∵ Er hat Angst – wie ein Gladiator mit Holzschwert im Kolosseum. ∵


    Ralph summte leise »Love Stinks«. Manchmal ging es dann beleidigt weg.


    ∵ Hör doch auf. ∵


    Es klang genervt, beinahe… scharf.

    Ralph grinste schelmisch.


    »Also dachtest du: Schicken wir den Barkeeper rein…«


    ∵ Ihr Menschen macht's euch wirklich gern schwer, hm? ∵


    »…dem die Ohren schon bluten, bevor die Typen am Tresen ›Bachelor - aber billig‹ abspielen.«


    Niemand antwortete.


    »Ich soll denen zeigen, woran ich selbst nicht mehr glaube.«


    Die Kühlraumtür klackte auf.


    ∵ Wollen wir? ∵


    Ein Atemzug Kneipenluft – und Ralph schaltete um.

    Gemurmel, Gläser, warmes Licht – da waren sie: der Nervöse und die Belagerte.


    Ein Gratisdrink, um die Stimmung zu kippen.

    Ein dreckiger Witz, um die Herde aufzurauen.

    Ein paar gut gezielte Blicke – und die beiden waren im selben Orbit.


    Die Stimme lieferte Details: Vorlieben, kleine Ängste, feine Risse im Selbstbewusstsein.


    Was Ralph dem jungen Kerl ins Ohr flüsterte, hörte niemand – aber es wirkte. Am Ende knutschten zwei Fremde in einer dunklen Ecke herum.


    Ralph steckte den Flaschenöffner weg – stolz wie ein Vater nach den ersten Metern ohne Stützräder.


    ∵ Siehst du? Das konntest du früher auch. ∵


    Ralph grummelte. »Hey! Der Spruch kam von mir


    ∵ Der Spruch, ja. Die Wahrheit dahinter nicht. ∵


    Später, der Laden war leer, der Raum stiller als sonst, wischte Ralph die Theke.


    »Du wirst mir nie verraten, wer du bist, oder?«


    ∵ Damals im alten Rom trugen selbst Helden drei Namen. Keiner davon war ihr Wesen. ∵

    ∵ Ich bring nur zusammen, was zusammengehört – zuweilen Menschen mit sich selbst. ∵


    Ralph verstand nicht wirklich – doch das Lächeln kam von selbst.


    Der Putzdienst fand am Morgen einen vollgekritzelten Bierdeckel.


    Du fluchst manchmal,

    wenn du mich spürst.

    Dieses kleine Ziehen,

    das dich plötzlich nett sein lässt.

    Das bin ich.


    Ich war da,

    als du gefallen bist,

    hab dein Herz aufgehoben

    und – leicht schief –

    wieder eingesetzt.


    Du bist nicht der Bote.

    Du bist der Grund.


    Weil du vergessen hast,

    wie es ist,

    gefunden zu werden.


    Noch ein paar Schubser,

    ein Flüstern zur rechten Zeit.


    Dann kann ich weg.

    Und du bleibst.


    –C–

    Das Flüstern


    Der Ablauf der Szene wirkt sehr nachvollziehbar. Gerade die schrittweise Verunsicherung und die konkrete Umsetzung der KO-Tropfen-Situation geben dem Text Glaubwürdigkeit. Das rechne ich ihm hoch an.

    Auffällig ist auch, dass die Handlung nicht einfach in »einem Haus« spielt. Die Wohnung ist klar und detailliert beschrieben, man merkt, dass hier bewusst Atmosphäre und Raum aufgebaut wurden.

    Das Flüstern selbst funktioniert leider nur als kurzes Warnsignal, bleibt aber recht nahe an einer allgemeinen Vorahnung.

    Der Freispruch hilft nicht dem Gewissen


    Der Erzähler ist eigentlich Annika, auch wenn man das nicht sofort bemerkt. Rückblickend wirkt der Bericht zum Unfall wie eine bewusste Mischung aus juristischer Sachlichkeit, Polizeiprotokoll und sehr persönlichem Tagebuch. Das liest sich kontrolliert und durchdacht. Und wirkt nicht zufällig.

