Die Glocken von Vineta- Charlotte Lyne 12.12.2007 mit Begleitung der Autorin

  • Hallo Charlie!


    Habe beim Literaturreport die Version der Vineta-Saga gelesen und fand sie wunderschön.


    Daher möchte ich unbedingt auch noch was zur Forschungslage erfahren.


    Vielen Dank. :knuddel


    LG Märchenfee

  • Klasse, Maerchenfee - das ist dann mein Stichwort.
    Analog zum Literaturreport also zunaechst ein paar Worte zur Standortfrage.
    Sehr wichtig ist mir, darauf hinzuweisen: Ich bin - leider - kein Archaeologe, sondern lediglich ein leidenschaftlicher Laie. Daher entspringen Entscheidungen, die ich fuer meinen Roman getroffen habe, oft meiner persoenlichen Vorliebe.
    Ich bitte Euch, alles, was ich sage, zu hinterfragen, anzuzweifeln und, wenn Ihr Lust habt, zu pruefen. Ich wuerde mich sehr freuen, den einen oder anderen mit dem Vineta-Fieber anzustecken.
    Atlantis in der Ostsee!


    Das Wichtigste, das es meiner Ansicht nach ueber Vineta zu sagen gibt, ist: im Gegensatz zum Fall Atlantis herrscht bei Vineta heute eigentlich kein Zweifel mehr: die Quellenlage ist zwar duerftig, aber die Stadt ist immerhin haeufig und zuverlaessig genug erwaehnt worden, sodass die Archaeologie inzwischen davon ausgeht, dass diese Stadt tatsaechlich existiert hat.


    Eine wendische Hochkultur an der suedlichen Ostseekueste, die bis ins zwoelfte Jahrhundert hinein bestand.


    Ueber die Standortfrage herrscht Uneinigkeit.
    Neben zahlreichen weniger bekannten Meinungen gibt es drei Haupttheorien:
    a) Vineta lag auf Usedom
    b) Vineta lag im Gebiet des heutigen Wollin
    c) Vineta lag im Gebiet des heutigen Barther Bodden.


    Theorie a) moechte ich vernachlaessigen, ich denke, sie gilt mittlerweile als nahezu verworfen.

    Die Theorie b) wird federfuehrend vertreten von Professor Wladyslaw Filipowiak, dem wohl verdienstvollsten unter den Vineta-Forschern. Wer sich fuer die versunkene Wendenstadt interessiert, dem seien die Veroeffentlichungen dieses Wissenschaftlers (die leider nicht ganz leicht erhaeltlich sind) sehr ans Herz gelegt. Die Funde, die die dortigen Ausgrabungen zutage gebracht haben, sind hoechst beeindruckend - sie haben mich stark inspiriert. Mehrere Dinge, die ich dort sehen konnte, spielen in meinem Roman mit. Fest steht, dass eine ausgedehnte slawische Siedlung dort gestanden hat. Ob es sich aber tatsaechlich um Vineta handelt, bleibt fraglich.


    Ich habe mich - auch oder vor allem - aus praktischen Gruenden fuer die attraktive, mich ueberzeugende und relativ neue Theorie c) von Klaus Goldmann und Guenter Wermusch entschieden. Die beiden gehen davon auf, dass sich der Verlauf der Oder im Lauf der Jahrhunderte veraendert hat. Etymologische Untersuchungen lassen sie Vineta im Gebiet vor der Halbinsel Fischland-Darss-Zingst vermuten.
    Wen diese Theorie und eine uebersichtliche Zusammenstellung des Materials interessieren, dem empfehle ich das Buch von Goldmann und Wermusch: "Vineta".


    "Mein" Vineta liegt also im heutigen Vorpommern.
    Leider ein armes Bundesland, dass sich die - aufgrund der Beschaffenheit des Boddens - sehr aufwendigen Grabungen nicht leisten kann. Derzeit zumindest nicht.
    Aber die Stadt Barth hat sich den Namen "Vineta" patentieren lassen und wirbt eifrig. Wer Lust hat, surft einmal auf die Website der Stadt. Das Museum ist leider noch ein bisschen duerftig - aber es sollte wachsen.


