Beiträge von blaue Blume

    und noch eine Rezi zu diesem tollen Buch :wave:


    Fremd sein im eigenen Land


    Die meisten von uns haben mindestens einmal erlebt, dass man nicht ganz zu einer Gruppe oder ähnlichem gehört. Häufig gerät man in eine „ausgestoßene“ Situation, wenn man es am allerwenigsten gebrauchen kann, wenn man persönliche Entscheidungen treffen muss, beispielsweise wenn man nach einer langjährigen Beziehung sich vom Partner trennt. Sehr problematisch wird die Trennung, wenn Kinder im „Spiel“ sind.
    Für viele Menschen sind solche persönlichen Entscheidungen nicht nachvollziehbar und reagieren mit Worten, die für die Betroffenen ihre Situation noch unerträglicher machen. Es wird hinter vorgehaltener Hand getuschelt und im Extremfall wird man gemieden und komplett ausgeschlossen. Man befindet sich gewissermaßen in einem Niemandsland. Man schwankt zwischen Trauer und Wut. Man versucht verzweifelt, sich unsichtbar zu machen, nicht weiter aufzufallen.
    Solche Situationen sind schrecklich! Doch glücklicherweise leben wir in einer Gesellschaft, in der man Menschen findet, die verständnisvoll und hilfsbereit sind.
    Aber wie schaut das Leben von Menschen aus, die generell von Gemeinschaften ausgeschlossen werden, weil sie einen kulturellen Hintergrund haben, der uns skeptisch macht oder gar Angst auslöst? Wie fühlen sich diejenigen, die durch ihr Äußeres zunächst nicht auffallen, aber zu religiösen Gemeinschaften gehören, die im Allgemeinen nicht – durch Vorurteile belastet – anerkannt werden?
    Ist es nicht so, das bis heute die Vorstellung über Juden ist, dass sie das Kapital beherrschen, dass sie mit Hilfe des Geldes die Weltpolitik zu ihren Gunsten beeinflussen? Hört man nicht immer wieder den Ausspruch: „Ich wusste doch, die Juden sind die eigentlichen Regierenden.“, wie beispielsweise nach dem Zusammenbruch von Lehman Brothers 2008 (siehe z.B.: „Jüdische Bank hat systematisch deutschen Sparern eine Milliarde Euro geklaut“ , sie beziehen sich auf den Bericht aus dem Stern: „Kurz vor Schluss abkassiert“ )


    Nach 1945 halten sich die Deutschen Bürger in der breiten Öffentlichkeit mit Kritik an Juden zurück. Doch stellen wir uns einmal vor, dass es die Nazi-Diktatur nicht gegeben hat. Versetzen wir uns in die Zeit vor 1933, als die Klischees über Juden noch europaweit vorherrschten, salonfähig waren; denn dann können wir uns auf den Roman „Silbermann“ von Jacques de Lacretelle einlassen.


    Der Roman „Silbermann“, der in Frankreich „des öfteren Schullektüre am Ende der Mittelstufe“ ist, handelt von zwei Jungen unterschiedlicher Herkunft. Beide stammen aus dem bürgerlichen Milieu: Der Ich-Erzähler entspringt konservativen Kreisen und seine Eltern sind gesellschaftlich anerkannte Persönlichkeiten; der Protagonist David Silbermann stammt aus einer ziemlich liberal-sozialistischen angehauchten Familie.
    David ist ein blitzgescheiter heranwachsender junger Mann, der eine Klassenstufe übersprungen hat, der die französische Geschichte, insbesondere Literaturgeschichte gut kennt, der keine Scheu hat, große Persönlichkeiten wie Viktor Hugo zu zitieren und auszulegen, ja, der in der Lage ist, Zusammenhänge zu erkennen und wenn nötig zu kritisieren.
    Diese beiden Jugendlichen begegnen sich in der Schule, genauer gesagt, sie besuchen nun dieselbe Klasse und es beginnt eine Freundschaft. Der Ich-Erzähler ist von David fasziniert und lässt sich gerne von ihm inspirieren.
    Schon bald stellt sich heraus, dass David dem jüdischen Glauben angehört und es beginnt allmählich ein Spießrutenlauf, der darin gipfelt, dass er voraussichtlich die Schule verlassen muss. In all dieser Zeit hält der Ich-Erzähler zu David, auch dann, als die Mitschüler und vermeintliche Freunde beginnen, auch ihn auszugrenzen.
    Reicht diese Freundschaft aus, um David zu schützen? Wohin wird das Mobbing gegenüber David führen?


    Wie schon erwähnt, stammen beide Hauptfiguren aus dem bürgerlichen Milieu.
    David Silbermann ist ein junger heranwachsender Mensch, der seine Fähigkeiten und Kenntnisse nicht verbirgt, der seinen Stolz offen zutage treten lässt, der sehr mutig ist und seine Herkunft nicht verheimlicht. Außerdem hat er ein Faible für die französische Kultur, insbesondere für Philosophen und Schriftsteller. Silbermann kann problemlos Voltaire zusammenfassen. Aber seine größte Hingabe gilt Victor Hugo, der uns vor allem durch sein Werk „Der Glöckner von Notre Dame“ (1831) bekannt ist. Silbermann ist in der Lage, Werke zu begreifen und scheut sich nicht, auch Kritik zu üben, mal offen, mal zwischen den Zeilen.
    Die Intelligenz des jungen David wird nicht nur anhand der französischen Kultur deutlich, sondern auch wenn es um die Situation der Juden im Allgemeinen geht: Er zeigt auf, dass das erzwungene Leben im Ghetto im Laufe der Jahrhunderte Konsequenzen hat und zwar für Juden und Nichtjuden. Durch das Leben im Ghetto ist ein starkes Band innerhalb der Juden entstanden. David findet es unfair, dass nun den Juden vorgeworfen wird, dass sie einen Staat im Staate bilden. Silbermann stellt am Ende seines Plädoyers die Frage: „Ist nicht innerhalb einer Nation sowieso nicht jeder einzelne trotz des gemeinsamen Blutes erblich ganz verschieden geprägt – geprägt durch seine Gesellschaftsklasse, geprägt durch seine Religion?“
    Der Name „David“ ist ein typisch jüdischer Name. Im Alten Testament gilt David als Nachfolger Sauls, der Juda und Israel zu einem Reich vereinigte. Doch wesentlich geläufiger ist uns die Geschichte „David gegen Goliath“ . In der Bibel wird die Geschichte so beschrieben, dass David theoretisch Goliath unterlegen ist und ihn dennoch besiegt.
    Im Roman „Silbermann“ kämpft David gegen die Vorurteile gegenüber Juden und da er bis auf den Ich-Erzähler ziemlich alleine damit ist, stellt sich die Frage, ob er aus dieser permanenten Auseinandersetzung glorreich hervorgehen wird.


    Während David Silbermann im Roman von Jacques de Lacretelle als ein stolzer Jugendlicher beschrieben wird, der offen seine Kenntnisse zeigt, sodass man als Leser immer wieder dazu geneigt ist, ihn als überheblich wahrzunehmen, so ist der Ich-Erzähler in der Öffentlichkeit sehr zurückhaltend, ja, er wirkt grau und blass, unscheinbar, vielleicht sogar ohne Selbstbewusstsein. Seine inneren Vorgänge zeichnen aber ein ganz anderes Bild.
    Die inneren Vorgänge des Ich-Erzählers zeigen, wohin ein christlich geprägtes Weltbild führen kann, nämlich zu absurden Verhaltensweisen, wie beispielsweise eine künstlich herbeigeführte moralisch verdächtige Situation, nur um diese dann zu besiegen, wie es z.B. auf Seite 22 f. der vorliegenden Ausgabe beschrieben wird.
    Das Verhalten des Ich-Erzählers ist für einen Jugendlichen Anfang des 20. Jahrhunderts ungewöhnlich, denn er gibt für die Freundschaft mit David vieles auf: Er gibt eine langjährige Freundschaft auf, da sich herausstellt, dass sein vermeintlicher Freund ein Antisemit ist, ja, der sogar zum Anführer wird, wenn es um die Drangsalierung von David geht. Zudem beginnt der Protagonist das bürgerliche Leben in Frage zu stellen und hinterfragt dabei das Verhalten seiner Eltern. Er durchschaut, dass die hohen moralischen Ansprüche der Bourgeoisie nicht zwangsläufig immer Geltung haben, denn als der Vater von David wegen angeblichen Diebstahls angezeigt wird und der Ich-Erzähler seinen Vater, der Jurist ist, um Hilfe bittet, wird ihm nicht nur die Bitte verwehrt, sondern die Eltern fordern von ihm die Freundschaft zu David abzubrechen mit der Begründung, dass er ansonsten die Karriere seines Vaters gefährdet.
    So mutig das öffentliche Verhalten vom Ich-Erzähler ist, bleibt eine gewisse Fragwürdigkeit, denn seine wahre Absicht ist, David für den christlichen Glauben allmählich zu gewinnen, wie in Kapitel vier beschrieben, dass heißt, auch er nimmt an, dass der jüdische Glaube nicht der Richtige ist.
    Der Ich-Erzähler macht eine innere Wandlung durch: Vom naiven Jungen, über einen Idealisten, einhergehend mit genauerem Hinschauen bei seinen Eltern und stellt das Verhalten der Menschen grundsätzlich in Frage, um dann zu seiner Herkunft und deren Weltauffassung zum Teil wieder anzunehmen.
    Beim Ich-Erzähler muss man zwischen seiner äußeren Wirkung und den inneren Vorgängen unterscheiden, da zwischen diesen beiden ein gewisser Widerspruch entsteht, aber genau dieser Widerspruch macht ihn als Charaktere interessant.
    Dieses widersprüchliche Verhalten des Erzählers wird teilweise beim Lesepublikum gespiegelt: Sämtliche Leser werden von dieser Charaktere zunächst begeistert sein, doch am Ende des Romans werden die Leser der bürgerlichen Mitte die Rückkehr zum Bürgertum begrüßen, andere Leser werden die Kritik an Justiz und Gesellschaft in den Mittelpunkt rücken.


