Beiträge von Buchdoktor

    ASIN/ISBN: 3036956182

    Ian Hamilton: Die wilden Bestien von Wuhan (Ava-Lee Band 3)

    Verlag: Kein & Aber 2013. 312 Seiten

    ISBN-10: 3036956182

    ISBN-13: 978-3036956183

    Originaltitel: The Wild Beasts of Wuhan

    Übersetzerin: Simone Jakob

    Als Printausgabe vergriffen


    Verlagstext

    Ihr dritter Fall führt die chinesisch-kanadische Agentin Ava Lee ins Kunstmilieu. Im Auftrag des einflussreichen chinesischen Kunstsammlers Wong folgt sie der Spur einer Fälscherbande durch Europa und New York. Bis auf die Zähne bewaffnet mit Scharfsinn und Mut, setzt die hinreißende Ava bei der Aufklärung des Falles erneut auf unkonventionelle Methoden. Wenn nur die Absichten der merkwürdigen verführerischen Ehefrau Wongs transparenter wären. Wird Ava die Fälscher stellen und ihren Auftrag erfüllen?


    Der Autor

    Ian Hamilton, 1946 in Toronto geboren, war Journalist, bevor er für die kanadische Regierung und als Geschäftsmann arbeitete. Heute lebt er mit seiner Frau in Burlington, Ontario. Die Reihe um Ava Lee wird ab Band 5 im Verlag Krug & Schadenberg fortgesetzt.


    Inhalt

    Ava Lee bricht die Familienkreuzfahrt der Lees in die Karibik ab, um auf Onkel Chows Drängen einen Auftrag des unvorstellbar reichen Ehepaars Wong anzunehmen. Da Wong ein Gefährte Onkel Chows aus Wuhan ist und Ava ausdrücklich anfordert, bleibt ihr keine andere Wahl. Die Wongs haben beim Kauf gefälschter Gemälde rund 100 Millionen Dollar eingebüßt. Mit ihrer bewährten Methode ‚Folge dem Geld‘ spürt Ava der Herkunft der verdächtigen Gemälde nach. Die entscheidende Frage ist, wer profitierte von dem Deal und wo ist das Geld geblieben. Ein echtes Gemälde hinterlässt eine nachvollziehbare Spur, wenn es verkauft, ausgestellt oder begutachtet wird, aber auch eine Fälschung kann nicht unbemerkt gehandelt werden. Avas Ermittlungen führen sie u. a. nach London, Dänemark und auf die Faröer Inseln, ein für sie völlig neues Terrain. Verblüfft stellt sie fest, dass sie bei ihrem letzten Auftrag in London einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen haben muss und die damals geknüpften Beziehungen nun nutzen kann. Die Begegnung mit den Wongs und ihrem rücksichtslosen Machtanspruch machen Ava deutlich, dass guanxi, das Netz gegenseitiger Verpflichtungen, kein Wunschkonzert ist.


    Ian Hamilton gibt in jedem Band der Serie in kleinen Häppchen Szenen aus der Familiengeschichte der Lees preis. Bei ihrem dritten Auftrag kann Ava sich zwar auf ihre Kompetenzen als Wirtschaftsprüferin verlassen, scheint sonst jedoch auf eine Reihe von losen Fäden zu blicken. Sie ist nicht immer mit ihrem greisen Mentor Onkel Chow einer Meinung und sie scheint sich längst noch nicht entschieden zu haben, ob sie einmal in einer festen Beziehung mit einer Frau leben will. Der Autor arbeitet wie gewohnt effektiv mit Markennamen, so dass er Avas Wirkung selbst nicht beschreiben muss. Offensichtlich mag er Flughäfen, die Skyline von Hongkong - und er versteckt entscheidende Informationen über Avas Liebesleben gern unauffällig in einem Nebensatz.


    Fazit

    Ava Lees Auftritte in Europa werden einigen Figuren nachhaltig in Erinnerung bleiben …


    8 von 10 Punkten

    ASIN/ISBN: 3423281766

    Fatima Farheen Mirza: Worauf wir hoffen

    Verlag: dtv 2019. 480 Seiten

    ISBN-10: 3423281766

    ISBN-13: 978-3423281768. 24€

    Originaltitel: A Place for Us

    Übersetzerin: Sabine Hübner


    Verlagstext

    Was hält unsere Familien im Innersten zusammen?

