Beiträge von Avila

    • Taschenbuch: 544 Seiten
    • Verlag: Aufbau Taschenbuch; Auflage: 1 (15. Februar 2019)
    • Sprache: Deutsch
    • ISBN-10: 3746635063
    • ISBN-13: 978-3746635064



    Klappentext:

    Von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt.

    Wie im Rausch erkundet die junge Marlene die wilden Nächte Berlins. Sie liebt, wen immer sie begehrt, und wird mit „Der blaue Engel“ zum Star. Bald feiert man sie in Hollywood als glamouröse Diva. Ihr Streben nach Selbstbestimmung lässt Marlene jedoch immer wieder anecken, und auch in der Liebe bleibt sie auf der Suche – bis sie dem Schauspieler Jean Gabin begegnet. Doch dann zieht Marlene mit den amerikanischen Truppen an die Front – und die Rückkehr in das zerstörte Deutschland wird zu ihrem persönlichen Drama.

    Eine große Geschichte über Leidenschaft und Kunst, eine Welt im Wandel – und die Liebe


    Meine Meinung:


    Marlene Dietrich wuchs während des ersten Weltkrieges auf. In den goldenen 1920er Jahren zog es sie nach Berlin, wo sie erste Bühnenerfahrungen in den Varietéclubs sammelte. Doch von dort bis nach Hollywood ist es kein einfacher Weg. Wie Marlenes Weg dorthin aussah, beschreibt Gortner in diesem Roman.

    Gortner fängt in diesem Biographie-Roman bei Marlene Dietrichs Kindheit und Jugend an. Er beschreibt das Verhältnis zur Mutter und Schwester und setzt dann in der Pubertät an, wo Marlene sich zum ersten Mal verliebt. Besonders spannend waren für mich auch die Anfangs Jahre von Marlene in den 1920er Jahren in Berlin und die im Buch eher am Ende angesiedelte Zeit des Nationalsozialismus' und des Zweiten Weltkrieges. Im Zwischenteil wiederholten sich viele Sachen, so dass mir der ein wenig zu langatmig ausfiel. Neuer Film, neuer Liebhaber, Ende - was nun? Das kam mir ein wenig zu oft vor.

    Was Gortner aber gelang, war eine Frau darzustellen, die für ihre Zeit außergewöhnlich war. Sie war damals schon sehr emanzipiert und frei von so vielen Vorurteilen, was vor allem die Queer-Szene angeht und offene Beziehungsmodelle, dass viele sie selbst heute als fortschrittlich ansehen würde. Dennoch hat sie sich nicht reinreden lassen und ihr Ding durchgezogen. Das war nicht immer empathisch und sympathisch, aber unbestreitbar bewundernswert. Somit ist dieser Roman aus der Reihe "Mutige Frauen zwischen Kunst und Liebe" endlich mal richtig aufgehoben. Endlich sage ich, weil ich schon einige Bücher dieser Reihe gelesen habe, wo mir genau das gefehlt hat und wo der Mann an der Seite der beschriebenen Frauen viel präsenter war als die Frau selbst. Das ist hier eindeutig nicht der Fall!

    Auch hatte ich kein wirkliches Bild von Marlene Dietrich, das konnte der Roman sehr gut vermitteln. Im Nachwort sagt Gortner, dass er die Biographie sehr gestrafft hat, das schimmert manchmal auch durch, weswegen ich mir teilweise gewünscht hätte, manches nicht zu straffen, sondern vielleicht eher auszuklammern.

    Nichts desto trotz hat mir der Roman gut gefallen. Der Stil ließ sich gut lesen, Marlene Dietrichs Biographie und Persönlichkeit ist sehr fesselnd und Gortner konnte genau dies auch gut herüber bringen!

