'Die linke Hand der Dunkelheit' - Kapitel 14 - 17

  • Natürlich gibt es auch andere Probleme. Es gibt sehr viele Probleme. Warum darf man nicht an "geringeren" Problemen Anstoß nehmen? Es wäre Raum genug für die Lösung mehrerer oder sogar vieler Probleme, wenn man nur wollte...

    Aber wenn man mit dem Hinweis auf "wirkliche" Probleme alles andere abschmettern möchte, ist das wenig zielführend. Das Problem ist keine Sackgasse, sondern ein weit verzweigtes Netz.

    Kinder lieben zunächst ihre Eltern blind, später fangen sie an, diese zu beurteilen, manchmal verzeihen sie ihnen sogar. Oscar Wilde

  • Oh, ich wollte gar nicht abschmetternd wirken, sorry! Ich habe in letzter Zeit einfach viele Beispiele von „gut gemeint ist nicht gut gemacht“ gelesen, die deutlich machten, dass hier nur jemand dem Zeitgeist befriedigen wollte, offenbar ohne den Hintergrund zu verstehen. Das nervt mich dann so sehr, dass ich denke, dann lasst’s doch lieber ganz bleiben. Jeder hat da einen anderen Schmerzpunkt. Ich wollte der Kritik an gängigen Sprachmustern nicht die Berechtigung absprechen :blume

  • Kein Grund, sich zu entschuldigen, Tilia Salix :):bluemchen

    Mein Schmelzpunkt war heute wirklich relativ niedrig.

    Trotzdem danke für deinen Standpunkt und die Diskussion.

    Kinder lieben zunächst ihre Eltern blind, später fangen sie an, diese zu beurteilen, manchmal verzeihen sie ihnen sogar. Oscar Wilde

  • Zum Thema Gender und welchen Einfluss die Sprache hat, kann man u. a. mit dem Buch "Die Maschinen" von Ann Leckie testen. Das ist nämlich ausschließlich im generischen Femininum verfasst. Ich empfand das als sehr interessante Leseerfahrung, denn es macht darauf aufmerksam, wie festgefahren die Bahnen im eigenen Kopf sind. Wie sehr wir alle auf das Männliche als "Standard" geprägt sind. Aus diesem Grund betrachte ich die Verwendung von weiblichen Wortformen auch zwiegespalten. Es ist eine Degradierung, weil unsere Gesellschaft Frauen als zweite Wahl betrachtet. Das ist ganz massiv in den Menschen eingepflanzt. Arzt oder Ärztin - wem wird die größere Kompetenz zugetraut? Richtig, der Großteil der Leute (auch die Frauen!) trauen einem Mann mehr zu. Ob man so eine Einstellung allein durch sprachliche Finessen lösen kann, wage ich zu bezweifeln.

  • Die Schöpfungsgeschichte im 17. Kapitel finde ich schrecklich. Alle Bewohner Orgotas stammen demnach von einem Menschen ab, dessen vorstechendste Eigenschaft Angst ist und der daraus resultierend mehrfacher Mörder wurde. Mit so einem Genpool kann ja nur eine grässliche Gesellschaft entstehen.

  • Mal zurück von Genderproblemen zum Buch: dieser Abschnitt hat mir gut gefallen. Estrevan erweist sich als wahrer Freund, auch wenn Genly Ai davor immer noch zurückschreckt. Auch finde ich diesen Überlebenskampf im ewigen Eis sehr spannend und durch die zwischendurch immer wieder aufgeworfenen Denkanstöße ist es weit mehr als nur eine abenteuerliche Geschichte.


    So fand ich die Beschreibung von Estrevan von Genly Ai auf S. 300 sehr gut , beschreibt sie doch eindeutig Charakterzüge, die im Allgemeinen eher einem Mann zugerechnet werden. Genly Ai ist also sehr männlich, doch mit den Frauen hat er so seine Probleme, was auch zu seiner seltsam oberflächlichen Beschreibung führt.


    Auch sehr lesenswert für mich war die einfache Darstellung des sehr komplexen Problems der Klimaveränderung. 18 Grad Erwärmung - das ist für uns schon extrem heftig! Aber die Autorin deutet die Klimaerwärmung auch bei uns an und das 1969! Beachtlich!


    Bei diesem Thema hätte ich gern einfach mal gelesen, wie eine Wirklichkeit ohne Geschlechterungerechtigkeit aussehen könnte, das fehlt mir etwas.

    Tilia, da kann ich mir dir nur anschließen! Das ganze Thema wird zwar immer wieder angeschnitten, doch insgesamt hätte ich mir deutlich mehr davon erwartet. Schließlich wird der Roman angepriesen als "bis heute einflussreichste Roman über Sexualität, die Rollen der Geschlechter und ihre Auswirkungen auf die Kultur". Hmmm. Davon habe ich bisher wenig mitbekommen - und allzu großes erwarte ich auf den restllichen Seiten auch nicht mehr.

    "Wir brauchen alle immer mal wieder Beschäftigungen, die uns eine Pause von uns selbst gönnen." Tracy Chevalier, Violet, Atlantik Verlag 2020

  • Ja, die Genderthematik hat die heutige Marketingabteilung des Verlages vermutlich deshalb so überbetont, weil es im Trend liegt und damit ein gutes Verkaufsargument bietet. Ich denke, dass die Autorin das Thema deshalb so vorsichtig bearbeitet hat, weil damals die Zeit dafür einfach noch nicht reif war. Sie musste da eine Gratwanderung absolvieren, um ihr Buch überhaupt veröffentlicht zu bekommen. Ich kann mir vorstellen, dass das damals gar nicht so offensiv beworben worden ist, sondern das Augenmerk auf anderen Dingen lag.

  • Da kannst du sicher recht haben damit (vor allem mit dem Marketing). Hat denn jemand eine "alte" Ausgabe??? Was steht denn da im Klappentext?


    Mich nervt das zwar, dass Bücher je nach Zeitgeist in eine bestimmte Kategorie gesteckt werden müssen, aber daran wird sich wohl nichts ändern. :( Zum Glück finde ich (auch mit Hilfe der Eulen) immer wieder wahre Cross-Over-Schätzchen. :grin

    "Wir brauchen alle immer mal wieder Beschäftigungen, die uns eine Pause von uns selbst gönnen." Tracy Chevalier, Violet, Atlantik Verlag 2020