'Krieg und Frieden' - Band 4, Teil 1 - Kapitel 01 - 16

  • Ich weiß, daß ich in ein paar Abschnitten zuvor noch nichts geschrieben habe, das hole ich noch nach. Aber das hier muß ich mir einfach "von der Seele schreiben":


    Fürst Andrej! :cry :cry :cry


    So sehr ich zu Beginn des Buches manche Unzufriedenheit geäußert habe, mit diesem letzten Kapitel dieses Abschnitts hat mich Tolstoi endgültig von sich überzeugt. Stifters Deutsch war und bleibt bisher das beste Deutsch, das ich je gelesen habe. Scholochow meisterte im „Stillen Don“ eine Sprachgewalt, wie ich sie bisher nirgends - auch hier nicht - mehr gefunden habe. Aber auf auf seine eigene Weise ist Leo N. Tolstoi genial und absolut bewunderungswürdig. In meiner Jugend habe ich in Hemingways „Wem die Stunde schlägt“ eine Beschreibung des Geruchs des Todes gelesen, die ich ob der verflossenen Jahre zwar nicht mehr im Kopf habe, aber deren Wirkung heute noch spürbar ist. Aber nie zuvor habe ich den Tod eines Menschen dermaßen würdevoll, gleichzeitig aber anschaulich ge- und beschrieben vorgefunden wie hier. Der Sterbende und seine Gedankenwelt, seine Erlebnisse, seine Mitmenschen, die Stimmung, die emotionale Gewalt der Situation für den "Betroffenen" wie die Umwelt - absolut großartig und genial. :anbet :anbet :anbet


    Aber Fürst Andrej! :cry :cry :cry

    Unter den Büchern finden wir wieder, was uns in der Fremde entschwand, Frieden im Innern und Frieden mit unserer Umgebung.
    (Gustav Freytag, 1816 - 1895)

  • Kap. 1 – 8


    In St. Petersburg ist von Krieg nicht viel zu spüren. Ich habe mal nachgeschaut. Moskau ist Luftlinie über 600 km entfernt. Damals sicher eine Weltreise.


    Dass Helene stirbt, damit hätte ich nie gerechnet! Ich war fest überzeugt, dass sie die Ehescheidung oder Anullierung durchsetzt. Zuerst stirbt Lisa, so dass Andrej aus seiner unglücklichen Ehe herauskommt, und jetzt befreit Helenes Tod Pierre. Nein! Das wollte ich so nicht! Es soll nicht so viel gestorben werden!


    Aber womöglich konnte Tolstoi seinen Lesern keine weitere Ehe Pierres zumuten, wenn er ja quasi noch verheiratet ist. Entsprechend wurde ja auch Napoleons Scheidung nicht akzeptiert. Und dass Pierre noch mal heiratet, wollen wir doch hoffen. Ich hätte da schon einen Vorschlag. :lache

    Helene ist an der Bräune gestorben? So heißt es in meiner Ausgabe. Mit Angina kann ich eher was anfangen.


    Zumindest ist Pierre wieder frei. Ob der Besitz, den er Helene überschrieben hat, wieder an ihn zurück fällt? Ich denke, das ist Pierre, wenn er einigermaßen heil aus dem Krieg herauskommt, ziemlich egal.


    Zwischen Nikolai und Marja hat er ordentlich gefunkt. Marja hat eine ganz andere Ausstrahlung
    als früher. Ich finde es sehr schön beschrieben, wie Nikolai sein Empfinden für Marja mit dem für seine früheren Liebschaften vergleicht, wie er früher sehr konkrete Vorstellungen von seinem Eheleben hatte.


    Zitat


    ... aber ein künftiges Zusammenleben mit Prinzessin Marja vermochte er sich nicht vorzustellen, weil er sie nicht verstand, sondern sie nur liebte.

    Ich habe schon früher mal gehört, dass in orthodoxen Kirchen eine Heirat zwischen Verschwägerten nicht erlaubt ist oder war. Ich bin aber ganz überrascht, als ich gerade gelesen habe, dass es in der katholischen Kirche auch so ist. Was hat das für einen Grund?


    Also hofft Sonja darauf, dass Andrej überlebt. So fällt es ihr leichter, Nikolai frei zu geben, vermutlich in der Hoffnung, dass er sich später doch wieder für sie entscheidet.

