'Das Kaffeehaus - Geheime Wünsche' - Seiten 504 - 608

  • Bei Fredi hab ich ja das leichte Gefühl, er soll durch seine Spionagetätigkeit, die er aus angeblicher Liebe, ausführt - für mich klingt es eher nach Hörigkeit - jedenfalls soll er vielleicht den Platz für Richard freimachen, damit er der letzte Erbe des Titels wird.


    Denn daß Fredis Doppelagentenspielchen auffliegen wird, da wär ich mir fast sicher. Mir tuts doch leid um den eigentlich sehr sympathischen Kerl.

    Ist schon traurig, daß zum einen, damals nicht akzeptiert werden konnte, daß auch gleichgeschlechtliche Liebe nix schlimmes ist, zum anderen, daß er wohl doch leicht verblendet ist und sich von Dimitri so ausnutzen läßt.

    Wär die offene Liebe in seinem Fall erlaubt gewesen, hätte er schon viel früher Erfahrungen sammeln können und wär somit garantiert nicht auf Dimitri reingefalen - bei dem ich vermute, er hat sich nur an Fredi herangemacht, um ihn als Spion zu gewinnen. Halt so, wie heute die Loverboy.


    Die Aktion mit der Scheidung von Henriette fand ich richtig gelungen und konnte mir bildlich vorstellen, wie Sophie mit ihrer Mutter hinter dem Vorhang Mäuschen gespielt hat :grin

  • Gleich zu Beginn des Abschnitts habe ich gestutzt (S. 507): einerseits sind Beziehungen zwischen Männern im Kaiserreich streng verboten, andererseits gibt es in Wien ein luxuriöses Bad für eben solche Zwecke. Das paßt nicht zusammen.


    Mit dem Privatdetektiv Pichler hat Richard anscheinend einen Glücksgriff getan, da der gesunden Menschenverstand besitzt, ihm auch unangenehme Dinge sagt und ihn - wie auch mich als Leser - die Situation in neuem Licht sehen läßt. Eigentlich hat er ja recht: Amalie ist vermutlich genau so unglücklich wie Richard, denn zur Ehe gezwungen wurde sie ja auch. Ob sich mit dieser Einsicht am Ende eine gütliche Lösung finden läßt?


    Von Siegmund Freud (S. 533) weiß ich nicht allzuviel, höchstens die Schlagworte, die man so kennt. Wenn er nun das Gutachten für Milli verweigert, weil die Realität seinen Theorien widerspricht und er dies nicht offensichtlich machen will - na ja, wenn er damit glücklich wird. Wenn die Realität nicht den Vorstellungen entspricht, paßt man sie eben an selbige an.


    S. 540: Streik von vor zwei Jahren. Hä? Da habe ich nochmals nachgelesen und tatsächlich - es sind zwei Jahre seither vergangen. Wie früher schon erwähnt, macht mit der Zeitstrahl bzw. das Bewußtmachen desselben große Probleme, auch wenn ich immer die Datumsangaben über den Abschnitten lese.


    Manchmal habe ich mich gefragt, ob die Hauptfiguren nicht Ansichten vertreten, die eher in unsere denn in ihre Zeit passen, etwa bei den Überlegungen zur „Negerpuppe“ auf S. 552, und auch an anderen Stellen. Ich kenne mich mit der Sozialgeschichte (oder welche auch die „zuständige“ ist) nicht so aus, aber es beschleicht mich doch an manchen Stellen das Gefühl, die Figuren denken zu modern (im Sinne unserer Tage).


    Überaus gelungen der Strang, der zur Scheidung von Henriette und Arthur führt. Er hat sich also sein Grab selbst gegraben - schade nur, daß er so gelinde davon kommt: ein blaues und ein vergoldetes Auge. Aber hoffentlich aus dem Auge - aus dem Sinn. Jedenfalls habe ich ihm von Herzen gegönnt, wie Krömer ihn fertig gemacht hat. :grin

    (Übrigens habe ich zwischen den Seiten 596 und 597 einen Zettel mit der Aufschrift „Das nervt!“ im Buch liegen. Damit meine ich den Cliffhanger - diese Unterbrechung hat mich wirklich gestört. Auch wenn ich weiß, daß „hohes Tempo“ und Cliffhanger heute üblich sind, deswegen muß ich das nicht mögen.


