Beiträge von Googol

    Zitat

    Original von Grisel
    Gegenfrage: Wollen wir das wirklich lesen? Wir gehen ja auch davon aus, daß die Leute essen und trinken und atmen und schlafen, ohne daß es jedes Mal beschrieben wird. Wären sch...( :grin)langweilige Bücher, wenn jede einzelne dieser Tätigkeiten geschildert würde.


    Ich denke, das sollte kein Tabu sein, aber ein solches Detail sollte schon irgendwie erzählerisch notwendig sein. Und wann hat ein Klobesuch schon etwas zum Plot oder zur Charakterisierung beigetragen? Ich will das nicht ausschließen, aber was z.B. jemand isst oder trinkt - und wie viel - sagt mehr über einen Charakter. Die Klobesuchbeschreibung müsste also schon etwas Spezielles haben.

    Concentration City spielt in einer Stadt, die sich scheinbar endlos in alle Richtungen erstreckt. Die Distrikte sind horizontal durch eine Art U-Bahn verbunden und vertikal durch Aufzüge. Der Protagonist, ein Physik-Student, träumt vom Fliegen, wobei nicht die Konstruktion eines entsprechenden Flugapparats das Problem ist, sondern der Mangel an Platz in dieser Welt, die nur aus würfelartigen, überbevölkerten Einheiten zu bestehen scheint, in der jeder Kubikzentimeter eine Funktion hat. Der Protagonist begibt sich auf eine mehrwöchige U-Bahn-Reise auf die Suche nach „free space“.

    Escapement, ebenfalls aus dem Jahre 1956, ist eine fast klassische Mystery-Story. Eine Variante der alptraumhaften Zeitschlafengeschichten wie man sie z.B. durch den Firm „Und täglich grüßt das Murmeltier“ kennt. Ein Ehepaar sitzt abends vorm Fernseher und lässt sich berieseln. Er löst Kreuzworträtsel und sie näht dabei. Da fällt ihm auf, dass sich das Fernsehprogramm alle 15 Minuten wiederholt, und zwar auf allen Kanälen. Seine Frau will ihm aber nicht glauben. Dann merkt er, dass nicht nur das Fernsehprogramm springt, sondern dass in der Zeit zwischen 9 Uhr und 9.15 gefangen ist. Er findet sich mit der Situation fast schon ab, sicher dass es sich nur um einen vorübergehenden Zustand handelt:


    Zitat

    In fact there was nothing else to do except sit tight and wait for it to wear off...


    Until then I had an unlimited supply of whisky waiting form e in the half-empty bottle standing on the sink, though of course there was one snag: I’d never be able to get drunk.


    Doch dann verkürzt sich die sich wiederholende Zeitspanne immer mehr. Eine sehr klaustrophische Geschichte.

    Ich habe das Stück am Deutschen Theater gesehen mit Nina Hoss in der Hauptrolle. Ich bin kein erfahrener Theatergänger, aber diese Aufführung hat mich sehr beeindruckt.


    Nina Hoss spielte Eva als durchgehend nervöse und dem Wahnsinn nahe Figur. Sie ging bis an ihre Grenzen. Die Dienerin Gomua war vielleicht meine Lieblingsfigur. Mit ihr hat man als einzige Sympathie. An mindestens einer Stelle bekam die Darstellerin Szenenapplaus. Eine sehr geradlinige, aber interessante Figur. Die beiden Männerfiguren in dem Stück sind da eindeutig eindimensionaler angelegt.


    Die Beschreibung von Elsa in der Kurzbeschreibung irritiert mich ein wenig. Der Assistent von Evas Ehemann hat keine Ehefrau (es sei denn ich habe da etwas verpasst). Stattdessen gibt es eine namenlose Frau. Von Susanne Wolff mit Kurzhaarschnitt und im Herrenanzug androgyn verkörpert. Sie eröffnet das Stück und tritt immer wieder zwischen den Szenen auf bis sie dann irgendwann anfängt mit der inzwischen komplett durchgedrehten Eva zu interagieren. Die Figur ist sehr mysteriös angelegt. Ich habe es auch so verstanden, dass es sich hierbei um Evas Unterbewusstsein handelt. Ich frage mich, ob das eine dramaturgische Abweichung zum Ursprungstext ist.

    Prima Belladonna spielt in Vermillion Sands, einer Art Beach Resort, während einer Rezession. Ansonsten sind Zeit und Ort unbestimmt. Die Uhren scheinen stehen geblieben und die Produktivität zu einem Stillstand gekommen zu sein. Die Leute hängen in Bars und Casinos herum und langweilen sich.


