Beiträge von Avila

    Wobei man kaum Menschen trifft, die den Dialekt wirklich sprechen. Also eine normale Unterhaltung auf der Straße wird für jeden möglich sein, der hochdeutsch spricht. ;) Am Niederrhein sind Dialekte im Allgemeinen eher wenig ausgeprägt.

    Und ich kann mir gut vorstellen, dass die schleichenden Veränderungen für Martha jahrelang Stress pur bedeuteten.

    Mich würde das auch ziemlich zermürben, vor allem weil ich auch das Gefühl hatte, dass Martha lieber gestern als heute schon aus Deutschland gegangen wäre. Aber Karl hing noch recht lange an dem Gedanken, doch bleiben zu wollen/können.

    Deswegen kann ich den Wunsch nach einem "eigenen" jüdischen Staat auch verstehen, auch wenn die gewaltsamen Auseinandersetzungen, die daraus entstanden, nochmal auf einem ganz anderen Blatt geschrieben stehen.

    Luckynils  Engelmacher konnte jeder sein, der sich eine Abtreibung zutraute, damit Geld verdienen wollte und die drastischen Folgen für die behandelten Frauen nicht fürchteten, weil sie meist nicht angezeigt wurden, wenn die Sache schief ging.

    Genau das war das Problem. Sie hatten teilweise gar keine medizinischen Kenntnisse, aber es gab ja sonst eigentlich niemanden, an dem man sich wenden konnte. Und manchmal konnte man natürlich auch Glück haben und auf eine Hebamme, Schwester oder ähnliches treffen, die wusste, was sie tat und wirklich helfen konnte, ohne zu schaden.

    Total verrückt, wenn man bedenkt, dass Abtreibungen heute teilweise mit einer Tablette durchgeführt werden können und damals "Operationen" mit Kleiderbügel durchgeführt wurden.

    Ruth Meyer wächst behütet im Krefeld der 1920er Jahre auf. Ihr Leben kennt keine Einschränkungen, da ihr Vater genügend verdient, um seiner Familie alle Wünsche und ein schönes Leben zu ermöglichen. Doch mit Hitlers Machtübernahme in den 30er Jahren ändert sich das Leben der Familie Meyer schlagartig, denn sie sind jüdisch und haben immer mehr unter der umschlagenden Stimmung zu leiden...


    Dieser Roman ist viel mehr ein Zeitdokument als Unterhaltungsliteratur. Bereits zu Beginn wird ein Tagebucheintrag von Ruth Meyer vorangestellt, der verdeutlicht, dass es sich bei der Familie Meyer um eine jüdische Familie handelt, die tatsächlich in Krefeld gelebt und gewirkt hat. Ruth Meyers Tagebucheinträge sind ihrem Original-Tagebuch entnommen und Ulrike Renk hat ihre Geschichte rekonstruiert und in Romanform gebracht. Der vorliegende Roman ist somit der Auftakt einer Trilogie, die sich das Schicksal der Familie Meyer annimmt, die in Krefeld gelebt hat, als der Nationalsozialismus über Deutschland herein kam.


    Wir verfolgen das Leben der Familie Meyer, das vor allem in den 1920er Jahren fast nur schöne Seiten aufweist. So werden wir in einen Familienroman eingeführt, der vor allem eins ist: schön. Ich finde diese Einführung sehr wichtig, weil sie sehr gut vor Augen führt, wie integriert jüdische Familien waren, so dass das ganze kommende Gräuel noch unverständlicher und grausamer wird. Fluchtgespräche sind schon länger Thema, aber nur die pessismistischsten Leute rechnen wirklich mit dem Schlimmsten, was noch nicht mal annährend an die Realität heran kommt. So beschleicht einem beim Lesen immer wieder ein ungutes Gefühl und eine Hilflosigkeit.


    Neben den historischen Entwicklungen liegt das Augenmerk vor allem auf dem Alltag der Familie. Familienprobleme, jüdische Feste in einer christlich-geprägten Gesellschaft (Weihnachtsbaum an Chanukka?), das Auf und Ab des Liebeslebens einer Jugendlichen, Urlaube, Arbeit und Freizeit - all das wird an Themen aufgegriffen und somit wird das Buch für mich wirklich zu einem Zeitdokument, das vielleicht nur wenig dramaturgische Spannung aufweist, aber dafür umso spannender vom interessanten Inhalt her ist.