    Amar hat es sich nicht ausgesucht, einziger Sohn und Stolz der Familie zu sein. Wenn er gegen seine muslimischen Eltern rebelliert, ist es seine ältere Schwester Hadia, die ihn schützt. Bis sie sich fragt: wovor eigentlich? Vor den Möglichkeiten, die sie als junge Frau nicht hat? Nach einem Streit mit dem Vater läuft Amar von zu Hause weg. Und Hadia nimmt nach und nach seinen Platz ein. Drei Jahre später heiratet sie einen Mann ihrer eigenen Wahl: für die Familie die Chance, sich neu zu erfinden. Doch dann kehrt Amar zurück.Gibt es eine Eifersucht, die verzweifelter ist, als die unter Geschwistern? Müssen wir die Welt unserer Eltern erst akzeptieren, bevor wir uns daraus befreien können?


    Die Autorin

    Fatima Farheen Mirza, 1991 geboren, wuchs in Kalifornien auf. Sie studierte am renommierten Iowa Writers' Workshop und lebt heute in New York.


    Inhalt

    Die Ehe zwischen Laila und Rafik wird auf traditionelle Weise geschlossen; der Bräutigam hat die Braut zuvor nur kurz aus der Ferne gesehen. Ihre Familien gehören der Religionsgemeinschaft der Schiiten in Hyderabad an. Glück ist damals, wenn man Rituale absolvieren und die Erwartungen anderer erfüllen kann. 30 Jahre später trifft sich die Familie an ihrem amerikanischen Heimatort zur Hochzeit der ältesten Tochter Hadia. Der Sohn Amar hatte einige Jahre zuvor im Streit die Familie verlassen und Hadia hofft nun auf eine Versöhnung mit ihm. Die Hochzeitsvorbereitungen wirken stark ritualisiert, so dass ich mich gefragt habe, ob das Brautpaar sich die traditionelle Feier wünscht oder ob die Fassade einer heilen Familie demonstriert werden soll.


    Rückblenden führen in unterschiedliche Altersstufen der Geschwister. Rafik regierte mit unnachgiebiger Strenge; den Töchtern wird eingeschärft, dass es für sie keine Freundschaft mit gleichaltrigen Mädchen geben darf und man sich nur auf die Familie verlassen kann. Gegenüber der Umwelt, die Laila und Rafik ihre Kinder zu entfremden scheint, sichert der Vater seine Familie wie in einer Festung ab. Beide Eltern reflektieren kaum, ob die heimatlichen Werte und Rituale in der neuen Umgebung sinnvoll sind.


    Die neunjährige Hadia „darf“ sich für den Hijab entscheiden; kein Kopftuch zu tragen, wäre eine unentschuldbare Sünde. Als Älteste wird ihr die Verantwortung für die Geschwister übertragen und beiden Schwestern die Verantwortung dafür, dass Amar sich zu dem Jungen entwickelt, den sein Vater wünscht. Amar war ein schwieriges Baby, ging nur ungern zur Schule und rebelliert noch immer gegen alle Werte seines Vaters. Laila verwöhnt den Sohn, verhält sich den unproblematischen Töchtern gegenüber kühl und wirkt völlig hilflos. Die Ungleichbehandlung von Söhnen und Töchtern darf nicht angesprochen werden. Dass Mädchen weniger geliebt werden, weil sie später zu einer anderen Familie ziehen werden, diese Zurückweisung wird lange an Hadia zehren. Sie tritt die Rolle an, die für Amar vorgesehen war, studiert schließlich Medizin, noch ohne zu ahnen, welches ihre eigenen Ziele sind.


