"Das Geheimnis der Eulerschen Formel" von Yoko Ogawa

  • Nettes Buch - aber leider nicht mehr...


    ***


    Es ist immer eine schwierige Frage, wem man es anlasten soll, wenn man von einem Buch enttäuscht ist. Den eigenen Erwartungen? Der Werbung? Dem Klappentext? Oder dem Autor selber? Bei diesem Buch ist es für mich eine Mischung aus alledem.


    Vorab möchte ich aber betonen, dass ich das Buch keineswegs "verreissen" möchte. Zudem kenne ich die Autorin sonst nicht weiter, und kann nicht beurteilen, inwiefern sich das Buch in ihr Gesamtwerk einfügt. Sie scheint ja, zumindest in Japan, schon einen gewissen Ruf zu genießen.


    Das Buch würde ich insgesamt als "nett" im weitesten Sinne bezeichnen. Eine alleinerziehende Haushälterin wird bei einem kuriosen Mathematik-Professor angestellt, der seit einem Unfall an Gedächtnisverlust leidet, und auch sonst recht merkwürdig ist. Er strahlt aber eine Begeisterung für die Mathematik aus - und außerdem liebt er Kinder. So entwickelt sich über die Zeit hinweg eine gewisse Freundschaft zwischen allen Beteiligten, besonders zwischen dem Professor und dem Sohn der Haushälterin. Die Freundschaft hält bis zum Tod des Professors und darüber hinaus an. Der kleine Junge wird sogar selbst Mathematiklehrer.


    Das hört sich, zugegeben, nicht schlecht an. Aber es weicht für mich doch von dem ab, was ich laut Klappentext und Werbung erwartet hatte. Es gibt keine Liebesgeschichte, wie ich zuerst vermutet hatte. Auch sonst keine große Dramatik. Das mag auch am leicht unterkühlt-sachlichen Erzählstil liegen - das Buch wird von der Haushälterin im Rückblick, in der Ich-Perspektive, erzählt.


    Auch die ganze Problematik rund um den Gedächtnisverlust erfährt sehr viel weniger Aufmerksamkeit, als ich das erwartet hätte. Ich bin selber beruflich in einem Umfeld tätig, wo ich mit psychisch veränderten Menschen zu tun habe. Und da kann ich nur sagen, diese Aspekte sind mir nicht genügend ausgearbeitet. Sicher muss man als Autor auf einem solchen Gebiet kein Fachmann sein. Dennoch stören mich hier gewisse logische Stolpersteine.


    Wie allerdings die Mathematik in die Handlung einbezogen wird, ja, das war schon recht flüssig und unterhaltsam. Auch für mich als absoluten Mathematik-Laien war alles verständlich, und konnte ein gewisses Verständnis für die Faszination der Welt der Zahlen gegenüber wecken. In seinen besten Momenten hat mich dieses Buch von Yoko Ogawa an meine Lieblingsbücher, "Fermats letzter Satz", und "Das Theorem des Papageis", erinnert.


    Allerdings scheint mir der deutsche Titel nicht treffend gewählt. Die Eulersche Formel kommt zwar vor, hat aber keinerlei tragende Rolle. Sie steht lediglich für eine Marotte des Professors: sich in Krisensituationen in die Welt der Mathematik zu flüchten. Ein "Geheimnis" gibt es hier leider nicht.


    Insgesamt hätte das Buch deutlich länger sein können. Es hätte mehr Seiten vertragen, um entweder mehr Dramatik und Ausarbeitung in die persönlichen Beziehungen der Figuren zu bringen - oder um eben dem Anspruch rund um den Unfall und den Gedächtnisverlust gerechter zu werden. Das mag aber auch jeder Leser anders sehen. Als passable Unterhaltung zwischendurch ist es sicherlich nicht ohne Daseinsberechtigung.

  • Auch ich muss sagen, dass dieses Buch als Snack für zwischendurch ganz passabel ist, doch irgendwie zu keinem richtigen Ende kommt.
    Ich muss sagen die Details des Gedächtnisverlustes haben mich weniger gestört - eher das die Geschichte fast schon zwanghaft zu einem Ende gebracht wird und sich so meiner Meinung nach ein paar Handlungsstränge nicht auflösen.