    Die Wendung am Ende mit dem Perspektivenwechsel hat mich überrascht und kurz aus dem Text geholt. Sie kommt sehr abrupt und bricht auch den Stil ohne Vorwarnung. Aber womöglich war das ebenfalls nicht zufällig.

    Der schlechteste König von allen


    Der Text kommt ohne das Wort »Flüstern« aus und behandelt es trotzdem. Das leise Raunen der Menge und das unausgesprochene Wissen funktionieren hier sehr gut. Es ist schwer, nicht irgendwann an »Des Kaisers neue Kleider« zu denken, allerdings mit einer eigenen Wendung.

    Beim zweiten Lesen fällt auf, wie dicht Ursache und Problem nebeneinanderliegen: »…kaum vorstellbar, dass er bei Widerworten Gnade walten lassen würde. Was der König anfasste, ging schief.«

    Wer sich Zeit für den Text nimmt, entdeckt hinter dem scheinbaren Kindermärchen eine feinere Aussage. Macht, Angst, Zuhören.

    Waldspaziergang


    Bei »Flüstern« denkt man schnell an räumliche Enge. Hier findet man es im Wald. Und es hat eine klare Stimme mit Haltung und Agenda. Das Gespräch zwischen Mike und der Stimme wirkt bewusst lückenhaft. Gerade diese Rätselhaftigkeit macht es reizvoll. Aber man muss diese Lücken beim Lesen selbst schließen. Für mich hat das funktioniert, weil ich mir eine eigene Hintergrundgeschichte gebaut habe. Und wenn man sich diese Arbeit antut, wirkt der Text noch nach.

    Dieser Text hier ist ein kleines Geschenk – außerhalb der Wertung, ohne Anspruch, ohne Punkte.

    Die Texte, die eure Aufmerksamkeit verdienen, liegen nebenan.
    Dort haben sich Autor:innen Mühe gemacht, geschliffen, verworfen, neu angesetzt.

    Ein Like tut nicht weh. Punkte zu vergeben kostet ein paar Sekunden mehr. Ein Kommentar wäre – zugegeben – schon der helle Wahnsinn.

    Aber genau davon lebt so ein Wettbewerb.


    Flüsterwettbewerb der Toten


    Als ich starb, war das Erste, was ich hörte, nicht Engelsgesang, sondern ein genervtes: »Bitte Schlange bilden! Fünf Minuten bis zum Flüsterwettbewerb.«


    Ich öffnete – oder rekonstruierte – meine Augen und sah eine Reihe durchscheinender Gestalten. Jede mit Startnummer, wie bei einem 5-Kilometer-Lauf der Peinlichkeiten. Eine ältere Dame in Spitzenhandschuhen sprach mich an: »Wir messen hier, wer am besten flüstern kann. Tradition. Seit Jahrhunderten. Tot sein ist langweilig, glauben Sie mir.«


    Ich hatte keine Startnummer. »Ich bin frisch angekommen,« sagte ich entschuldigend.
    »Ach, ein Rookie!« Die Dame strahlte. »Das gibt Sonderpunkte. Hoffen wir, dass Sie nicht zu auffällig flüstern.«


    Gerade wollte ich fragen, wie man unauffällig flüstert, da trat ein Geist vor. Sein Schnurrbart sah aus wie ein gespenstischer Oktopus.
    »Regeln!« bellte er. Und ohne funktionierenden Kehlkopf war das schon eine Leistung. »Nummerierung nach Reihenfolge, keine Poltergeräusche, keine unsterblichen Vergleiche, kein ungebetener Sarkasmus.«
    Die Geister seufzten kollektiv und schon begann der Wettbewerb.


    Nummer Eins, ein feudaler Ritter, neigte sich vor und flüsterte: »Buh.«
    Anerkennendes Raunen im Publikum. Ein tiefes, samtiges Flüstern, wie ein Bass, der sich verlaufen hat.
    Nummer Zwei, ein Mönch, wisperte lateinische Gebete, so weich, als würde Seide an Wolken reiben.
    Wieder begeistertes Murmeln.
    Nummer Drei war ein Pirat, der »Arrr« flüsterte. Entgegen physikalischer Erwartung klang das, als hätte jemand einem Papagei die Lautstärke-Taste entfernt.