    Der Roman besteht aus vier Teilen und wird im Präsens und in verschachtelten Rückblenden erzählt. Die ersten drei Teile verharren in der (Opfer-)Haltung von Laila und den Kindern, die den strengen, aufbrausenden Vater erleiden. Dass innerhalb der Rückblenden keine Reifung der Figuren und damit keine Reflektion zu erkennen ist, macht den Roman m. A. nach schwer lesbar. Erst im letzten Teil, rund ein Jahrzehnt nach der Hochzeit, kommt Rafik zu Wort und wendet sich direkt an Amar. Durch eine Erzählperspektive, die sich auf das Erleben von Frau und Kindern beschränkt, kann jeder seine Geheimnisse wahren. Die Eltern erhalten keine Chance ihr Verhalten zu reflektieren und die Kinder können sich nicht damit versöhnen, dass selbst katastrophale Erziehungsfehler einmal im guten Glauben an das Beste für die Kinder geschahen.


    Fazit

    Mirzas anrührender Roman wirkt stilistisch eher schlicht; er spielt in der unmittelbaren Gegenwart und ist deutlich von den Ereignissen von 9/11 (2001) geprägt. Das Genre Familienroman und der Focus des Klappentextes auf Geschwisterrivalität wird dem Roman m. A. nicht gerecht; denn darin wird u. a. die Frage aufgeworfen, ob sich streng religiöse Parallelgesellschaften weiter entwickeln können oder zum Stillstand verdammt sind. Warum und wie die verlorenen, verwöhnten Söhne dieser Gemeinschaften so viel mehr Aufmerksamkeit einfordern als ihre folgsamen Schwestern, auch diese Frage ist nicht zu übersehen.


    8 von 10 Punkten

    Vor die Postleitzahl kommt noch CZ, wenn du aus Deutschland schreibst. Die Sendungen werden ja meist maschinell gelesen, da ist es so sicherer.

    Prinzipiell ist ja die Rezension das Mindestmaß an Gegenleistung. Das ist es, wonach der Verlag ja lechzt. Die Leserunde ist denen wohl nicht sooo wichtig. Und wer will die Wertigkeit von Beiträgen oder die Häufigkeit zählen? ...

    Das hat mich schon immer gewundert; denn was kann werbewirksamer sein für einen Buchtitel (vorausgesetzt die Threadüberschrift besteht nicht nur aus kryptischem "Leserunde mit dem XY-Verlag") als das Hibbeln vor der Leserunde, bis das Buch erscheint, und dann das tägliche Hochziehen des Themas im entsprechenden Thread?


    :P

    ...

    Drei LR hatte ich mit einem zugelosten Gratis-Exemplar, und darüber hat sich ehrlicherweise mein Geldbeutel schon sehr gefreut. Vor allem bei dem letzten, das war ein gebundenes Buch für rund 20 Euro, und das merke ich mit meinem knappen Budget dann schon. Deswegen war es eine große Erleichterung für mich, dass ich mit einem Testexemplar teilnehmen konnte. Obwohl ich es auch kaufen würde, wenn es nicht genug Freiexemplare gäbe - ich will das Buch ja wegen des Inhalts lesen, nicht weil es nichts kostet.

    Das ist ein wichtiger Einwurf. Meine Frage: "ist es noch zeitgemäß" entstand u. a. aus der sinkenden Bewerberzahl zu Leserunden hier. Wenn man sich eine Hardcover-Neuausgabe zurzeit ganz sicher nicht leisten kann, bedeutet eine Teilnahme von Bewerbern < Exemplaren immerhin ein gesichertes Exemplar.

    Zitat

    Ich glaube auch nicht, dass Leserunden generell nicht zeitgemäß oder überholt sind, eher glaube ich, dass es gerade die Anpassung an den aktuellen Zeitgeist ist, die kritische Fragen und Unmut aufwirft, eben diese ganze Kommerzialisierung der Leserunden in ihrer "offiziellen" Form.


    Zumindest gibt es eine spürbare Konkurrenz durch Twitter-Leserunden, NetGalley, jellybooks und allerlei Clubs der Verlage zur Leserbindung. Ich sehe es so, dass man immer nur auf einer Hochzeit tanzen kann und die Zahl der Hochzeiten zunimmt, bei spürbar abnehmender Konzentration vieler Leser.


    Lesen soll den Leser oder die Leserin glücklich machen; so hätte ich es jedenfalls gern. Wenn die schlechte Konzentration unzufrieden macht oder parallel laufende Leserunden stressen, kann davon ja nicht mehr die Rede sein ...