    Fredl als Doppelagent - das kann nicht gut gehen. Der eine stirbt aus mangelndem Charakter, der andere wird durch seine Neigung und Tätigkeit - auf welche Weise auch immer - kalt gestellt. Danach erbt wohl Richard den Titel - das hätte für meine Begriffe nicht sein müssen. Vor allem, wenn er am Ende mit Sophie zusammen kommt, die gibt ihr Café sicherlich nicht auf.


    Insgesamt gesehen - es tut mir leid, dies vermelden zu müssen - ist meine Meinung zur Trilogie spätestens in diesem Abschnitt leider gekippt: es wird mir schlicht zu viel. Etwa zur Hälfte des Abschnitts war es, als mir bewußt wurde, daß ich eigentlich nur noch fertig werden möchte um zu wissen, wie es ausgeht. Für mich wurde in das Buch (bzw. die Trilogie, vor allem aber in diesen dritten Band) zu viel hineingepackt. Das ganze Leid, der ganze Schmerz und alles Unrecht der Welt lasten auf den Hauptfiguren. Als dann noch das damalige österreichische Eherecht ausführlich dargestellt wurde, dachte ich nur „das nicht auch noch“. Ich erkenne an, daß ein allumfassendes Bild jener Zeit beschrieben werden sollte. Doch daß wenige Figuren in quasi alles verwickelt sind und alle Mißstände auf sich vereinen - das ist mir denn doch zu viel. Weniger wäre hier meiner Meinung nach mehr gewesen. Wenn alles in ein Buch soll, hätte es für meine Begriffe mehr „Personal“ gebraucht, damit es sich auf mehr Schultern verteilt. Oder tausend Seiten mehr, um es besser zu verteilen.


    Die „Weingut-Trilogie“ würde mich vom Thema her zwar interessieren, aber wie ich aus diesem Kapitel schließe (und die Autorin das, wenn ich mich recht entsinne, an früherer Stelle geschrieben hat), wird dort eine psychiatrische Anstalt des 19. Jahrhunderts thematisiert. Und das möchte ich mir, ehrlich gesagt, nicht antun.


    Das klingt jetzt negativer, als ich es meine, ich wollte jedoch offen mit meiner Meinung sein.

    Unter den Büchern finden wir wieder, was uns in der Fremde entschwand, Frieden im Innern und Frieden mit unserer Umgebung.
    (Gustav Freytag, 1816 - 1895, aus "Die verlorene Handschrift")

  • Die „Weingut-Trilogie“ würde mich vom Thema her zwar interessieren, aber wie ich aus diesem Kapitel schließe (und die Autorin das, wenn ich mich recht entsinne, anfrüherer Stelle geschrieben hat), wird dort eine psychiatrische Anstalt des 19. Jahrhunderts thematisiert. Und das möchte ich mir, ehrlich gesagt, nicht antun.

    Den Umfang der Szenen in der Psychatrie fand ich angemessen und nicht ausufernd. Allerdings ist das Thema natürlich prinzipiell harte Kost, da es unvorstellbar ist, was damals so alles ablief. Der Schwerpunkt der Reihe liegt aber eher auf den Zuständen für Frauen in Fabriken. Und das war ebenso interessant wie erschreckend. Mir hat - auch ganz ehrlich - diese Reihe noch etwas besser gefallen, als die Kaffeehaustrilogie. ;)

    Hollundergrüße :wave




    :lesend

    Lincoln-Highway - Amor Towles


    (Die Freiheit des Menschen liegt nicht darin, daß er tun kann, was er will, sondern daß er nicht tun muß, was er nicht will - Jean Rousseau)

  • Den Umfang der Szenen in der Psychatrie fand ich angemessen und nicht ausufernd. Allerdings ist das Thema natürlich prinzipiell harte Kost, da es unvorstellbar ist, was damals so alles ablief.

    Genau wegen dem von mir als fett hervorgehobenen habe ich nach den verschiedenen Äußerungen der Autorin und den Hinweisen in diesem Buch Bedenken. Die Trilogie prinzipiell würde mich schon interessieren, aber die Beschreibung vom Inneren einer früheren psychiatrischen Klinik eher nicht. Da habe ich "Alptraumangst".

    Unter den Büchern finden wir wieder, was uns in der Fremde entschwand, Frieden im Innern und Frieden mit unserer Umgebung.
    (Gustav Freytag, 1816 - 1895, aus "Die verlorene Handschrift")

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  • Genau wegen dem von mir als fett hervorgehobenen habe ich nach den verschiedenen Äußerungen der Autorin und den Hinweisen in diesem Buch Bedenken. Die Trilogie prinzipiell würde mich schon interessieren, aber die Beschreibung vom inneren einer früheren psychiatrischen Klinik eher nicht. Da habe ich "Alptraumangst".