    • Gebundene Ausgabe: 432 Seiten
    • Verlag: List Hardcover; Auflage: 2. (22. Februar 2019)
    • Sprache: Deutsch
    • ISBN-10: 3471351809
    • ISBN-13: 978-3471351802


    Klappentext:

    »Selten wurde so spannend und sprachlich präzise über die Gründungszeit der Bundesrepublik geschrieben.«

    Verena Hagedorn, Barbara, über Brigitte Glasers Roman Bühlerhöhe


    Bonn ist in den Tagen nach der Wahl ein brodelndes Durcheinander, es geht um Positionen und Posten, um Versprochenes und Verrat.

    Hilde Kessel hat wieder einmal den Wahlausgang richtig vorhergesagt. Kein Wunder, sie sitzt an der Quelle. Ihr Lokal Rheinblick liegt genau gegenüber vom Bundestag. Alle kommen zu ihr, alle reden mit ihr und schätzen ihre Verschwiegenheit. Nur einmal hat sie diese verletzt, und der Erfolg Willy Brandts fördert diese alte Geschichte wieder zutage. Sonja Engel dagegen hat wenig Erfahrung mit Politik, doch plötzlich soll sie den Kanzler behandeln – und niemandem davon erzählen. Auch sie gerät unter Druck. Beide Frauen sind erpressbar. Für Hilde steht ihre Existenz auf dem Spiel, und Sonja will ihre kleine Schwester beschützen. Wie werden sie sich entscheiden?



    Meine Meinung:

    1972, Willy Brandt mit seiner SPD wurde gerade nach seinem erfolgreich abgewehrten Misstrauensvotum erneut zum Bundeskanzler gewählt. Ein wahnsinniger Wahlerfolg und jeder will ein wenig davon abhaben. Doch gerade jetzt versagt Willy Brandts Stimme und der Kampf um Ämter beginnt.


    Wir verfolgen diese Geschichte nicht aus den Augen der Politiker, sondern von drei, vier anderen jungen Menschen, die ganz unterschiedliche Einblicke in die Politik werfen können. Zum einen haben wir die Wirtsbesitzerin Hilde, die eine florierende Gaststätte direkt im Bonner Regierungsviertel betreibt und worin die amtierenden Politiker ein- und ausgehen. Natürlich erfährt Hilde dadurch eine Menge Insiderinformationen. Zum anderen gibt es den Student Max, der zählen Unterhaltungszahlungen seines Vaters, der für die Politik arbeitet, mit der Arbeit als Taxifahrer aufbessert. Er hat sowohl durch seinen Vater als auch durch seine Arbeit einen Einblick ins politische Tagesgeschehen. Dann gibt es noch die Logopädin Sonja, die Willy Brandt helfen soll, seine Stimme wieder zu finden und eine forsche Journalistin, die für eine Reportage zu dem neuen Politiker Schäuble schreiben soll.


    Anfangs haben mich die ganzen Beschreibungen und Verzwickungen der Politik verwirrt. Es gab einige Namen, die mir bekannt vorkamen: Willy Brandt, Helmut Schmidt, Wolfgang Schäuble (der damals witzigerweise noch vollkommen unbekannt war, da seine erste Amtszeit angesprochen wird). Aber viele, viele Namen haben mir auch überhaupt nichts gesagt - hinzu kommt noch, dass ich von der Politik dieser Zeit eigentlich gar keine Ahnung hatte. Umso spannender war es für mich, in diese Zeit abzutauchen und das Ränkespiel zu verfolgen. Ziemlich schnell konnte ich dann auch durchsteigen und die Entwicklungen mitverfolgen.


    Gespickt wird die Geschichte mit sehr viel Lokalkolorit, was mir persönlich sehr gut gefallen hat. Ich selbst habe drei Jahre in Bonn gewohnt, als Bonn aber nur noch Bundestadt war. Ich konnte dennoch viel wieder erkennen und fand es umso spannender ein Bonn beschrieben zu bekommen, in der die Stadt so voller Politik und Hauptstadt war.

