'Treppe aus Papier' - Seiten 001 - 056

  • Ja, den Eindruck habe ich auch. Schon das Kapitel vor dem ersten Kapitel, was ohne Titel ist, umfasst 4 Seiten mit einem einzigen Satz. Es ist eine einzige Aufzählung, die ich noch nicht so recht durchschaue. Wer ist hier „Wir“? Handelt es sich dabei um die Gesamtheit aller Häuser?


    Ich habe die „Schmach von Cordóba“ nachgeschlagen, weil mir das gar nichts sagte. Dabei handelt es sich um ein Länderspiel bei der WM in Argentinien 1978, bei dem Deutschland gegen Österreich 2:3 verlor. Der Radiokommentar muss legendär gewesen sein. In Österreich heißt das selbe Ereignis übrigens das „Wunder von Cordóba“… :lache


    Witzig fand ich bei der Aufzählung folgendes: „…, Polyvinylchlorid,…“ und ich dann gedanklich: was soll das sein? … und als nächstes Element „Menschen, die wissen, was Polyvinylchlorid ist,…“
    Da fühlte ich mich vom Autor ein wenig beobachtet. Das habe ich nicht nachgeschlagen und habe keine Ahnung, was das sein soll.


    Im ersten Kapitel wird es dann ein wenig greifbarer. Wir lernen Familie Bittner kennen, die im vierten Stock eines Hauses lebt. Auch hier musste ich schmunzeln: S. 13: … mit ihren Eltern sprechen Teenager im Morsedialekt. Viel kurz, wenig lang:lache


    Am Beispiel der Nele Bittner, die durch das Treppenhaus geht, beschreibt der Autor, was sich ebenfalls in diesem Treppenhaus in anderen Zeiten abgespielt hat. Ein interessanter Gedanke, der aufzeigt, was das Haus schon alles erlebt hat. Darüber macht man sich ja selten Gedanken im Alltag.


    Außerdem leben noch andere Parteien im Haus, insgesamt 16 Personen in 8 Wohnungen. Es wird ein wenig Statistik aufgefahren, wieviele Menschen dort seit Anbeginn gelebt haben, gestorben sind, gezeugt wurden, geboren wurden. Besonders ist Irma herauszustellen, die im Haus geboren ist und, abgesehen vom Mittelteil ihres Lebens, immer im Haus gelebt hat und nun mit 90 Jahren die älteste Bewohnerin ist.

    Schön fand ich hier wieder einen Absatz, beginnend S. 25 unten: „Uns freut jedes mitgebrachte Land, jede bewanderte Erinnerung und jede neue Sprache, denn auch nur ein kurzes Bewohnen erweitert unsere Welt um kostbare Facetten.“


    Weiter bin ich heute noch nicht gekommen, der Text ist sehr dicht und ich möchte irgendwie alles aufnehmen und verstehen, wobei ich immer noch ein wenig orientierungslos bin, worauf die Geschichte hinausläuft.

  • Das wird dauern, kein Buch das man 50-80 Seiten am Tag liest.

    Du hast völlig recht. Das meinte ich im LR-Thread mit "ein Buch zum langsam Lesen". Aber gerade das gefällt mir sehr.


    Ich hab den ersten Abschnitt gestern komplett gelesen. Und mir dabei Zeit gelassen, Sätze teils erneut gelesen, vieles nachwirken lassen. Man muss konzentriert lesen, die Sprache ist ebenfalls konzentriert. In einem Satz können so viele Details stecken (hier meine ich nicht den allerersten Satz, der ist ja unschlagbar, was die Fülle der Details anbelangt). Ich habe offensichtlich so intensiv gelesen, dass ich heute Nacht geträumt habe, es hätte sich jemand in der Wand verkrochen. :pille Froh bin ich auch darüber, das Buch als gebundenes und nicht als elektronisches Werk zu lesen, so lässt sich doch leichter nachschlagen, Passagen erneut lesen.


    Die Erzählweise gefällt mir richtig gut. Eine klasse Idee, die Wände erzählen zu lassen. Ich denke auch manchmal, was die Wände hier im Haus alles erzählen könnten (gewiss würden sie von sehr viel Fröhlichkeit erzählen).