    Dann war ich dran. Startnummer »Frischling«. Ich holte tief Luft, obwohl das anatomisch komplett sinnlos war, beugte mich vor und hatte etwas Harmloses wie »Hallo?« im Sinn. Tatsächlich kam dabei raus:


    »Wer hat eigentlich die Rosen hier geschnitten? Die sehen aus, als hätte jemand sie mit einer Nagelschere und viel Hass frisiert.«


    Totenstille.
    Also, noch stiller als sowieso. Einige Geister starrten mich an, als hätte ich die Hostie geklaut.


    Der Schnurrbart-Geist räusperte sich missbilligend.
    »Ungebetener Sarkasmus. Minus vier Punkte.«


    Noch bevor ich mich entschuldigen konnte entwich mir schon das nächste Flüstern, völlig unkontrollierbar:
    »Und diese Grabstein-Schriftart… 'Comic Sans Eternity' oder was? Wenn das kein Beweis für die Hölle ist, weiß ich auch nicht.«


    Eine alte Dame japste. Der Pirat versuchte ein Prusten als Husten zu tarnen.
    Die Jury schaute entsetzt. Offenbar galt Humor hier als gefährliches Poltern.

    Der Mönch hob seine Kutte, um sein Lachen zu verstecken.


    Der Schnurrbart-Geist brüllte: »RUHE!«
    Das konnte nur ironisch gemeint gewesen sein. Selbst sein Flüstern hätte Presslufthämmer neidisch gemacht.


    Ich presste meine geisterhaften Lippen zusammen, doch mein Kontrollverlust ging weiter.
    »Fünf Minuten tot und schon bin ich genervt. Das Jenseits fühlt sich an wie Ryanair: enge Sitze, miese Beleuchtung, kein Service. Nur dass man den Rückflug diesmal wirklich nicht buchen kann.«


    Ein Chor erstickter Lacher ging durch die Reihen. Der Pirat fiel fast durch seinen eigenen Holzbein-Stumpf hindurch.


    Der Schnurrbart-Geist knallte mit seinem Regelbuch.
    »Genug! Frischling disqualifiziert!«


    Und dann geschah etwas Unerwartetes. Die alte Dame trat vor, hob ihre Spitzenhandschuhe und insistierte mit einer Kraft, die selbst das Moos von den Grabsteinen rieseln ließ: »Ich fordere eine Publikumsabstimmung!«


    Ein Grollen, das Toten-Äquivalent von Standing Ovations, ging über den Friedhof. Die Jury war eindeutig überfordert.


    Der Schnurrbart-Geist seufzte ergeben.
    »Na schön. Wer für den Frischling ist… flüstere.«


    Ein zartes, vielstimmiges »psssst« stieg empor.
    Eine Welle von Flüstern, weich und vibrierend, als hätte der ganze Friedhof beschlossen, gleichzeitig Geheimnisse auszutauschen.


    Sprachlos stand ich da – ausnahmsweise – als der Schnurrbart-Geist verkündete: »Sieger des diesjährigen Flüsterwettbewerbs ist… Frischling. Wegen massiver Störung der Totenruhe durch… Humor.«


    Ich verbeugte mich tief. Und ich weiß ehrlich nicht warum, aber es musste raus:
    »Und schafft bitte die Topfpflanze weg. Die flüstert mir seit drei Nächten ihre Steuererklärung vor. Ich bin tot, nicht Steuerberater.«


    Das Gelächter der Toten hallte bis Sonnenaufgang.

    Beichtgeheimnisse


    Nachts klang der Dschungel anders. Nicht lauter – indiskreter. Beinahe jeder Laut überlegte kurz, ob er sich morgen zitieren lassen wollte. Das Feuer knackte pflichtbewusst, und irgendwo schrie etwas, das tagsüber als Natur verkauft wurde und nachts eher nach 'Anwalt einschalten' klang.


    Mara und Ben hüteten das Lagerfeuer. Pflichtdienst. Der breite Baumstamm zum Sitzen, ein Topf mit dem ambitionierten Geruch von Nichts und diese spezielle Müdigkeit, die Menschen glauben ließ, sie seien unbeobachtet. Obwohl im Gebüsch ein rotes Lämpchen so treu glomm wie ein schlechtes Gewissen.


