Beiträge von Buchdoktor

    ... Trotzdem sind mir persönlich die Zeitfenster oft zu eng. Wenn ich ein Buch nicht gut finde, breche ich es ehrlich gesagt ab. Aber wie ist das bei Leserunden? Wird das akzeptiert?

    Das mit der Stimmung verstehe ich sehr gut und es verstärkt sich noch durch die langfristige Planung. Was weiß ich heute, wie es mir in einem halben Jahr gehen wird?


    Es gab schon immer Teilnehmer, die abbrechen. Die fairste Regelung ist dann, das Buch als Wanderbuch in der Wanderbuchrubrik anzubieten und an eine Eule zu versenden, die sich dafür meldet. Ich habe schon einige Male ein abgebrochenes Buch adoptiert und fand die Reglung gut.

    Ich würde ja auch gerne im Rezensionsbeitrag diskutieren - aber da ist das anscheinend nicht so gerne gesehen, hab ich mal hier irgendwo gelesen. Aber genau da gehört es für mich auch in diesem Forum hin. Manchmal klappt es, aber halt nicht immer.

    LG Patty

    Wenn ich die Rezension geschrieben hätte, wäre es mir lieber, du schreibst einen Kommentar als das Buch/der Text bliebe völlig unbeachtet.


    Wenn das Nichtkommentieren eine wichtige Forenregel wäre, sollte eine entsprechende Struktur vorhanden sein, d. h. ein Moderator verschiebt den Kommentar und beim Rezensionstext wird automatisch eine Verknüpfung angezeigt zur Plauderdiskussion. Ohne diese Verknüpfung finde ich den Anspruch sinnfrei.

    So verallgemeinern würde ich das nicht. Ich hatte schon private Runden erlebt, die "schief" gelaufen sind.


    Das mit dem "Gruppenkuscheln" empfinde ich überhaupt nicht so. Ich habe noch keine Gruppe erlebt, die spontane Mitlesende abgelehnt hätte. Ich könnte mir jedoch gut vorstellen, dass in so einer Gruppe, in der man auch die Bücher gemeinsam aussucht, das "gemeinsame Interesse" grösser ist und das zusammen schweisst und dadurch intensivere Gespräche zustande kommen.

    So meinte ich es, dass auch private Runden, in denen es kein Freiexemplar gab und der Titel nach langer Auswahlprozedur wohlüberlegt gewählt wurde, die Sache trotzdem auf kürzestem Weg den Bach runtergehen kann. Das steht m. A. im Gegensatz zu einigen Beiträgen, in denen kürzlich geschrieben wurde, "an offiziellen Runden nehme ich schon lange nicht mehr teil, weil ..." u.a. privat organisierte Leserunden als intensiver und "schöner" empfunden werden.

    Die Mischung ist bunt.


    Ich hatte schon eine Leserunde, bei der einige Teilnehmer irgendwie übersehen hatten, dass das Buch einige hundert Seiten hatte und schnell das Handtuch warfen und eine private Leserunde, bei der bereits nach 2 Abschnitten alle irgendwie verschwunden sind. Das finde ich besonders unhöflich demjenigen gegenüber, der die Leserunde hier anlegen muss. Wenn die Teilnahme derat unsicher ist, kann man sich doch lieber gleich zu einer Privatleserunde unter <Ich lese gerade> verabreden.


    Dass nicht-offizielle Leserunden viel intensiver und kuscheliger sind, kann ich wirklich nicht bestätigen. Und ich empfinde das Betonen einer Besonderheit als eher polarisierend. Bei mir kommt es so an: ohne Teilnahme am Gruppenkuscheln bist du hier nicht erwünscht.

    Ich freue mich über Gratisbücher - dadurch lese ich auch solche, die ich nie gekauft hätte. ...

    Ich sehe es auch als Angebot, als Neuigkeit, etwas, das sonst an mir vorbeigegangen wäre.


    Mit der Ausnahme von Titeln, die schon im Verlagsprogramm angekündigt werden mit "große Marketingkampagne bei Lovelybooks, Vorablesen und im Bahn-Magazin", weil für die sowieso genug Aufmerksamkeit erzeugt wird.

    Ich finde schon, dass Leserunden zeitgemäß sind. Es liegt wohl an uns selber, diese befriedigend zu gestalten.

    Zu Frage 1: Gerade solche Bücher sollten gelesen werden. Ich sehe solche Mainstream-Lektüre als besondere Herausforderung. Und die Aufgabe einer Leserunde besteht meiner Meinung nicht darin, für ein Buch zu werben. Und weil es vielleicht schon Hunderte von Meinungen dazu gibt, würde mich das niemals davon abhalten, das Buch kritisch bzw interessiert zu lesen.