    Allen Theorien ist die Ueberzeugung gemein: diese wendische Stadt war ausserordentlich erfolgreich - und ist in der Mitte des Zwoelften Jahrhunderts mehr oder weniger von der Bildflaeche verschwunden. Ob ursaechlich durch eine Naturkatastrophe/Sturmflut, durch menschliche Einwirkung oder schlicht durch Versinken in die Bedeutungslosigkeit (da andere Hafenstaedte Schiffe mit groesserem Tiefgang aufnehmen konnten zum Beispiel), ist dagegen umstritten.


    So viel erst einmal zu den Standorttheorien.
    Als naechstes sage ich - wenn es Euch Recht ist - dann noch ein bisschen was zu den Chronisten.
    Fragen beantworte ich - so ich kann - natuerlich sowieso gern.


    Vielen Dank fuer's Lesen.
    Alles Liebe von Charlie

  • Zitat

    Original von Charlie
    Ich wuerde mich sehr freuen, den einen oder anderen mit dem Vineta-Fieber anzustecken.


    Das ist Dir bei mir schon gelungen, liebe Charlie! ;-)


    Vielen Dank für Deine äußerst interessanten Ausführungen.


    Mir gefällt die Theorie c auch am besten.
    Und das Buch von Goldmann und Wermusch werde ich mir auch mit Sicherheit dazu bestellen.


    Jetzt bin ich wirklich so angesteckt, daß ich möglichst alles über Vineta erfahren möchte.


    LG Märchenfee

  • Herzlichen Dank, liebe Maerchenfee - damit habe ich dann also meine Rechtfertigung zum Weitermachen.


    Heute moechte ich gern noch die drei Erwaehnungen einstellen, die Vineta in zeitgenoessischen Chroniken findet. Es gibt geringfuegige weitere schriftliche Spuren - aber diese sind die aussagekraeftigsten. (Der Einfachheit halber zitiere ich alle drei nach Goldmann/Wermusch.)


    Der aelteste Chronist, der sich mit Vineta befasst ist Ibrahim ibn Jaqub al Israili at Turtuschi. Ueber ihn existieren keinerlei gesicherte Daten. Wir wissen lediglich, dass er in den Jahren 961 – 976 als Kaufmann und Botschafter des Kalifen Hakam II. von Cordoba Mitteleuropa bereiste. Über Vineta schreibt er in seiner Chronik:
    „Im Westen von dieser Stadt [der Amazonen] lebt ein slawischer Stamm, der das Volk Ubaba genannt wird. Er wohnt in sumpfigen Gegenden vom Lande des Mescheqqo (gemeint ist der polnische Herzog Mieszko I., der versuchte, sein Herrschaftsgebiet nach Westen auszudehnen) nach Nordwesten. Sie haben eine große Stadt [gemeint ist Vineta] am Weltmeer, die zwölf Tore und einen Hafen hat, und sie verwenden für ihn Reihen Klobenholz. Sie bekriegen den Mescheqqo, und ihre Streitkraft ist gewaltig. Sie haben keinen König und lassen sich von keinem einzelnen regieren, sondern die Machthaber unter ihnen sind ihre Ältesten. (…) Die Slawen bewohnen von den Ländern die ergiebigsten an Fruchtbarkeit und reichsten an Lebensmitteln. Sie befleißigen sich des Ackerbaus und des Unterhaltserwerbs und sind darin allen Völkern des Nordens überlegen. Ihre Waren gehen auf dem Lande und dem Meere zu den Rus und nach Konstantinopel.“

  • Dann sag' ich Dir hier vermutlich nur bereits Bekanntes - aber fuer die, die's noch nicht kennen:
    Der zweite Chronist - Adam von Bremen.