    Sie saßen zwar nebeneinander, aber mit deutlichem Sicherheitsabstand. Nähe war im Camp eine taktische Entscheidung.


    »Wenn ich noch einmal höre, dass sie die Teamplayerin ist«, flüsterte Ben, »vergesse ich mich.«


    Er vergaß sich nicht. Das wäre keine echte Kommunikation. Flüstern war hier die bevorzugte Kommunikationsform: leise genug, um sich unschuldig zu fühlen, laut genug, um verwertbar zu sein.


    Mara zog die Knie an. »Sie hat heute in der Prüfung wieder mal nur geschrien.«


    »Kontrolliert«, sagte Ben. »Ein sehr sehr kontrolliertes Kreischen. Fast professionell. Trotzdem sollte ihr jemand stecken, dass es nur authentisch wirkt, wenn das Qietschen nach dem Ekel kommt.« Mara rollte zustimmend die Augen.


    Männer lernten hier im Dschungel erstaunlich schnell, wie man weibliche Emotionen abwertete, ohne das Wort »hysterisch« zu benutzen. Das Feuer übernahm kurz das Gespräch. Es knackte bedeutungsvoll. Pausen waren hier selten leer. Sie waren voller Erwartungen.


    »Ich hatte mir vorgenommen, hier nichts zu erzählen«, sagte Mara schließlich. Ihre Stimme war kaum mehr als Atem. Ben nickte sofort. Zu eifrig. Das Nicken eines Mannes, der innerlich schon den Satz »Das bleibt unter uns« formulierte.


    »Gar nichts«, präzisierte sie. »Vor allem nichts von früher. Von draußen.«

    Sie deutete vage in die Dunkelheit. Dort, wo Karriere, Image und Verträge lebten. Und wo das Internet niemals schlief.


    »Aber«, sagte Ben.


    Mara lächelte müde. »Ja. Aber man sitzt hier. Nachts. Und dann flüstert man.« Flüstern versprach Intimität. Flüstern log mit ruhigem Gewissen.


    »Du erinnerst dich an diesen Skandal«, begann sie. Jetzt wirklich flüsternd. »Damals. Kurz vor… na ja.«


    Ben erinnerte sich. Alle erinnerten sich. Manche hatten ihn überlebt. Andere hatten ihn nur neu verpackt.


    »Das mit dem Handy?«, fragte er.


    »Mhm.« Sie nickte. »Das, was angeblich so eindeutig war.«

    Angeblich war im Camp ein sehr flexibles Wort. »Es war nicht so«, sagte Mara hastig. »Also nicht nur. Ich hab damals geschwiegen, weil alle gedacht haben, ich muss geschützt werden. Aber ich sag dir, dabei schützt man nur die Falschen.«


    Der Dschungel hörte aufmerksam zu. Er liebte Selbstkorrekturen.


    »Hast du gewusst, dass es allein seine Idee war?«, fragte sie. »Und es war Routine. Für ihn. Für andere auch.«


    Ein Funke sprang aus dem Feuer. Irgendwo justierte sich eine Kamera.

    Diskret, fast fürsorglich.


    »Das habe ich noch nie jemandem gesagt«, fügte sie hinzu. Ein Satz, der selten ohne Folgen blieb. Ben sagte nichts. Das war klug. Schweigen wirkte später immer wie Anstand.


    »Ich hab danach für alle als schwierig gegolten«, sagte Mara. »Als kompliziert. Als Risiko.« Sie lachte kurz. Humor war hier ein Reflex, kein Vergnügen. »Er hat nur als missverstanden gegolten«, ergänzte sie. »Und natürlich charmant. Wenn die wüssten.«


    Die leere Hängematte hinter ihnen erlaubte sich ein inneres Kopfnicken. Das Drehbuch kannte man. Eine Weile schwiegen sie. Das Schweigen setzte sich zwischen sie wie ein zusätzlicher Hocker und hörte interessiert zu.