    Ich fand auch den eingestreuten Mordfall spannend und die Schilderungen von Willy Brandt und die Berichte über Helmut Schmidt. Die Geschichte umfasst eine Zeitspanne von nur eine Woche und ich hätte niemals gedacht, dass so viel Spannendes und Wichtiges in einer Woche abgehandelt werden kann, aber so war. Das Buch war also ausgesprochen kurzweilig. Auch die Charaktere haben mir gut gefallen.


    In einem Nachwort erklärt die Autorin noch, welche Fakten überliefert sind und welche von ihr dazu erfunden wurden.


    Also für mich ein tolles Buch, dass mich durch das hauptstadtliche Bonn wandern ließ mit ein wenig Krimi-Spannung mit gelungener Politikatmosphäre!


    • Taschenbuch: 314 Seiten
    • Verlag: Tinte & Feder (26. Februar 2019)
    • Sprache: Deutsch
    • ISBN-10: 2919806270
    • ISBN-13: 978-2919806270

    Über die Autorin:

    Mina Baites alias Iris Klockmann ist eine Geschichtenerzählerin. Als kleines Mädchen unterhielt sie ihre Familie mit kindlichen Abenteuern und konnte es kaum erwarten, endlich selbst lesen und schreiben zu können. Mit sieben verschlang sie so viele Bücher, dass sie ihre Eltern schier zur Verzweiflung brachte. Doch erst viel später, sie hatte längst selbst Kinder, fand sie Raum und Zeit, um ihre unzähligen Ideen aufzuschreiben. Seit gut zehn Jahren veröffentlicht die erfolgreiche Schriftstellerin zeitgenössische und historische Romane.



    Meine Meinung:

    Dieses Buch handelt von der Familie Breitenbach, die 1881 in Berlin eine große Schuhfabrik besitzt. Da sie Konkurrenz sehen, wollen sie in die USA expandieren, so dass einer der Söhne und die Tochter sich auf den Weg nach Amerika machen. Der Vater und älteste Sohn hingegen kämpfen gegen die Konkurrenz in Berlin, ...


    Mina Baites widmet den verschiedenen Familienmitgliedern der Reihe nach immer mal wieder Kapitel, so dass der Erzählstil immer wechselt. Dadurch dass das Buch in unterschiedlichen Regionen - ja gar Kontinenten spielt - und jedem Kapitel der Charakter, Ort und die Zeit vorangestellt ist, findet man sich als Leser von Anfang an gut zurecht. Doch kommt die Darstellung der Figuren über eine Einführung nicht hinaus. Noch finden keine Entwicklungen oder ähnliches statt und die Paare, die sich finden, sind ziemlich vorhersehbar. Aber da es sich hier um den ersten Teil einer Trilogie handelt, kann ich das verzeihen.


    Ähnliches fiel mir auch bei der Story auf. Es wird die Reise nach Amerika beschrieben und die Zeit, in der die Kinder es schaffen, dort sesshaft zu werden. Hier und da gibt es ein paar kleine Hindernisse, aber nichts Weltbewegendes oder besonders Spannendes. Dennoch ist das alles ganz nett zu lesen, auch wenn ich immer darauf gewartet habe, dass es nun mal anfängt, aber was nicht ist, kann ja noch im nächsten Teil kommen. Ähnlich ist es auch bei dem Strang in der Berlin. Hier gab es zwar ein paar gute Ideen, die etwas Tempo in die Geschichte hätten bringen können, aber die wurden dann doch zu oberflächlich behandelt.


    Wenn ich also das Buch als Einführung in die Trilogie betrachte, ist es gelungen, aber als alleinstehender Roman wäre die Story ein wenig zu flach für meinen Geschmack. Doch das Buch liest sich flüssig und auch vom Umfang her ist es sehr überschaubar, so dass ich dennoch gut unterhaltend wurde.