    Die beiden unterschiedlichen Charaktere der Protagonisten zeigen deutlich, nach welchen Maßstäben ein Mensch beurteilt wird.
    Während David von seiner Umgebung als hochnäsig wahrgenommen wird, gilt der Ich-Erzähler als der Stille und Zurückhaltende. Auch einem Leser kann es schnell passieren, dass er das Verhalten und Reden von David fragwürdig findet, während der Erzähler als mutig (das er ohne Frage ist) und selbstlos wahrgenommen wird. Erst beim genaueren Betrachten der beiden Jungen kann sich dieser Eindruck verändern.


    Ich finde es immer wieder faszinierend, dass es Schriftsteller gibt, die es schaffen, auf wenigen Seiten (insgesamt 138 Seiten aus dem Lilienfeld-Verlag von 2011) eine Dichte zu erzeugen, die es in sich hat: Neben den beiden Protagonisten, die in ihren Charakterzügen gut dargestellt sind, bekommt man einen Einblick in die französische Literaturgeschichte – die Zeit der Aufklärung und der Realismus kommt immer wieder zum Zuge – Kritik an Literatur, Justiz und Gesellschaft wird durch die beiden Jugendlichen deutlich geäußert und auch literarische Kunstgriffe kommen nicht zu kurz, wie beispielsweise die Wortschöpfung „verunreinigende Finsternis“ zeigt.
    Für uns heutige deutsche Leser ist es sehr hilfreich, dass in den Anmerkungen, die auf den letzten Seiten sortiert nach Kapiteln zu finden sind, die genannten Personen im Roman mit Lebensdaten und Werken kurz vorgestellt werden. Zudem werden bestimmte Redewendungen und historische Ereignisse in den Anmerkungen erläutert. Jedoch hätte ich es begrüßt, wenn man durch ein Symbol den Leser darauf aufmerksam machen würde, zu welchen Personen und Ereignissen Erläuterungen zu finden sind.


    Die beiden Übersetzer, Irène Kuhn und Ralf Stamm, haben auch das „Nachwort“ verfasst, aus dem hervorgeht, in welcher Zeit dieser Roman veröffentlicht wurde. Natürlich wird die Frage nach dem Antisemitismus im Kontext der damaligen Zeit gestellt, also nach der Dreyfus-Affäre (1894) und Anfang des 20. Jahrhunderts der Belle Époque. Der Antisemitismus war in großen Teilen der Gesellschaft zu Hause und auch Sozialisten wie Jean Jaurès waren davor nicht gefeit.
    Selbstverständlich wird im Nachwort auch der Autor Jacques de Lacretelle beleuchtet. Er wird als konservativ beschrieben und dem rechten politischen Lager zugeordnet. Doch es wird deutlich darauf hingewiesen, dass der französische Schriftsteller, der am 14. Juli 1888 geboren wurde, in seinem Leben sich immer wieder brisanten Themen gewidmet hat, sei es der vorliegende Roman mit dem Thema Antisemitismus, für den er 1922 mit „Prix Femina“ ausgezeichnet wurde, oder 1925 mit der Veröffentlichung des Romans „La Bonifas“, dass sich mit der weiblichen Homosexualität befasst.
    Lacretelle hat sich Themen gewidmet, die zu diesen Zeiten ein Tabu waren.
    Damit macht es uns die Person Lacretelle schwer, denn wir lieben es, Persönlichkeiten in eine Schublade stecken zu können, entweder konservativ, liberal oder sozialistisch. All das scheint Lacretelle zu sein oder eben auch nicht. Der Mensch besteht aus Widersprüchen und macht auch vor Autoren nicht Halt.


    Dieser psychologisch gut ausgearbeitete Roman zeigt eindrucksvoll, wohin der alltägliche Antisemitismus führen kann und wie Betroffene damit zu Recht kommen müssen.
    Dieses Buch wurde 2011 vom Lilienfeld-Verlag mit schöner Ausstattung (Halbleinen) herausgegeben und trifft uns zu einer Zeit, wo die Debatte über Antisemitismus uns wieder eingeholt hat. Vergangenes Jahr war es Günter Grass mit seinem Gedicht „Was gesagt werden muss“ (April 2012), das viel Wirbel hervorbrachte und zurzeit gilt der Journalist Jakob Augstein aus Sicht des Wiesenthal-Canters als gefährlicher Antisemit. Der Zentralrat der Juden hat sich in die Debatte eingeschaltet und verteidigt den Journalisten.
    Heutzutage stehen wir vor der schwierigen Aufgabe zu klären, was ist Antisemitismus und was ist berechtigte Kritik an der Politik Israels.

    Was Sie schon immer wissen wollten
    Wer hat die Grundlagen für unseren Computer geschaffen?


    Viele Kinder finden Schule völlig langweilig, aber sie sind dennoch neugierig auf diese Welt. Vielleicht würde den Kindern Schule mehr Spaß machen, wenn sie einen Bezug haben, wenn sie wüssten, wann und wer sich über etwas Gedanken gemacht hat, wenn es einen Alltagsbezug gibt. Das Buch „Leibniz für Kinder“ von Annette Antoine und Annette von Boetticher kann eine solche Hilfe sein.
    Leibniz lebte im 17./18. Jahrhundert, arbeitete am Hof von Hannover. Wenn man sich mit der Person Gottfried Wilhelm Leibniz beschäftigt, stellt man fest, was er für ein unglaubliches Wissen hatte und was er so alles erfunden hat, wo wir bis heute von profitieren. Er gilt als Universalgelehrter, d.h. er kannte sich in sämtlichen Wissensgebieten seiner Zeit aus und was ihn auszeichnet, ist seine unglaubliche Neugierde. Neugier wird zwar immer noch als negativ empfunden, aber nur wer neugierig ist, kann etwas über sich und der Welt erfahren.
    Leibniz hat zwar nicht direkt den Computer erfunden, aber er hat eine wichtige Voraussetzung dafür geschaffen, nämlich die Binärzahlen, also 0 und 1. Auf der Grundlage der beiden Ziffern funktioniert unser heutiges Computersystem und ohne diese Voraussetzung wäre dieses technische Gerät undenkbar. Zudem hat er eine mechanische Rechenmaschine erfunden, worauf heute unser Taschenrechner basiert. Aber nicht nur das Leibniz bahnbrechendes in der Mathematik und Technik erkannt hat, sondern er hat Richtlinien erstellt, worauf unsere heutige moderne Gesellschaft in gewisser Weise beruht, denn:
    - „Man ist mit seinem Talent Gott und dem Allgemeinwohl verpflichtet.“ (vgl. Seite 23)
    - Für die unterschiedlichen Kulturen gilt: „Einheit in der Vielfalt.“ (vgl. Seite 71)


    Im Anhang sind bestimmte Begrifflichkeiten erläutert. Diese Begriffe werden im Text durch ein bestimmtes Symbol gekennzeichnet. Außerdem wird am Ende des Buches das erworbene Wissen durch Fragen abgerufen.


    Dieses Buch ist für Kinder ab 10 Jahre geeignet, aber auch Erwachsene können von diesem Buch profitieren, denn es ist interessant erzählt und man kommt immer wieder ins Staunen, dass schon vor gut 200 Jahren Dinge entwickelt wurden, die für uns selbstverständlich sind oder wovon wir ausgehen, dass sie aus unserer Zeit stammen.

    Der starke Band von Geschwistern
    Viele Kinder tun sich mit dem Fach „Geschichte“ schwer, weil sie glauben, dass dieses Fach langweilig und überflüssig ist. Ein großer Teil derjenigen Kinder, die sich durch die lateinische Grammatik arbeiten, würden am liebsten die alten Römer auf den Mond schießen, aber wie wäre es, anstelle die alten Römer auf den Mond zu schießen, dass wir uns in diese Zeit beamen? Sie glauben, das geht nicht? Die Autorin Sabine Wierlemann zeigt auf, dass es doch geht und erzählt die Geschichte „Das Geheimnis des roten Mantels“.


    Die beiden Kinder, Felix und Mathilda, die Zwillinge sind, halten sich in einem Museum auf. Da sie häufig dieses Museum besuchen, kennen sie sich dort aus und sie haben freie Hand, sie dürfen sich dort bewegen, wie sie möchten. Durch Zufall finden sie eine alte Brosche von den Germanen. Bei dieser Brosche liegt der Hinweis, dass man diese in Augusta Vindelicum gefunden hat. Während die beiden Kinder diese Brosche noch bewundern, landet Felix bei den Germanen und Mathilda bei den alten Römern. Beide Kinder lernen die jeweilige Kultur kennen und sie werden beide in einer Familie aufgenommen. Durch den Hinweis im Museum ist beiden unabhängig von einander klar, dass sie nach Augusta Vindelicum müssen, doch das war vor 2.000 Jahren nicht so einfach: es gab keine Autos und von Flugzeugen ganz zu schweigen. Werden die beiden es schaffen, an diesen Ort zu kommen und vor allem, werden sie den Schlüssel finden, um wieder in unsere Zeit zurück kommen zu können? Welche Rolle spielt der rote Mantel?