    Ich wollte eigentlich ausdrücken, dass ich da schon Schlimmeres gelesen habe und es nicht so sehr im MIttelpunkt steht. Und auch erst im dritten Band, so weit ich mich entsinnen kann.

    Hollundergrüße :wave




    :lesend

    Lincoln-Highway - Amor Towles


    (Die Freiheit des Menschen liegt nicht darin, daß er tun kann, was er will, sondern daß er nicht tun muß, was er nicht will - Jean Rousseau)

  • Ich habe auch schon Schlimmes und ziemlich Schlimmes gelesen, es kommt auch darauf an, wie so etwas geschrieben ist. Um es mal so auszudrücken: vor Jahren hatte ich im Familienkreis Erfahrungen mit einer heutigen geschlossenen psychiatrischen Anstalt (wenn auch nur von außen) machen müssen. Wenn man da heute noch nicht als Angehöriger zu Besuch hinein darf (um nicht zu sehen, was dort passiert?), wie war das dann erst im 19. Jahrhundert! Ich möchte das gar nicht so genau wissen...

    Unter den Büchern finden wir wieder, was uns in der Fremde entschwand, Frieden im Innern und Frieden mit unserer Umgebung.
    (Gustav Freytag, 1816 - 1895, aus "Die verlorene Handschrift")

  • Oh je, wie sehr Fredl ausgenutzt wird, ist kaum zu ertragen. Jemanden, der einem so zugeneigt, so zu hintergehen und auszunutzen... Da setzt bei mir der Würgreiz ein. Wirklich furchtbar! Vor allem wenn es dann noch um eine Liebe geht, die ein "Verbrechen" und allein deswegen schon gefährlich ist.


    Richard ringt sich durch und heuert einen Privatdetektiv an. Ich muss sagen, dass mir Pichler ziemlich sympathisch ist. Er scheint ehrenvoll zu sein, sofern ein Privatdetektiv das sein kann.


    Oh die Szenen zwischen Richard und Sophie sind so schön! Ich gönne den beiden ihr Glück von Herzen! Auch wenn ich hoffe, dass das ganze noch ein gutes Ende ohne viel Skandal nehmen wird.


    Wow, Henriettes Vermögen ist ja der Wahnsinn! Damit hätte ich nicht gerechnet und das Arthur sich daran zu schaffen gemacht hat, wundert gar nicht. Aber es freut mich sehr, dass er sich damit ins eigene Fleisch geschnitten hat, denn das durfte er nicht. Endlich gibt es einen Ausweg für Henriette. Ich muss sagen, dass ich dem Anwalt nie so ganz getraut habe, aber vielleicht hat Marie einfach den Zwiespalt gut beschrieben, dass er einer Frau helfen musste, was ihm vielleicht ein wenig unbehaglich war, aber dennoch einen guten Job machen wollte.

  • Wenn er nun das Gutachten für Milli verweigert, weil die Realitätseinen Theorien widerspricht und er dies nicht offensichtlich machen will - na ja, wenn er damit glücklich wird. Wenn die Realität nicht den Vorstellungen entspricht, paßt man sie eben an selbige an.

    Freud hat nicht festgestellt, dass die Realität seien Theorien widerspricht. Er hat die Augen vor der Realität verschlossen und stattdessen seine Theorien modifiziert, weil dies seiner damaligen Praxis nützlich war.

  • Nein, die Zustände in der Psychiatrie sind nur in Bd. 2 ein Leitmotiv.:)

    Ah oder so. Auf jeden Fall ist mir mehr die Weberei und die Zustände dort im Gedächtnis geblieben. Das fand ich sehr berührend.

    Hollundergrüße :wave




    :lesend

    Lincoln-Highway - Amor Towles


    (Die Freiheit des Menschen liegt nicht darin, daß er tun kann, was er will, sondern daß er nicht tun muß, was er nicht will - Jean Rousseau)

  • Ihr Lieben,

    ohne mich hierbei auf bestimmte Zitate zu beziehen, möchte ich doch Stellung zu einigen Kritikpunkten nehmen. Im Grundsatz möchte ich allerdings vorausschicken, dass ich mich sehr über die positiven Einschätzungen vieler Stellen meines Romans freue.