    Friedrich, ein Schweizer, wächst mit einem Vater auf, der den Nazis skeptisch gegenüber steht, aber oft nicht zu Hause und mit einer Mutter, die mit den Nazis sympathisiert und sich um ihren Sohn kümmert. Mehr als das. Ihren eigenen Traum vom Malen konnte sie sich nicht erfüllen, so dass sie diesen auf ihren Sohn projiziert. Doch nach einem schrecklichen Unfall verliert ihr Sohn die Fähigkeit Farben zu unterscheiden. Um Distanz zu seiner Familie zu gewinnen und weil er neugierig auf die unfassbaren Ereignisse in Berlin ist, beschließt er nach Berlin zu fahren. Dort macht er die Bekanntschaft mit Kristin, einer Frau, die ihn sofort in ihren Bann schlägt mit ihren vielseitige Facetten.


    Würger beschreibt die Geschichte in knappen Sätzen, die oftmals maximal aus einem Haupt- mit Nebensatz bestehen. Auch haben die aufeinander folgenden Sätze nicht immer einen Bezug zum nächsten Satz. So startet er jedes Kapitel mit einer Aufzählung von mehr oder weniger historischen Ereignissen, die in diesem Monat passieren. Das können Nazierlässe sein oder Geburten von heutigen hochrangigen Politikern oder auch ganz andere gesellschaftliche Veränderungen. So vermittelt Würger oftmals relevanten Informationen in Nebensätzen oder sie müssen sich erschlossen werden. Eine schnelle Identifikation mit den Personen wird auf jeden Fall erschwert und oftmals bleiben Handlungshintergründe unklar. Positiver formuliert lässt Würger viel Raum für eigene Interpretation.


    Wirken tut das Buch dennoch. So begleitete mich die Geschichte im Alltag und auch nachts in meinen Träumen. Durch den Mix an Realität und Fiktion bekommt das Buch eine ganz eigene Dynamik und Spannung. Auch weil alleine durch den Titel schon viel vorweg genommen wird, was sich erst im letzten Drittel des Buches aufklärt. So war das Buch ein interessantes Lesevergnügen, auch wenn ich am Ende ein wenig verwirrt zurück gelassen wurde. Zum einen was die Intention des Autors anging und zum anderen wo nun Fiktion anfing und Realität aufhörte. Leider gab es dazu auch kein informatives Nachwort. Der Epilog könnte ggf. damit gemeint sein, aber da ein solcher eigentlich immer zur Geschichte gehört, würde ich ihn ungern als bare Münze nehmen.

    • Gebundene Ausgabe: 224 Seiten
    • Verlag: Europa Verlag; Auflage: 5. (3. August 2018)
    • Sprache: Deutsch
    • ISBN-10: 9783958902039
    • ISBN-13: 978-3958902039

    Über die Autorin:

    Franziska Schreiber, 1990 in Dresden geboren, wuchs in einem linken Elternhaus auf und machte 2008 Abitur. Nach einem Studium der Rechtswissenschaften trat sie 2013 in die AfD ein und machte eine steile Karriere: Innerhalb eines Jahres wird sie Vorsitzende der Jungen Alternativen in Sachsen und stellvertretende Pressesprecherin, 2017 ist sie im Bundesvorstand angekommen. Kurz vor der Bundestagswahl trat sie aus der Partei aus und arbeitet seitdem als Abteilungsleiterin in einem Unternehmen in Dresden.


    Meine Meinung:

    Franziska Schreiber erzählt in ihrem autobiographischem Buch "Inside AfD" über ihre Zeit und ihren Ausstieg in und aus der AfD. Sie beginnt dabei, mit welcher Motivation und aus welchem Gründen sie in die AfD eingetreten ist und wie sie ihren Austritt erlebt hat. Dabei geht sie auf die (frühe) Parteigeschichte ein, wie sie sie erlebt hat.