    Ich hätte mir noch ein paar mehr Details um die Beziehung zwischen der Haushälterin und dem Professor gewünscht, denn wie heißt es so schön auf der Rückseite des Buches: "Kann man jemanden lieben, an den man sich nicht erinnert?"
    ... Der Satz an sich hat mich schon sehr interessiert, aber was ist? Klar bekommt man Hinweise auf eine Liebesbeziehung, aber nach diesem reißerischen Satz hatte ich mir da irgendwie mehr erwartet.
    So habe ich das Buch gelesen immer in der Erwartung, dass gleich noch mehr passiert oder erklärt wird, aber es wird nichts so wirklich aufgelöst.
    Insbesondere das Verhalten der Schwägerin ist mir noch ein Rätsel:


    Ansonsten muss ich sagen, hat mir der Charakter des Professors sehr gut gefallen. Immer ein bisschen verschroben und in seiner eigenen Welt. Mit dem Kopf in den Wolken und eigentlich immer sehr liebenswert. Auch scheint Geld für ihn keine Rolle zu spielen und man gewinnt auch den Eindruck, als wäre dies nicht erst seit seinem Gedächtnisverlust so.
    Seine Liebe zu Kindern wird leider auch nicht so recht erklärt. So wie er sich immer um den Jungen der Haushälterin sorgt, hatte ich vermutet, dass da persönliche Gründe hinterstecken, dass er vielleicht selbst mal ein Kind hatte, dem dann etwas zugestoßen ist.


    Alles in allem ein Roman, den man durchaus mal zwischendurch lesen kann und der einen auch für die Mathematik begeistern kann. Doch leider fehlenn meines Erachtens nach ein paar zusätzliche Informationen, um die Handlung und insbesondere das Ende wirklich "rund" zu machen.

    :lesend Dan Simmons; Die Hyperion-Gesänge

    :lesend J.R. Ward; Black Dagger: Gefangenes Herz (eBook)

    :lesend J. R. R. Tolkien; The Two Towers (Hörbuch: Rob Inglis)

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  • Das Geheimnis der Eulerschen Formel - Yoko Ogawa


    Taschenbuch: 250 Seiten
    Verlag: Aufbau Taschenbuch, 2013


    Originaltitel: Hakase no Aishita Sûshiki
    Aus dem japanischen von Sabine Mangold


    Kurzbeschreibung:
    Eine Frau wird die Haushälterin eines Mathematikprofessors, der jeden Tag aufs Neue vergisst, wer er ist.


    Eine bezaubernde Geschichte über Freundschaft und Verlust – und über die Poesie der Zahlen. Seit einem geheimnisvollen Unfall währt das Kurzzeitgedächtnis eines Professors nicht länger als achtzig Minuten. Eine neue Haushälterin gewinnt sein Vertrauen, auch ihren zehnjährigen Sohn schließt er ins Herz. Über die faszinierende Welt der Mathematik kommen sie einander näher, und mit jeder neuen Gleichung, mit jedem neuen Zahlenrätsel entstehen zwischen ihnen Bande, die stärker sind als der Verlust der Erinnerung – bis die Schwägerin des Professors dem ein Ende setzt …


    Über die Autorin:
    YOKO OGAWA, geb. 1962, gilt als eine der wichtigsten japanischen Autorinnen der Gegenwart. Für ihr umfangreiches Werk wurde sie mit zahlreichen namhaften Literaturpreisen ausgezeichnet. Sie lebt mit ihrer Familie in der Präfektur Hyogo. Im Aufbau Taschenbuch liegen ihre Romane „Das Geheimnis der Eulerschen Formel“ und „Das Museum der Stille“ (Dez. 2013) vor.


    Mein Eindruck:
    Dieser Roman ist in guter Sprache und in einem zugänglichen Stil geschrieben. Es geht über eine Freundschaft dreier Menschen: einem Mathematik-Professor, der nach einem Autounfall nur noch ein Kurzzeitgedächtnis von 80 Minuten hat, seine Haushälterin und ihren 10jährigen Sohn Root, den sie alleine aufzieht.
    Die drei werden eine Art von kleiner Familie.


    Der Professor klärt sie auf über Teiler, Primzahlen, Dreieckszahlen etc. Mit Root löst er dessen schwierige Mathe-Hausaufgaben.
    Sie teilen nicht nur die Faszination für Zahlen als auch eine Begeisterung für Baseball. Eines Tages besuchen sie sogar gemeinsam ein Baseballspiel.
    Doch dann werden sie getrennt, als die Haushälterin zu einer anderen Stelle versetzt wird.


    Die Büchereule hat für Bücher dieser Art den treffenden Ausdruck “Bücher wie eine warme Decke” geprägt. Dazu ist der Roman keineswegs kitschig, sondern anrührend und intelligent geschrieben.

  • Sprachlich war das Buch sehr ansprechend. Schlicht, unkitschig, schnörkellos, so wie ich es gerne mag.