    Da die Autorin viel um die Familie Meyer herum recherchiert hat, kann ich dieses Buch empfehlen. Es gibt dem Leser die Chance, das Schicksal einer jüdischen Familie in Nazi-Deutschland zu verfolgen, ohne zu einem "schweren" Sachbuch greifen zu müssen.

    Ich bin mir nicht so sicher, ob das moderne Leben wirklich weniger anstrengend ist. Es ist ganz anders. Es gibt sicherlich viele Erleichterungen, aber dafür auch ganz andere Ansprüche an die Menschen.


    Marthas Situation ist aber natürlich besonders (schlimm) durch die Judenverfolgung. Das will ich auf keinen Fall in Abrede stellen.

    Nein, in ihrem Auftreten kommt sie nicht als Luxusweibchen rüber, aber dass ihr der Haushalt so sehr zu viel wird, verwundert mich dann doch immer noch ein bisschen. Aber man merkt im Allgemeinen sehr, dass sie keine allzu große Belastungsgrenze hat. Das meine ich jetzt auch überhaupt nicht negativ. Wieso sollte sie die auch haben? Es war ja nicht notwendig und wenn Hitler nicht an die Macht gekommen wäre, wäre es auch nie aufgefallen.

    Ich habe gerade auch die letzten Seiten gelesen.


    Die Situation spitzt sich zu und das Buch endet mit der Reichspogromnacht. Was für ein Cliffhanger, dass wir nicht erfahren, was mit Martha und Karl passiert ist. Da wir doch recht lange auf den zweiten Teil warten, lässt mich das etwas unzufrieden zurück. Die Geschichte muss bei weitem nicht abgeschlossen sein, aber das macht mich jetzt schon unruhig. Aber gut, man muss die Enden nehmen, wie sie kommen. ;)


    Warum die Familie erst so spät ausreisen darf, ist der Wahnsinn. Was macht es denn für einen Unterschied für die USA? Für die Familie Meyer ab kann das eine Entscheidung von Leben und Tod bedeuten...


    Das Krefelder Dokumentationszentrum kenne ich noch gar nicht, aber ich werde sicherlich im Laufe des Jahres hinfahren, wenn es sich anbietet, denn es klingt sehr spannend.

    Ich denke auch, dass man sich nicht vorstellen kann oder will, dass man selbst Opfer solcher Pogrome wird. Auch wenn man es vielleicht erahnen könnte. Außerdem habe ich das Gefühl, dass Karl sich sehr an das Leben in Krefeld klammert und sich deswegen solche Vorkehrungen auch nicht erlaubt.

    Ruth wird in diesem Abschnitt immer erwachsener. Aus dem naseweisen Kind ist eine gefühlsvolle Jugendliche geworden, mit allem was dazu gehört. Die Geschichte rund um Kurt hat mir gefallen, auch wenn mir der Abschied mindestens genauso schwer gefallen ist. Toll finde ich aber auch, wie ihre Klassenkameradinnen zu ihr halten. Sie veranstalten sogar einen Ball für sie und keinem macht ihre Religion etwas aus.



    Was tut Martha eigentlich den ganzen Tag? Ich war ein wenig irritiert, dass sie es so überlastet, den Haushalt nun zu erledigen. Sie arbeitet doch nicht und die Kinder sind durch die Schule doch eigentlich auch betreut, oder? Und wieso schafft sie es dann "nur" zu kochen? Also klar, dass der ganze Haushalt nicht wenig ist und die Kinder sich mehr mit einbringen sollten, aber ich habe es so verstanden, dass alle Putzaufgaben auf die Kinder verteilt wurde. Oder habe ich da nicht genau gelesen?

    Ich finde es toll, dass Karl mit dem Grundstück einen Ort geschaffen hat, an dem nicht die Angst herrscht.