    Um Kindern das Fach „Geschichte“ anschaulich zu gestalten, kommen immer wieder Schriftsteller auf die Idee, so etwas wie eine Zeitmaschine zu haben, denn vor ein paar Jahren kam das Buch „Alhambra“ von Kirsten Boie heraus, die ebenfalls einen Jungen durch das berühren einer bestimmten Fliese ins spanische Mittelalter beamen ließ. Es scheint eine gängige Methode zu sein.
    Die Stadt Augusta Vindelicum gab es tatsächlich. Wissen Sie, um welche Stadt es sich handelt? Nein? Okay, ich habe mal in den schlauen Büchern (Lexika) nachgeschaut. Bei dieser Stadt handelt es sich um Augsburg und diese war in vergangener Zeit für die Römer ein wichtiger Kreuzungspunkt. Von daher ist es von der Autorin nicht weit hergeholt, dass die beiden Kinder sich genau hier treffen sollen. Auch ansonsten wird den jungen Lesern ein guter Einblick in das Leben der Germanen und Römer gegeben. Zudem findet man im Text Wörter in kursiver Schrift. Diese Schriftart ist immer ein Hinweis darauf, dass man im Anhang eine Erläuterung findet.
    Die Handlung ist spannend geschrieben. Die jeweiligen Kapitel sind kurz und sie wechseln sich regelmäßig ab, in einem Kapitel wird die Situation von Mathilda bei den Römern beschrieben, in dem darauf folgendem Kapitel von Felix und den Germanen. Damit wird der Eindruck der Gleichzeitigkeit unterstützt und macht es noch spannender. Man möchte als Leser aber nicht nur erfahren, ob die beiden Kinder es schaffen wieder zurück zu kommen in die Gegenwart, sondern man möchte immer mehr über die Germanen und Römer erfahren und somit hat die Autorin das eigentliche Ziel erreicht: Kinder werden sozusagen angezockt, sich mit der alten Geschichte zu befassen.


    Dieses Buch ist für Kinder ab 10 Jahre geeignet. Dieses Buch kann unabhängig von der Schule gelesen werden, eignet sich aber auch hervorragend als Schullektüre. Für Pädagogen gibt es den Hinweis im Buch, wie man an Unterrichtsmaterialien herankommen kann.

    Pionierarbeit in den Anfängen der Archäologie
    Der allgemeine Volksmund spricht von „Scherben bringen Glück“ und tatsächlich, es gibt Berufe, die sich mit Scherben beschäftigen und dabei Dinge entdecken, die entweder den Finder reich machen oder ein Mosaikstein in der Erd- bzw. Menschheitsgeschichte sind. Das auch so einige Frauen einen solchen Beitrag geleistet haben – und das nicht erst seit unserer Zeit – wissen nicht unbedingt so viele Menschen.
    In dem Sachbuch „Scherben bringen Glück“ von Amanda Adams werden sieben Frauen vorgestellt, die sich auf den Weg gemacht haben und mehr über unsere Menschheitsgeschichte wissen wollten.


    Alle sieben Frauen – zu diesen sieben Frauen gehört auch die berühmte Schriftstellerin Agatha Christie – zeichnen sich durch ihren Mut aus. Auch wenn häufig geglaubt wird, dass Frauen nicht Abenteuerlustig sind, wird man durch dieses Sachbuch eines Besseren belehrt, denn einige von ihnen waren ohne Männer in der Wüste unterwegs.
    Was ich erstaunlich finde, ist die Tatsache, dass einige Frauen sich dafür eingesetzt haben, dass die Funde in dem jeweiligen Land bleiben und nicht dem Verkauf preisgegeben werden sollen. Zudem setzten sich einige dafür ein, dass Wissenschaftler nicht nur von außen kommen sollen, sondern die Menschen vor Ort ausgebildet werden.


    Dieses Sachbuch besteht vor allem aus kurzen Biografien, aber nebenbei erfährt man als Leser etwas über die Arbeit in der Archäologie, vor allem über ihre Anfänge. Vieles ist für uns heute selbstverständlich, doch in den Anfängen musste um vieles gerungen werden, sei es die Frage „Wem gehören diese Fundstücke?“ oder wie soll die wissenschaftliche Arbeit aussehen. Das Sachbuch „Scherben bringen Glück“ ist angereichert durch viele Bilder und damit wird dieses Buch noch spannender.

    Osterhase mit Handicap
    Viele Kinder freuen sich nach dem langen Winter Frühjahr für Frühjahr auf den Osterhasen. Die Aufgabe des Osterhasen besteht darin, buntbemalte Eier und Schokolade zu verstecken, sodass Kinder am Ostersonntag dieses suchen und hoffentlich :-) finden. Doch wie sieht die Arbeit eines Osterhasen aus? Davon erzählt Silvia Hüsler in dem interkulturellen Bilderbuch „Wer hilft dem Osterhasen“.


    Am Anfang des Buches stellt sich kurz der Osterhase vor, wer er ist und was seine Aufgabe ist. Rechtzeitig beginnt er, sich um die Eier zu kümmern, die er von den Hühnern besorgt. In diesem Jahr hat der Osterhase ein kleines Problem, denn als er mit auf dem Traktor fährt, fällt er herunter und verstaucht sich eine Pfote. Wie soll er denn nun in der Hochsaison die ganzen Eier anmalen? Da kommen ihm die Tauben zu Hilfe, denn sie haben gehört, was geschehen ist, fliegen davon und holen sämtliche Hasen herbei. Der Osterhase ist über soviel Unterstützung überrascht und erklärt seinen Artgenossen, was sie beim bemalen der Eier beachten müssen und los geht es. Doch werden sie es in diesem Jahr rechtzeitig schaffen, sämtliche Eier anzumalen und zu verstecken?


    Die Autorin mit pädagogischer Ausbildung, Silvia Hüsler, hat die Illustrationen im Buch selbst gestaltet und herausgekommen sind Bilder, die für Kinder sehr ansprechend sind, denn weder sind sie überladen mit unwichtigen Details, andererseits gibt es durchaus einiges zu entdecken. Der Osterhase fällt auch unter vielen Hasen auf.


    Wenn man das Buch aufschlägt, sieht man den Begriff „Hase“ in zahlreichen Sprachen, die jeweils angegeben sind. Auch in den Illustrationen findet man immer wieder Wörter aus unterschiedlichen Sprachen. Was ich sehr schade finde, ist die Tatsache, dass im Anhang keine Übersetzung vorhanden ist, lediglich die Angabe einer Internetseite, doch nach verzweifeltem Suchen bin ich bislang erfolglos geblieben. Ich bin der Ansicht, dass diese Begriffe erst gar nicht im Internet gesucht werden müssen, sondern sie sollten generell im Anhang zu finden sein. Man sollte es Lesern und Pädagogen nicht unnötig schwer machen.


    Dieses Buch ist für den Kindergarten gut geeignet (wenn man von meiner Kritik absieht), vor allem in Einrichtungen mit Kindern unterschiedlicher Herkunft. Diese Geschichte kann aber auch im Privatem gut vorgelesen werden.



    Folgende Sprachen sind vertreten (neben deutsch):
    o Albanisch
    o Bosnisch
    o Englisch
    o Französisch
    o Italienisch
    o Kroatisch
    o Portugiesisch
    o Rätoromanisch
    o Schweizerdeutsch
    o Serbisch
    o Spanisch
    o Tamilisch
    o Türkisch

    Ist Schokolade die genialste Erfindung?


    Viele Menschen lieben Schokolade und alles was man begehrt, möchte man haben und zwar am besten sofort und ausreichend. Was geschieht aber, wenn dieser Wunsch in Erfüllung geht? Davon handelt die Geschichte „Das Schokoladenkind“ von Aytül Akal.


    Viele Kinder mögen Schokolade aber es gibt ein Kind, das ganz besonders Schokolade liebt. Eines Tages wird dieses Kind von einer Schokolade angesprochen. Zunächst ist das Kind irritiert, denn wie kann es sein, das Schokolade sprechen kann? Aber tatsächlich, diese Schokolade kann sprechen und bietet dem Kind eine Krone an. Sobald man im Besitz dieser Krone ist, verwandelt sich alles in Schokolade sobald man an Schokolade denkt, also Spielzeug, Bücher und dergleichen mehr. Das Kind freut sich darüber, doch die Schokolade weist ihn darauf hin, dass es eine Bedingung gibt, wenn man diese Krone wieder loswerden möchte: Man muss einen anderen Menschen finden, der Schokolade noch mehr liebt als man selbst oder diese Krone so gut verstecken, dass sie niemand findet. Das Kind denkt sich, ich bin doch nicht blöd und gebe freiwillig diese Krone wieder her. Natürlich probiert das Kind die Krone sofort aus und der Gegenstand wird zu einer Schokolade. So geht das den ganzen Tag. Wird das Kind bald zuviel bekommen und wird es versuchen diese Krone wieder loszuwerden?


    Die türkische Autorin Aytül Akal hat sich in ihrer Heimat einen Namen gemacht und sie fällt gewissermaßen mit ihren Büchern auf, denn sie verpackt Alltägliches in eine gute Geschichte, die zum Nachdenken anregt. Zudem hat sie die Gabe, sich nicht nur eine gute Handlung auszudenken, sondern verwendet eine Sprache, die für Kinder sehr ansprechend ist: Mal benutzt sie lange Sätze, mal kurze, wörtliche Rede kommt immer wieder vor. Zudem stellt sie Fragen und zwar so, dass man selber ins Nachdenken kommen kann und man kann gut einem zuhörenden Kind diese Frage wiederholen und schauen, was das zuhörende Kind antwortet. Damit wird automatisch die Phantasie angeregt.
    Dieses Buch liegt zweisprachig vor und zwar in deutsch–türkischer Fassung. Dadurch können Erwachsene, die sich in der deutschen Sprache nicht ganz sicher sind, einem Kind dennoch diese Geschichte vorlesen und Erwachsene und Kinder können gleichermaßen ihren Wortschatz erweitern in ihrer Zweitsprache.


    Die Illustrationen von Mustafa Deliolu sind ansprechend, man kann dem Kind, das Schokolade so sehr liebt, ansehen, mit welcher Freude es Schokolade isst. Des Weiteren kann man sehr gut erkennen, welche Gegenstände sich in Schokolade verwandelt haben, denn diese werden alle nach und nach braun, teilweise bekommen sie die typische Form, die wir aus dem Supermarkt kennen, also die Schokolade, die man gut teilen kann. Neben den beiden Protagonisten sind andere Kleinigkeiten in die jeweiligen Bilder gemalt und dennoch sind diese Bilder nicht überfrachtet. Kinder haben einen großen Spaß an solchen Illustrationen.