    Eine Leserunde ist u. a. ein Marketinginstrument und die einzelnen Beiträge werben für Buch oder Autor, egal, ob ich das beabsichtige oder nicht. Die Entscheidung für einen Buchtitel ist auch immer Verdrängung eines anderen, den ich in der Zeit nicht lese. Und an dem Punkt frage ich mich, ob ich die Walmartisierung des Buchmarkts (Ein großes Wesen schluckt alle anderen Lebewesen) unterstützen will, indem ich das 1200ste Frei-Exemplar eines Titels lese. Zugegeben, bemerkt man das oft erst lange, nachdem eine Leserunde geplant ist.

    Da mir offene Diskussionen besser liegen, an der sich hoffentlich auch Eulen beteilige, die keiner festen Gruppe angehören, starte ich mal ein neues Thema.


    Ich persönlich finde das Thema Leserunden in letzter Zeit enttäuschend aus diversen Gründen, die bitte niemand persönlich nehmen sollte. Einige Fragen, die sich mir stellen:


    # Muss ein Buch noch in einer Leserunde gelesen werden, für das auf allen Plattformen bereits geworben wird und zu dem hunderte von Rezensionsexemplaren rausgehen?

    # Warum erwische ich bei meiner durchschnittlich einen Leserunde pro Jahr (nicht in diesem Jahr!) jedesmal ein schwieriges Buch, bei dem bereits dem Verlag hätte klar sein müssen, dass es daran nichts zu loben und zu empfehlen gibt?

    # Kann man sich in der heutigen Zeit überhaupt Monate vorher für eine Leserunde anmelden, ist es nicht wahrscheinlicher, dass mehreren Teilnehmern etwas dazwischen kommt?

    # Sollten Mindestanforderungen formuliert werden, die im Gegenzug für ein Gratisbuch zu erfüllen sind - die Beiträge/Reaktionen in den Diskussionen finde ich - ehrlich gesagt - oft dürftig.

    ASIN/ISBN: 360896391X

    John Lanchester: Die Mauer

    Verlag: Klett-Cotta 2019. 348 Seiten

    ISBN-10: 360896391X
    ISBN-13:
    978-3608963915. 24€

    Originaltitel: the Wall

    Übersetzerin: Dorothee Merkel


    Verlagstext

    In Großbritannien gilt das Gesetz des Stärkeren. Das Land ist von einer hohen Mauer umgeben, die von den Bewohnern um jeden Preis gegen Eindringlinge verteidigt wird. Während in England der Brexit vorbereitet wird, legt Bestsellerautor John Lanchester einen brisanten neuen Roman vor. Joseph Kavanagh tritt seinen Dienst auf der Mauer an, die England seit dem großen Wandel umgibt.


    Der Autor

    John Lanchester geboren 1962 in Hamburg, wuchs im Fernen Osten auf und arbeitete in England als Lektor beim Verlag Penguin Books, ehe er Redakteur der »London Review of Books« wurde. Daneben war er für Zeitungen und Zeitschriften wie »Granta« und »The New Yorker« tätig sowie als Restaurantkritiker für »The Observer« und Kolumnist für »The Daily Telegraph«. Er gehört zu den bedeutendsten Schriftstellern und führenden Intellektuellen Englands.


    Inhalt

    Nach einer Klimakatastrophe ist der Meeresspiegel gestiegen und auf der nördlichen Halbkugel hat es einen Kälteeinbruch gegeben. Unter der Kälte leiden besonders die Wachposten auf der 10 000 km langen Mauer, die England komplett umgibt. Es gibt keine Küstenlinie und keinen Strand mehr, nur die Mauer. „Nationale Künstenverteidigungsbefestigung“ nennt sich das Projekt. Diktaturen tun sich ja häufig als Sprachverhunzer hervor. Joseph Kavanagh, ein „Hiesiger“, leistet hier mit seiner Kompanie Wachdienst, um das Land vor „den Anderen“ zu schützen, die angeblich ins Land eindringen werden. Sollte es einem Fremden gelingen, die Mauer zu überwinden, werden die Verantwortlichen in kleinen Rettungsbooten ausgesetzt und müssen sich fortan allein durchschlagen. Eine simple Rechnung Mann gegen Mann. Die Enterer der Mauer dürfen sich dagegen in die Altbevölkerung der Insel integrieren. Den Dienst auf der Mauer kann man sich in der knackigen Kälte wie jeden Wachdienst als ungeheuer öde vorstellen. Die Gedanken der Wächter kreisen zwanghaft um Wärme, Essen und um die Angst davor, im entscheidenden Moment zu versagen. Entkommen können die Wächter nur, wenn sie sich als „Fortpflanzer“ melden und damit für die Reproduktion der Wachmannschaft sorgen. Da die Welt von der vorhergehenden Generation zerstört wurde, wundert die mangelnde Motivation zur Fortpflanzung nicht.