    Zuallererst sollte man sich darüber im Klaren sein, dass dieses Buch kein Sachbuch mit Anspruch auf Objektivität ist - dieses Buch ist autobiographischer Bericht von Franziska Schreiber. Auch wenn Schreiber (wohl durch ihr juristisches Studium) eine klare, universitäre Sprache bedient, viele Zitate benutzt und ihr eigenes Verhalten reflektiert, ist und bleibt dieses Buch eine Autobiographie. Ich habe einige Kritiken gelesen, die ihr genau das vorwerfen, was ich persönlich nicht verstehen kann, weil man ja weiß, was man da vor sich hat.

    Ich persönlich fand Schreibers Bericht gut erzählt und spannend. Je nach politischem Interesse wird für den einen mehr oder weniger Neues zu finden sein, aber dennoch fast Schreiber gut zusammen, wie die AfD sich von den Anfängen bis 2018 entwickelt hat.


    So beginnt sie, als gebürtige Dresdenerin (oder zumindest Nahe-Dresden), damit, zu erklären, wie häufig einige (viele?) Ostdeutsche sich nicht gesehen und verstanden fühlen, was aus ihrer Sicht bei der Wiedervereinigung schief lief. Ich konnte dem gut folgen und ich denke, dass sie da einige wahre Punkte angesprochen hat, die einiges der politischen Lage erklären. Darüber hinaus spricht sie von ihrer eigenen erlebten Enttäuschung der Politik, durch die sie sich schließlich der AfD zuwandte.


    Frauke Petry ist eine zentrale Person in dem Buch. Schreiber hat sich von Anfang an sehr mit ihr verbunden gefühlt und diese Verbundenheit ist im Buch deutlich zu spüren. Während Schreiber mit vielen AfD-Mitglieder (vor allem aus dem "Höcke-Flügel") abrechnet, so ist für Petry größtenteils nur Lob zu hören. Auch das konnte ich - aufgrund der autobiographischen Struktur des Buches - hinnehmen und ich bin selbst beim Lesen kritisch genug, um Frauke Petry nun nicht zu verharmlosen.

    Schreiber ist es viel mehr ein Anliegen die rechtsradikalen Gedanken und Personen, die diese unterstützen oder gar leben, aufzudecken, um zu zeigen, wie vernetzt die Partei zu einem ist und was wirklich hinter ihrem Image ist. Ein aufmerksamer Beobachter wird darüber nicht schockiert sein, weil sich das schon länger abzeichnet, aber Schreiber bestätigt all dies.


    Insofern fand ich das Buch wirklich lesenswert, zumal es eine interessante Zusammenfassung der Parteigeschichte ist, auch wenn sie natürlich subjektiv durch Schreibers Sicht gefärbt ist.

    Wobei man kaum Menschen trifft, die den Dialekt wirklich sprechen. Also eine normale Unterhaltung auf der Straße wird für jeden möglich sein, der hochdeutsch spricht. ;) Am Niederrhein sind Dialekte im Allgemeinen eher wenig ausgeprägt.

    Und ich kann mir gut vorstellen, dass die schleichenden Veränderungen für Martha jahrelang Stress pur bedeuteten.

    Mich würde das auch ziemlich zermürben, vor allem weil ich auch das Gefühl hatte, dass Martha lieber gestern als heute schon aus Deutschland gegangen wäre. Aber Karl hing noch recht lange an dem Gedanken, doch bleiben zu wollen/können.

    Deswegen kann ich den Wunsch nach einem "eigenen" jüdischen Staat auch verstehen, auch wenn die gewaltsamen Auseinandersetzungen, die daraus entstanden, nochmal auf einem ganz anderen Blatt geschrieben stehen.

    Luckynils  Engelmacher konnte jeder sein, der sich eine Abtreibung zutraute, damit Geld verdienen wollte und die drastischen Folgen für die behandelten Frauen nicht fürchteten, weil sie meist nicht angezeigt wurden, wenn die Sache schief ging.

