Michel Faber - Das karmesinrote Blütenblatt

  • Klappentext:


    London 1874. Das viktorianische Zeitalter steht in voller Blüte, als William Rackham, glückloser und zu Müßiggang neigender Erbe eines Parfümimperiums, auf Sugar trifft. Es ist eine Begegnung, die beider Leben ändern soll. Im Alter von nur 13 Jahren von ihrer Mutter zur Prostitution gezwungen, teilt Sugar das Schicksal der anderen Huren der Stadt. Und doch strahlt sie etwas aus, das sie über die anderen erhebt und ihr den Luxus erlaubt, mit nur einem Liebhaber am Tag ihr Auskommen zu finden. Auch William Rackham verfällt nicht nur ihren – wahrhaft meisterlichen – erotischen Künsten, sondern vor allem ihrer Fähigkeit, mit ihm über Literatur und die Empfindlichkeiten seiner Seele zu parlieren. Mit ihr wendet sich sein Schicksal, denn um sie erobern zu können, wird er schon bald zu einem der erfolgreichsten Unternehmer der Stadt. Und Sugar hat teil an seinem sozialen Aufstieg – bis sie erkennen muss, dass das bürgerliche Leben, in dessen Sog sie zunehmend gerät, ihr als Frau größere Fesseln anlegt, als sie es sich in ihrer früheren Existenz je hätte träumen lassen. Das karmesinrote Blütenblatt ist ein sinnlicher und zugleich höchst moderner Roman – vor allem aber eine unvergessliche Geschichte um die Hoffnungen und Täuschungen der Liebe.


    Meine Meinung:


    Einen Moment lang dachte ich, hier erträumt sich einer die perfekte Hure, die ihre Dienste jederzeit mit Freude verrichtet, aber dann wurde die Hure doch zu einer Frau aus Fleisch und Blut, einer Frau, die die Kunst beherrscht, negative Gedanken für den passenden Moment aufzusparen, und die obendrein eine grandiose Schauspielerin ist.


    Es ist eine von Männern und von einer merkwürdigen Doppelmoral beherrschte Welt, in der die Prostituierte Sugar versucht, den Makel ihrer Herkunft zu verwischen. Sie hat allen Grund, ihrerseits den Mann als solchen tief zu verachten und verabscheuen.


    Der Autor versteht es, mit den Gefühlen seiner Leser zu spielen, sie mal in Sicherheit zu wiegen, dann wieder in den Abgrund der Enttäuschung zu stürzen. Seine Geschichte ist frech, frivol, erotisch und sehr unterhaltsam. Sehr schade ist allerdings, dass nach mehr als tausend Buchseiten am Ende vieles offen bleibt. Man kann nun einwenden, die Geschichte von William und Sugar sei erzählt und das abrupte Ende daher gerechtfertigt, aber wenigstens einen Epilog hätte Michel Faber seinen Lesern gönnen können, um sie nicht über das Schicksal der wichtigsten Personen im Unklaren zu lassen.


    Nichts desto trotz ist dieser Roman ein Highlight in meinem Leseleben: Gut geschrieben, niveauvoll und spannend zeichnet Faber ein lebendiges Panorama der 1870er Jahre, der industriellen Revolution, der Klassenunterschiede, des damaligen Lebens der Londoner von bitterarm bis überaus reich und erzählt dabei eine mitreißende Geschichte, die sich so schnell nicht mehr abstreifen lässt.

  • Danke Waldfee :-]


    für die interessante Rezi, es steht bei mir zwar schon länger auf der Liste, aber ich habe es noch immer nicht gelesen. :wave

  • Ich fand das Buch toll, obwohl es im Präsenz geschrieben ist und der Erzähler sich öfters mal direkt an den Leser wendet, was ich eigentlich nicht mag. Am Anfang fand ich es etwas gewöhnungsbedürftig, aber irgendwann hatte ich mich eingelesen. Den Schluss fand ich klasse, er war zwar gemein, aber....