    »Morgen muss ich wieder mit ihr in die Prüfung«, sagte Ben schließlich. Er rieb sich über die Glatze, als müsse er Mut sammeln. Themenwechsel. Fluchtmanöver. »Mit der Teamplayerin.«


    Mara verzog den Mund. »Sag ihr einfach, Doctor Bob habe Ruhe empfohlen.«


    Ben lachte leise. Doctor Bob war hier die moralische Instanz für Menschen, die sonst keine akzeptierten.


    »Und die Moderatoren«, sagte Ben, »werden wieder erklären, wie extrem das alles für sie ist.«


    »Ja«, antwortete Mara. »Vom klimatisierten Studio aus.«


    Sie flüsterten weiter. Über falsche Tränen. Über echte Eitelkeit. Über Stars, die tagsüber Haltung übten und nachts Kalkulationen anstellten. Über Menschen, die genau wussten, wann eine Kamera lief. Und darüber, dass Richie mit seinen ekligen Blähungen nicht so nahe am Feuer schlafen sollte.


    Als das Feuer niedriger wurde, fragte Ben: »Glaubst du, das kommt rein?«


    Mara sah in die Glut. »Natürlich«, sagte sie ruhig. »Es war doch ehrlich.«


    Ehrlichkeit war hier nicht bloss ein Wert. Ehrlichkeit war das Format. Als sie später abgelöst worden waren, blieb das Flüstern zurück. Für kluge, boshafte Kommentare von Menschen, die ganz genau wussten, wer hier zu viel geredet hatte.


    Und wer wie immer zu wenig.





    Falls ich damit für jemanden einen Schritt zu weit gegangen bin:
    Meldet euch bitte per PN wegen meiner Wohnadresse. Meine Frau koordiniert den Terminplan für etwaige Steinigungen und hat bereits signalisiert, dass sie im Zweifel auch assistiert.


    Sollte euch die kleine Dschungelbeichte gefallen haben und ihr Lust auf mehr Texte zum Thema »Flüstern« haben:

    Gestern Nacht sind die Beiträge zum aktuellen Schreibwettbewerb live gegangen. Die Autor:innen dort würden sich ganz sicher nicht beschweren, wenn ihr kurz reinschaut. Ein kleines Like für den Beitrag, der euch am besten gefallen hat, wäre schon ziemlich großartig.


    Wenn ihr euch sogar an der Punktevergabe beteiligt, würde mich das unverhältnismäßig glücklich machen. Und falls jemand über den eigenen Schatten springt und bei ein paar ausgewählten Texten auch noch einen Kommentar hinterlässt, verspreche ich feierlich: Mein Erstgeborenes wird entsprechend benannt.

    Und ich Dussel träume auch noch letzte Nacht vom Camp, obwohl ich die Sendung gar nicht gucke, sondern nur eure Kommentare lese. Kann man mal sehen, wie anschaulich ihr schreibt. :lache


    Und Ariel ist bestimmt ein Cyborg und darauf programmiert.

    Also ich hab ja was mit Software-Entwicklung zu tun. Und wenn eine Programmierung bei Ariel existiert, vermute ich eine ungewöhnlich hohe Selbstmordrate bei den Mitarbeitern der Support-Hotline für dieses spezielle Modell.

    Eigentlich sollten sie für das Detox/ Retreat noch bezahlen müssen :lache

    Und wir eine Entschädigung für seelische Grausamkeit bekommen

    Besonders bei diesem Doctor Bob sollten sie wirklich einmal einen Riegel vorschieben. Der tritt seit geschaetzten zwanzig Staffeln immer wieder an - und immer bevor es eklig wird, macht er sich aus dem Staub. Irgendwas stimmt da nicht. Ich habe Menschenkenntnis.

    Die ki sagt 25-30% werden abgezogen ;)

    Was? Die werden bezahlt, um in den Dschungel zu gehen?????

    Haben die nicht alle irgendwo irgendwann in einem Interview gesagt, sie seien da drin, um ihre Grenzen auszutesten und .... sich selbst kennenzulernen?

    Langsam mach ich mir Sorgen, ob da drin wirklich alle so authentisch sind, wie sie behaupten *kopfkratz