    Genau das war das Problem. Sie hatten teilweise gar keine medizinischen Kenntnisse, aber es gab ja sonst eigentlich niemanden, an dem man sich wenden konnte. Und manchmal konnte man natürlich auch Glück haben und auf eine Hebamme, Schwester oder ähnliches treffen, die wusste, was sie tat und wirklich helfen konnte, ohne zu schaden.

    Total verrückt, wenn man bedenkt, dass Abtreibungen heute teilweise mit einer Tablette durchgeführt werden können und damals "Operationen" mit Kleiderbügel durchgeführt wurden.

    Ruth Meyer wächst behütet im Krefeld der 1920er Jahre auf. Ihr Leben kennt keine Einschränkungen, da ihr Vater genügend verdient, um seiner Familie alle Wünsche und ein schönes Leben zu ermöglichen. Doch mit Hitlers Machtübernahme in den 30er Jahren ändert sich das Leben der Familie Meyer schlagartig, denn sie sind jüdisch und haben immer mehr unter der umschlagenden Stimmung zu leiden...


    Dieser Roman ist viel mehr ein Zeitdokument als Unterhaltungsliteratur. Bereits zu Beginn wird ein Tagebucheintrag von Ruth Meyer vorangestellt, der verdeutlicht, dass es sich bei der Familie Meyer um eine jüdische Familie handelt, die tatsächlich in Krefeld gelebt und gewirkt hat. Ruth Meyers Tagebucheinträge sind ihrem Original-Tagebuch entnommen und Ulrike Renk hat ihre Geschichte rekonstruiert und in Romanform gebracht. Der vorliegende Roman ist somit der Auftakt einer Trilogie, die sich das Schicksal der Familie Meyer annimmt, die in Krefeld gelebt hat, als der Nationalsozialismus über Deutschland herein kam.


    Wir verfolgen das Leben der Familie Meyer, das vor allem in den 1920er Jahren fast nur schöne Seiten aufweist. So werden wir in einen Familienroman eingeführt, der vor allem eins ist: schön. Ich finde diese Einführung sehr wichtig, weil sie sehr gut vor Augen führt, wie integriert jüdische Familien waren, so dass das ganze kommende Gräuel noch unverständlicher und grausamer wird. Fluchtgespräche sind schon länger Thema, aber nur die pessismistischsten Leute rechnen wirklich mit dem Schlimmsten, was noch nicht mal annährend an die Realität heran kommt. So beschleicht einem beim Lesen immer wieder ein ungutes Gefühl und eine Hilflosigkeit.


    Neben den historischen Entwicklungen liegt das Augenmerk vor allem auf dem Alltag der Familie. Familienprobleme, jüdische Feste in einer christlich-geprägten Gesellschaft (Weihnachtsbaum an Chanukka?), das Auf und Ab des Liebeslebens einer Jugendlichen, Urlaube, Arbeit und Freizeit - all das wird an Themen aufgegriffen und somit wird das Buch für mich wirklich zu einem Zeitdokument, das vielleicht nur wenig dramaturgische Spannung aufweist, aber dafür umso spannender vom interessanten Inhalt her ist.



    Da die Autorin viel um die Familie Meyer herum recherchiert hat, kann ich dieses Buch empfehlen. Es gibt dem Leser die Chance, das Schicksal einer jüdischen Familie in Nazi-Deutschland zu verfolgen, ohne zu einem "schweren" Sachbuch greifen zu müssen.

    Ich bin mir nicht so sicher, ob das moderne Leben wirklich weniger anstrengend ist. Es ist ganz anders. Es gibt sicherlich viele Erleichterungen, aber dafür auch ganz andere Ansprüche an die Menschen.


    Marthas Situation ist aber natürlich besonders (schlimm) durch die Judenverfolgung. Das will ich auf keinen Fall in Abrede stellen.