    Der Ich-Erzähler verbringt die meiste Zeit auf seinem Balkon, bier-trinkend mit seinen zwei Freunden Tony und Harry. Im Erdgeschoss des Gebäudes befindet sich sein Musikgeschäft. Eines Tages beobachten sie eine faszinierende Frau wie sie fast nackt durch ihr Apartment im benachbarten Wohnhaus läuft. Nur ist das keine gewöhnliche Frau und das Musikgeschäft, das der Ich-Erzähler betreibt, ist auch kein gewöhnliches Musikgeschäft. Die Frau ist eine Mutantin mit goldener Haut und Insektenaugen und – wie sich später herausstellt – eine Sängerin, die neu in dem Ort ist. Im Musikgeschäft gibt es auch keine normalen Tonträger, sondern der Ich-Erzähler verkauft dort selbst gezüchtete musikalische Pflanzen.


    Am nächsten Morgen kommt die Frau in sein Geschäft und ist besonders faszinierend von einer Arachnid-Orchidee, einer besonders exzentrischen Pflanze, die eine Breite von 24 Oktaven beherrscht. Verkaufen möchte er die Pflanze aber nicht.


    Zitat

    I had never heard the Arachnid sing before. I was listening to it open-eared when I felt a glow of heat burn against my arm. I turned and saw the woman staring intently at the plant, her skin aflame, the insects in her eyes writhing insanely. The Arachnid stretched out towards her, calyx erect, leaves like blood-red sabres.


    Der Ich-Erzähler und die Frau gehen eine Beziehung miteinander ein und die Frau und die Pflanze eine Art konkurrierende Symbiose, die nicht gut enden kann.


    Für eine erste Veröffentlichung eines Autoren eine bemerkenswert gute Geschichte. 1956 erschienen, was man der Story nicht anmerkt.


    Ballard schrieb noch weitere Geschichten, die in Vermillion Sands spielen. 1971 kam dann ein Band mit den gesammelten Geschichten aus dieser Welt heraus.

    1200 Seiten, 98 Kurzgeschichten, 36 Schaffensjahre.


    Mein erstes großes Leseprojekt im neuen Jahr sind die gesammelten Kurzgeschichten des britischen Schriftstellers J.G. Ballard. Vereinzelt kenne ich bereits Erzählungen, mehrere Romane und natürlich die zwei sehr gelungenen Verfilmungen von THE EMPIRE OF THE SUN (Steven Spielberg) und CRASH (David Cronenberg).


    Ich habe vor, die Geschichten chronologisch zu lesen, was bei mir und Kurzgeschichtenbänden sonst oft nicht der Fall ist.

    Zitat

    Original von Sigrid2110
    Es wurde aber von zwei Eulen hier schon im "Ich habe abgebrochen...."-thread gepostet. Deshalb dachte ich, es taugt wohl doch nichts.


    Ich habe dort zwar nicht gepostet (glaube ich), aber ich habe den Roman auch sehr schell abgebrochen. War mir irgendwie zu... gewöhnlich?

    Zitat

    Original von Steena


    Ist das ein in sich abgeschlossenes Buch oder Teil einer Trilogie? Das klingt nämlich wirklich interessant!


    Es gibt ein früheres Buch, Die Tochter des stählernen Drachen, das wohl auch auf deutsch erschienen ist, habe ich aber nicht gelesen. Dieses neuere Buch ist mindestens zehn Jahre später geschrieben worden und funktionierte für mich absolut eigenständig. Wurde meines Wissens auch nicht groß als Teil einer Reihe vermarktet.

    Dieses hier fand ich so gut, weil hier die Standard-Quest Story fast auf dem Kopf gestellt wird, so ungewöhnlich wird hier mit den gängigen Fantasy-Klischees umgegangen. Besonders fand ich die moralische Zwickmühle, in der sich der jugendliche Protagonist befindet als er sich zum Komplizen eines "abgestürzten" Drachen macht, der sein Dorf unterjocht.


    Amazon:


    Zitat

    In this triumphant return to the universe of The Iron Dragon's Daughter (1994), Hugo-winner Swanwick introduces Will le Fey, an orphan of uncertain parentage. After defeating an evil mechanical war dragon who has enslaved him and his village, Will finds himself displaced by war, first imprisoned in an internment camp and then transported to the many-miles-high city of Babel. On the way, he falls in with Esme, an immortal child with no memory, and Nat Whilk, a donkey-eared confidence man of superhuman abilities. Fusing high technology seamlessly with magic, Swanwick introduces us to a wide range of marvelous conceits, fascinating digressions and sparkling characters. His language bounces effortlessly back and forth between the high diction of elfland and thieves' argot to create a heady literary stew. This is modern fantasy at its finest and should hold great appeal for fans of Neil Gaiman's Anansi Boys or China Miéville's novels.