    Zuerst habe ich nicht verstanden, was Karl damit bezweckt, dieses Grundstück zu kaufen und dachte: Das kann doch keine Lösung sein. Aber nun sehe ich, was er geschaffen hat. Eine Ruhezone, einen Rückziehungsort, der dringend benötigt wird. Ruth schafft dort für ihre jüdischen Freunde eine Art kleines Versteck. Hier können sie sein, wie sie wollen und über alles reden. Das ist wirklich wichtig! Auch passend, dass sie sich genau da verliebt und in Kurt war ich spätestens nach dem Witz auch verliebt - wie großartig! :lache


    Apropos Ruth, auch ein interessanter Tagebucheintrag. Ich nehme an, der ist genauso original überliefert? Ulrike Renk Da sieht man mal, dass man sich zwar vorstellen konnte, dass die jüdische Bevölkerung keinen Platz mehr in Deutschland bekommt, aber zumindest noch die Massenvernichtung sehr fern (in Gedanken) liegt.

    Nun geht es langsam los. Die Nazis sind an der Macht und die Einschränkungen beginnen. Mittlerweile möchten eigentlich alle ausreisen, aber so einfach ist das nicht. Ich kann mir das ja kaum vorstellen, wie es schwer es gewesen sein muss, die entsprechenden Papiere zu beantragen. Wenn man mal überlegt, für wie wenige Länder wir überhaupt ein Visum brauche und wenn kann man sie teilweise einfach im Internet bestellen.

    Dass Martha darüber so krank wird, hat mich getroffen. Ich habe sie bisher als so starke und resolute Frau erlebt. Aber die Situation ist furchtbar und schwierig. Sie macht sich natürlich große Sorgen um ihre Kinder, aber Karl war lange nicht bereit. Doch jetzt hat er auch Anträge für Palästina gestellt. Interessant, ich hätte gedacht, er würde eher Amerika wählen. Da hätte ich die Familie fast eher gesehen.

    Einige sind bereits in die Niederlange geflohen. Da werden sie ein paar Jahre sicherer sein, aber wir wissen ja alle, dass auch das kein sicheres Land für die jüdische Bevölkerung war.


    Die Episode mit der Weltausstellung hat mir sehr gut gefallen! Es war nochmal ein Durchatmen und zudem sehr spannend. Die deutschen Juden haben das Judentum verraten. Hmpf. Das ist fast das Schlimmste. Die vorher integrierte jüdische Bevölkerung fängt an, sich zurückzuziehen, sich quasi wieder zurück zu entwickeln. So traurig das mitzuverfolgen.

    Zwischen Ruth und Rosi steht es auch nicht mehr zum Besten. Ich weiß nicht was das los ist aber dieser Merländer ist mir suspekt.

    Um Rosi mache ich mir auch ein wenig Sorgen. Distanziert sie sich von Ruth, weil sie Jüdin ist? Oder steckt da doch etwas anderes dahinter?

    Bei Merländer vermute ich eigentlich auch nicht mehr als Homosexualität und ein wenig eigenbrödlerisch, weil er von der Gesellschaft quasi wie ein Außenseiter behandelt wird aufgrund seiner sexuellen Vorliebe.

    Die Geschichte nimmt Fahrt auf. Hitler ist Reichskanzler geworden und der Wind dreht sich schnell. Gerade die letzte Szene, in der Ruth die grölenden Männer bei Theissen einkehren sieht, ist beängstigend. Damit haben die Meyers die Nazis als unmittelbare Nachbarn und Bedrohung nebenan.


    Wie sehr in ihren Kreisen über Auswanderung gesprochen wird, ist enorm und ich kann Karl sehr gut verstehen. Auswandern bedeutet so viel Veränderung. Und wo soll er hin? Er spricht kein Englisch, als Geschäftsmann schwierig. Palästina ist ihm selbst fast "zu jüdisch". Dass die andere Familie Englisch lernt, ist sicherlich weitsichtig und ich denke, dass auch Familie Meyer sich in Amerika zurecht finden könnte. Aber die Heimat verlassen ist ein großes Stück - wo es noch Hoffnung geben kann...