    Nein, in ihrem Auftreten kommt sie nicht als Luxusweibchen rüber, aber dass ihr der Haushalt so sehr zu viel wird, verwundert mich dann doch immer noch ein bisschen. Aber man merkt im Allgemeinen sehr, dass sie keine allzu große Belastungsgrenze hat. Das meine ich jetzt auch überhaupt nicht negativ. Wieso sollte sie die auch haben? Es war ja nicht notwendig und wenn Hitler nicht an die Macht gekommen wäre, wäre es auch nie aufgefallen.

    Ich habe gerade auch die letzten Seiten gelesen.


    Die Situation spitzt sich zu und das Buch endet mit der Reichspogromnacht. Was für ein Cliffhanger, dass wir nicht erfahren, was mit Martha und Karl passiert ist. Da wir doch recht lange auf den zweiten Teil warten, lässt mich das etwas unzufrieden zurück. Die Geschichte muss bei weitem nicht abgeschlossen sein, aber das macht mich jetzt schon unruhig. Aber gut, man muss die Enden nehmen, wie sie kommen. ;)


    Warum die Familie erst so spät ausreisen darf, ist der Wahnsinn. Was macht es denn für einen Unterschied für die USA? Für die Familie Meyer ab kann das eine Entscheidung von Leben und Tod bedeuten...


    Das Krefelder Dokumentationszentrum kenne ich noch gar nicht, aber ich werde sicherlich im Laufe des Jahres hinfahren, wenn es sich anbietet, denn es klingt sehr spannend.

    Ich denke auch, dass man sich nicht vorstellen kann oder will, dass man selbst Opfer solcher Pogrome wird. Auch wenn man es vielleicht erahnen könnte. Außerdem habe ich das Gefühl, dass Karl sich sehr an das Leben in Krefeld klammert und sich deswegen solche Vorkehrungen auch nicht erlaubt.

    Ruth wird in diesem Abschnitt immer erwachsener. Aus dem naseweisen Kind ist eine gefühlsvolle Jugendliche geworden, mit allem was dazu gehört. Die Geschichte rund um Kurt hat mir gefallen, auch wenn mir der Abschied mindestens genauso schwer gefallen ist. Toll finde ich aber auch, wie ihre Klassenkameradinnen zu ihr halten. Sie veranstalten sogar einen Ball für sie und keinem macht ihre Religion etwas aus.



    Was tut Martha eigentlich den ganzen Tag? Ich war ein wenig irritiert, dass sie es so überlastet, den Haushalt nun zu erledigen. Sie arbeitet doch nicht und die Kinder sind durch die Schule doch eigentlich auch betreut, oder? Und wieso schafft sie es dann "nur" zu kochen? Also klar, dass der ganze Haushalt nicht wenig ist und die Kinder sich mehr mit einbringen sollten, aber ich habe es so verstanden, dass alle Putzaufgaben auf die Kinder verteilt wurde. Oder habe ich da nicht genau gelesen?

    Ich finde es toll, dass Karl mit dem Grundstück einen Ort geschaffen hat, an dem nicht die Angst herrscht.

    Zuerst habe ich nicht verstanden, was Karl damit bezweckt, dieses Grundstück zu kaufen und dachte: Das kann doch keine Lösung sein. Aber nun sehe ich, was er geschaffen hat. Eine Ruhezone, einen Rückziehungsort, der dringend benötigt wird. Ruth schafft dort für ihre jüdischen Freunde eine Art kleines Versteck. Hier können sie sein, wie sie wollen und über alles reden. Das ist wirklich wichtig! Auch passend, dass sie sich genau da verliebt und in Kurt war ich spätestens nach dem Witz auch verliebt - wie großartig! :lache


    Apropos Ruth, auch ein interessanter Tagebucheintrag. Ich nehme an, der ist genauso original überliefert? Ulrike Renk Da sieht man mal, dass man sich zwar vorstellen konnte, dass die jüdische Bevölkerung keinen Platz mehr in Deutschland bekommt, aber zumindest noch die Massenvernichtung sehr fern (in Gedanken) liegt.