    Diese Geschichte zeigt sehr beeindruckend, was geschieht, wenn man seinen Herzenswunsch erfüllt bekommt. Von solchen Wünschen sind nicht nur Kinder betroffen, auch wir Erwachsene haben solche Wünsche, die einen lieben ebenfalls Süßigkeiten, andere bevorzugen eher Herzhaftes, andere wiederum lieben ein kaltes Bier und dergleichen mehr. Deshalb bin ich der Auffassung, dass nicht nur Kinder dieses Bilderbuch lesen sollten.

    Können unterschiedliche Tiere in einem Hochhaus leben?


    In der heutigen Zeit ist man immer wieder überrascht, wenn man erfährt, welche Fähigkeiten Tiere haben. Es gibt Tiere, die deutlich schneller sind als wie wir Menschen (z.B. Gepard), dann gibt es Tiere, deren Mitgefühl enorm hoch ist (z.B. Delfine) und immer wieder stellt sich heraus, dass einige Tierarten ziemlich intelligent sind. Trotz all dieser Fähigkeiten findet man nirgendwo ein Hochhaus, das Tiere gebaut haben. Somit stellt sich die Frage, ob Tiere in der Lage sind, ein Hochhaus zu bauen. Dieser Idee ist die Autorin Aytül Akal nachgegangen und hat das Buch mit dem Titel „Das Hochhaus im Wald“ für Kinder ab 3 Jahre geschrieben.


    Unterschiedliche Tierarten haben sich zusammengetan und bauen gemeinsam ein Hochhaus und jedes Tier hat gemäß seiner Fähigkeiten eine spezielle Aufgabe, wie beispielsweise der Elefant, der mithilfe seines Rüssels die Wand mit Farbe besprüht (die heutigen Sprayer lassen herzlich grüßen :wave). Bald ist dieses Hochhaus mitten im Wald fertig und es kann eingezogen werden. Nachdem jeder seine Wohnung bezogen hat, kommt schnell Unmut auf, denn den einen ist es zu warm, wie z.B. den Füchsen, den anderen ist es zu kalt, wie z.B. den Kängurus, und die große Giraffe beklagt sich über die niedrigen Decken. Da die allermeisten Tiere mit der neuen Wohnsituation nicht glücklich sind, wird gemeinschaftlich beschlossen, das Hochhaus wieder zu verlassen und wie bisher auch, im Wald zu leben. Das Hochhaus wird abgerissen und an der Stelle wachsen heute wieder Bäume.


    Als ich diese lustige Geschichte gelesen habe, musste ich direkt an Wohngemeinschaften denken, denn auch in diesen Gemeinschaften hat immer irgendjemand etwas zu meckern, den einen ist es nicht sauber genug, den anderen geht die ewige Putzerei ziemlich auf die Nerven. Von daher finde ich es ziemlich amüsant, eine Fabel darüber zu lesen, denn die Geschichte „Das Hochhaus im Wald“ entspricht der literarischen Gattung von Fabeln:
    • die Tiere haben alle menschliche Eigenschaften und handeln auch dementsprechend
    • die Tiere können denken und miteinander kommunizieren
    • „In der Fabel herrscht eine Einheit von Ort, Zeit und Handlung. Die Situation findet nur an einem einzigen Ort und in einer kurzen Zeitspanne statt.“ (vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Fabel)
    Wie bei jeder guten Fabel, darf natürlich auch die Moral nicht vergessen werden und die Moral dieser Geschichte: Zurück zur Natur!


    Die Illustrationen von Ayla Deliba_ Yetkin sind sehr ansprechend gestaltet. Schon beim Aufschlagen des Buches sieht man einen lachenden Elefanten in der Farbe lila. Die Bilder zeigen, wie Tiere Lösungen finden können und sie zeigen die Phantasie der Illustratorin, denn wie stellen Sie sich vor, wie eine Giraffe ein Stein auf einen anderen setzt?


    Die Sprachgestaltung ist ebenfalls sehr gelungen, denn es gibt es kürzere und längere Sätze, aber auch der Leser bzw. Zuhörer wird durch Fragestellungen direkt angesprochen.


    Die Fabel zeigt, dass es zwar eine schöne Vorstellung ist, gemeinsam ein Haus zu bauen, doch es muss einiges mitbedacht werden, denn jedes Tier braucht nun mal aufgrund seines Körperbaus bestimmte Voraussetzungen, denn ein Elefant beispielsweise braucht eine breite Tür, um überhaupt in seine Wohnung zu gelangen.


    Was in dieser Geschichte überhaupt nicht beachtet wurde, ist die Statik, denn schon allein die Vorstellung, das eine gesamte Wohnung unter Wasser gesetzt wird, so dass Fische darin leben können, ist eigentlich undenkbar, jeder Bauherr würde die Hände über den Kopf zusammenschlagen. Na gut, das ist eine typische Erwachsenenvorstellung :anbet.



    Insgesamt kann man sagen, dieses Buch ist sehr gelungen und empfehlenswert.

    Wie Wünsche erfüllt werden


    Wir alle wünschen uns, dass irgendwann unsere Träume in Erfüllung gehen. Aber um dieses Ziel zu erreichen, kann man seine Hände nicht in den Schoß legen. Die Frage stellt sich, was kann man tun, um seine Wünsche – wenigstens ein paar – zu erfüllen. Kinder haben ihre ganz eigene Vorstellung davon, wie ihre Wünsche erreicht werden können. Die einen glauben, dass ein guter Zauberer vorbeikommt, andere glauben an die gute Fee.
    Die türkische Autorin Aytül Akal nimmt uns in ihrer Geschichte „Der Wunschbaum“ mit auf eine kleine Reise und zeigt märchenhaft, wie Wünsche erfüllt werden.


    Allgemein ist bekannt, dass Feen fliegen können und so auch die Fee in der Geschichte von dem Wunschbaum. Eines Tages stößt diese Fee mit ihrem Zauberstaub in einem Flug mit einem Papierdrachen zusammen. Durch diesen Zusammenstoß verliert sie ihren Zauberstab und dieser landet in einem Baum. Sie kümmert sich nicht weiter um den verlorengegangenen Stab.
    Die Menschen wissen nichts davon, dass in ihrer Nähe in einem Baum ein Zauberstab ist.
    Ein älteres Ehepaar hält sich bei diesem Baum auf und sie wünschen, dass ihr Garten wieder mit vielen Kinderstimmen erfüllt ist und tatsächlich, der Garten verwandelt sich in einen Schulhof und nun hat das Paar eine ganze Horde von Kindern in ihrem Garten. Diese Schule lädt eine Schriftstellerin ein und als die Autorin die Kinder erlebt, wünscht sie sich, selbst Schülerin von solch einer tollen Schule zu werden und auch dieser Wunsch wird erfüllt. Als Kind kennt sie noch nicht ihre Zukunft und sie weiß nicht, dass sie eines Tages zu einer Schriftstellerin wird. Und welche Wünsche haben Sie?


    Diese Geschichte lädt für Groß und Klein zum Träumen ein. Unterstützt werden die Träumereien durch die sehr gelungenen Illustrationen von Ayda Kantar. Die Fee sieht aus wie ein Engel und auch der Baum, auf dem der Zauberstab landet, hat etwas Verzaubertes. Der Zauberstab ist auf allen Bildern gut erkennbar. Das ältere Ehepaar, das sich so sehnlichst Kinderstimmen in ihrem Garten wünscht, taucht im Hintergrund als graue Schattierung im darauffolgenden Bild noch einmal auf.
    Interessanterweise sind die gemalten Kinder keinem Kulturraum einzuordnen, denn einige Kinder haben braunes oder schwarzes Haar, andere tragen blonde Haare. Damit wird eine Vielfalt dargestellt. Was auch sehr interessant ist, dass die Illustratorin die Schüler nicht in Uniform gemalt hat – in der Türkei ist mal noch Schuluniform Pflicht, die aber im kommenden Schuljahr 2013/2014 abgeschafft wird (vgl. www.deutsch-tuerkische-nachric…orm-ist-jetzt-geschichte/) – sondern alle Kinder tragen „normale“ Kleidung, wobei alle Mädchen in einem Rock zu sehen sind.


    Die in Izmir geborene Schriftstellerin Aytül Akal verwendet in der Geschichte „Der Wunschbaum“ unterschiedliche Satzkonstruktionen, mal wird das Märchen erzählt, mal findet man wörtliche Rede, Fragestellungen und Befehlsform, also die ganze Bandbreite an Sprache. Zudem ist dieses Heft zweisprachig herausgegeben, nämlich deutsch – türkisch.


    Den Schluss der Geschichte finde ich gelungen, denn das zuhörende Kind und Leser werden eingeladen, sich auf die Suche nach diesem Baum zu begeben. Damit wird deutlich, dass Wunscherfüllungen nicht ohne unser Zutun geschehen können.

    Nutzt einem die Vortäuschung falscher Tatsachen?


    Die meisten Erwachsenen haben eine Ahnung, wenn sie den Titel „Der Elefant, der Masern hatte“, lesen und ja, dass sei schon vorweggenommen, sie haben Recht.


    In dieser Geschichte „Der Elefant, der Masern hatte“ von der türkischen Autorin Aytül Akal handelt es sich um einen jungen Elefanten, der am frühen Morgen von seiner Mutter geweckt wird. Wie viele andere Kinder auch, so soll auch dieser junge Elefant zur Schule.
    Wer kennt nicht den frühen Morgen, an dem man geweckt wird, sei es durch einen Menschen oder dem Wecker und man am liebsten liegen bleiben möchte. Wir Erwachsene stehen normalerweise dennoch auf, schon allein aus Pflichtgefühl gegenüber seinen Kollegen oder Kindern oder, oder, oder….
    Aber können Sie sich noch an Ihre Schulzeit erinnern, wenn Ihre Eltern sie geweckt haben und die Nacht eindeutig zu kurz war? Haben Sie sich überlegt, wie es wäre, wenn Sie ganz plötzlich krank wären?
    Auch der junge Elefant wird von seiner Mutter geweckt, doch am liebsten möchte er im Bett liegen bleiben. Da kommt ein Marienkäfer bei ihm vorbei und er kommt auf die glorreiche Idee, diesen Marienkäfer zu bitten, seine Artgenossen herbeizurufen und da kommen sie schon zum Fenster hinein. Der junge Elefant fordert sie auf, Platz zu nehmen auf seinem Körper und da kommt schon seine Mutter in sein Zimmer. Sie ist erschrocken und fragt ihn, ob er krank sei und selbstverständlich ist er krank. Die Mutter sagt zu ihrem Kind, dass er dann im Bett bleiben soll. Der junge Elefant ist damit einverstanden, doch leider kann er nicht mehr schlafen und dann spazieren auch noch seine Mitschüler lachend an seinem Fenster vorbei. Nun ja, das Ende vom Lied ist, dass der junge Elefant eine Spontanheilung erfährt, seine Schulsachen packt und sich seinen Freunden anschließt.