    Trotzdem möchte ich im geschützten Rahmen dieser Leserunde und zwar bewusst, bevor ich weiterlese oder sogar eure Rezensionen kenne, folgendes einmal anmerken:

    1. zu den sogenannten Cliffhängern

    Dramaturgisch sind dies zumindest im Bd. 3 keine bewusst gesetzten Cliffhänger, sondern dienen lediglich dazu, komplexe und sich zudem über längere Zeit erstreckende Handlungsstränge nicht ununterbrochen am Stück zu beschreiben. Dies ginge zum einen gar nicht, wenn sie sich zeitlich mit weiteren Ereignissen an anderen Schauplätzen überschneiden. Zum anderen würde es sich dann um eine Art Aneinanderreihung von Kurzgeschichten handeln, auf jeden Fall würde es als dramaturgische Schwäche gelten und kein mir bekanntes Lektorat würde es akzeptieren. Trotzdem tut es mir natürlich leid, wenn sich der eine oder die andere dadurch gestört fühlen.

    2. Zu der Vielschichtigkeit der Inhalte in Bd. 3

    Tatsächlich ging es mir darum, ein relativ vollständiges Sittengemälde des ausgehenden Habsburgerreiches zu zeichnen, zumal ich der bereits häufig geäußerten Bitte, noch einen vierten Band zu schreiben, auf gar keinen Fall entsprechen werde. Allerdings sind die einzelnen, damit verbundenen Handlungsstränge bereits über acht Personen (sowohl fiktive Haupt- als auch Nebenfiguren) gestreut: Sophie, Richard, Amalie, Henriette, Arthur, Milli, Maxi und Fredl. Noch mehr Personen hierzu einzuführen, zumal es ja noch zahlreiche fiktive und historisch belegte Personen braucht, um diese Handlungsstränge zu beschreiben, wäre ebenfalls dramaturgisch ein No Go gewesen.

    Ein mir bekannter Kritikpunkt an den bisherigen Bänden eins und zwei war es nämlich bereits, dass es unheimlich viele Personen gibt, die in den Handlungen eine Rolle spielen. Manchen sogar zu viele.

    Dass diese beiden Kritikpunkte ausgerechnet zum ersten Mal hier in dieser Leserunde auftauchen, hat mich natürlich etwas traurig gemacht. Es wäre unehrlich von mir, dies nicht offen zuzugeben.

    Trotzdem bin ich dankbar dafür, denn es zeigt mir halt die Vielfalt möglicher Sichtweisen. Und ich freue mich weiterhin auch an allem, was zum Nachdenken anregt und positiv gewertet wird.

    Mit der Bitte um Verständnis für meine Offenheit

    eure Marita (Marie Lacrosse)

  • Er hat die Augen vor der Realität verschlossen und stattdessen seine Theorien modifiziert, weil dies seiner damaligen Praxis nützlich war.

    Das ist eine Methode, die mir aus verschiedenen heute aktuellen (politischen) Gebieten sehr vertraut erscheint.




    Auf jeden Fall ist mir mehr die Weberei und die Zustände dort im Gedächtnis geblieben.

    und Marie Lacrosse Ah, Zustände in Webereien jener Zeit sind mir aus Beschreibungen von Elizabeth Gaskell in "North And South" ("Norden und Süden") noch in Erinnerung. - Da hier bis zum Ende mehrfach Figuren aus der Weingut-Teilogie aufgetaucht sind (ich also weiß, daß die es überstehen ;-) ), werde ich mir die zulegen und lesen (aber Letzteres dieses Jahr nicht mehr - das ist lesemäßig verplant).



    Marie Lacrosse


    Danke für Deine Offenheit!


    Mea culpa - das dürfte teilweise (oder überhaupt) auf mein Konto gehen. Ich habe lange überlegt, ob ich manche (aus meiner Sicht) Kritikpunkte offen erwähnen soll, weil mir klar war, daß das bei Dir nicht unbedingt erfreulich ankommen wird (um das so auszudrücken); im letzten Abschnitt habe ich das nochmals thematisiert. Ich habe auch schon in Leserunden erlebt, daß Autoren ziemlich indigniert bis ziemlich heftig auf Kritik reagiert haben, so daß ich da etwas vorsichtig geworden bin. Teilweise so heftige Reaktionen, daß ich deren Bücher nicht mehr lesen mag (auch wenn die mir ansonsten gefallen würden).