    ... Ich fand es früher (jajaja, früher war alles besser :S) immer schön, wenn man viele verschiedene Themen hatte und eine Leserunde auch mal ausartete in was weiss ich für Themen oder einfach in Albernheit. Das ist jetzt meiner Meinung nach sehr selten bis gar nicht mehr der Fall.

    Dass man sich im Zusammenhang mit dem Buch über Land und Leute und Werweißwas austauscht, wird uns ja hoffentlich erhalten bleiben!


    Es macht sich eben auch hier bemerkbar, dass sich die Aufmerksamkeitsspanne allgemein gen Null entwickelt. Dass ein Buch 700 Seiten hat oder ein Jugendbuch für 14-Jährige ist, sollte nicht überraschen, wenn man vor dem "Hier"-Rufen einen kurzen Blick auf die Produktseite oder die Verlagsseite wirft - und damit ließe sich schon ein Teil des späteren Frusts vermeiden.

    ...

    Problematisch sehe ich es eigentlich nur dann, wenn einige Mitlesenden sich zu so vielen Terminen anmelden, dass sie für die einzelne Leserunde nur noch knapp Zeit haben. Es kann ja immer noch das Leben dazwischen kommen. Und dann sind die Prioritäten schnell ganz wo anders.


    Es würde mich mal interessieren, wie viel Zeit Ihr Euch selber für ein Leserundenbuch einräumt. :zuhoer

    Ich rechne mindestens eine Woche für einen Roman mittlerer Größe. Würde mir aber keinen zweiten solchen Termin innerhalb von zwei bis drei Wochen legen.

    Ich würde gern mindestens 100 Seiten am Tag lesen, um nicht eine Woche oder länger im Leserundenbuch festzustecken. Bei 700 Seiten wäre die Lesezeit eine Woche, wenn die Teilnehmer gern kürzere Abschnitte möchten, sind es schon 10 Tage.

    Es gibt so eigentlich nur zwei denkbare Abläufe: Ich lese am Stück, mache mir Notizen getrennt nach den Abschnitten - oder ich lese nur den geplanten Abschnitt und parallel dazu ein anderes Buch, was dem Leserundengenuss nicht gerade förderlich ist.

    Beispiel Owen Meany, über 700 Seiten, dauerte vom 23.8. bis 10.9.


    Es gibt generell Motivationskiller (nicht auf Owen Meany bezogen): Wenn die Leserunde beginnt und niemand postet, wenn Teilnehmer noch in vorhergehenden Leserunden festhängen und das ausführlich problematisieren oder wenn Abbrüche ausführlich diskutiert werden. Wenn man das Problematisieren streichen würde und einfach ein Stück weiterlesen oder -posten, packt einen das Buch evtl. doch wieder ...

    ASIN/ISBN: 3522305213

    Amina Bile, Sofia Nesrine Srour, Nancy Herz: Schamlos

    Verlag: Gabriel in der Thienemann-Esslinger Verlag GmbH 2019. 168 Seiten

    ISBN-10: 3522305213

    ISBN-13: 978-3522305211. 15€

    Vom Verlag empfohlenes Alter: 12 - 15 Jahre

    Originaltext: Skamløs

    Übersetzerin: Maike Dörries

    Verlagstext

    Für Mädchen ab 12 Jahren. Und für alle Interessierten und Toleranten, die sich mit anderen Kulturen beschäftigen wollen.

    Drei junge Frauen – Muslimas, Bloggerinnen, Feministinnen – beziehen Position: Wie fühlt es sich an, ständig zwischen den Erwartungen ihrer Familien, ihrer kulturellen Identität und ihrem Selbstverständnis, als Jugendliche in einem westlichen Land zu leben, hin- und hergerissen zu sein? Sie haben Diskussionen angeregt, Tabu-Themen öffentlich gemacht und zahlreiche sehr persönliche Geschichten gesammelt. Dabei ist ein bemerkenswertes Buch entstanden, ein mutiges Buch.

    Dieses Buch ist ein Plädoyer für eine multikulturelle Gesellschaft!

    Die Autorinnen

    Herz, Srour und Bile, alle in den 1990ern geboren, haben ihre Bewegung in den Medien als "Die schamlosen Mädchen" gestartet und sich v.a. dem Thema "Negative Sozialkontrolle" angenommen. Für ihren Einsatz für die Meinungsfreiheit sind sie u.a. mit dem dem Fritt Ord Honnør-Preis (2017) ausgezeichnet worden.