  • Mit dem 3. Kapitel streut Tolstoi eine Szene ein, die völlig unabhängig von der restlichen Handlung dasteht. Das Getue und Geschwätz des Zaren! Glaubt der das selbst oder ist das reine Schauspielerei, noch dazu eine schlechte? Vermutlich gab es derartige Szenen tatsächlich oder sie wurden zumindest so erzählt. Und Tolstoi hat sich darüber lustig gemacht.

    Im 4. Kapitel schreibt Tolstoi, dass die Reden über Russlands Lage das Gepräge von Lüge und Heuchelei hatten.


    Er geht so weit zu behaupten, dass das Verbot, vom Baum der Erkenntniszu essen, in weltgeschichtlichen Ereignissen sinnvoll ist, da diejenigen, die bewusst an der Situation teilnehmen, nur Sinnloses und Unnützes beitragen.

    Zitat

    Nur die unbewußte Tätigkeit bringt Früchte, und diejenigen Menschen, die bei einem historischen Ereignis eine Rolle spielen, verstehen niemals dessen Bedeutung. Wenn sie sie zu begreifen versuchen, wird ihre Tätigkeit unfruchtbar.


    Ich sehe das zwar nicht ganz so, aber es passt zu Tolstois bisherigen Aussagen, dass der Mensch nur Werkzeug und nicht Macher der Geschichte ist.

  • Folgendes verstehe ich nicht:

    Im 8. Kapitel sagt Natascha zu Sonja bezüglich Andrej:

    Zitat

    Wenn er nur am Leben bliebe! Aber er kann nicht am Leben bleiben ... weil ... weil ...« Natascha brach in Tränen aus.

    Und später am Ende des 14. Kapitel sagt Natascha ähnlich:

    Zitat

    Ach Marie, er ist zu gut, er kann nicht, kann nicht leben, weil ...

    Was meint sie damit?

  • Pierre wird verhaftet. Dieses 9. Kapitel wirkt auf mich sehr distanziert. Als Leser erfährt man nichts über seine Gefühle in dieser Extremsituation. Vielleicht weil er überhaupt keine hatte, irgendwie seelisch betäubt war? Erst als er mit Davout zusammentrifft, kommt er sozusagen wieder zu Bewusstsein. Auch hier taucht wieder „der Gang der Dinge“ auf.

    Aber seltsamerweise macht er sich keine Gedanken darüber, ob er sterben wird, sondern wer dafür verantwortlich ist.

    Nach der Erschießung ist Pierre traumatisiert, aber die Bekanntschaft mit Platon bringt ihm das Leben zurück. Was für ein toller Mensch!

  • Folgendes verstehe ich nicht:

    Im 8. Kapitel sagt Natascha zu Sonja bezüglich Andrej:

    Ich habe die Stelle nachgelesen, kann Dir aber auch nicht weiter helfen. Das war eine der Stellen, die auch mir unverständlich blieben. Ich hatte bisweilen das Gefühl, daß Tolstoi und die Gedankengänge seiner Figuren vorenthält (hier zum Beispiel), weswegen sie für uns nicht nachvollziehbar sind.

    Nach der Erschießung istPierre traumatisiert, aber die Bekanntschaft mit Platon bringt ihmdas Leben zurück. Was für ein toller Mensch!

    Ich bin nicht sicher, ob sich das "toller Mensch" auf Platon oder Pierre bezieht. Pierre mochte ich zu Beginn recht wenig bzw. er war mir egal. Er ist aber die Figur, die sich - für mich - im Verlauf des Buches am meisten und weitesten entwickelt hat. Und die mir darob dann doch noch ans Herz gewachsen ist.

    Unter den Büchern finden wir wieder, was uns in der Fremde entschwand, Frieden im Innern und Frieden mit unserer Umgebung.
    (Gustav Freytag, 1816 - 1895)

  • Zitat “Ach Marie, er ist zu gut, er kann nicht, kann nicht leben, weil ...

    Was meint sie damit?“


    Am Handy klappt das Zitieren nicht gut. :(

    Hatte Tolstoj das nicht aufgelöst? Er erklärt das doch mit Andrejs bedrückter Stimmung und das er seelisch schon gestorben ist und nur noch körperlich anwesend ist.