    Die Grundstimmung im Buch empfinde ich bisher eher als düster. Aber das liegt wohl an der Darstellung der Familie Thon, die, einzig und allein dem Vaterland dienend, die Tochter nur hartherzig beachtet und in diesem Sinne erzieht. Als Gegenpol die Sternheims, die ihre Tochter mit viel Liebe aufziehen, aber keine Chance auf ein ruhiges, friedliches Leben haben werden. Bei Bittners in der Jetzt-Zeit bin ich mir noch nicht sicher, wie die familiäre Struktur zu verstehen ist. Nele kapselt sich so ein bisschen ab, hat Probleme in der Schule, trägt ihren Teil zum Familienleben gewissenhaft bei. Die Mutter scheint teils überfordert, der Vater desinteressiert (auch wenn er sich nach dem Schulunterricht erkundigt). Ein Nebeneinander-her-leben.


    Die Gleichzeitigkeit mit der alles passiert, also dass z.B. etliche Postbot*innen zu den Briefkästen kommen und eine Menge von Menschen gleichzeitig die Treppen rauf- und runtergeht, ist zunächst gewöhnungsbedürftig. Aber für die Wände ist eben Vergangenes nicht vergangen. Eine interessante Sichtweise.


    Nachdenklich gemacht hat mich am Ende des Abschnitts der "Tee, der seit acht Jahrzehnten darauf wartet, getrunken zu werden". Ist das die Andeutung der Deportation, so dass dieser Tee einfach ungetrunkten stehenbleiben muss?

  • Witzig fand ich bei der Aufzählung folgendes: „…, Polyvinylchlorid,…“ und ich dann gedanklich: was soll das sein? … und als nächstes Element „Menschen, die wissen, was Polyvinylchlorid ist,…“
    Da fühlte ich mich vom Autor ein wenig beobachtet. Das habe ich nicht nachgeschlagen und habe keine Ahnung, was das sein soll.

    :klugscheiss Polyvinylchlorid = PVC = Kunststoff


    In einem Haus ist da wahrscheinlich hauptsächlich der Bodenbelag gemeint.

    :schnellweg

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    Von den vielen Welten, [...] ist die Welt der Bücher die größte. (Hermann Hesse)


    :lesend Peter Bamm: Eines Menschen Zeit

  • Die Grundstimmung im Buch empfinde ich bisher eher als düster.

    Das sehe ich genauso, bei mir liegt es aber auch daran, dass ich etwas zutiefst menschliches vermisse. Das Haus vergisst nichts, es erinnert alles. Uns Menschen ist die Gnade des Vergessens gegeben.

    Nemo tenetur :gruebel


    Ware Vreundschavt ißt, wen mahn di Schreipfelerdes :lesend America against America Wang Huning:lesend Treppe aus Papier Henrik Szántó

  • Was für eine wunderschöne Sprache. Ich hatte ziemlich am Anfang schon ein kleines Zitat notiert, daß ich hier erwähnen wollte. Bald fand ich ein besseres. Und dann wieder ein anderes, das vielleicht ebenso gut passt. Am Ende habe ich mich entschieden, auf ein Zitat zu verzichten. Erstens lest Ihr das Buch ja auch und zweitens gibt es viel zu viele schöne Stellen, um sich auf eine einzige zu beschränken.


    Hier erzählt ein Haus. Im Plural. Für mich ergibt sich aus dem einleitenden, vierseitigen Satz, daß eben ein Haus kein einzelnes "Ding" ist, sondern aus vielen Einzelteilen, Böden, Wänden, Fenster, Türen, etc besteht und deshalb natürlich ein "wir" ist und kein "ich".


    In dieser Einleitung steht eben auch, was so ein Haus ausmacht. Es ist viel mehr als die Summe seiner Einzelteile, es ist die Heimat der Bewohner, es ist Erinnerung und Ort immer wieder neuer Ereignisse. Ich bin sehr beeindruckt, wie der Autor es schafft, auf diesen ersten fünfzig Seiten eine Welt erstehen zu lassen, die über hundert Jahre und sehr viele Ereignisse verbinden. Sowohl bei den immer wieder eingestreuten Begebenheiten, die früher an den Stellen passiert sind, wo gerade etwas anderes passiert als auch bei dem Gespräch zwischen Nele und Irma, bei dem praktisch zwei Jugendliche aus diesem Haus aufeinander treffen, obwohl sie viele Jahrzehnte trennen.


    Ja, ich stimme Euch zu, dieses Buch kann man nicht in einem Rutsch wegschmökern. Ich brauchte immer wieder Pausen. Gleichzeitig entfaltete sich aber auch ein Suchtfaktor, so daß die Pausen nie besonders lang waren, sondern ich immer wieder bald zu dem Buch greifen mußte, um noch ein paar dieser schönen Sätze aufzunehmen.