    Inhalt

    Die Autorinnen sind Muslimas zwischen 19 und 21 Jahren und in Norwegen bekannte Aktivistinnen zum Thema Negative Sozialkontrolle. Gemeint ist damit eine Kultur der Scham, in der Druck auf Mädchen ausgeübt wird, wie sie sich zu kleiden und zu benehmen hätten, damit Fremde nicht über ihre Familien tratschen und sie damit beschämen. Leck nicht an deinem Eis, zieh keinen Badeanzug an, benutze keinen Lippenstift, ein Mädchen braucht kein Privatleben. Die Liste der Ermahnungen ist lang, und sie kommen neuerdings direkt aufs Smartphone und in den sozialen Medien (siehe #dearsister). Auffällig ist dabei eine Symbiose, in der Mütter keine klare Ansage treffen, was sie selbst von ihren Kindern erwarten, und Töchter sich dem psychischen Druck beugen, die Ehre der Familie nicht zu beschmutzen. Die drei jungen Frauen legen graphisch mit einer Kurve der Scham ihre persönliche Entwicklung offen, von der Einschulung, über den Sportunterricht, die Begegnung mit männlichen Mitschülern, dem zunächst freiwilligen „Nehmen“ des Hijab, bis zu ersten Zweifeln und ihrer Wandlung als erwachsene Abiturientinnen und Studentinnen. Die Diskussion über die Macht der Scham verdeutlicht, wie stark die drei jungen Frauen davon geprägt sind, ständig ihr Aussehen zu reflektieren vor dem Hintergrund, besser und religiöser sein zu müssen als andere. Sehr deutlich wird hier gesagt, dass Normen islamischer Parallelgesellschaften - mit Hilfe männlicher Prediger - kleine Mädchen bereits im Kindergartenalter sexualisieren.


    Bewegend fand ich sowohl die Verdrängung der Erfahrungen einer kaum 20-Jährigen (die sich nicht erinnern kann, ob sie in der Grundschule Schwimmen hatte), als auch die deprimierende Erkenntnis einer 13-Jährigen, dass es für sie - anders als für norwegische Kinder - kein Erwachsenenleben geben wird, in dem sie finanziell unabhängig sein und selbst über sich entscheiden wird. Die Symbolik der Pfauenfeder vom Vorsatzpapier ist eng mit Sophias Biographie verbunden und erzählt eine ganz eigene Geschichte.


    Die Autorinnen werten den Begriff schamlos um, der sie als Mädchen disziplinieren sollte. Sie fürchten nicht mehr, für schamlos gehalten zu werden, sie wollen schamlos sein, d. h. sich nicht mehr schämen müssen für ein Verhalten, das außerhalb ihrer Parallelgesellschaften als normal gilt. Amina, deren Familie aus Somalia stammt, fährt sich im Gespräch wiederholt fest mit der Bezeichnung „bei uns“. Sie meint damit Somalia und Verwandte in Somalia, obwohl sie selbst in Norwegen lebt. Ihre Diskussionspartnerinnen fragen wiederholt nach, ob sie von ihrem norwegischen Heimatort spricht. Nein, Amina meint damit ein System sozialer Kontrolle, das bis in die Herkunftsländer reicht. Pubertierende Mädchen werden sogar in die Heimat der Eltern entführt, um sie „kulturell zu rehabilitieren“ und ihre Verwestlichung rückgängig zu machen. Erwachsenen Lesern wird hier in vielfältiger Weise die Beschränkung ihres westlichen Denkens deutlich, das bei Migranten zu häufig von einem vorhandenen Integrationswillen ausgeht.


    Auch wenn ich die drei Autorinnen in ihrem Buch als sehr offen und flexibel erlebe, fehlen mir bei ihnen eigene Visionen. In der Tratsch- und Denunziationskultur, unter der sie als Kinder gelitten haben, sind sie Teil des Problems und müssen sich selbst verändern. Der Traum von älteren Brüdern, die Freiheiten für ihre Schwestern erkämpfen, und die Forderung nach mehr Integrationshelfern an Schulen genügt mir ganz und gar nicht, solange die drei Ladys keine Ideen entwickeln, welche Mütter sie einmal sein wollen und wie ihre Kinder später aufwachsen werden.