    Mir hat es deshalb so gut gefallen, weil ich Mathematik ebenfalls faszinierend finde (natürlich nicht so extrem wie der Prota des Buches) und es aus Sicht der Haushälterin erzählt wird, die bislang kein Interesse und somit auch keine Vorkenntnisse in Mathe hatte. Man wird als unbedarfter Leser also auch nicht überfordert. Mindestens genauso viel Bedeutung wie die Welt der Zahlen hat auch Baseball in dieser Geschichte. Aber auch hier wird man nicht überfrachtet.


    Was ich etwas schade fand: Die Geschichte hatte nicht wirklich was "typisch" Japanisches. Sie hätte prinzipiell auch in den USA spielen können.


    Auf dem Umschlag wird Paul Auster zitiert: "Überraschend, anmutig und tief bewegend." Ich muss sagen, keines dieser drei Adjektive trifft exakt auf mich zu. Es war schön zu lesen, hat mich aber nicht aus den Schuhen gehauen.


    7 Eulenpunkte

  • Yoko Ogawa schreibt über seltsame Menschen am Rande der Gesellschaft in stillen Tönen, die sich am Ende zu einer Symphonie zusammenfügen, die noch lange im Geist des Lesers nachklingt.


    Und erst später, wenn die Teilchen ganz neu zum Ganzen zusammensetzt werden, versteht man die Tragik einer Liebe, die man in dieser Form überhaupt nicht erwartet hat.


    Es sind nicht die Figuren, die so fein gezeichnet wurden; es ist nicht der Plot, der so anders ist als die meisten anderen; es ist nicht die Liebe zur Mathematik und auch nicht die Erhöhung des ungewöhnlichen Charakters - nein, all das zusammen macht das Buch so lesenswert.

  • Mir persönlich hat das Buch eigentlich ganz gut gefallen, wenn auch einige größere Kritikpunkte dabei waren.


    Der Stil ist sehr sachlich und zurückhaltend. Trotzdem kommen hin und wieder Emotionen ins Spiel, weil man die einzelnen Protagonisten nach und nach kennenlernt und sich Schwächen in Ihren Persönlichkeiten auftun.


    Die Liebe zur Mathematik, genauso wie das furchtbare Schicksal des Professors, stehen hier im Mittelpunkt der Geschichte. Hinzu kommt die alleinerziehende Erzählerin als Haushälterin, die Ihre Tätigkeit und daneben die Erziehung Ihres Sohnes meistern muss.
    Eine merkwürdige Mischung, aber sie funktioniert.


    Das erste Drittel habe ich sogar in einem Rutsch durchgelesen, weil ich anfangs so fasziniert von der Geschichte war. Leider geriet dann immer mehr - für mich uninteressant - Baseball in den Mittelpunkt der Handlung, sodass nach 2/3 schon die Luft raus war. Durch den Rest habe ich mich dann ohne großes Interesse gelesen. Das Ende war jedenfalls eher unspektakulär und ein wenig kitschig. Aber großartig anders hätte man die Handlung wohl kaum beenden können.


    Alles in allem ein netter Zeitvertreib, der auch mathematisch uninteressierten Lesern die Faszination der Zahlen näherbringen kann. Mit Baseball hingegen können wohl die wenigsten Leser aus unserem Land etwas anfangen, weswegen sich einige Passagen etwas in die Länge gezogen haben.


    Ich würde zwischen 5 bis 6 von 10 Punkten bei der Bewertung schwanken.


    Ob ich noch mal etwas von der Autorin lese, weiß ich noch nicht. Mir persönlich war das Buch nämlich ein wenig zu distanziert und unspektakulär.

  • Diese Buch wurde mir beim Lieblingsbuchevent zugelost, ansonsten hätte ich es sicher nie gelesen. Ogawa als Autorin war mir unbekannt, im Belletristik erreicht stöbere ich normal auch nicht. Daher ein Buch außerhalb meines Schemas.


    Für mich ist es ein 5 von 5 Sterne-Buch. Ich habe es an zwei Tagen gelesen, wurde sehr in diese etwas wunderliche, leise Stimmung hereingezogen. Mich hat die sprachliche Schlichtheit, sicher auch distanzierte Erzählweise gepaart mit der Verbeugung an Mathematik in den Bann gezogen. Es ging immer tiefer, den Professor, unsere Haushälterin und root kennen zu lernen. Interessanterweise,ohne das die wirklichen Namen der drei relevant sind.


    Auf die Anmerkung von rumble-bee muss ich noch eingehen,da hatte ich ein ganz anderes Leseveratändnis.

    Allerdings scheint mir der deutsche Titel nicht treffend gewählt. Die Eulersche Formel kommt zwar vor, hat aber keinerlei tragende Rolle. Sie steht lediglich für eine Marotte des Professors: sich in Krisensituationen in die Welt der Mathematik zu flüchten. Ein "Geheimnis" gibt es hier leider nicht.