    [sp]...ich hatte tatsächlich gedacht, dass es ewig so weiter gehen würde und es war dann ziemlich gemein, dabei vom Autor ertappt zu werden. :lache[/sp]


    lg Iris

  • Und schwupps wandert es aus meinem RUB in den akuten Bücherstapel :-].


    Also ich finds ja immer wieder erschreckend wie schnell die Bücher als TB rauskommen, und man hat in der Zeit soviele andere Bücher gehabt, daß man bestimmte gar nicht lesen konnte :gruebel :-(.

    LG Katja :wave


    "Die reinste Form des Wahnsinns ist es ,
    alles beim alten zu lassen .
    Und gleichzeitig zu hoffen , das sich etwas ändert."-Albert Einstein ."


    :lesend "FÜNF "- Ursula Poznanski

  • Ich habe das vor längerem mal als ME Hardcover erworben, das wird einer SuB - Beschleunigungskur unterzogen- wenngleich ich noch nicht weiß ob das jetzt November 2007 oder 2008 heisst :grin

    Nemo tenetur :gruebel


    Ware Vreundschavt ißt, wen mahn di Schreipfelerdes andereen übersiet :grin


    :lesend Ungläubiges Staunen- Über das Christentum Navid Karmann :lesend

  • Zitat

    Original von Waldfee
    Tja, war das nun reine Bosheit, oder hatte er einfach keine Lust mehr, weitere 500 Seiten zu schreiben? :gruebel


    Ich fand das Ende genial. :-] Ich habe es zwar so nicht erwartet, aber Nachhinnein würde ich es gar nicht anders haben wollen.

  • Ich hätte wetten können schon mal in einen Fred zu diesem Buch reingeschrieben zu haben. :gruebel


    Mir gefiel das Buch sehr gut, weil die Stimmung herrlich rüber kam. Die Erzählperspektive war mal eine ganz andere. Man fühlte sich vom erzähler an die Hand genommen und gemeinsam guckte man in die Szenen hinein. Wunderschön!


    auch das ganze Flair in dieser Zeit und das Leben einer Hure fand ich beeindruckend.


    einziges Mangelpunkt: manche Stellen hätte man gut kürzen können. die waren stellenweise zu ausführlich und man neigte dann gelegentlich zum Querlesen.


    Aber alles in allem ein wundervolles Buch.

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    Grüßle, Heaven


    Auch aus Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, kann man Schönes bauen. (Goethe) ;-)

  • Heaven, das ging mir genauso. Allerdings, hihi, hast du dich in diesem Thread auch schon gewundert, dass du zu dem Thema schon mal was geschrieben hast.
    Voila:
    Das karmensinrote Blütenblatt von Michel Faber


    Trotzdem noch mal: prima Buch. Aber nachdem ich es gekauft hatte, konnte ich mich lange nicht mehr in meiner damaligen Lieblingsbuchhandlung blicken lassen, weil der Buchhändler, ein komischer Kauz, bei meinem Anblick stets mit den Armen wedelte und durch den ganzen Laden schrie: "Frau xy, Sie lesen doch gern erotische Literatur, da hätte ich wieder was für Sie". Uh, war das peinlich! :lache

  • Zitat

    Original von Heaven
    Ich hätte wetten können schon mal in einen Fred zu diesem Buch reingeschrieben zu haben. :gruebel


    :chen Das ging mir auch so, aber das war nur ein Thread im "Ich lese gerade"-Forum. Einen Rezensionsthread gab es noch nicht.


    Zitat

    Original von Rita
    Aber nachdem ich es gekauft hatte, konnte ich mich lange nicht mehr in meiner damaligen Lieblingsbuchhandlung blicken lassen, weil der Buchhändler, ein komischer Kauz, bei meinem Anblick stets mit den Armen wedelte und durch den ganzen Laden schrie: "Frau xy, Sie lesen doch gern erotische Literatur, da hätte ich wieder was für Sie".