    Diese Geschichte bietet sich an, Kindern davon zu erzählen, denn vielleicht erinnert sich später das ein oder andere Kind daran, wenn es mal keine Lust auf Kindergarten oder Schule hat. Wir finden es alle hin und wieder sehr verlockend im Bett liegen zu bleiben aber gerade Kinder werden schnell von Langeweile heimgesucht.


    Die Aquarelle von Saadet Ceylan sind auf das Notwendigste beschränkt, aber dennoch interessant. Der kleine Elefant ist wie in der Natur auch, grau gemalt aber er ist immer umrahmt von bunten Gegenständen, ohne dass diese zu bunt sind. Die Mimik des jungen Elefanten ist für Kinder eindeutig erkennbar.


    Die Geschichte ist in der Vergangenheitsform geschrieben mit relativ viel wörtlicher Rede. Die Sätze sind unterschiedlich lang, teilweise mit Hervorhebung durch Ausrufezeichen.
    Durch dieses Bilderbuch, das für Kinder ab 3 Jahre geeignet ist, wird den Kindern die Vielfalt einer Sprache gezeigt. Da dieses Kinderbuch zweisprachig (deutsch – türkisch) ist, haben Kinder und Erwachsene gleichermaßen die Möglichkeit, den Text in der Muttersprache zu lesen bzw. zu hören und gleichzeitig kann das Vokabular in der Zweitsprache erweitert werden.


    Ein Manko hat diese Geschichte: Am Ende wird aus meiner Sicht zu sehr der moralische Zeigefinger erhoben, denn „Mütter kann man nicht täuschen. Sie wissen, dass Marienkäfer keine Masern sind!“. Diesen Zusatz hätte man aus meiner Sicht sparen können, da einerseits Kinder ihre eigenen Erfahrungen diesbezüglich machen sollten und irgendwann begreifen, dass man Eltern nicht immer etwas vormachen kann; andererseits sind Kinder nicht dumm und verstehen die Geschichte auch ohne diesen Zusatz. Zudem wird damit die Möglichkeit genommen, dass Kinder ihre Eltern fragen, was sie getan haben, wenn sie keine Lust auf Kindergarten oder Schule hatten. Außerdem trauen sich Kinder nach dem hören dieser Geschichte wahrscheinlich deutlich weniger, zuzugeben, wann sie etwas Ähnliches getan haben.
    Ich finde, man sollte Kindern nicht jeden Spaß nehmen, denn wer sich an seine eigene Kindheit erinnert, hat es uns doch am meisten Spaß gemacht, wenn wir im Glauben waren, dass wir irgendwelchen Erwachsenen ein Schnippchen geschlagen haben. Ansonsten ist diese Geschichte lesenswert und wenn es noch mehr Erwachsene gibt, die meine Anschauung teilen, dann lassen Sie diesen Zusatz weg (oder hätte ich mir diese Bemerkung sparen sollen? :kiss).

    Eine Reise der besonderen Art


    Wenn man den Titel „Das fliegende Bett“ hört oder liest, erinnert einen dies an die Märchen über fliegende Teppiche. So wie uns die Märchen über fliegende Teppiche an alte orientalische Vorstellungen anknüpfen lässt, so stammt auch die Geschichte über das fliegende Bett aus dem Orient, genauer gesagt, aus der Türkei, denn diese Geschichte für Kinder ab 3 Jahre stammt von der türkischen Autorin Aytül Akal.


    Das fliegende Bett ist nicht irgendein Bett ohne Geschichte, sondern es handelt sich um einen Gegenstand, der von Generation zu Generation weitergegeben wird. Da dieses Bett nicht sonderlich groß ist, können nur kleine Kinder darin schlafen. Die Kinder glauben, dass nur sie Nacht für Nacht – außer wenn es regnet – in den Himmel schweben können, doch diese Zauberbetten gibt es in relativ großer Stückzahl, anscheinend mehr als es Sterne am Himmel gibt. Kinder lieben fliegende Betten und fürchten sich vor dem Großwerden, denn dann brauchen sie ein größeres Bett und müssen ihr heißgeliebtes Bett an die Jüngeren abtreten. Bevor ein Kind das Zauberbett abgibt, bekommen sie Besuch von einem größeren Kind, einem außerirdischen Kind, das mit einem Ufo angeflogen kommt. Dieses außerirdische Kind weist ein älter werdendes Kind in die Bedienung eines Ufos ein. Da macht Älterwerden Spaß, denn mit einem Ufo kommt man schneller und weiter in das große Universum hinein.


    So wie der Titel „Das fliegende Bett“ einen an alte Märchen erinnert, so bekommt die Geschichte eine moderne Wendung, nämlich das Auftauchen eines Ufos. Natürlich kann man sich darüber streiten, ob es sinnvoll ist, dass ein Kind eine Geschichte über Ufos erzählt bekommt, vor allem weil es einen direkt an Erzählungen aus Amerika erinnert. In der jüngeren Zeit sind es immer wieder die Amerikaner, die durch angebliche Ufo-Sichtungen in die Schlagzeilen geraten und es sind Amerikaner, die daraus so etwas wie eine Religion gemacht haben. Tatsächlich sind die Erzählungen über Ufos (Unbekanntes Flug-Objekt) nichts Neues, denn schon zu Zeiten der Pharaonen wurden solche Objekte beschrieben.
    Haben wir nicht auch die Märchen geliebt und lieben sie vielleicht auch heute noch, wenn es darum geht, wie Menschen durch außergewöhnliche Gegenstände sich an einen anderen Ort transportieren lassen können, wie beispielsweise im Kunstmärchen „Der kleine Muck“ von Wilhelm Hauff, der sich durch Pantoffeln woanders hinbeamen kann? Ist es letztendlich eher gleichgültig, mit welchem Gegenstand man an einen Ort kommen kann?


    Auffällig in dieser Geschichte ist, dass niemand einen Eigennamen hat, denn es wird von „einem Kind“, von „einem fliegenden Bett“ und von „einem Kind mit Ufo“ erzählt. Diese Nichtverwendung von Eigennamen ist ein typisches Merkmal von Märchen. Dieser Anschein wird zusätzlich verstärkt, in dem die Geschichte mit den Worten „Es war einmal“ beginnt. Nur das Ende ist untypisch für ein Märchen, denn es endet nicht damit, dass dieses Kind glücklich bis ans Ende ihrer Tage lebt, sondern es endet mit der Fragestellung, wer dieses Zauberbett geerbt hat.
    Zudem sind die Illustrationen von Saadet Ceylan für uns Westeuropäer auffällig, denn das Kind ist weder als Mädchen noch als Junge eindeutig zu identifizieren und es hat nicht blondes sondern braunes Haar. Auch die Haut hat einen typischen Touch aus dem Orient. Sehr deutlich wird dies an dem außerirdischen Kind, das eindeutig orientalische Bekleidung und Frisur trägt.
    Die Bilder sind übersichtlich, da sie auf das notwendigste beschränkt sind, die Mimik der Kinder ist deutlich zu erkennen. Außerdem sind die Illustrationen farbenfroh aber nicht zu bunt. Auf der linken Seite ist das jeweilige Bild auf einer gesamten Seite und zwischen dem deutschen und türkischen Text sind teilweise weitere kleinere Bilder eingebaut, die bestimmte Details zusätzlich hervorheben.


    In der deutschen Übersetzung von Pervin Tongay werden den dreijährigen durchaus längere Sätze zugemutet. Wir sind es eher gewohnt, dass bei jüngeren Kindern gerne kurze Sätze verwendet werden. Ich finde es persönlich gut, wenn auch jüngere Kinder die Vielfalt einer Sprache kennenlernen dürfen. Diese Vielfalt der Sprache wird in dieser Geschichte wunderbar angewendet, denn mal werden Aufzählungen, mal werden kurze Sätze mit Ausrufzeichen hervorgehoben. Zudem wird ein Leser oder Zuhörer durch Fragestellungen direkt angesprochen wie beispielsweise auf Seite 5 mit der Frage: „Ja, wer möchte nicht ein fliegendes Bett haben?“


    Insgesamt kann man sagen, dass dieses Werk gelungen und für Kinder gut geeignet ist, denn es erfüllt mehrere pädagogische Ziele:
    Nachahmung von Märchen: Durch diese Nachahmung können Kinder sich leichter mit den Protagonisten identifizieren.
    Zweisprachigkeit: Dieses Buch liegt zweisprachig (deutsch – türkisch) vor und so können Kinder und Erwachsene gleichermaßen den Text in ihrer Muttersprache und in ihrer Zweitsprache kennenlernen. Damit werden Eltern motiviert, ihren Kindern diese Geschichte vorzulesen, da sie den Inhalt in ihrer Muttersprache lesen können und somit wissen, worum es geht. Zudem können sie ihren Spracherwerb in der Zeitsprache verbessern und intensivieren.
    Einblick in eine andere Kultur: Deutschsprachige Kinder bekommen durch die Illustrationen ein kleinen Einblick in die Vorstellungswelt des Orients.
    Spracherwerb im Allgemeinen: Durch die Anwendung verschiedener Satzkonstruktionen lernen Kinder schon früh, wie vielfältig eine Sprache sein kann und sie bekommen ein Gefühl, wie eine gute Geschichte aufgebaut ist.
    Anregung der Phantasie: Diese Geschichte lädt Kinder dazu ein, zu erzählen, was sie nachts erleben und welche Vorstellungen sie haben, wie man beispielsweise die Sterne oder den Mond erreichen könnte.