    Über Adam von Bremen ist immerhin bekannt, dass er aus dem Oberdeutschen stammte und Magister der Domschule von Bremen war. Zwischen 1072 und 1078 dürfte seine Gesta Hammaburgensis ecclesiae pontificum entstanden sein, die Bischofsgeschichte der Hamburger Kirche. Adam gilt als der erste Geograph Deutschlands. Über Vineta schreibt er:
    „Hinter den Liutizen, die auch Wilzen heißen, trifft man auf die Oder, den reichsten Strom des Slawenlandes. Wo sie an ihrer Mündung ins Skythenmeer fließt [wörtlich; „in cuius ostio, qua Scyticas alluit paludes“ = in jener Mündung, wo sie in die skythischen Sümpfe spült], bietet die sehr berühmte Stadt Jumne [= Vineta] für Barbaren [gemeint sind nichtchristliche Völker] und Griechen [gemeint sind Angehörige der griechischen Kirche] im weiten Umkreise einen vielbesuchten Treffpunkt. Weil man sich zum Lob dieser Stadt allerlei Ungewöhnliches und kaum Glaubhaftes erzählt, halte ich es für wünschenswert, einige bemerkenswerte Nachrichten einzuschalten. Es ist wirklich die größte von allen Städten, die Europa birgt; in ihr wohnen Slawen mit anderen Stämmen, Griechen und Barbaren. Auch die Fremden aus Sachsen haben gleiches Niederlassungsrecht erhalten, wenn sie auch während ihres Aufenthalts ihr Christentum nicht öffentlich bekennen dürfen. Denn noch sind alle in heidnischem Irrglauben befangen. Abgesehen davon wird man allerdings kaum ein Volk finden, das in Lebensart und Gastfreiheit ehrenhafter und freundlicher ist. Die Stadt ist angefüllt mit Waren aller Völker des Nordens, nichts Begehrenswertes oder Seltenes fehlt. Hier steht ein Vulkanstopf [vermutlich Leuchtfeuer], die Einwohner sprechen von griechischem Feuer [dito], auch Solinus [lateinischer Grammatiker vermutlich des 3. Jahrhunderts, Verfasser einer „Sammlung wissenswerter Dinge“] gedenkt seiner. Hier zeigt sich Neptun in dreifacher Art, denn die Insel wird von drei Meeren bespült. Eins davon soll von tiefgrünem Aussehen sein, das zweite weißlich, das dritte wogt ununterbrochen wild bewegt von Stürmen. Von dieser Stadt aus setzt man in kurzer Ruderfahrt nach der Stadt Demmin in der Peenemündung über, wo die Ranen wohnen. Von dort kommt man nach Samland, das sich im Besitz der Pruzzen befindet. Die Reiseroute ist so beschaffen, dass man von Hamburg und der Elbe aus über Land in sieben Tagen die Stadt Jumne erreichen kann. Für die Seereise muss man in Schleswig oder Oldenburg zu Schiff gehen, um nach Jumne zu gelangen. Von dieser Stadt aus kommt man in vierzehn Tagen Segelfahrt nach Nowgorod in Russland.“

  • Und hier der letzte:


    Den letzten Hinweis zu Jumne/Vineta finden wir in deutschen Quellen in der Slawenchronik des Helmold von Bosau. Auch über ihn ist wenig bekannt. 1156 wurde er zum Pfarrer der Gemeinde Bosau berufen. Über Vineta schreibt er in der Chronik, die etwa zwischen 1163 und 1177 entstand:
    „Wo nun Polen endet, gelangt man zu den sehr ausgedehnten Landen der einst Wandalen, jetzt aber Wenden oder Winuler genannten Slawen. Als erste kommen die Pommern, deren Gebiet sich bis zur Oder erstreckt. Dieser wasserreichste Strom des Slawenlandes entspringt im tiefsten Bergwald der Mährer, die östlich von Böhmen wohnen, wo auch die Elbe ihren Lauf beginnt. Anfangs fließen sie nicht weit voneinander entfernt, doch dann nehmen sie verschiedene Richtung. Die Elbe strömt nach Westen und bespült mit dem Oberlauf [das Gebiet] der Böhmen und Sorben, trennt durch den Mittellauf die Slawen von den Sachsen und durch das Ende ihrer Bahn den Hamburger Kirchensprengel vom Bremer, bis sie ihr Ziel erreicht und in den britannischen Ozean mündet. Der andere Fluss, die Oder, verläuft nordwärts mitten durch die Stämme der Wenden, indem er die Pommern von den Wilzen scheidet. An seiner Mündung in das Baltische Meer lag einst die sehr angesehene Stadt Vineta, welche den rings wohnenden Barbaren und Griechen einen weit berühmten Stützpunkt bot. Weil zum Lob dieser Stadt viele oft kaum glaubliche Geschichten umgehen [man vergleiche hier mit Adam von Bremen], sei es erlaubt, an einiges Erwähnenswerte zu erinnern. Unter allen Städten, die Europa umfasst, war sie gewiss die größte, von Slawen mit anderen Griechen – und Barbarenvölkern bewohnte. Ja, auch zureisende Sachsen erhielten die gleiche Erlaubnis zum Aufenthalt, wenn sie nur, solange sie blieben, nicht öffentlich als Christen auftraten. Bis zum Untergang dieser Stadt wären nämlich alle [Einwohner] von heidnischen Bräuchen irregeleitet, sonst aber konnte man an Sitten und Gastlichkeit keine anständigeren und mildherzigeren Leute finden. Reich an Waren aller Länder, besaß jene Stadt alle Annehmlichkeiten und Vorzüge. Ein König der Dänen soll diesen höchst wohlhabenden Platz mit einer sehr großen Flotte angegriffen und völlig zerstört haben. Die Überreste sind noch jetzt vorhanden. Das Meer sieht man in dreifacher Gestalt, drei Sunde bespülen nämlich jene Insel, deren einer ein ganz grünes, der zweite weißliches Aussehen haben soll, während der dritte in fürchterlicher Bewegung durch dauernde Stürme wütet.“


    Noch einmal moecht' ich daraus hinweisen, dass ich das fuer die, die Spass dran haben, eingestellt hab' und keineswegs erwarte, dass alle das lesen. Wenn man den Roman ohne dies nicht verstehen kann, darf der schlampige Autor beschimpft werden.


    Alles Liebe von Charlie


    P.S.: Wollt Ihr noch eine Version der Sage? Oder reicht's Euch jetzt?

  • Hallo Charlie,


    herzlichen Dank für die ausführlichen Hintergrundinformationen.


    Da Du Dich ja intensiv mit Vineta auseinandergesetzt hast, eine Frage:


    Mein erster Kontakt mit Vineta und Rungholt waren Geschichten/Gedichte ?? in den "Deutschen Lesebüchern" meiner Mutter Mitte/Ende der 30er Jahre (die ich leider nicht mehr habe)


    Daraus spukt mir, seit ich das erste Mal über Dein Buchgestolpert bin, eine Erinnerung an eine untergegangene Stadt/Dorf herum. In bestimmten Nächten hört man aber die Glocken dieser untergegangen Stadt/Dorf als Hilferufe und/oder Warnung.


    Gehört das zur Vineta- oder zur Rungholt-Sage ??


    LG Dyke, der krampfhaft überlegt, in welchem Karton im Keller das Buch "LANGE, Ingrid und P. Werner: Vineta - Atlantis des Nordens" sich verkrochen hat.

    "Sie lesen?"
    "Seit der Grundschule, aber nur, wenn's keiner sieht."


    Geoffrey Wigham in "London Calling" von Finn Tomson

  • Wunderbar, ein mit Vineta Aufgewachsener!


    Meinst Du vielleicht dies hier?


    Aus des Meeres tiefem, tiefem Grunde
    klingen Abendglocken, dumpf und matt.
    Uns zu geben wunderbare Kunde
    von der schönen, alten Wunderstadt.


    In der Fluten Schoß hinabgesunken,
    blieben unten ihre Trümmer stehn.
    Ihre Zinnen lassen goldne Funken
    widerscheinend auf dem Spiegel sehn.


    Und der Schiffer, der den Zauberschimmer
    einmal sah im hellen Abendrot,
    nach der selben Stelle schifft er immer,
    ob auch ringsumher die Klippe droht.


