Die Welt aus den Angeln - Philipp Blom

Die tiefgreifenden System-Arbeiten sind soweit abgeschlossen. Weitere Arbeiten können - wie bisher - am laufenden System erfolgen und werden bis auf weiteres zu keinen Einschränkungen im Forenbetrieb führen.
  • Ich habe dieses Buch in der letzten Woche begonnen, lese mich langsam vorwärts und finde es sehr spannend, welche Auswirkungen dieser Klimawandel im 16. und 17. Jahrhundert so gehabt hat.


    Hat es schon jemand gelesen?


    Das Buch hat den Untertitel: Eine Geschichte der Kleinen Eiszeit von 1570 bis 1700.

    Schon die Einleitung, eigentlich eine Betrachtung des Bildes "Winterlandschaft" von Hendrick Avercamp von ca. 1608 fand ich faszinierend. Das Bild findet sich sowohl auf dem Umschlag als auch auf den Innenseiten des Einbands.

    Das erste Kapitel: Gott hat uns verlassen - Europa 1570-1600 beschreibt, welche Auswirkungen ein zunehmend unberechenbares Wettergeschehen auf den Alltag der Menschen hatte. Allein die Suche nach Gründen und oft genug auch Schuldigen liest sich gruselig.

    Noch bestimmen Aussagen aus der Bibel und die Vorstellung einer göttlichen Strafe für menschliches Fehlverhalten die Erklärungsversuche.

  • Das zweite Kapitel zeigt schon neue Entwicklungen auf, besonders beim Handel. Und es gibt erste Menschen, denen auffällt, dass auch durch Verbrennen von noch so vielen Hexen das Wetter nicht besser wird.

    Und dann kommt auch noch - zu allen Plagen - der dreißigjährige Krieg in Mitteleuropa.

  • made, ich wollte eigentlich ein Buch über den dreißigjährigen Krieg kaufen, bin aber, auf Empfehlung des Buchhändlers bei diesem hängen geblieben.

    Ich kann es bisher nur empfehlen.


    Mir gefällt besonders gut, wie der Autor Entwicklungen in verschiedenen Ländern miteinander in Beziehung und Verbindung bringt und Zusammenhänge aufzeigt, auf die mich noch keiner aufmerksam gemacht hat.

    Ein Beispiel ist die Entwickung der Milchwirtschaft in den Niederlanden - nach seiner Darstellung eine Folge der schlechten Ernten. Motto: Gras wächt immer.

  • Das klingt wirklich interessant, so interessant, dass ich das Buch gleich bestellt habe. :wow

    Ein Beispiel ist die Entwickung der Milchwirtschaft in den Niederlanden - nach seiner Darstellung eine Folge der schlechten Ernten. Motto: Gras wächt immer.

    Da muss ich allerdings leider gleich mal widersprechend: Dieser Sommer war selbst für Gras zu heftig und mein Rindvieh frisst schon seit August das kostbare Winterfutter auf. :heul:heul:heul

  • Stimmt, war hier auch so.


    Also, damit hier kein falscher Eindruck entsteht: Es gab im genannten Zeitraum generell eine deutliche Abkühlung der durchschnittlichen Temperaturen in Europa und auch in Russland.

    Für diese Regionen liegt eine Vielzahl von Aufzeichnungen vor.

    Die Winter wurden deutlich kälter, die Sommer häufig kühl und verregnet. Es gab jedoch auch einzelne Dürresommer. Es fehlte an Getreide, das teilweise auf den Feldern verrottete. Kartoffeln wurden noch als botanische Kuriosität angesehen und nicht zur Ernährung angebaut.

    Die Großgrundbesitzer begannen (Schottland und Nordengland sind besonders harte Beispiele), die Kleinbauern von den gepachteten Flächen zu verdrängen und diese zu großen Weiden zusammenzulegen, da Schafzucht und - in anderen Regionen - Milchwirtschaf höhere Renditen versprachen.


    Für Russland gibt es eine Schätzung, dass zwischen 1601 und 1603 etwa drei Millionen Menschen durch Hunger und Seuchen umkamen.

  • Mich freut es immer, von Menschen zu lesen, die zu ihrer Zeit sehr bekannt waren und von denen ich noch nie gehört habe. Hier war mal wieder jemand. Athanasius Kircher, 1601 oder 1602 geboren. Jesuit und von unstillbarem Wissensdrang. Auch wenn einige seiner Ideen sich als Irrtümer und haltlose Spekulationen erwiesen haben - interessant, was sich ein Mensch so ausdenken kann.


    Kapitel 3. Über Kometen und andere Himmelslichter


    Es soll ja heute noch Leute geben, die das Erscheinen von Kometen als Botschaften ansehen. Noch viel weiter verbreitet war das im 17. Jahrhundert. Auch wenn es damals schon ein paar Wissenschaftler gab, die das als Unfug entlarvten.