    Also lassen Sie sich anregen und kommen Sie und ihr Kind mit auf eine wunderbare Phantasiereise.

    Einladung zum genauen Hinschauen


    Die Geschichte „Elmar und das Wetter“ von David McKee beginnt mit dem Wind, der so heftig ist, dass sogar der kunterbunte Patchwork-Elefant Elmar ins Fliegen gerät. Offensichtlich macht ihm das keine Angst, im Gegenteil, er hat Freude daran.
    Wie in allen Büchern, die sich um den Elefanten Elmar drehen, so ist es auch hier: Egal welches Wetter, Elmar hat seine Freude daran. Ob es blitzt und donnert, wenn dicker Nebel vorhanden und die Hand vor Augen nicht mehr zu sehen ist, ob es regnet oder die Sonne lacht.
    Vielleicht kann das Wetter Elmar nichts anhaben, da niemand in der Lage ist, das Wetter zu beeinflussen, und der Elefant das Beste daraus macht. Wie schon der Volksmund sagt: Es gibt kein schlechtes Wetter, nur falsche Kleidung.


    In dem vorliegenden Buch werden die verschiedenen „Zustände“ von Wetter dargestellt, also der Wind, Gewitter, Nebel, Regen, Schnee und Sonnenschein.
    Aber nicht nur, dass diverse Situationen von Wetter dargestellt werden, sondern ein Kind wird stellenweise direkt angesprochen und aufgefordert, genauer hinzuschauen, wie beispielsweise wenn Elmar im Gras liegt und sich die Wolken anschaut. Das sind nicht einfach nur Wolken, sondern man erkennt verschiedene Tiere, wie einen Elefanten, Schildkröte und dergleichen. Diese Wolkentiere sind nicht immer eindeutig erkennbar – wie Wolken in der Wirklichkeit auch – das heißt die Phantasie ist gefragt. Ich kann mir gut vorstellen, wenn man mit einem Kind gemeinsam sich diese Wolken anschaut, das eine lustige Unterhaltung entstehen kann.
    Wenn sich zwei graue Elefanten im Nebel begegnen, kann es passieren, dass sie sich nicht erkennen können, da alles grau in grau ist. Da hat es Elmar eindeutig besser, denn durch sein Buntsein, ist er trotz dichtem Nebel gut erkennbar. Um die beiden grauen Elefanten zu erkennen, muss man schon etwas genauer hinschauen.
    Das genaue Hinschauen ist in diesem Buch ein Markenzeichen, denn ob es die Schau der Wolken ist oder der Nebel, nur durch genaues Hinschauen, kann man etwas entdecken.
    Wie viele Kinder liebt auch Elmar die Schneeballschlacht. Wie sehr Elmar Schnee liebt, kann man auch in dem Buch „Elmar im Schnee“ nachlesen.


    Auch dieses Buch über Elmar ist wieder sehr gelungen.

    ich schließe mich gerne der Meinung an, dieses Stück auf jeden Fall zu lesen. Warum und wieso, hier meine Rezension:


    Kritik vom Feinsten
    In der Tragikomödie „Der eingebildete Kranke“ von Molière handelt es sich um einen Mann, der glaubt, dass er ziemlich krank ist und deshalb medizinischer Hilfe bedarf.


    Das Stück in drei Akten beginnt mit der Vorstellung der Hauptperson Argan, der sich in eine Art Zwiegespräch befindet. In diesem Selbstgespräch wird deutlich, dass er ziemlich viel Geld für Medizin ausgibt, die ihm sein Arzt verordnet hat. Außerdem wird deutlich, dass Argan tatsächlich glaubt, schwer krank zu sein und drangsaliert deshalb seine nähere Umgebung. Er ist so überzeugt von seiner schweren Erkrankung, dass er sogar bereit ist, seine Tochter dafür zu opfern, indem er sie gegen ihren Willen mit einem jungen Arzt verheiraten möchte. Seine Tochter Angelika ist über diese Heiratsvorstellung nicht im Bilde und liebt einen anderen, den sie heiraten möchte. Nur durch gutes Geschick der Angestellten Toinette wird die Heiratsvorstellung von Argan vereitelt, des Weiteren kann sie ihrem Vorgesetzten aufzeigen, dass er sich seine Krankheit von seinem Arzt einreden lässt und sie schafft es zu zeigen, dass die Frau von Argan eine Betrügerin ist.


    Die Tragikomödie bzw. Ballettkomödie wurde am 10. Februar 1673 unter dem Titel „Le Malade imagninaire“ uraufgeführt (vgl. S. 82).
    Die Hauptpersonen sind Argan und seine Tochter Angelika, sowie die Angestellte Toinette. In den Nebenrollen sind neun weitere Personen.
    Diese Tragikomödie ist in drei Akten aufgeteilt und jeder Akt besteht aus unterschiedlichen Szenen. Der erste und zweite Akt besteht aus jeweils acht Szenen, der letzte Akt aus vierzehn Szenen.
    Im ersten Akt spielen zwischen einer und vier Personen in einer jeweiligen Szene. In dem weiteren Akt sind es zwischen zwei und sieben Personen in den Szenen zu finden und im letzten Akt zwischen zwei und fünf Personen, wobei die Anzahl drei der spielenden Personen überwiegt.


    Der Protagonist Argan ist eine Person, der gerne sämtliche Fäden in seiner Hand hält. Zudem liebt er den Zustand der Machtausübung, wie schon in der ersten Szene des ersten Aktes deutlich wird, indem er ungehalten reagiert, als niemand auf sein läuten reagiert. Noch deutlicher wird es in der darauffolgenden Szene, denn er bezeichnet seine Angestellte Toinette mit entwürdigender Ausdrucksweise, nämlich mit „Luder“ und „Miststück“ (vgl. S. 11).
    Argan ist aber auch eine Person, der sich leicht manipulieren lässt. Dies wird unter anderem daran deutlich, dass er sich schnell für ein Testament erweichen lässt, dass Zugunsten seiner zweiten Frau ausfallen soll und zu ungunsten seiner beiden Töchter. Aus dem Text geht hervor, dass zu Lebzeiten von Moliere in Paris das Gewohnheitsrecht gilt. Im Klartext bedeutet dies, dass zum Zeitpunkt des Todes eines Mannes keine Kinder da sein dürfen, denn diese würden automatisch erben und eine Ehefrau würde leer ausgehen. Um dieses Problem zu umschiffen, schlägt der Notar von Argan vor, seiner Frau eine Schenkung zu übergeben, außerdem sollen Strohmänner „unanfechtbare Schuldverschreibungen“ ausgestellt bekommen (vgl. S. 26) und dieses Geld soll dann an seine Frau weitergereicht werden. In diesem Fall würden seine beiden Töchter leer ausgehen. Argan kommt gar nicht auf die Idee, dass seine Frau ihn hintergehen möchte, dass sie ihn ausnehmen möchte wie eine Weihnachtsgans.


    Die weitere Hauptperson in diesem Stück ist die ältere Tochter Angelika von Argan. Angelika ist verliebt und möchte diesen Mann gerne heiraten, sie ist also ziemlich mit sich selbst beschäftigt und von daher gegenüber ihrer Umwelt desinteressiert, wie sich beispielsweise daran zeigt, als Toinette sie darüber aufklärt, dass ihre Stiefmutter gerade dabei ist, das gesamte Vermögen von Argan unter den Nagel zu reißen. Die Reaktion von Angelika ist „Über sein Geld kann er verfügen nach Laune, über mein Herz bitte nicht.“(vgl. S. 28)


    Die Rolle der Angestellten Toinette ist eine sehr interessante. Sie ist zwar Angestellte und man kann davon ausgehen, dass sie über keine Bildung verfügt und dennoch ist sie diejenige, die den wahren Charakter der Menschen erkennt und sie weiß auch, wie man diese entlarven kann. Das zeigt sich beispielsweise daran, dass sie mitbekommt, wie die Ehefrau von Argan dabei ist, das Vermögen von ihm für sich zu sichern und ihrem Mann eine tiefe Liebe vorspielt. Um Argan die Augen zu öffnen über den wahren Charakter seiner Frau, schlägt sie ihm vor, sich tot zu stellen. Argan lässt sich darauf ein und als seine Frau von seinem vermeintlichen Tod hört, sagt die Frau zur Angestellten: „Gott sei Dank! Daß ich diese Last los bin!! Jetzt sei doch nicht so blöd und gräm dich wegen so was.“ (vgl. S. 70)
    Die Angestellte lässt sich nicht alles gefallen und sie weiß, wie sie ihren Herrn in seine Schranken weisen kann. Wenn es ihr nützlich ist, erinnert sie Argan daran, dass er krank sei (vgl. z.B. S. 21), obwohl sie vom Gegenteil überzeugt ist. Ihr Vorgesetzter versucht durchaus zu zeigen, wer der Herr im Haus ist:
    „Argan: Wo sind wir denn eigentlich? So ein Miststück von Hausmädchen, spricht man so mit seinem Herrn?
    Toinette: Wenn ein Herr nicht weiß, was er tut, hat ein vernünftiges Hausmädchen das Recht, ihn wieder zur Vernunft zu bringen.“(vgl. S. 21)
    Aber nicht nur, dass sie als Angestellte die Menschen durchschaut und sich zu wehren weiß, sondern sie ist auch eine Person, die sich für andere stark macht. Wie sehr sie sich für Menschen einsetzt, zeigt sich, als es um die Zwangsheirat von Angelika geht. Toinette weiß von Angelika, dass sie einen anderen Mann liebt und diesen auch heiraten möchte, aber ihr Vater hat andere Pläne. Toinette verspricht Angelika, ihr zu helfen, doch das ist nur möglich, wenn sie Argan und seiner Frau vorspielt, dass sie ihrer Meinung sei.
    Als Argan den Toten spielt und die Reaktion seiner Frau schon kennt, kommt Toinette auf die Idee, dass er vorerst weiterhin den Toten spielen soll, um die Reaktion seiner älteren Tochter ebenfalls kennenzulernen. Angelika ist in diese Pläne nicht eingeweiht und somit ist ihre Reaktion auf den vermeintlichen Tod ihres Vaters echt. Sie gerät sofort in tiefe Trauer und bereut, dass sie nicht die Heiratswünsche ihres Vaters erfüllt hat und ist bereit, auf ihren Liebhaber zu verzichten. Als ihr Vater diese Worte hört, willigt er in die Heirat des Liebhabers ein.