    Andererseits nützt es nichts, wenn nur "Hurraposts" kommen und Dinge, die einem persönlich auffallen (auch wenn man vielleicht der einzige ist, der manches so sieht, wie man es eben sieht) verschweigt. Ich bin zwar kein Autor, denke aber, daß eine Leserunde für offenen Meinungsaustausch da ist, auch für Dinge, die man meint, kritisieren zu müssen/sollen oder die man persönlich nicht so mag - nur ehrliche Rückmeldungen bringen auch dem Autor (bzw. Autorin) etwas. Dabei besanspruche ich für mich keinen Allgültigkeitsanspruch - ich gebe lediglich wieder, wie etwas auf mich wirkt. Dabei habe ich schon des Öfteren die Feststellung gemacht, daß ich anscheinend eine bisweilen etwas eigene Rezeption von Romanen habe, es also durchaus sein kann, daß ich mit meiner Meinung alleine auf weiter Flur stehe; das bin ich inzwischen gewohnt und es macht mir nichts (mehr) aus.


    Und ein großer "Personalbestand" hat mich noch nie gestört. Tolstoische Ausmaße ("Krieg und Frieden") habe ich noch in wenigen bis keinem anderen Roman gefunden, und Dostojewskis "Brüder Karamasow" (meine derzeitige Lektüre) haben auch ein nicht ganz so kurzes Personenverzeichnis.


    Bei aller Traurigkeit, mit diesem Band von vertrauten Figuren endgültig Abschied nehmen zu müssen, bin ich übrigens für Deine Entscheidung, keinesfalls einen vierten Band nachzuschieben, sehr dankbar. Das würde langsam in Zeiten gehen, von denen ich eigentlich nicht unbedingt wissen möchte, wie es den (teils liebgewordenen) Figuren da ergehen wird. Lieber behalte ich sie so in Erinnerung, wie ich sie am Ende dieses Bandes verlassen habe.


    Ich habe es im letzten Abschnitt schon geschrieben, und wiederhole es an dieser Stelle: trotz meiner Kritikpunkte gehört die "Kaffeehaus-Trilogie" (die Bücher sind für mich eine Einheit) für mich mit zu den absolut besten historischen Romanen, die ich je gelesen habe. Daran gibt es nichts zu Rütteln.

    Unter den Büchern finden wir wieder, was uns in der Fremde entschwand, Frieden im Innern und Frieden mit unserer Umgebung.
    (Gustav Freytag, 1816 - 1895, aus "Die verlorene Handschrift")

  • (Übrigens habe ich zwischen den Seiten 596 und 597 einen Zettel mit der Aufschrift „Das nervt!“ im Buch liegen. Damit meine ich den Cliffhanger - diese Unterbrechung hatmich wirklich gestört. Auch wenn ich weiß, daß „hohes Tempo“ und Cliffhanger heute üblich sind, deswegen muß ich das nicht mögen.

    Nachtrag.

    Beim Lesen war mir durchaus bewußt, daß das auch dazu diente, die Gleichzeitigkeit der Ereignisse zu verdeutlichen (zumindest liefen die Ereignisse in meiner Erinnerung gleichzeitig, wenn auch in verschiedenen Städten, ab). Aber im "Lesemoment" hätte ich halt gerne erst die eine Sache auserzählt gehabt...


    Man kann es nicht allen recht machen. :-)

    Unter den Büchern finden wir wieder, was uns in der Fremde entschwand, Frieden im Innern und Frieden mit unserer Umgebung.
    (Gustav Freytag, 1816 - 1895, aus "Die verlorene Handschrift")

  • Ich habe es im letzten Abschnitt schon geschrieben, und wiederhole es an dieser Stelle: trotz meiner Kritikpunkte gehört die "Kaffeehaus-Trilogie" (die Bücher sind für mich eine Einheit) für mich mit zu den absolut besten historischen Romanen, die ich je gelesen habe. Daran gibt es nichts zu Rütteln.