    Das Buch, das sich an Leserinnen (brown girls) ab 12 richtet, wechselt zwischen biographischen Abschnitten, Diskussionen, anonymen Berichten muslimischer Mädchen, die keinesfalls ihren Namen veröffentlicht sehen wollten, Briefen der erwachsenen Autorinnen an ihr Kindheits-Ich und sehr lebensfrohen ganzseitigen Fotos. Mit seinem Cover in Leinenstruktur, pinker Bauchbinde, Vorsatzpapier in Pfauenfeder-Optik und Mehrfarbendruck wirkt „Schamlos“ verschwenderisch elegant gestaltet. Es zeigt damit hohe Wertschätzung für die Leserin und hat einen Preis für feministische Buchgestaltung verdient.


    Fazit

    12-Jährige als Zielgruppe finde ich zwar etwas früh angesetzt; wenn sie sich für die Ansichten von feministischen "brown girls" interessieren, sollten sie es jederzeit unbedingt lesen.


    9 von 10 Punkten


    Die Nominierten

    Belletristik:


    Sachbuch und Essay:

    • Frank Biess: Republik der Angst. Eine andere Geschichte der Bundesrepublik (Rowohlt Verlag)
    • Harald Jähner: Wolfszeit. Deutschland und die Deutschen 1945 – 1955 (Rowohlt Berlin)
    • Marko Martin: Das Haus in Habana. Ein Rapport (Wehrhahn Verlag 2018)
    • Lothar Müller: Freuds Dinge. Der Diwan, die Apollokerzen & die Seele im technischen Zeitalter (Die Andere Bibliothek)
    • Kia Vahland: Leonardo da Vinci und die Frauen. Eine Künstlerbiographie (Insel Verlag)


    Übersetzung:

    • Liviu Rebreanu: Der Wald der Gehenkten (Paul Zsolnay Verlag 2018), aus dem Rumänischen von Georg Aescht
    • Aura Xilonen: Gringo Champ (Carl Hanser Verlag), aus dem Spanischen von Susanne Lange
    • György Dragomán: Löwenchor (Suhrkamp Verlag), aus dem Ungarischen von Timea Tankó
    • Jean-Baptiste Del Amo: Tierreich (Verlag Matthes & Seitz), aus dem Französischen von Karin Uttendörfer
    • Gabriela Adameşteanu: Verlorener Morgen (Die Andere Bibliothek 2018), aus dem Rumänischen von Eva Ruth Wemme

    ASIN/ISBN: 3522184920

    Annett Schaap: Emilia und der Junge aus dem Meer

    Verlag: Thienemann Verlag 2019. 400 Seiten

    ISBN-10: 3522184920
    ISBN-13: 978-3522184922

    Vom Verlag empfohlenes Alter: 10 - 12 Jahre

    Originaltitel: Lampje

    Illustratorin: Karin Lindermann

    Übersetzerin: Eva Schweikart


    Verlagstext

    Im Schwarzen Haus wohnt ein Monster, sagen sie. Ausgerechnet dort soll Emilia, Tochter des Leuchtturmwärters, nun einziehen. Und tatsächlich scheint es ein schauriges Wesen zu geben, das hinter verschlossenen Türen lebt. Was ist bloß sein Geheimnis? Eines Tages wagt sich Emilia ins verbotene Zimmer und verändert mit diesem Schritt nicht nur ihr Leben ...

    Eine magische Geschichte, die an die kleine Meerjungfrau erinnert und in den Niederlanden bereits vielfach ausgezeichnet wurde


    Die Autorin

    Annet Schaap (geboren 1965 in Ochten) hat schon gern gezeichnet, als sie noch sehr klein war. Und wenn sie später Bücher las, malte sie selbst Bilder dazu. Darum ist es nicht verwunderlich, dass sie nach dem Gymnasium an die Kunstakademie ging. Erst studierte sie fünf Jahre in Kampen und dann noch ein Jahr in Den Haag. Seit 2000 arbeitet sie als Buchillustratorin. Ihre Bilder zeichnet sie mit Bleistift vor und arbeitet sie dann in Tusche oder mit Aquarellfarben aus. Sie hat über 200 Bücher illustriert, darunter weithin bekannte Werke. 2017 wurde für Annet ein lange gehegter Traum wahr: Mit "Emilia und der Junge aus dem Meer" erschien ihr erstes selbst geschriebenes Kinderbuch, das sogleich ein großer Erfolg wurde.