    Nun geht es langsam los. Die Nazis sind an der Macht und die Einschränkungen beginnen. Mittlerweile möchten eigentlich alle ausreisen, aber so einfach ist das nicht. Ich kann mir das ja kaum vorstellen, wie es schwer es gewesen sein muss, die entsprechenden Papiere zu beantragen. Wenn man mal überlegt, für wie wenige Länder wir überhaupt ein Visum brauche und wenn kann man sie teilweise einfach im Internet bestellen.

    Dass Martha darüber so krank wird, hat mich getroffen. Ich habe sie bisher als so starke und resolute Frau erlebt. Aber die Situation ist furchtbar und schwierig. Sie macht sich natürlich große Sorgen um ihre Kinder, aber Karl war lange nicht bereit. Doch jetzt hat er auch Anträge für Palästina gestellt. Interessant, ich hätte gedacht, er würde eher Amerika wählen. Da hätte ich die Familie fast eher gesehen.

    Einige sind bereits in die Niederlange geflohen. Da werden sie ein paar Jahre sicherer sein, aber wir wissen ja alle, dass auch das kein sicheres Land für die jüdische Bevölkerung war.


    Die Episode mit der Weltausstellung hat mir sehr gut gefallen! Es war nochmal ein Durchatmen und zudem sehr spannend. Die deutschen Juden haben das Judentum verraten. Hmpf. Das ist fast das Schlimmste. Die vorher integrierte jüdische Bevölkerung fängt an, sich zurückzuziehen, sich quasi wieder zurück zu entwickeln. So traurig das mitzuverfolgen.

    Zwischen Ruth und Rosi steht es auch nicht mehr zum Besten. Ich weiß nicht was das los ist aber dieser Merländer ist mir suspekt.

    Um Rosi mache ich mir auch ein wenig Sorgen. Distanziert sie sich von Ruth, weil sie Jüdin ist? Oder steckt da doch etwas anderes dahinter?

    Bei Merländer vermute ich eigentlich auch nicht mehr als Homosexualität und ein wenig eigenbrödlerisch, weil er von der Gesellschaft quasi wie ein Außenseiter behandelt wird aufgrund seiner sexuellen Vorliebe.

    Die Geschichte nimmt Fahrt auf. Hitler ist Reichskanzler geworden und der Wind dreht sich schnell. Gerade die letzte Szene, in der Ruth die grölenden Männer bei Theissen einkehren sieht, ist beängstigend. Damit haben die Meyers die Nazis als unmittelbare Nachbarn und Bedrohung nebenan.


    Wie sehr in ihren Kreisen über Auswanderung gesprochen wird, ist enorm und ich kann Karl sehr gut verstehen. Auswandern bedeutet so viel Veränderung. Und wo soll er hin? Er spricht kein Englisch, als Geschäftsmann schwierig. Palästina ist ihm selbst fast "zu jüdisch". Dass die andere Familie Englisch lernt, ist sicherlich weitsichtig und ich denke, dass auch Familie Meyer sich in Amerika zurecht finden könnte. Aber die Heimat verlassen ist ein großes Stück - wo es noch Hoffnung geben kann...


    Aber Hoffnung und Freude gibt es nicht viel bei Familie Meyer. Leni stirbt. Ihre Liebschaft hat mich anfangs ja wirklich gefreut, aber dass er sich als so treulos herausstellt. Sowas ärgert mich immer sehr! Aber klar, Leni hat keinen anderen Ausweg gesehen. Was hätte sie als ledige Frau mit einem Kind auch machen sollen? Sie wäre ruiniert, auch wenn Frau Meyer ihr hätte helfen wollen. Aber wie soll sie ihrem Beruf nachkommen mit Baby? Hätte Frau Meyer wirklich gesagt, es wäre okay, wenn sie das Kind immer mitnimmt?