    Also, erst einmal freue ich mich sehr über dein abschließendes Urteil. Denn da gab es irgendwo eine Bemerkung, dahingehend, dass nun die ganze Trilogie für dich zu kippen beginnt, der mich am letzten Sonntag wirklich getroffen hat. Vielleicht kannst du das auch nachvollziehen: ich habe fast zwei Jahre sehr hart an diesen Büchern gearbeitet. Dass du ausgerechnet (zumindest wirkte das so auf mich) die Themenfülle, auf die ich sehr stolz bin und die tatsächlich sonst überall gelobt wurde, auf eine Weise kritisiert hast, dass für mich der Eindruck entstand, der ganze Rest zählt gar nicht mehr für dich, hat mich gekränkt. Jetzt denke ich eher, es war einfach nur eine unglückliche Wortwahl.

    Das hat aber sicher auch mit meiner Dünnhäutigkeit aufgrund meiner immensen Arbeitsüberlastung in den letzten sechs Monaten zu tun. Gerade in letzten Wochen habe ich inhaltlich auf fünf Hochzeiten getanzt (mein neues Projekt, an dem ich stringent weiterschreiben muss, die Kaffeehaus-Trilogie mit zwei verschiedenen Lesungs-Versionen, die ich entworfen habe, die Weingut-Trilogie, in die ich mich ebenfalls wieder hineindenken musste, als ich eine Lesung dazu hatte, mehrere Artikel für eine Frauenzeitschrift, die dann früher benötigt worden als gedacht und last not least die Vorbereitung eines Workshops für meinen letzten Unternehmensberatungskunden). Um diese Leserunde mit zu begleiten, blieb mir nur Zeit am Wochenende, was mein bisschen Freizeit weiter reduziert hat. Und das macht dünnhäutig.

    Grundsätzlich bin ich durchaus auch für Kritik dankbar. Ich habe mich in meiner Replik auch nicht auf den wahrscheinlich echten Cliffhänger bezogen, den du gemeint hast. Ich dachte, du meinst die Schilderung von Millis Symptomen und ihrer Therapie bei Freud. Die hätte ich (ebenso wenig wie den Kriminalfall mit dem Zyankali) tatsächlich nicht hintereinander am Stück schreiben können, denn selbst wenn ich das versucht hätte, hätte es das Lektorat nicht passiert.

    Zur Personenfülle ebenfalls noch ein Wort: dies war und ist einer der Hauptkritikpunkte an der Trilogie. Er kommt zwar oft nur indirekt zum Vorschein, wenn man sich dankbar für mein Personenverzeichnis zeigt. aber manche Leute schreiben mir auch konkret, dass sie damit überfordert sind. So unterschiedlich sind also tatsächlich die Sichtweisen.

  • Mir hat - auch ganz ehrlich - diese Reihe noch etwas besser gefallen, als die Kaffeehaustrilogie.

    Das darf selbstverständlich genauso sein und das empfinde ich auch nicht als Kritik. Insgesamt bin ich ja noch nicht so sehr lange Autorin (mein erstes Buch erschien ja erst 2014). Aber dass Geschmäcker sehr verschieden sein können, habe ich inzwischen dann doch gelernt.:)

    Es gibt auch langjährige Leserinnen und Leser, die der Auffassung sind, die Kaffeehaus-Trilogie toppt die Weingut-Trilogie. Und leider natürlich auch solche, die das ganze Adelsgedöns überhaupt nicht ab konnten.

    Nun habe ich gerade eine Leseprobe meines neuesten Projekts an meinen Verlag abgeliefert und erst einmal die wunderbare Rückmeldung bekommen, damit hätte ich mich schriftstellerisch noch einmal gesteigert. Auf diesen Lorbeeren ruhe ich mich jetzt so lange aus, bis nach der Veröffentlichung sicherlich irgendjemand sagt, die anderen Bücher haben mir aber besser gefallen.;)

  • Oh je, wie sehr Fredl ausgenutzt wird, ist kaum zu ertragen. Jemanden, der einem so zugeneigt, so zu hintergehen und auszunutzen... Da setzt bei mir der Würgreiz ein. Wirklich furchtbar! Vor allem wenn es dann noch um eine Liebe geht, die ein "Verbrechen" und allein deswegen schon gefährlich ist.

    Da beschreibst du korrekt das Wesen der Hörigkeit. Als Psychologin empfand ich es faszinierend, diesen Aspekt einmal dramaturgisch nachzustellen. Als Mensch widert mich das ebenfalls an. Denn dieses Phänomen ist ja leider Gottes alles andere als altmodisch.