    Inhalt

    Emilia (Spitzname Lämpchen) und ihr Vater Augustus leben im Leuchtturm. Bei Flut ist der Weg dahin meist überspült, aber bei Ebbe ist der Ort in der Nähe leicht zu erreichen. Weil der Leuchtturmwärter ein Bein verloren hat, muss Emilia jeden Tag die Treppen ins Lampenhaus hinaufsteigen und mit Streichhölzern das Leuchtfeuer anzünden. Für ein kleines Mädchen, das lieber Muscheln und Treibholz sammelt, ist das eine zu verantwortungsvolle Aufgabe. Eines Tages vergisst Emilia, rechtzeitig Streichhölzer zu kaufen und schafft es nicht rechtzeitig vor Einbruch der Dunkelheit in den Leuchtturm zurück. Ein Schiff strandet, der Schaden ist gewaltig und Vater und Tochter müssen beide 7 Jahre lang arbeiten, um den Schaden zu ersetzen. Emilia kommt als Dienstmädchen in das unheimliche Haus des Admirals, in dem es ein Monster geben soll. Doch zunächst ist die wirklich noch kleine Emilia eine willkommene Aufmunterung für Martha die Haushälterin, ihren Mann und deren behinderten, erwachsenen Sohn Lennie.


    Der kräftige Lennie, der nicht spricht, nimmt Emilia die schweren Hausarbeiten ab, er blüht dabei sichtlich auf und auch sein Vater scheint wieder Freude am Leben zu finden. Wer hätte gedacht, dass Emilia sich – voller Sehnsucht nach einem Blick auf den Leuchtturm - in das stets abgeschlossene Turm-Zimmer mit dem "Monster" traut. Unter dem Bett findet sie Edward, einen verängstigten jungen Meermann mit grünlichen Haaren und besonderen Augen; Fisch nennt Emma ihn. Der Junge wird vom Admiral gefangen gehalten und soll seine Muskeln kräftigen, um endlich laufen zu können. Bevor Emilia ins Haus kam, hatte ein kluger Betreuer Edward unterrichtet. Edward bemerkt gleich, dass Emilia nicht lesen kann und will es ihr sofort beibringen. Als der Admiral seine Rückkehr von großer Fahrt ankündigt, will Lämpchen schnell noch gemeinsam mit Edward etwas erledigen – und bringt sich und den ganzen Haushalt damit in Schwierigkeiten. In einem Buch für Zehnjährige kann man sich drauf verlassen, dass Probleme lösbar sind und Kinder sich zu helfen wissen – so ist es auch hier.


    Annett Schaap, die vor ihrem Erstling bereits als Illustratorin gearbeitet hat, schafft mit Lämpchen eine hinreißende, unerschrockene Heldin. Ihr ist ein spannendes, bewegendes, mit seinen zarten Illustrationen auch optisch ansprechendes Buch gelungen, das komplizierte Probleme für die 10-jährige Zielgruppe in verständliche Sprache fasst. Mit der Stimme der verstorbenen Mutter im Hintergrund, die ihrer Tochter stets Rückhalt bietet, über Emilias Freundschaft mit Piraten bis zu der Botschaft, dass Kinder in Schwierigkeiten geraten, weil sie nicht lesen oder nicht schwimmen können, ist „Emilia und der Junge aus dem Meer“ ein Kinderbuch, das sich auch direkt an Erwachsene richtet. Es geht um die Kunst, selbst in schwierigen Situationen ein guter Mensch zu bleiben und um falsche Geheimnisse, die Menschen erst in Schwierigkeiten bringen. Schaap erzählt von der Widerstandskraft von Kindern, die unter schwierigen Verhältnissen aufwachsen, vom unseligen Zwang, dem Bild der Eltern zu entsprechen, und dass gut gemeinte Hilfe noch lange nicht gut gemacht sein muss. Erwachsene und Kinder dürfen bei Schaap Fehler haben und ihre Nebenfiguren sind bis in die Details ausgearbeitet.