    "Wie kann es sein, dass ausgerechnet diejenigen, die alles vernichten wollten, was gut ist an unserem Land, am eifrigsten die Nationalflagge schwenken?"
    (Winter der Welt, S. 239 - Ken Follett)

  • Das sehe ich genauso, bei mir liegt es aber auch daran, dass ich etwas zutiefst menschliches vermisse. Das Haus vergisst nichts, es erinnert alles. Uns Menschen ist die Gnade des Vergessens gegeben.

    Das stimmt schon. Aber so eine Erinnerung fußt ja auf den Erlebnissen der Bewohner und Begebenheiten in diesem Haus. Müsste es nicht auch Raum für "positive" Erinnerungen wie Lachen, Albernheiten oder einfach allgemein Glücksmomente geben? Zumal sich ja an wirklich alles erinnert wird. Solche Momente vermisse ich bisher ein Stück weit - was natürlich dem Fokus der Erzählung geschuldet ist.

  • Was für eine wunderschöne Sprache. Ich hatte ziemlich am Anfang schon ein kleines Zitat notiert, daß ich hier erwähnen wollte. Bald fand ich ein besseres. Und dann wieder ein anderes, das vielleicht ebenso gut passt. Am Ende habe ich mich entschieden, auf ein Zitat zu verzichten. Erstens lest Ihr das Buch ja auch und zweitens gibt es viel zu viele schöne Stellen, um sich auf eine einzige zu beschränken.

    Zwar habe ich kein besonderes Zitat notiert, aber grundsätzlich ging es mir bisher genauso. Es sind viele Sätze, die bemerkenswert sind. Ich mag es sehr, wie Sprache hier eingesetzt wird, wie mit Sprache gespielt wird.

  • Seinen (für mich) grandiosen Umgang mit Sprache und wie ein Haus (es ist nicht das "Treppe aus Papier-Haus" erzählt, kann man hier gut miterleben.

    Manche Bücher müssen gekostet werden, manche verschlingt man, und nur einige wenige kaut man und verdaut sie ganz.
    (Tintenherz - Cornelia Funke)

  • Der Prolog des Hauses auf vier Seiten in einem endlosen Satz – es weiß alles, was in ihm vorgeht, es sieht alles. Das Haus ist als stummer Zeuge immer dabei, erlebt alles mit und könnte soviel dazu sagen, wenn es nur sprechen könnte.


    Es bezeichnet sich selbst als „wir“, geli73 ich habe das für mich so gesehen, dass das Haus quasi für die „Gesamtheit aller Häuser“ spricht.


    Die Schmach von Cordoba sagt mir natürlich was, ich hab hier ja einen Fußballfan zuhause. :lache


    LeseBär

    Die Gleichzeitigkeit, mit der das Haus das Kommen und Gehen der Bewohner und Besucher „empfindet“, finde ich spannend... und komplex. Ich bin mir sicher, ich werde auch den einen oder anderen Tag für das Buch brauchen... wenn es denn ankommt.


    LeSeebär

    So könnte es natürlich auch sein, dass das Haus mit „wir“ seine Einzelbestandteile meint. :gruebel


    Ich habe bis jetzt nur das 1. Kapitel aus der Leseprobe gelesen, mein Buch ist leider noch immer nicht da. Aber: morgen ist ja auch noch ein Tag. :lache

    Lieben Gruß,


    Batcat batsmile.gif


    Ein Buch ist wie ein Garten, den man in der Tasche trägt (aus Arabien)

  • Es bezeichnet sich selbst als „wir“, geli73 ich habe das für mich so gesehen, dass das Haus quasi für die „Gesamtheit aller Häuser“ spricht.

    ...

    LeSeebär

    So könnte es natürlich auch sein, dass das Haus mit „wir“ seine Einzelbestandteile meint. :gruebel

    Wenn ich mich richtig erinnere, meine ich, dass der Autor im Gespräch auf dem Blauen Sofa, bei den Jüdischen Kulturtagen, es ähnlich wie LeSeeBär erklärt hat:

    Hier erzählt ein Haus. Im Plural. Für mich ergibt sich aus dem einleitenden, vierseitigen Satz, daß eben ein Haus kein einzelnes "Ding" ist, sondern aus vielen Einzelteilen, Böden, Wänden, Fenster, Türen, etc besteht und deshalb natürlich ein "wir" ist und kein "ich".