    Aus des Herzens tiefem, tiefem Grunde
    kling es mir wie Glocken, dumpf und matt.
    Ach, sie geben wunderbare Kunde
    von der Liebe, die geliebt es hat.


    Eine schöne Welt ist da versunken,
    ihre Trümmer blieben unten stehn,
    lassen sich als goldne Himmelsfunken
    oft im Spiegel meiner Träume sehn.


    Und dann möcht ich tauchen in die Tiefen,
    mich versenken in den Wiederschein,
    und mir ist, als ob mich Engel riefen
    in die alte Wunderstadt herein.


    Wilhelm Mueller


    Auf alle Faelle gehoeren die von Dir genannten Motive in die Vineta-Sage.


    Alles Liebe von Charlie

  • Das Buch der Werners habe ich auch sehr gemocht - wenngleich sich die Werners - wohl begruendet - fuer Professor Filipowiaks Wollin als Standort entscheiden.


    Soll ich die Sage noch einstellen - die mit den Glocken?


    Alles Liebe von Charlie

  • Ich hab gerade mein bestelltes Exemplar aus der Buchhandlung meines Vertrauens abgeholt. "Das sieht ja aus wie ein richtiger Schmöker" meinte die Verkäuferin. Ich habe sie dann aufgeklärt, daß dieses Buch in zwei Internetforen gelesen wird und sie meinte, sie wolle für den Laden gleich mal zwei nachbestellen. Falls also jetzt der Verkauf in einer kleinen Vorstadtbuchhandlung in Essen nicht sprunghaft ansteigen sollte, dann weiß ich auch nicht, ich habe mein Bestes gegeben. :-]
    Ich bin ja nur froh, daß das Buch nicht eines von diesen "Die ...in" ist, schließlich habe ich hier einen Ruf zu verlieren :grin

  • Ich habe das Buch heute auch gekauft. In einer Buchhandlung in Karlsruhe stehen richtig viele Exemplare rum, bestellen war nicht notwendig :-). Das Format finde ich übrigens etwas seltsam, ist das ein neues Taschenbuchformat? Es ist etwas breiter und höher als "normale" Taschenbücher. Aber noch im Rahmen, also gut in der Hand haltbar und hoffentlich auch im Bett lesbar, ohne dass mir gleich die Hand abbricht. :grin

  • Das finde ich aber enorm nett von Euch, dass ihr fuer mein Buch Werbung lauft. Ich sitz' ja hier maechtig weit vom Schuss und habe somit gebundene Haende.
    Danke!
    Sabine, dass Du Elemente der Quellen im Buch wiederfindest, freut mich besonders. Die duerre Quellenlage hat mich zunaechst ziemlich schockiert (und zwei Jahre lang abgehalten, das Thema anzugreifen), weil ich ja kein so besonders phantasiebegabter Mensch bin. Schliesslich hab ich mir dann gedacht: die wenigen Quellen schoepf' ich wenigstens nach Kraeften aus.
    Dass man das merkt, macht mich froh.


    Die Sage stell ich ein, wenn ich vom Treffen mit Nachtgedanken komm'.


    Euch allen einen schoenen Tag - meiner hat schoen angefangen, weil meine Twelfthnight bei Amazon vorbestellbar ist.


    Alles Liebe von Charlie

  • Bin wieder da, und Eure Buecher sind weg!
    Herzliche Gruesse von Nachtgedanken.


    So, jetzt haeng' ich also noch meine Sage hier rein, moechte vorab aber noch einmal betonen: Bitte fuehlt Euch nicht allzusehr von mir zugesabbelt. Ich kann mir vorstellen, dass der eine oder andere mit diesen Texten Spass hat - und vielleicht besser verstehen kann, warum man ueber das Thema einen Roman schreiben moechte. Ich kann mir aber ebensogut vorstellen, dass viele keine Lust haben, sich durch endlose "Briefings" zu quaelen, um zu ihrem Vergnuegen einen Roman zu lesen. Beides finde ich voellig richtig. Es soll sich also bitte niemand zum Lesen verpflichtet fuehlen.