  • “In St. Petersburg ist von Krieg nicht viel zu spüren. Ich habe mal nachgeschaut. Moskau ist Luftlinie über 600 km entfernt. Damals sicher eine Weltreise.“


    Heutzutage fährt ein deutscher ICE auf der Strecke und benötigt ca. 3,5 Stunden dafür. Ich bin 2012 diesen Weg mal gefahren.


    Aber nicht nur in St. Petersburg ist vom Krieg nichts zu spüren. Auch in dem Ort, wo Nikolai die Pferde kauft, werden weiterhin amüsante Bälle gefeit.

  • “Bräune“ heißt es auch in meiner Übersetzung. Ich hatte bei diesen ganzen Andeutungen und komischen Umschreibungen auch an einen Schwangerschaftsabbruch gedacht, an dem Helene gestorben ist. Dies würde zumindest zu ihr und ihren vielen Hausfreunden und Verehrern passen.

  • “Ich habe schon früher mal gehört, dass in orthodoxen Kirchen eine Heirat zwischen Verschwägerten nicht erlaubt ist oder war. Ich bin aber ganz überrascht, als ich gerade gelesen habe, dass es in der katholischen Kirche auch so ist. Was hat das für einen Grund?“


    Das würde mich auch interessieren. Ich recherchiere morgen mal. Ich war ebenso überrascht, dass Nikolai dann als verwandt gelten würde.

  • Zitat “Ach Marie, er ist zu gut, er kann nicht, kann nicht leben, weil ...

    Was meint sie damit?“


    Am Handy klappt das Zitieren nicht gut. :(

    Hatte Tolstoj das nicht aufgelöst? Er erklärt das doch mit Andrejs bedrückter Stimmung und das er seelisch schon gestorben ist und nur noch körperlich anwesend ist.

    Aber warum ist er seelisch schon gestorben? Resignation?

    Ich hatte erwartet, dass bei Andrej der Lebenswille immens größer wird, nachdem er Natascha wieder getroffen hat. Man sagt ja immer, dass das große Auswirkung auf die Gesundung haben kann.


    Vielleicht ist es aber auch so, wenn der Körper unrettbar verloren ist, dass die Seele das vor dem Verstand registriert und sich anfängt zurückzuziehen.

  • “Bräune“ heißt es auch in meiner Übersetzung. Ich hatte bei diesen ganzen Andeutungen und komischen Umschreibungen auch an einen Schwangerschaftsabbruch gedacht, an dem Helene gestorben ist. Dies würde zumindest zu ihr und ihren vielen Hausfreunden und Verehrern passen.

    Mein Gott, ja! xexos, du bist genial! Das könnte sein.

    Ich habe das gerade nochmal nachgelesen. Ich erinnere mich, dass ich damals bei Lesen sehr verwirrt war wegen der Andeutungen.

    Ich dachte ja spontan eher an Gelbsucht.

    Ich erinnere mich auch an einen Satz Helenes zu Beginn ihrer Ehe, dass sie keine Kinder mit Pierre haben wird. Verhütungsmethoden gibt es ja schon sehr lange.

  • Aber warum ist er seelisch schon gestorben? Resignation?

    Er spürte den Tod. Zwei Tage vorher hatte er doch den Traum, dass der Tod erschien und er vor ihm nicht die Tür verschließen kann. Er wusste, dass er diesen Kampf verlieren wird und bekam dadurch einen anderen Blick auf die weltlichen Probleme. Er wusste, dass Natascha und Marja dies nicht verstehen können und sprach daher nicht darüber, sondern zog sich in sein Inneres zurück.


    Kapitel 16:

    "Je mehr er in jenen Stunden leidvoller Einsamkeit und teilweisen Irreredens, die er nach seiner Verwundung durchlebte, sich in das neue Element der ewigen Liebe hineindachte, das sich ihm erschlossen hatte, um so mehr entfremdete er sich, ohne es selbst zu merken, dem irdischen Leben. Alles und alle lieben, stets sich selbst um der Liebe willen zum Opfer bringen, das hieß niemanden lieben, das hieß an diesem irdischen Leben nicht teilhaben. Und je mehr er sich von diesem Element der Liebe durchdringen ließ, um so mehr wandte er sich vom Leben ab und um so vollständiger zerstörte er jene furchtbare Schranke, die, wenn jene Liebe nicht vorhanden ist, zwischen dem Leben und dem Tod steht."