    :rofl

  • Zitat

    Original von Rita
    Heaven, das ging mir genauso. Allerdings, hihi, hast du dich in diesem Thread auch schon gewundert, dass du zu dem Thema schon mal was geschrieben hast.
    Voila:
    Das karmensinrote Blütenblatt von Michel Faber


    :lache Das nennet man dann wohl Kurzheimer. :lache


    Tja, manche Bücher sollte man wohl nie in seinem Stammbuchladen kaufen, man kommt schnell in Verruf. :grin

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    Grüßle, Heaven


    Auch aus Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, kann man Schönes bauen. (Goethe) ;-)

  • Aus der Amazon.de-Redaktion
    Michael Faber ist ein Autor des Zwischenreichs. Einen Bahnhof in den schottischen Highlands hat er sich zur nebulösen Wirkstätte erkoren: Hier schaut er den Reisenden in ihren Zügen nach, und tröstet sein melancholisches Gemüt mit dem Gedanken, immer auch wegfahren und seine Ehefrau Eva verlassen zu können. Die Reisenden aber, die vom Zug in sein Fenster schauen, finden innen das totale Chaos vor.


    Chaotisch und dunkel muss es auch aussehen in Michael Fabers Seele, denn er hat ein Buch geschrieben, dass so schaurig-schön ist, dass es einem die Gänsehaut über den Rücken laufen lässt. Es handelt von Sugar, vornehm ausgedrückt: einer Prostituierten, die sich seit ihrem 13. Lebensjahr vor dem Sperma ihrer Freier ekelt. Dann lernt Sugar den ebenso wohlhabenden wie naiven Fabrikantensohn William Rackham kennen, der ihr ein Leben in Luxus bietet, wenn sie ihrem Hurendasein entsagen will und ganz für ihn dazusein verspricht. Sugar sagt zu, da sie die Chance ihres Lebens wittert, merkt aber bald, dass sie in diesem goldenen Käfig nicht glücklich werden kann.


    Drastisch schildert Faber das Leben Sugars im viktorianischen London, mit viel Sinn für opulente Beschreibungen und sozialkritische Details. Als neuen Dickens hat man ihn deshalb gefeiert, als das englische Original des Buches herauskam, was keinem der beiden Autoren gerecht werden kann. Denn Das karmesinrote Blütenblatt ist kein David Copperfield, sondern einfach nur ein dicker, spannender, schwelgerischer Schmöker aus dem dunklen doppelmoralischen englischen Zwischenreich. Und das ist mehr, als man von vielen anderen Romanen sagen kann. –Stefan Kellerer — Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundene Ausgabe .


    Kurzbeschreibung
    London 1874: William Rackham, glückloser und zu Müßiggang neigender Erbe eines Parfümimperiums, trifft auf Sugar, die das Schicksal der anderen Huren der Stadt teilt. Und doch strahlt sie etwas aus, das sie über die anderen erhebt und ihr den Luxus erlaubt, mit nur einem Liebhaber am Tag ihr Auskommen zu finden. Auch William Rackham verfällt ihren Künsten, so sehr,dass er Sugar fast zum Verhängnis wird.


    Ein erotischer Roman, der meisterhaft mit den Mitteln der erzählerischen Verführung spielt - vor allem aber eine unvergessliche Geschichte um die Hoffnungen und Täuschungen der Liebe.






    Zu allererst: Es ist kein erotischer Roman. Sicherlich ist der Sprache manchmal etwas drastisch, aber ich denke, da wird es wesentlich härteren Stoff geben wird. Die Sprache erinnert an die Sprache von Charles Dickens und seinen Zeitgenossen, passt sich also wunderbar der Zeit des vikorianischen Zeitalters an. Am Anfang kam es mir sehr schwülstig vor, da der Leser andauernd direkt angesprochen wird, aber das gibt sich oder man gewöhnt sich daran. Ich mag solch einen Schreibstil ohnehin sehr gerne.