    Danke!
    Alles Liebe von Charlie.


    Im folgenden zitiere ich die vermutlich bekannteste der Sagenversionen um Vineta nach:
    Albert Burkhardt: "Vineta - Sagen und Maerchen vom Ostseestrand"


    Vineta, die Stadt auf dem Meeresgrund


    An einem Ostermorgen hütete ein Schäferjunge seine Herde nahe dem Strande von Koserow, und wie er so über die weite See blickte, die, in der Sonne schimmernd, ruhig dalag, stieg mit einem Male eine alte, ehrwürdige Stadt aus dem Wasser empor. Gerade vor ihm tat sich das hohe, reich verzierte Tor in der Mauer auf. Erstaunt und wie von einem Trugbild geblendet saß er da. Dann aber sprang er auf und lief neugierig hinein.
    Die Wächter, bärtige Männer mit Spießen und Hellebarden, ließen ihn ungehindert hindurch, und gleich sah er sich mitten unter Menschen, die sonderbar altertümlich, aber prächtig gekleidet waren. Die Männer trugen lange pelzbesetzte Mäntel und federgeschmückte Barette. Die Frauen gingen kostbar in Samt und Seide gekleidet, und vom Hals hingen ihnen schwere, mit Edelsteinen eingelegte Goldketten herab. Von den Häusern war eins immer prunkvoller gebaut als das andere, mit Fenstern aus buntem Glas, mit Säulen von weißem Marmor und Alabaster, mit reich verzierten Giebeln, und die vergoldeten Fenster ihrer Fassaden tauchten die Straßen in hellen Glanz und Schein.
    Eilig lief der Junge auf und ab, ihm wurde unheimlich zumute, denn alles in dieser seltsamen Stadt geschah ohne den geringsten Laut. Stumm bewegten sich die Menschen auf den Straßen, stumm drängten sie sich um die Tische auf dem Markt, wo Kaufleute ihre Waren ausbreiteten und stumm ihre Stoffballen entrollten: schimmernden Samt, glänzenden Brokat, leuchtende Seiden, hauchdünne Spitzen, dazu weiche Decken und schwere Teppiche. Vor Staunen blieb der Junge stehen. Da winkte ihm einer der Kaufleute zu, und als er weiterlaufen wollte, winkte er wieder und lachte freundlich, breitete dabei den herrlichen Stoff aus und bot ihn dem Jungen an, doch der schüttelte den Kopf. Woher sollte er, ein armer Schäferjunge, denn Geld haben, um etwas zu kaufen? Jetzt aber begannen auch die anderen Kaufleute ihm zuzuwinken, ihre schönsten Sachen holten sie hervor, um sie ihm anzubieten. Was sollte er tun?


    Fortzetzung folgt

  • Seine beiden leeren Hände streckte er ihnen hin, nun mussten sie doch verstehen, dass er nichts hatte. Der Kaufmann zeigte ihm ein kleines Geldstück und wies auf seinen ganzen Tisch voll Ware, und der Junge suchte in den Taschen seines alten Anzugs, allein, er wusste, dass er nicht einen Pfennig besaß. Traurig und enttäuscht sahen alle ihn an.
    Da lief er eilig durch die Straßen und durch das hohe Tor zurück zum Strande und zu seinen Schafen, und als er sich umwandte, schimmerte vor ihm in der Sonne nur wieder die See, und nichts war mehr zu sehen von der schönen alten Stadt, von Pracht und Glanz. Lautlos, wie sie emporgestiegen, war sie wieder in den Fluten versunken.
    Betrübt und nachdenklich saß der Junge noch am Strand, als ein alter Fischer vorbeikam, sich zu ihm setzte und ihn ansprach: „Höre, wenn du ein Sonntagskind bist, so kannst du heute, am Ostermorgen, die Stadt Vineta aus dem Meer steigen sehen, die hier vor vielen, vielen Jahren untergegangen ist.“
    „Oh, ich hab sie gesehen!“ rief der Junge und berichtete dem alten Mann, was er erlebt hatte und dass die Stadt dann gleich wieder verschwunden war.
    Der Fischer nickte bedächtig und begann nun zu erzählen, was ihm von Vineta bekannt geworden war: „Siehst du, hättest du auch nur einen Pfennig gehabt, so wäre Vineta erlöst und die ganze Stadt mit allem, was darinnen ist, an der Oberfläche geblieben.
    Diese Stadt Vineta ist einst größer gewesen als irgendeine andere Stadt in Europa, größer selbst als die gewiss sehr große und sehr schöne Stadt Konstantinopel, und ihre Bewohner waren über alle Maßen reich, da sie mit allen Völkern der Erde Handel trieben und ihre Schiffe aus allen Teilen der Welt die schönsten und kostbarsten Waren brachten. Ihre Stadttore waren aus Erz und die Glocken aus Silber, welches überhaupt für so gewöhnlich galt, dass man die einfachsten Dinge daraus herstellte und die Kinder auf der Straße sogar mit Silbertalern Klingpenning spielten.


