• Er und ich


    Er versammelt seine Freunde noch einmal um sich.
    Wäscht ihnen die Füße, isst und trinkt.
    Bittet sie, wach zu bleiben.
    Betet.
    Festgenommen, verhört, verurteilt.


    Ich bin bis acht in diversen Geschäften.
    Hetze inmitten der Massen.
    Schließlich ist morgen geschlossen.


    Er wird ausgepeitscht.
    Mit Dornen sein Kopf gequält.
    Nackt am Holz den Blicken ausgesetzt.
    Festgenagelt.
    Leidet, verzeiht, stirbt.


    Ich hänge vor dem Fernseher.
    Konsumiere monumentale Filme am Fließband.
    Nicht mal Fußball wird heute gespielt.


    Sie wollen zu ihm.
    Den toten Körper salben.
    Zur Seite gerollt der Stein, sein Grab ist leer.
    Auferstanden.
    Sie zweifeln, glauben, hoffen.


    Ich ertrage die Familie.
    Genieße den Wein, überhöre die Fragen.
    Und morgen das gleiche noch mal.

    Das Verhalten und das Kennzeichen des Ungebildeten ist, keinen Nutzen oder Schaden von sich selber zu erwarten, sondern alles von außen. (Epiktet)

  • :anbet


    Ich bin wirklich positiv überrascht, die Gegenüberstellung Passion/Ostern und Konsumgesellschaft trägt.
    Ich kannte das bislang bloß mit der Weihnachtsthematik und da herrscht in der Regel der Kitsch.


    Hier nicht, sprachlich-stilistisch fand ich es auch gut zu lesen, das sitzt.
    (Kennst Du den Satz von Dorothy Sayers, die mal sagte, daß Glaube einen fatalen Einfluß auf die Syntax habe? :grin )


    Innerhalb des engen Rahmens - Christentum - entschieden eines der überzeugenderen Beispiele.


    :wave

    Ich und meine Öffentlichkeit verstehen uns sehr gut: sie hört nicht, was ich sage und ich sage nicht, was sie hören will.
    K. Kraus

  • Danke...


    @ magali
    Da war auch durchaus die Angst, moralinverspritzend die allzu ausgelutschte Gegenüberstellung zu kopieren. Deshalb auch das Bemühen, eine nüchterne Sprache zu bewahren.


    "Er und ich" soll morgen abend der Einstieg für die Osterpredigt sein. Bin mal gespannt, wie sehr darüber wieder geschimpft wird ;-)

    Das Verhalten und das Kennzeichen des Ungebildeten ist, keinen Nutzen oder Schaden von sich selber zu erwarten, sondern alles von außen. (Epiktet)

  • churchill, das ist große Klasse! :anbet


    Sehr eindringlich, knapp und aufs Wesentliche beschränkt, wobei es heftige Assoziationen weckt ...


    Edit: Wenn sie schimpfen, dann hast du recht! Nur Spießer verstehen nicht, worum es hier geht!
    Und du hältst dich für einen Amateur, der bei den 42ern nicht mitmischen könnte? Aber hallo! :knuddel1

  • Doch noch eine Laus gefunden ... :grin



    Ich würde die Zeile "Nicht mal Fußball spielen sie heute" abwandeln in "Nicht mal Fußbal wird heute gespiel" oder "... spielt man heute" -- da es wegen dem Sie schon in der ersten Zeile des folgenden Verses ein Bezugsproblem geben könnte.


    Außerdem sind das Passiv oder "man" noch unpersönlicher, allgemeiner als "sie", das ja bestimmte Personen des NT meint.

  • Zitat

    Original von Iris
    Doch noch eine Laus gefunden ... :grin


    Ich würde die Zeile "Nicht mal Fußball spielen sie heute" abwandeln in "Nicht mal Fußbal wird heute gespiel" oder "... spielt man heute" -- da es wegen dem Sie schon in der ersten Zeile des folgenden Verses ein Bezugsproblem geben könnte.


    Außerdem sind das Passiv oder "man" noch unpersönlicher, allgemeiner als "sie", das ja bestimmte Personen des NT meint.


    Absolut richtig ! Ich wähle das Passiv...


    Er und ich


    Er versammelt seine Freunde noch einmal um sich.
    Wäscht ihnen die Füße, isst und trinkt.
    Bittet sie, wach zu bleiben.
    Betet.
    Festgenommen, verhört, verurteilt.


    Ich bin bis acht in diversen Geschäften.
    Hetze inmitten der Massen.
    Schließlich ist morgen geschlossen.


    Er wird ausgepeitscht.
    Mit Dornen sein Kopf gequält.
    Nackt am Holz den Blicken ausgesetzt.
    Festgenagelt.
    Leidet, verzeiht, stirbt.


    Ich hänge vor dem Fernseher.
    Konsumiere monumentale Filme am Fließband.
    Nicht mal Fußball wird heute gespielt.


    Sie wollen zu ihm.
    Den toten Körper salben.
    Zur Seite gerollt der Stein, sein Grab ist leer.
    Auferstanden.
    Sie zweifeln, glauben, hoffen.


    Ich ertrage die Familie.
    Genieße den Wein, überhöre die Fragen.
    Und morgen das gleiche noch mal.

    Das Verhalten und das Kennzeichen des Ungebildeten ist, keinen Nutzen oder Schaden von sich selber zu erwarten, sondern alles von außen. (Epiktet)

    Dieser Beitrag wurde bereits 1 Mal editiert, zuletzt von churchill ()

  • Nee..der heißt "Ich und Er"
    ...was ich aber vorher erstens nicht wusste und mir zweitens bei einem so allgemeinen Titel auch ziemlich egal gewesen wäre...

    Das Verhalten und das Kennzeichen des Ungebildeten ist, keinen Nutzen oder Schaden von sich selber zu erwarten, sondern alles von außen. (Epiktet)

  • Hat mich beeindruckt! Danke dafür.

    Ich mag verdammen, was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du es sagen darfst. (Evelyn Beatrice Hall) ich wünsche allen einen schönen Tod und eine geruchslose Verwesenung.


    Allenfalls bin ich höflich - freundlich bin ich nicht.

  • Nach drei Jahren traue ich mich mal, den Text wieder hochzuschubsen ... Eine gewisse Fluktuation ist ja bei den Eulen inzwischen durchaus zu verzeichnen ... ;-)

    Das Verhalten und das Kennzeichen des Ungebildeten ist, keinen Nutzen oder Schaden von sich selber zu erwarten, sondern alles von außen. (Epiktet)

  • Der Text hat mich berührt.


    Danke churchill, auch dafür, dass Du diesen Text nochmal angeschubst hast, es wäre schade gewesen, wenn ich ihn nicht hätte lesen können.



    beeindruckte Grüße von Elbereth :wave

    “In my opinion, we don't devote nearly enough scientific research to finding a cure for jerks.”

    ― Bill Watterson