    Aber Hoffnung und Freude gibt es nicht viel bei Familie Meyer. Leni stirbt. Ihre Liebschaft hat mich anfangs ja wirklich gefreut, aber dass er sich als so treulos herausstellt. Sowas ärgert mich immer sehr! Aber klar, Leni hat keinen anderen Ausweg gesehen. Was hätte sie als ledige Frau mit einem Kind auch machen sollen? Sie wäre ruiniert, auch wenn Frau Meyer ihr hätte helfen wollen. Aber wie soll sie ihrem Beruf nachkommen mit Baby? Hätte Frau Meyer wirklich gesagt, es wäre okay, wenn sie das Kind immer mitnimmt?

    Ulrike Renk  

    Ich finde es interessant, dass das Buch als schwierig, jüdisch oder was auch immer aufgefasst wird. So empfinde ich es gar nicht... Teilweise könnte das Tempo vielleicht etwas schneller sein, aber das Gemächliche hat ebenso seinen Reiz und das von dir beschriebene Kennenlernen schätze ich sehr und macht mich wirklich nachdenklich. Habe eben erst eine Lesepause eingelegt, um mit meinem Freund über die Themen des Buches zu sprechen.

    Ich bin von den 25 gar nicht weit entfernt und mein Freund noch weniger und wir kennen das Wort beide seit Jahren trotz intensiven Netflix-Konsums, wo ich im Übrigen schon viel mehr Dokus gesehen habe als im FreeTV, was ich zugebenermaßen auch nur noch über App-Mediatheken schaue. Einen Fernsehanschluss haben wir gar nicht.

    Die Gespräche mit Ruth über das Erstarken der NSDAP und wofür sie stehen, sind wirklich schlimm. Sie versteht das nicht und wie will man das auch verstehen? Es ist ja nicht zu verstehen. Es gibt keine Menschenrassen, also wie soll das erklärt werden? Wo dann auch noch Nationalität und Religion in einem Topf geworfen werden... Hier in diesem Buch wird so deutlich, dass es bei der jüdischen Bevölkerung sich nicht um zugewanderte (fremde) Menschen ging, sondern um deutsche Personen, die seit ewigen Zeiten im deutschen Reich gelebt haben. (Mal davon abgesehen, dass auch zugewanderte Menschen anderer Kulturen nicht weniger wert sind oder gar eine ablehnde Haltung verdienen!)

    Ruth wird sicherlich immer mehr Probleme bekommen, weil sie sich nicht in reinen jüdischen Gemeinschaften aufhält, sondern bspw auch auf ein einfaches Lyzeum geht. Ich bin sehr gespannt, wie sich auch die Freundschaft mit Horst entwickelt.


    Dass Karl einen Fehler begangen hat und der Familie Geld geliehen hat, zeigt sich ein wenig. Es klingt nämlich gar nicht so, als ob er sein Spiel- und Geldproblem in dem Griff bekommen hätte...

    Was für schöne festliche Kapitel - die haben ja perfekt zur Jahreszeit gepasst - auch wenn ich gerade eher weniger zum Lesen gekommen bin. Aber wenn ich zum Buch gegriffen habe, hat es gleich eine schöne Atmosphäre verströmt, auch wenn ich langsam ein wenig ungeduldig werde und warte, wann es denn "losgeht". :)

    Als die Meyers sich dafür entscheiden den Theissens das Geld zu leihen, hatte ich spontan ein sehr ungutes Gefühl dabei. Ich verstehe zwar ihre Beweggründe und finde sie auch sehr nobel, aber ich bin mir nicht sicher, ob das Ganze so eine gute Idee ist.

    Das kann ich nur so unterschreiben und dieses Gefühl hat verschiedene Gründe. Zum einen bin ich mir seiner politischen Gesinnung nicht so sicher - also dass man ihn noch überzeugen kann, dass Juden auch nett sein können. Aber was für mich mehr zählt, ist die Art der Schulden. Spielschulden. Er schwört nicht mehr zu spielen, aber wenn man so hoch verschuldet ist, klingt das fast nach Spielsucht und die zu überwinden, ist wohl nicht das einfachste. Egal was er verspricht oder nicht. Aber mal sehen. Vielleicht werden wir auch noch positiv überrascht?