    Manche Bücher müssen gekostet werden, manche verschlingt man, und nur einige wenige kaut man und verdaut sie ganz.
    (Tintenherz - Cornelia Funke)

  • Da ich auch noch auf das Buch warte, konnte ich bisher nur die Leseprobe lesen, die vom 2. Kapitel noch ein paar Zeilen enthält. Aber auch dieser kleine Teil des Buches zeigt schon sehr gut, wie intensiv der Autor die Geschichte erzählt. Ich lese ja eigentlich schon von Haus aus (wie passend zu diesem Buch :chen) relativ langsam. Aber am Anfang schwirrte mir schon bald der Kopf über die vielen Infos, die auf mich einzuprasseln schienen und ich musste mich dazu bringen, ganz bewusst noch langsamer zu lesen.

    Weiter bin ich heute noch nicht gekommen, der Text ist sehr dicht und ich möchte irgendwie alles aufnehmen und verstehen, wobei ich immer noch ein wenig orientierungslos bin, worauf die Geschichte hinausläuft.

    Mir geht es auch so, dass ich alles "mitnehmen" und verstehen möchte und wenn ich dann "zu schnell" lese, habe ich das Gefühl etwas zu verpassen. Und ich habe auch überhaupt keine Ahnung, wohin diese (Lese-)Reise uns führen wird. Aber ich habe eh genug damit zu tun, alles in meine Gedanken zu verarbeiten, dass ich gar nicht zum Spekulieren komme. :zwinker

    Eine klasse Idee, die Wände erzählen zu lassen. Ich denke auch manchmal, was die Wände hier im Haus alles erzählen könnten (gewiss würden sie von sehr viel Fröhlichkeit erzählen).

    Gerade bei älteren Häusern haben ich mich schon oft gefragt, was die Wände wohl alles gehört und miterlebt haben. Sie hätten so einiges zu erzählen. Ob dann alle Häuser so "ticken" wie dieses hier? :gruebel  :zwinker


    Besonders zwei Eigenschaften fallen besonders ins Gewicht: das Haus sieht sich als "wir" - könnte es bedeuten, dass ein einzelner gar nicht so viel ertragen könnte? Mir gefällt auch der Gedanke, dass ein Haus eben aus mehreren Komponenten, sprich Etagen, Keller, Dachboden etc. besteht und daher eine Gemeinschaft darstellt. Und ohne die Menschen, hätte auch ein Haus keine Seele, oder? Von daher passt die Mehrzahl hier meiner Meinung nach perfekt. :-)


    Spannend finde ich auch, dass für das Haus in gewisser Weise alles gleichzeitig geschieht. So ein Haus scheint kein Zeitempfinden zu haben. Und von der Ewigkeit aus gesehen, sind 100 Jahre im Nu vorbei. Was ist also schon Zeit....? :gruebel Ja, das Buch bringt einen ganz schön ins Grübeln - und dabei habe ich nicht Mal den ganzen ersten Abschnitt gelesen. :zwinker


    Die Grundstimmung im Buch empfinde ich bisher eher als düster.

    Interessant, dass ihr so empfindet. Ich verspüre da eher eine tiefe Melancholie - ein Wunsch des Hauses, dass es allen gut geht. Ich denke da zum Beispiel an die Szene, in der Nele und Ruth Sternheim sich im Treppenhaus "streifen":

    Zitat

    "Uns freut es immer, wenn Nele und Ruth Sternheim sich streifen, denn uns tröstet der Gedanke, sie hätten sich vielleicht gemocht."


    Was für eine wunderschöne Sprache. Ich hatte ziemlich am Anfang schon ein kleines Zitat notiert, daß ich hier erwähnen wollte. Bald fand ich ein besseres. Und dann wieder ein anderes, das vielleicht ebenso gut passt. Am Ende habe ich mich entschieden, auf ein Zitat zu verzichten.

    Ich entdecke auch immer wieder Sätze, die ich am liebsten notieren möchte - aber dann würde man ja erst recht nicht mit dem Buch voran kommen. Da hilft dann mehr, wenn man sich den Satz nochmals ganz genau liest und ihn quasi auf der Zunge zergehen lässt. :-)


    Ein Zitat ist für mich jedoch sehr zentral und daher möchte ich das hier aufführen:

    Zitat

    "Auf den Treppenstufen geht es immer auf- und abwärts."

    Die Treppenstufen stehen für so vieles....

  • Gucci : Ich habe die Pause genutzt, um das von dir verlinkte Video anzuschauen. Ich bin danach erstmal still sitzen geblieben... Henrik Szántó ist ein wahrer Wortkünstler. Man hört ihm gerne zu - auch wenn das Thema bedrückend ist.


    Interessant ist hier, dass dieses Haus sich als ein "ich" - also alleinstehend - sieht. :-)