    Die Figuren sind bis in kleinste Nebenrollen exellent beschrieben, lebendig, ich kam mir vor, wie in einem opulenten Kinofilm. Präzise werden die Lebensumstände der verschiedenen Schichten Londons beschrieben, von der kleinen Hure bis zum Großbürgertum. Auch der Aufstieg Sugars zur Mätresse eines Fabrikanten war glaubwürdig geschildert. Als sie in seinem Haus die Tagesbücher der Ehefrau in die Hände bekommt, werden deren Hintergründe ganz natürlich geschildert.


    Insgesamt ist das Buch eines der perfektesten Bücher - tja, wenn das Ende nicht wäre. Dieser Schluß - genauer gesagt: Der nicht vorhandene Schluß - ruiniert das Lesevergnügen noch nachträglich. Schade.


    # Broschiert: 1055 Seiten
    # Verlag: List Tb.; Auflage: 1 (November 2004)
    # Sprache: Deutsch
    # ISBN-10: 3548604781
    # ISBN-13: 978-3548604787
    # Größe und/oder Gewicht: 18,4 x 12,6 x 4,4 cm

  • Hallo allerseits,


    also bei mir ist es schon ein paar Jahre her, dass ich das Buch gelesen habe, und ich kann mich dem allgemeinen Lob nur anschließen. Ich war total begeistert, konnte es kaum weglegen. Als erotischen Roman im Sinne von Stimmungsmacher würde ich es nicht bezeichnen, eher als gesellschaftskritisch, denn Sugar hat ja nicht unbedingt viel Freude an ihrem Job, und die Sexszenen wirkten auf mich oftmals eher grotesk. Mit dem Ende hatte ich eigentlich kein so großes Problem. Man hat das Gefühl, die Heldin wird es schon schaffen, jetzt ihren eignen Weg zu gehen.


    Viele Grüße


    Tereza

  • Zitat

    Original von Nomadenseelchen
    Insgesamt ist das Buch eines der perfektesten Bücher - tja, wenn das Ende nicht wäre. Dieser Schluß - genauer gesagt: Der nicht vorhandene Schluß - ruiniert das Lesevergnügen noch nachträglich. Schade.


    Ja, genau. So war es leider.

  • Gestern habe ich mit Bedauern die letzte Seite gelesen und das Buch zugeklappt - ich hätte gerne mindestens nochmal so viele Seiten lang im Stil des Autors geschwelgt und Sugar auf ihrem weiteren Weg begleitet!


    Das einzige, was mich an diesem Buch etwas störte: der dargestellte Zeitgeist und auch das an Williams Frau Agnes gezeichnete Frauenbild schienen mir mehr in die Jahre zwischen ca. 1820 bis um 1860 gehören als zu den Jahren um 1875, in denen die Geschichte spielt, und jedesmal, wenn eine Jahresangabe kam, war ich irritiert, weil ich mich meinem subjektiven Empfinden nach in einem ganz anderen Abschnitt der Epoche befand.


    Dennoch: ein feines Buch, vor allem mit einer ganz wunderbaren Protagonistin, von der ich mich nur ungern verabschiedet habe. :anbet

  • Also vielleicht ist mein Leseniveau sehr weit unten oder ich kann einfach nichts mit diesem Buch anfangen weil der Schreibstil mich einfach nicht anspricht bzw. für mich nicht einfach zu lesen ist. Das HC lag jetzt schon seit Erscheinung auf meinem SUB und ich hatte mich voll gefreut, das Buch mal anzufangen zu lesen aber es liest sich leider nicht so flüssig und ich mache sehr viele Pausen und lege es wieder weg.
    Naja, ich versuch noch ein bisschen in die Geschichte reinzukommen.