    In dieser Ballettkomödie gibt es demnach zwei Handlungsstränge, nämlich einerseits der Hypochonder Argan und die Heirat von Angelika.
    Auf den ersten Blick könnte man meinen, dass Molière einen Hypochonder darstellen möchte, doch tatsächlich geht es ihm um die Kritik der Ärzte in seiner Zeit. Natürlich kann man den Stand der Medizin zu Lebzeiten von Molière nicht mit unserem heutigen Stand vergleichen, dennoch gab es durchaus Fortschritte und auch Erkenntnisse. Diese Fortschritte wollten aber viele Ärzte nicht anerkennen und hielten an antiken Vorstellungen fest. Diese antiquierte Denkweise wird in der Rolle Thomas (Sohn des Arztes Diafoirus) deutlich. Bei der arrangierten Begegnung von Thomas und seinem Vater, Argan und seiner Tochter Angelika, sowie der Liebhaber von Angelika und Toinette, zeigt sich diese Denkweise. Als Thomas aufzeigen möchte, wie schön Angelika ist, nimmt er Bezug zur antiken griechischen Mythologie. Dieser Bezug ist schon ein Hinweis auf seine Einstellung. Deutlicher wird es, als der Vater von Thomas in seinem Beisein über seinen Sohn und seiner Weltanschauung spricht: „Seine Diskussionsführung ist unerbittlich, auf seinen Grundsätzen besteht er wie ein Moslem, von seiner Meinung weicht er keinen Deut, und einen Beweis führt er durch bis in die letzte Ecke der Logik. Aber am meisten gefällt mir an ihm, dass er, meinem Beispiel folgend, bedingungslos am Alten festhält und niemals auch nur hinhörte, wenn die sogenannten Entdeckungen unseres Jahrhunderts ihre Argumente und Erfahrungen aufmarschieren ließen, egal, ob es sich um den Blutkreislauf oder anderes Wissensgut aus dieser Schublade handelt.“(vgl. S. 36 f.) Das wahre Gesicht der Ärzte wird an folgenden Worten deutlich: „Ehrlich gesagt, ich habe immer gefunden, dass sich unsereins bei den einfachen Leuten besser stellt als bei den Großen der Welt. Die einfachen Leute sind doch prima. Für das, was man tut, muß man keinem Rede und Antwort stehen. Und solange man sich an die Standesregeln hält, kann einem nichts passieren, egal, was passiert. Und bei den Großen, nichts als Unannehmlichkeiten. Kaum sind sie krank, dann wollen sie auch noch, dass ihre Ärzte sie heilen.“(vgl. S. 37 f.) Bei diesen beiden Zitaten wird die Ablehnung des Fortschritts deutlich, aber auch worum es tatsächlich geht, nämlich es geht gar nicht darum, Menschen zu einer Heilung zu verhelfen, sondern um das Geld. Im Anhang des vorliegenden Buches wird es auf die Einstellung vieler Ärzte in der damaligen Zeit auf den Punkt gebracht: „Man muss wissen, dass kaum ein Berufsstand durch gelehrtes Getue, lächerliche Aufmachung, Anmaßung und borniertes Festhalten an alten Lehrmeinungen soviel Ärgernis und erregte wie die Ärzte der Zeit.“(vgl. S. 99)
    Molière kritisiert einerseits diejenigen, die sich ihre Krankheiten einbilden, andererseits kritisiert er die Verhaltens- und Denkweisen der Ärzte seiner Zeit. Ich könnte mir aber vorstellen, dass noch eine weitere Kritik dabei ist. Wie man im Anhang lesen kann, stand Molière in der Gunst des französischen Königs Ludwig XIV.. Außerdem kann man dort nachlesen, dass dieser König ebenfalls eine Art Hypochonder war. Als dieses Stück am 17. Februar 1673 von Molière – er spielte dabei den Argan selbst – aufgeführt wurde, nahm das Leben an diesem Spiel teil, denn Molière war zu diesem Zeitpunkt schwer krank, bekam während der Aufführung einen enormen Hustenanfall und starb wenige Stunden später. Für mich stellt sich die Frage, ob nicht Molière mit diesem Stück auch seinem König zeigen wollte, wie es sich tatsächlich verhält: Der König ein Hypochonder und er, Molière, der wahre Kranke. Doch sein König war mit aller Wahrscheinlichkeit so sehr mit seinen eigenen Krankheiten beschäftigt, dass er seine direkte Umgebung und deren Probleme nicht wahrnahm. Diese Kritik an den König wird wenn überhaupt, nur der König selbst und vielleicht noch der ein oder andere aus der unmittelbaren Umgebung des Königs verstanden haben. Vielleicht wurde Molière durch das Verhalten des Königs mit seinen vermeintlichen Erkrankungen und das Verhalten der Ärzte zu diesem Stück inspiriert.



    Das vorliegende Buch aus dem Suhrkamp-Verlag enthält nicht nur die Tragikomödie selbst, sondern darüber hinaus wird teilweise am Rand der jeweiligen Zeile eine kurze Erläuterung oder Übersetzung in die heutige moderne Sprache angegeben, ein tabellarischer Lebenslauf von Molière ist im Anhang. Zudem gibt es im Text durch besondere Zeichen gekennzeichnet, im Anhang zu bestimmten Sachverhalten weitere Erläuterungen. Im Anhang findet man Erklärungen und Darstellungen zur damaligen Zeit, darüber hinaus wird die Wirkungsgeschichte dieses Stücks in Deutschland aufgezeigt.
    Durch diesen Anhang wird es dem interessierten Laien leicht gemacht, dieses Stück zu lesen und zu verstehen und wie die Literaturwissenschaft diesen Text einordnet.


    Ich habe dieses Stück gerne gelesen, vor allem finde ich die Rolle der Toinette sehr interessant. Des Weiteren gibt es viele Stellen, an denen man herzhaft lachen kann. Wenn Sie also mal wieder was zum Lachen brauchen oder zum Nachdenken oder sich mal wieder über ihren Arzt ärgern, oder, oder, oder, dann lesen Sie dieses Stück.

    Ich bedanke mich ebenfalls für Deine Rezension.


    Diese Autorin hat auch noch andere tolle Bücher geschrieben, wie beispielsweise "Simpel". Das Buch "Simpel" ist nun wirklich kein Thriller, aber ebenfalls ziemlich gut und auch in diesem Buch ist nichts von einem "melancholischen Touch" (um Dich zu zitieren :-)) zu finden, im Gegenteil, sehr erheiternd und es zeigt, wie simpel man mit geistig behinderten Menschen umgehen kann.


    Liebe Grüße :wave

    Ausrangiert und vergessen?


    Viele von uns kennen das Märchen „Die Bremer Stadtmusikanten“. Dieses Märchen unter diesem Titel ist durch die Brüder Grimm berühmt geworden. Wie viele Märchen ist auch dieses schon ziemlich alt, denn beispielsweise wurde es nachweislich 91 v.Chr. bei den Alten Römern schon erzählt und aufgeschrieben.


    In dem Märchen geht es um vier Tiere, die es bei den Menschen nicht mehr ausgehalten haben und nun ihre eigenen Wege gehen. Sie wollen in eine ferne Stadt ziehen, um ihren Lebensunterhalt als Musikanten zu verdienen. Auf dem Weg in diese Stadt treffen sie auf Räuber, die sich in einer Hütte aufhalten. Da die Tiere sehr müde und hungrig sind, haben sie ein großes Interesse daran, in diese Hütte hinein zu kommen. Aber wie kann man diese Räuber am besten verjagen? Diese Tiere kommen auf die Idee, eine Art Räuberleiter zu bauen und beginnen mit einem wilden Geschrei, so dass die Räuber vor lauter Furcht die Hütte verlassen und die Tiere Einzug nehmen können.


    Wie ich schon eingangs erwähnte, gibt es dieses Märchen schon lange, natürlich mit unterschiedlichen Varianten. Diese unterschiedlichen Varianten existieren bis heute in den verschiedenen Kulturräumen, aber der Kern dieses Märchen ist überall gleich. Heutzutage ist dieses Märchen, dank der Brüder Grimm, allgemein unter dem Titel „Die Bremer Stadtmusikanten“ bekannt. Das war und ist nicht immer so.
    Das dieses Märchen so lange die Zeiten überdauert hat und zudem in sämtlichen Kulturräumen zu finden ist, liegt vielleicht daran, dass wir Menschen uns angesprochen fühlen, denn wer hat nicht schon mitbekommen, wie alte und kranke Menschen aus dem Arbeitsleben verdrängt, gesellschaftlich an den Rand gedrängt werden und sie sich überflüssig fühlen. Es scheint so, als würden sie nicht mehr gebraucht und wer träumt dann nicht davon, auszureißen und sich was Eigenes zu suchen.
    In welchen unterschiedlichen Varianten dieses Märchen existiert, kann man in der Mappe „Die Bremer Stadtmusikanten in 20 Sprachen“ nachlesen. Das besondere an dieser Mappe ist, dass dieses Märchen in der jeweiligen Sprache erzählt wird. Von daher kann es beispielsweise gut im Unterricht eingesetzt werden, vor allem dann, wenn Kinder mit unterschiedlichen Sprachen in einer Klasse sitzen. Aber auch für Literaturwissenschaftler kann diese Mappe interessant sein.
    Die Zeichnungen auf der jeweiligen Vorderseite einer Sprache sind von Kindern erstellt worden.
    Für Lehrer, die dieses Märchen gerne in ihrem Unterricht einsetzen möchten, gibt es Anregungen, wie man es machen könnte. Zudem kann man die verschiedenen Märchen gut kopieren, da sie alle im DIN-A-4 Format sind und jede Sprache kann einzeln aus der Mappe entnommen werden.
    Des Weiteren ist eine kleine Literaturliste zu finden mit dem Schwerpunkt der vielfältigen Sprachen in einer Klasse.