    Und noch eine Fortsetzung folgt.

  • Je mehr Reichtum in Vineta Einzug hielt, desto mehr verfielen die Bewohner aber auch dem Hochmut und der Verschwendung. Bei den Mahlzeiten aßen sie nur die auserlesensten Speisen, und Wein tranken sie aus Bechern von purem Silber oder Gold. Ebenso beschlugen sie die Hufe ihrer Pferde nur mit Silber oder Gold anstatt mit Eisen und ließen selbst die Schweine aus goldenen Trögen fressen. Löcher in den Häuserwänden verstopften sie mit Brot und Semmeln.
    Drei Monate, drei Wochen und drei Tage vor dem Untergang der Stadt erschien sie über dem Meer mit allen Häusern, Türmen und Mauern als ein deutliches, farbiges Luftgebilde. Darauf rieten alte, erfahrene Einwohner allen Leuten, die Stadt zu verlassen, denn sehe man Städte, Schiffe oder Menschen doppelte, so bedeute das immer deren sicheren Untergang. Aber man gab nichts auf diese Warnungen und verlachte sie nur. Einige Wochen danach tauchte eine Wasserfrau dicht vor der Stadt aus dem Meer und rief dreimal mit hoher, schauerlicher Stimme, dass es laut in den Straßen widerhallte:
    „Vineta, Vineta, du rieke Stadt,
    Vineta soll untergahn,
    Wieldess se het väl Böses dahn!“
    Auch darum kümmerte sich keiner, alle lebten weiter in Saus und Braus, bis sie das Strafgericht ereilte. In einer stürmischen Novembernacht brach eine furchtbare Sturmflut über die Stadt herein. Im Nu durcheilte der riesige Wogenschwall die Straßen und Gassen, und das Wasser stieg und stieg, bis es alle Häuser und Menschen unter sich begrub.
    Dass man Vineta erlösen kann, wenn es alle hundert Jahre am Ostermorgen auftaucht aus dem Meer, hast du ja schon erfahren und erlebt, wenn es dir auch nicht glückte. Wisse nun noch, dass die silbernen Glocken der versunkenen Stadt am Johannistag in der Mittagsstunde aus der Tiefe heraufklingen, dass aber jeder, der ihren dumpfen traurigen Tönen lauscht, eilends davongehen muss, er wird sonst unwiderstehlich angelockt von ihrem Klang und folgt ihm nach, bis er selbst drunten ruht.“

  • You made my day,


    das ist in etwa die Sagea die ich, lang ist's her, gelesen habe und ich meine Erinnerung zu Rungholt hat sich, dank wikipedia, geklärt.


    Detlev Freiherr von Liliencron: Trutz, blanke Hans


    Beides hat sich bei meinen Erinnerungen vermischt.


    Jetzt kann's mit klarem Kopf auf nach Vineta gehen.


    LG Dyke

    "Sie lesen?"
    "Seit der Grundschule, aber nur, wenn's keiner sieht."


    Geoffrey Wigham in "London Calling" von Finn Tomson