    Fazit

    Ein preiswürdiger Klassiker, nicht nur für Kinder.


    10 von 10 Punkten

    Eine Hütte für mich allein


    Joan Barfoot, 1946 in Owen Sound, Kanada, geboren und aufgewachsen, studierte Englische Literatur und arbeitet als Journalistin. Sie lebt heute in London, Ontario. Ihre Romane sind in zahlreiche Sprachen übersetzt. 1992 wurde Joan Barfoot mit dem angesehenen "Marian Engel Award" ausgezeichnet.


    Tja, genau die zeitliche Vorgabe würde mich dann von der Teilnahme abhalten. Ich lese relativ schnell, das würde dann heissen, dass ich zeitweise dann genau diese Zeit nicht weiterlesen brauche.

    Ich bin mittlerweile eh schon soweit, parallel ein zweites Buch zu lesen und nur einen Abschnitt am Tag zu lesen und dazu zu posten. Wenn man dann nur alle zwei oder drei Tage zu einem neuen Abschnitt posten soll, würden die Schnellleser ausgebremst, während sich für die langsameren nichts ändert.

    Mir ist es einmal bei einem dickeren Buch passiert, dass ich jeweils an einem Tag einen Beitrag zu einem Abschnitt gepostet habe. Am Ende stellte sich heraus, dass außer mir überhauüt niemand mehr schrieb. Da wäre es wirklich egal gewesen, ob ich nun 3 Abschnitte an einem Tag schreibe oder 6. :rolleyes:

    Die Botschaft, die bei mir ankam, lautete: Wenn du hier nicht die Teilnehmer und ihre lange Verbundenheit feiern willst, sondern das tolle Buch oder den tollen Autor, lass besser die Finger davon. Insofern sehe ich kein zweiseitiges Problem zwischen Nadezhda und den Querbeet-Eulen, sondern ein strukturelles oder wie auch immer.

    Ich nehme mal an, dass du dich auf die Diskussion bei den "Querbeet-Eulen" beziehst. Ich verstehe nicht, was an der Diskussion nicht offen sein soll, ds sie in einem öffentlichen Forum stattfindet. Außerdem ist dort jede interessierte Eule willkommen. Ganz im Gegenteil sind die Teilnehmer dieser Gruppe ist sogar sehr an einem ehrlichen Meinungsaustausch interessiert. So erlebe ich das jedenfalls seit Jahren.

    Ich gucke regelmäßig, was die Querbeeteulen lesen, weil ich die Buchauswahl sehr schätze und eigentlich gern mal eine Querbeet-Runde in meine Leseliste frickeln möchte. Die Diskussion habe ich zufällig entdeckt und fand sie wert, allgemein geführt zu werden. Das Interesse an Leserunden scheint mir allgemein zu sinken - und ich sehe sie in Relation zum Aufwand, den sie für die Admins bedeuten. Das sinkende Interesse kann Zufall sein, mit der Zahl interessierter Mitglieder zusammenhängen oder ein Indiz sein für verändertes Leseverhalten.

    Jennie hat eine Schlüsselrolle, weil sie die erste Einwanderergeneration darstellt, die selbst in einem anderen Land erzogen wurde. Die Konflikte zwischen traditionellen Eltern und Kindern, die in der neuen Heimat aufwachsen, gibt es in jeder Einwandererkultur. Jennie mogelt sich aus der nötigen Auseinandersetzung geschickt raus, indem sie Marian (bisher ?) abhakt - die Mutter ihrer einzigen Enkelkinder.


    Ist sie wirklich als Person dominant - oder beharrt sie einfach gewohnheitsmäßig drauf, dass ihre Kultur überlegen sein muss? Shanghai ist ja besser als Hongkong. Muss nicht Kanada besser sein als Hongkong, wenn man dahin sein Vermögen in Sicherheit bringt? Eine Parallelkultur ist m. A. nach an sich dominant, weil sie zum eigenen Überleben Austausch unbedingt verhindern will.