    Wow, Henriettes Vermögen ist ja der Wahnsinn! Damit hätte ich nicht gerechnet und das Arthur sich daran zu schaffen gemacht hat, wundert gar nicht. Aber es freut mich sehr, dass er sich damit ins eigene Fleisch geschnitten hat, denn das durfte er nicht. Endlich gibt es einen Ausweg für Henriette. Ich muss sagen, dass ich dem Anwalt nie so ganz getraut habe, aber vielleicht hat Marie einfach den Zwiespalt gut beschrieben, dass er einer Frau helfen musste, was ihm vielleicht ein wenig unbehaglich war, aber dennoch einen guten Job machen wollte.

    Eine der größten Herausforderungen für mich war es, mich mit dem unglaublich komplizierten Ehe-und Familienrecht zum Ende des 19. Jahrhunderts in der k.u.k.-Monarchie auseinanderzusetzen.

    Denn einerseits war es sehr fortschrittlich: die Scheidung war bereits seit 1868 erlaubt, selbst der erzkatholische Kaiser Franz Joseph hatte seine Zustimmung zu diesem Gesetz gegeben, obwohl die Kirche dagegen Sturm lief. Hinzu kam, dass es anders, als zum Beispiel im Deutschen Reich, die einvernehmliche Scheidung gab, während in Deutschland nur eine einseitig schuldig geschiedene Scheidung möglich war.

    Zum Glück gab mir das österreichische Recht hier auf der einen Seite die Möglichkeit, die unglücklichen Ehen in meinem Roman ohne Riesenskandal aufzulösen (was ich beim Entwurf des Grob-Plots noch gar nicht wusste).

    Andererseits war und blieb der Mann der Herr der Familie und konnte tun, was er wollte, solange sich seine Frau nicht dagegen wehrte. Zum Glück wusste ich das noch gar nicht in Bd. 1, da ich bis dato nur Quellen in diesem Sinne fand. Sonst hätte ich so authentisch Henriettes Abhängigkeit von Arthur gar nicht beschreiben können. Und dann besuchte ich die Hermesvilla bei meiner zweiten Recherchereise und fand den Ausstellungskatalog zur "Frau im Korsett". Den habe ich mir dann zu Hause ausgeliehen und zum ersten Mal auch den divergierenden Aspekt des Familienrechts erkannt und meine diesbezüglichen Recherchen dann natürlich vertiefen können.

    Wieder einmal durch König Zufall. Nicht das erste und sicherlich auch nicht das letzte Mal! Zum Glück geht meine Goldmann-Verantwortliche solche Erkenntnisse auch dramaturgisch mit, wenn sich herausstellt, dass neue Recherchen auch zu Veränderungen des Plots führen.Dieses Glück hat keineswegs jeder Autor.:)

  • Dass du ausgerechnet (zumindest wirkte das so auf mich) die Themenfülle, auf die ich sehr stolz bin und die tatsächlich sonst überall gelobt wurde, auf eine Weise kritisiert hast, dass für mich der Eindruck entstand, der ganze Rest zählt gar nicht mehr für dich, hat mich gekränkt. Jetzt denke ich eher, es war einfach nur eine unglückliche Wortwahl.

    "Unglückliche Wortwahl " könnte zutreffen. Ich habe nach Deinen Posts der letzten Woche viel darüber nachgedacht - mir (und damit bin ich vielleicht alleine auf weiter Flur) machte weniger die Personenfülle (als so viele Personen bzw. Figuren empfand ich das gar nicht) als halt immer noch ein Thema/Problem mehr Probleme. Vielleicht bin ich bei manchen Dingen, etwa dem Eherecht, vielleicht auch aus eigener Erfahrung, sagen wir, zurückhaltend, weil ich auf Grund meiner Erfahrungen damit nichts (mehr) zu tun haben möchte.


    Ich dachte, du meinst die Schilderung von Millis Symptomen und ihrer Therapie bei Freud. Die hätte ich (ebenso wenig wie den Kriminalfall mit dem Zyankali) tatsächlich nicht hintereinander am Stück schreiben können, denn selbst wenn ich das versucht hätte, hätte es das Lektorat nicht passiert.

    Nein, daran hatte ich überhaupt nicht gedacht. Es war die von mir oben erwähnte Stelle - "Nerven bis zum Zerreißen gespannt und Pause, erst mal ein anderes Thema" - so etwa habe ich mich gefühlt.

    Unter den Büchern finden wir wieder, was uns in der Fremde entschwand, Frieden im Innern und Frieden mit unserer Umgebung.
    (Gustav Freytag, 1816 - 1895, aus "Die verlorene Handschrift")