  • Ich bin sehr gespannt, wie es dir gefällt.


    Derweil nähere ich mich dem Ende. Es ist schon interessant, wie der Autor eine Verbindung herstellt zwischen den neuen Gedanken über Wetter- und Himmelsphänomene, diese nicht mehr als göttliche Strafen oder Botschaften zu verstehen, sondern als natürliche Phänomene und neuen Richtungen der Philosophie, die dem Menschen einen ganz neuen Platz zuweisen und auf Dauer die Gesellschaft umkrempeln werden.

    Auch wenn bei einigen Herren eine gehörige Diskrepanz zwischen Ideen und Leben festzustellen ist.

  • So, fertig. Über die letzten, für mich neuen und erstaunlichen Parallelen, die der Autor zieht, will ich hier nicht schreiben - es soll für euch ja noch was zum Entdecken übrig bleiben.


    Fazit: Ein lohnendes, interessantes und lehrreiches Buch. Manche Illustration hätte ich mir größer gewünscht.

  • Zunächst zum Umschlagbild „Winterlandschaft“. Es erinnert mich an die Wimmelbücher für Kinder. Es strahlt tatsächlich eine heitere Sonntagsnachmittag-Stimmung aus, wenn die Menschen einen Spaziergang machen.


    Prolog:


    Leider weiß man immer noch nicht, was diese Kleine Eiszeit ausgelöst hat. Es handelt sich ja doch um einen beträchtlichen Zeitraum.


    Ich habe vor einiger Zeit das Buch „Vulkanwinter 1816“ gelesen. Aber damals gab es, bedingt durch einen gewaltigen Vulkanausbruch, lediglich eine Kaltphase von ein paar Jahren.

    Deshalb war mein erster Gedanke, dass diese Kleine Eiszeit nicht Folge eines Vulkanausbruchs gewesen sein kann. Aber die Zusammenhänge beim Klima sind höchst kompliziert.

    Das Abschmelzen von Eis oder im Gegeneil das Anwachsen von Eisflächen im großen Stil verändert den Salzgehalt des Meerwassers und somit die großen Meeresströmungen. Auch die Veränderung der Wassertemperatur wirkt sich auf die Strömungen aus.


    Was ein Zusammenbrechen des Golfstromes bedeuten könnte, ist sehr schwer vorherzusehen. Ich will es mir gar nicht ausmalen.


    Neu war für mich, dass umgelenkte Wasserströmungen auch die Tektonik der Erdkruste beeinflussen und Erdbeben und Vulkanausbrüche verursachen können.


  • Ich bin entsetzlich vergesslich, deshalb muss ich jetzt schon fragen, ob im Buch auch eine geringfügige Verlagerung der Erdachse als Ursache erwogen wird.

    Das habe ich mal vor Jahren irgendwo gelesen. Ich meine, es kommt auch im Buch vor.


    Und ich finde es schade, dass dieses Winterbild so klein ist. Da könnte man noch einiges entdecken.

  • deshalb muss ich jetzt schon fragen, ob im Buch auch eine geringfügige Verlagerung der Erdachse als Ursache erwogen wird.

    Er erwähnt eine Abweichung in der Rotation der Erdachse.


    Und außerdem noch eine verminderte Sonnenaktivität.

    Und ich finde es schade, dass dieses Winterbild so klein ist. Da könnte man noch einiges entdecken.

    Ja, das finde ich auch. Allerdings glaube ich, dass ich viele Details gar nicht interpretieren könnte, weil ich die Dinge nicht kenne, wie z. B. die Vogelfalle.

  • Das erste Kapitel: Gott hat uns verlassen - Europa 1570-1600 beschreibt, welche Auswirkungen ein zunehmend unberechenbares Wettergeschehen auf den Alltag der Menschen hatte.

    Das Thema "Wein" war sehr interessant. In Wien haben die Bürger zusätzlich zu ihrem Wein aus eigenem Anbau 150 Liter pro Kopf und Jahr dazugekauft. Selbst Kinder haben schwach alkoholische Getränke getrunken. Das war ein Grundnahrungsmittel.

    Ich dachte immer, einfache Leute haben damals nur Wasser und Tee getrunken. Es klingt schon paradox, dass damals Wasser oft ungesünder war als Wein.

  • Das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen, dass die Menschen damals nicht wussten, dass Abkochen hilft. Sie haben ja doch ganz andere Sachen entwickelt. Wenn ich an die riesigen Kirchen denke. Aber klar, Keime konnten sie nicht sehen.


    Und es ist erstaunlich, dass es für die Entwicklung der Menschheit dennoch von Vorteil war, Städte zu bilden, obwohl hier die Gefahr für Ansteckung oder Erkrankung durch verunreinigtes Wasser viel größer war als auf dem Land.