    Dieses hier fand ich (zumindest im Original) ungewöhnlich gut geschrieben und "besonders":


    Zitat

    Amazon:
    Bereits mit früheren Romanen wie Die Nachtwache oder Schwester des Sturms hat Sean Stewart unter Beweis gestellt, dass Fantasy-Literatur sich durchaus nicht nur auf das Klischeebild der schnöden Wunscherfüllungsfantasie für realitätsflüchtige Leser beschränken muss. Seine Geschichten entwickeln ihre nahezu magische Kraft aus den fantasievollen Schilderungen, der poetischen Sprache, dem sicheren Gefühl des Autors für Spannungsaufbau und den herrlich lebensecht wirkenden Figuren, die sich allen tolkienesken Vergleichen standhaft verweigern.
    Damit hat Stewart eine vollkommen eigenständige Bilderwelt erschaffen, wie sie in der angloamerikanischen Fantasy einzigartig ist. Dennoch -- oder vielleicht gerade deshalb? -- werden seine Bücher hier zu Lande immer noch als Geheimtipp gehandelt. Das könnte sich mit Hexensturm ändern, denn hier ist dem Autor ein eminent lesbarer Roman gelungen, der ein breiteres Publikum ansprechen will und dennoch nichts vom hohen Anspruch seiner früheren Erzählungen verloren hat. Statt in unbekannten fantastischen Welten ist die Handlung des Romans im Texas der Gegenwart angesiedelt und zeigt sich weniger der Tradition klassischer Fantasy als der des magischen Realismus verbunden.


    Als Toni Beauchamps Mutter Elena stirbt und sie endlich von ihrem alles bestimmenden Einfluss befreit ist, beschließt die junge Frau ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen und eine Familie zu gründen. Elena hat Toni jedoch ein zweifelhaftes Erbe hinterlassen: einen Schrank voller magischer Puppen, die von einem rätselhaften Eigenleben erfüllt zu sein scheinen. Sie können in den Geist eines Menschen eindringen und ihm ihren Willen aufzwingen. Das ganze Leben ihrer Mutter war von diesen "Göttern" bestimmt gewesen und Toni hatte gehofft, dass mit dem Tod der Mutter auch die Macht der magischen Geisterwesen endlich gebrochen sei. Sie muss jedoch bald feststellen, dass sie sich dem letzten Geschenk ihrer Mutter nur schwer entziehen kann.


    Mit großer sprachlicher Virtousität und unwiderstehlichem Humor erzählt Stewart die Geschichte des Konfliktes zweier Generationen texanischer Frauen. Dabei ist man geneigt, einen erneuten Blick auf das Cover des Buches zu werfen, um sich zu vergewissern, ob der Autor tatsächlich ein Mann ist -- so überzeugend fühlt er sich in das Empfinden und Denken seiner weiblichen Hauptfiguren ein. Hexensturm ist der Roman eines meisterhaften Erzählers, der Vergleiche mit den großen Werken des magischen Realismus wie Isabel Allendes Das Geisterhaus nicht zu scheuen braucht.

    Mir hat der Roman leider nicht so gut gefallen.


    Anstelle von Dialogen gibt es Diskurse über theoretische kulturpolitische Themen. Die auktoriale Erzählperspektive hält die Charaktere auf Distanz. In dem immer gleichen Erzählton werden Thesen formuliert. Es wird sehr viel lamentiert. Es wird viel behauptet und wenig erzählt. Überhaupt wirkt die „Erzählform“ insbesondere durch die auktoriale Erzählperspektive sehr unmodern, eher an Romane aus dem 19. Jahrhundert erinnernd. Vielleicht ist das ein bewusster Kunstgriff des Autoren, um die dörfliche Atmosphäre noch mehr einzufangen und noch mehr den Kontrast zur Urbanität, die in den ersten paar Seiten atemberaubend in Prosa übertragen wurde, herauszustellen.


    Der erste Teil, in dem zwei alte Schulfreunde, Asger und Wenzel aufeinandertreffen, hat Potential, aber das Potential verpufft durch den Erzählstil. Alles wird nur abstrakt, indirekt und distanziert beschrieben. Mehrmals hätte ich als Lektor „werde endlich spezifischer“ an den Rand des Manuskripts geschrieben. Statt dessen hauen die beiden fast grußlos weiter ihre Thesen raus als führen sie eine nur zufällig vor vielen Jahren begonnene Diskussion fort.


    Ab dem zweiten Teil ließ dann mein Interesse immer mehr nach.