    Insgesamt kann man sagen, dass diese Mappe Auskunft über dieses Märchen im allgemeinen gibt und insbesondere einen guten Beitrag zum interkulturellen Unterricht leistet, bzw. man kann dieses Märchen Kindern ab 4 Jahre auch gut in einer Kindertageseinrichtung anbieten.



    Folgende Sprachen sind in diesem Buch vertreten (neben deutsch):
    o Albanisch o Kroatisch o Slowakisch
    o Arabisch o Kurdisch o Spanisch
    o Englisch o Portugiesisch o Suaheli
    o Französisch o Rätoromanisch o Tamilisch
    o Griechisch o Rumänisch o Türkisch
    o Hebräisch o Russisch
    o Italienisch o Serbisch (kyrillisch)

    Der ganz normale Wahnsinn


    Unser Leben sieht im Normalfall folgendermaßen aus: Man wird geboren, kommt in den Kindergarten, anschließend besucht man die Schule und danach absolviert man eine Ausbildung. Viele von uns gründen dann eine Familie, also ein ganz normales Leben mit Höhen und Tiefen. Aber wie viel Normalität verträgt der Mensch? Soll man sich der Normalität beugen?


    In dem Roman „Die Welt der schönen Bilder“ von der französischen Autorin Simone de Beauvoir (09.01.1908 – 14.04.1986, vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Simone_de_Beauvoir) beschreibt eine ganz normale Familie, die in Paris lebt. Im Mittelpunkt steht eine Frau und aus ihrer Perspektive wird erzählt.
    Der Roman beginnt im Oktober in irgendeinem Jahr und es wird schnell deutlich, dass die Protagonistin Werbefachfachfrau ist, sie hat also dafür zu sorgen, dass ein bestimmtes Produkt durch ihre Hilfe möglichst gut verkauft wird. Durch ihren Beruf ist sie in der Lage, Werbeslogans ihrer Kollegen schnell zu durchschauen.
    Sie hat zwei Töchter, Louise und Catherine. Zu Catherine hat sie eine besondere Beziehung. Sie ist verheiratet mit einem Mann, der gesellschaftlich anerkannt ist. Sie leben im gutsituierten Milieu. Neben ihrem verheiraten Mann pflegt sie eine Affäre, weil sie den Eindruck hat, dass sie mit ihrem Geliebten all das bekommen kann, was sie scheinbar von ihrem Mann nicht erwarten kann, aber an Trennung denkt sie nicht, dafür ist die gesellschaftliche Anerkennung ihr zu wichtig. Der Schein muss bewahrt bleiben. Ihre Eltern leben getrennt. Ihre Mutter lebt gerne auf „großem Fuß“ und sucht nach gesellschaftlicher Anerkennung. Ihr Vater ist das genaue Gegenteil: Er lebt gerne zurückgezogen, liebt Kultur in jeglicher Hinsicht und hat Mitleid für Menschen, denen es nicht besonders gut geht.
    Zunächst verläuft das Leben dieser Protagonistin in normalen Bahnen, doch das Bild beginnt zu bröckeln. Deutlich wird dies vor allem an ihrer jüngsten Tochter Catherine, denn diese Tochter beginnt tiefschürfende Fragen zu stellen und dann bringt sie auch noch eine Freundin nach Hause, die etwas älter ist als sie und sich mit vielen Dingen beschäftigt. Diese Freundin färbt auf Catherine ab. Lange Zeit war Catherine Klassenbeste, doch mit Beginn der Freundschaft lassen ihre Schulnoten nach. Dem Vater ist dies gar nicht Recht und er fordert, dass Catherine zu einer Psychologin gehen soll. Die Protagonistin sträubt sich zunächst dagegen, doch in einem schwachen Moment stimmt sie dem zu. Ihre Tochter beginnt mit der Therapie, als die Protagonistin mit ihrem Vater in Griechenland Urlaub macht. Die Psychologin stellt fest, dass Catherine an und für sich seelisch gesund sei, aber die Freundin sei schädlich. Das ist „Wasser auf den Mühlen“ und der Vater des Kindes fordert auf der Stelle, dass alles daran gesetzt werden muss, um die Freundschaft der beiden Kinder zu einem Ende zu bringen. Da beginnt die Mutter von Catherine dagegen zu revoltieren und setzt sich am Ende damit durch.



    Der Roman beginnt zunächst völlig harmlos und plätschert scheinbar vor sich hin. Die einzelnen Rollen werden nach und nach vorgestellt. Ab dem Moment, wo die Protagonistin mit ihrem Vater in Griechenland verweilt, nimmt der Roman Fahrt auf und mit einem Mal werden die Rollen sehr deutlich.
    Die Eltern der Protagonistin haben in der Rollenfestlegung zunächst eine klare Trennlinie: Die Mutter scheint sehr oberflächlich zu sein und immer darauf bedacht, nur die Beziehungen einzugehen, die ihr einen Vorteil verschaffen. Der Vater hingegen ist das Ideal, er liebt Bücher, die Philosophie und hat einen Faible für alte Kulturen. Er ist für seine Tochter immer da. Sie himmelt ihn förmlich an.
    Desto mehr die Protagonistin erkennen muss, dass ihr gesamtes Umfeld darauf bedacht ist, den Normen zu entsprechen, desto mehr idealisiert sie ihren Vater, aber auch dieses Bild des hohen Ideals bricht in Griechenland zusammen, also genau in dem Staat, was die Wiege der europäischen Kultur sein soll. In diesem Land hat beispielsweise der bekannte Philosoph Sokrates gelebt. Des Weiteren lebt dieses Land von seiner alten Kultur und jeder, der was auf sich hält, fährt nach Griechenland.
    In Griechenland muss sie erkennen, dass ihr Vater ein Intellektueller sein möchte und nur deshalb die alte Kultur liebt und dass eben auch ihr Vater auf seine Weise den gesellschaftlichen Normen entsprechen will und er letztendlich von der Lebenseinstellung seiner ehemaligen Frau nicht weit entfernt ist. Besiegelt wird die Lebenseinstellung ihrer Mutter und ihrem Vater dadurch, dass die beiden beschließen, wieder zusammenleben zu wollen. Die Erkenntnis über ihren Vater werden in kleinen unscheinbaren Worten eingeleitet, denn beispielsweise beschreibt sie die Mauer der Akropolis mit orangefarbenen Licht (vgl. Seite 106) und orange gilt als Farbe der Wandlung.


    Lange Zeit sieht es so aus, als würde die Protagonistin ein eher schwacher Mensch sein, der sich fügt und ihr Vater scheint der Mensch zu sein, der auf gesellschaftliche Normen pfeift. Aber auch dieses Bild stimmt nicht, denn ihr Vater ist im entscheidenden Moment ein schwacher Mensch, der Auseinandersetzungen scheut und sie ist die Starke. Das Starksein wird sehr deutlich, als sie beginnt, um ihre jüngste Tochter zu kämpfen und alles daran setzt, dass ihre Tochter Catherine nicht dasselbe Schicksal erleidet, wie sie, nämlich unempfindlich zu sein für Mitmenschen in Not. Sie möchte nicht, dass aus ihrer Tochter ein „schrecklicher Tod ohne Leiche“ (vgl. Seite 108) wird.
    Das Mitleid für Menschen, die in Not sind, so wie es ihr Vater hat, gilt auch nur solange, wie diese Menschen räumlich und gesellschaftlich weit entfernt sind und man daran auch nichts wirklich ändern kann. Wenn es aber Menschen sind, die in irgendeiner Weise sich in unmittelbarer Umgebung aufhalten und in Armut leben, idealisiert der Vater diese Armut mit dem Argument, dass diese Menschen vom Geld noch nichts wissen und deshalb die Werte noch nicht verloren haben. Die Protagonistin sieht ebenfalls diese armen Menschen und sie sieht auch, dass genau jene Menschen, die ihr Vater als zufrieden betrachtet, eben nicht zufrieden sind und sie fragt sich bzw. sie würde gerne ihren Vater fragen, „wo er denn nun tatsächlich Leute getroffen hatte, die ihre Armut glücklich machte.“ (vgl. Seite 111).



    Die Autorin Simone de Beauvoir zeigt in diesem Roman, dass sie eine gute Beobachterin ist, dass sich einerseits in den verschiedenen Rollen zeigt, die sehr treffend beschrieben werden, andererseits aber auch in dem, was sie für die Zukunft sieht. Immer wieder lässt sie den Mann der Protagonistin sprechen, der die Zukunft als sehr rosig sieht und glaubt, dass mit Hilfe der fortschreitenden Technik sämtliche Probleme dieser Welt gelöst werden können. Die Autorin selber sah dies mit einer gewissen Skepsis und lässt die Protagonistin sagen: „Bald wird die Technik uns wie die Natur selber vorkommen, und wir werden in einer völlig unmenschlichen Welt leben.“ (vgl. Seite 29). Bei diesen Anmerkungen seitens der Autorin ist zu bedenken, dass sie die Weitsicht, was in unserer heutigen Zeit sein wird, schon in den 60er Jahren hatte, denn dieser Roman ist 1966 das erste Mal unter dem Titel „Les Belles Images“ veröffentlicht worden. (vgl. http://www.hdg.de/lemo/html/bi…auvoirSimoneDe/index.html)


    Der Leitsatz dieses Romans ist: „Man glaubt an einem Menschen zu hängen: man hängt an einer bestimmten Idee von sich selbst, an einer Illusion von Freiheit oder von etwas Unvorhergesehenem, an Wahnbildern.“ (vgl. Seite 24).