    Der Icherzähler Joseph, Spitzname Yeti, sieht sich selbst als jemand, dessen Erwachsenenleben nach dem Ende des Wächterdiensts liegen wird. Glaubwürdig, als kritischer Geist und in der Sprache eines reifen Mannes in der Lebensmitte berichtet er aus seinem Leben. Seinen Gedanken bin ich anfangs gern gefolgt, fand es jedoch zunehmend unglaubwürdig, dass Joseph wie frisch aus dem Ei geschlüpft wirkte und sich zugleich wie ein gebildeter mittelalter Mann ausdrückte. Alles, was ihn zu der erzählenden Person gemacht hat, scheint ausradiert zu sein. Den Kontakt zu seinen Eltern, den Mit-Schuldigen an der Klimakatastrophe, hat er abgebrochen. Im letzten von drei Teilen wird Joseph tatsächlich verbannt und muss seine bisher gepflegte Insulaner-Sicht der Dinge abrupt revidieren.


    Fazit

    Mit dystopischen und postapokalyptischen Szenarien bin ich eigentlich leicht zu erfreuen, wenn sie mir eine Veränderung meiner Sichtweise ermöglichen und wenn mich die Entwicklung der Figuren interessiert. Auch die vielfältige Mauer-Symbolik (einschließlich der Mauer im Kopf und der unvermeidlichen Projektion auf anonyme Feinde von außen) finde ich höchst faszinierend. Der erhobene pädagogische Zeigefinger passend zum Brexit ist hier deutlich zu spüren. „Die Mauer“ konnte mich jedoch nicht völlig überzeugen, weil ich die Figur des Icherzählers nicht glaubwürdig charakterisiert finde.


    Eine Punktebewertung finde ich schwierig, weil sich der Roman zwar gut lesen lässt, man ihn aber m. A. nicht gelesen haben muss.


    6 von 10 Punkten

    Zu Jennie: Bei ihr als zweite "Ehefrau" fällt mir der Roman "Das Kurtisanenhaus" Von Amy Tam ein. Hier hoffen die jungen Kurtisanen, dass sie zumindestens zweite bzw. dritte Ehefrau ihres Liebhabers werden und es spielt noch in Shanghai in den dreißiger Jahren.

    Für eine Zweitfrau, die keine Söhne geboren hat, hätte sie nach den "alten" Werten bisher sehr viel erreicht. Aber kann sie das anerkennen?

    Vor allem dann, wenn man kurz darauf in eine Querbeetrunde starten möchte 8o.


    Alles gut, Rouge . Du kannst deine Meinung ruhig äuern, wir äußern unsere zurück:knuddel1. ...


    Buchdoktor ist nun mal ein Schnellleser (und ein fixer Rezischreiber), aber auch eine intensive Leserundenteilnehmerin, die sich nicht sofort zurückzieht.

    Wobei ich in meinem biblischen Alter darauf angewiesen bin, sofort etwas rauszuhauen, weil ich sonst hoffnungslos mit den Mias, Marias, Mimis und Mariams ins Trudeln käme.



    :alter

    In den vorhergehenden Bänden hat Ava gesagt, dass sie Frauen liebt und es gab wohl mal eine Partnerin. In erster Linie hat sie sich damit ihre Mutter vom Leib gehalten, die ihr sonst sicher schon einen nichtsnutzigen Sohn aus reicher Familie vorgestellt hätte.


    Generell finde ich es sehr geschickt, nicht alles im Detail zu beschreiben, sondern einen Schnitt zu machen und den Rest der Vorstellung der Leser zu überlassen. Da Maria Lateinamerikanerin ist, muss es m. A. in den Folgebänden einfach mal krachen, weil die Benimmvorstellungen dieser Kulturen zu weit voneinander entfernt sind ...

    Das Thema finde ich sehr interessant. Im SZ-Artikel "Wir übersetzen nicht für den Augenblick" hieß es, dass Übersetzungen heute immer schneller fertig sein müssten, weil die Leser sonst gleich die englische Ausgabe eines Buchs kaufen. Oft ist die Hetze m. A. jedoch ein Schusss ins Knie. Wenn so übersetzt wird, kaufe ich mir wegen dieser Stilblüten lieber gleich die englische Ausgabe, nicht weil es mir zu lange dauert, bis die deutsche Ausgabe auf den Markt kommt.