    Einige der im Roman aufgestellten Thesen sind durchaus interessant, aber ich hätte mir mehr erzählerische Komponenten gewünscht.

    Ein schmales Büchlein, ein Roman, geschrieben von einem Londoner Busfahrer über einen Londoner Busfahrer. Habe ich komplett in 2*10 minütlichen täglichen Lesephasen im Bus gelesen.


    Zitat

    Kurzbeschreibung
    'It's a matter of procedure,' I explained. 'Strictly for the record. You don't get sacked from this job unless you did what Thompson did.' 'What did he do then?' 'We never mention it.' In Magnus Mills' brilliant short novel he transports us into the bizarre world of the bus drivers who take us to work, to the supermarket, to the match and home again. It is a strange but all too real universe in which 'the timetable' and 'maintenance of headway' are sacred, but where the routes can change with the click of an inspector's fingers and the helpless passengers are secondary. The journey from the southern outpost to the arch, the circus and the cross will seem as familiar as your regular route, but then Magnus Mills shows you the almost religious fervour which lies behind it, and how it is fine to be a little bit late but utterly unforgivable to be a moment early. 'To write one unique book is a rare achievement. The ability to produce several is truly special.' Independent


    Der Roman beginnt mit einer aberwitzigen Szene, in der der Protagonist von einem Inspektor zur Rede gestellt wird, weil er dem Fahrplan voraus ist ("There is no excuse for being early").


    Köstlich, kurz, hoffentlich demnächst auch in deutscher Übersetzung.

    Zitat

    Der gefeierte »Skandalroman « ("Der Spiegel") aus Südkorea
    Ein Schriftsteller bietet per Telefonhotline lebensmüden Menschen seine Mithilfe beim Selbstmord an. Bevor er zur Hebamme des Todes wird, muss er jedoch von ihren Motiven überzeugt sein. Ist dies der Fall, arrangiert er ihren Tod, lässt die Klienten in seinen Geschichten aber wieder auferstehen und macht sich damit zum Herr über Leben und Tod. Kim Young-has Debütroman ist eine echte Entdeckung und wird alle Fans von Haruki Murakami begeistern.

    Interessant ist auch die Auswahl von Jonathan Lethem, die in drei Bänden bei der Library of America erschienen ist:



    EDIT: Übersetzt in deutsche Ausgaben wäre das:


    Orakel vom Berge (Heyne 2009), Die drei Stigmata des Palmer Eldritch (Heyne 2002, out of print. früher auch als „LSD Astronauten“ erschienen), Blade Runner (Heyne, s.o.), Ubik (Heyne, s.o.)


    Marsianischer Zeitsturz (Heyne 2002, einzeln out of print, in einem Dreier-Sammelband zusammen mit Blade Runner und Ubik noch erhältlich, früher auch als „Mozart für Marsianer“ erschienen), Nach der Bombe (Heyne 2004), Warte auf das letzte Jahr (Heyne 2006), Eine andere Welt (Heyne, s.o.), Der dunkle Schirm (Heyne 2004)


    Die Valis-Trilogie (Heyne 2002)


    Bis auf "Die drei Stigmata" scheint alles noch (bzw. wieder) lieferbar zu sein.

    Zu seinen besten Romanen zählen TRÄUMEN ROBOTER VON ELEKTRISCHEN SCHAFEN (alternativer Titel: BLADE RUNNER), UBIK, MOZART FÜR MARSIANER und DAS ORAKEL VOM BERGE. Letzterer ist ein Alternativ-Welt Roman über eine Welt, in der die Achsenmächte den zweiten Weltkrieg gewonnen haben.


    Ich würde für den Start erst einmal die Finger von seinem Spätwerk lassen (VALIS) und von seinen sehr frühen Romanen (WELT DES MR. JONES, VULKANS HAMMER etc.). Ich glaube in den 60ern hat er seine besten Sachen geschrieben. Er hat verdammt viel geschrieben, d.h. man muss schon aufpassen, dass man nicht ausgerechnet mit einem schwächeren Nebenwerk beginnt.


    Kurzgeschichten hat er auch eine Menge geschrieben. Die meisten vor seiner "Romankarriere". Es gab mal bei Haffmanns eine Werkausgabe. Es wird sicherlich auch Best-Of Bände geben.

    Ich hätte noch dieses anzubieten. Ein sehr empfehlenswerter Fantasy-Roman von Sean Stewart. Ansonsten muss ich aber sagen, dass ich mehr Beine und Füße in meinem Bücherregal habe als Arme und Hände: u.a. Jeffrey Eugenides - Virgin Suicides, Yoko Tawada - Tintenfisch auf Reisen, John Banville - Shroud und Judy Budnitz - Flying Leap.