Beiträge von Filtertuete

    Ann-Sophie Kaisers historischer Roman "Unter den Linden 6" erzählt die spannenden, vielfältig informativen und berührenden Erlebnisse der höchst unterschiedlichen jungen Freundinnen Lise (Meitner, historisch), Anni und Hedwig (beide fiktiv) im Berlin der Jahre 1907 - 1915.

    Er verfügt über ein interessantes Nachwort und eben solche Innenklappen, Titel und Bild passen (wobei ich auf einer anderen Ausgabe ein mich wesentlich mehr ansprechendes Bild sah, auf dem keiner der drei Freundinnen der Kopf halbiert wurde).

    Inhaltlich sprach er mich ungemein an.

    Leider bestätigten mir Google bzw. Wikipedia einige meinen Lesefluss störende mehr oder weniger grobe Schnitzer wie beispielsweise das Absingen des Deutschlandliedes, obwohl bis 1918 die Kaiserhymne galt und die Verwendung des eigentlich recht gut in die damalige Zeit passenden Ausdruckes "Mich dünkt" (in etwa "Mir scheint/kommt es so vor..."), der sich jedoch von "Denken" ableitet und nicht von Kompost oder Gülle und deshalb auch nicht "düngt" geschrieben wird!.

    Schade, der informative und unterhaltsame Einblicke sowohl in den damaligen Stand der physikalischen Forschungen als auch in die frühen emanzipatorischen Bemühungen u. a. um gleiche Bildungschancen gewährende Roman wäre bei einem sorgfältigeren Lektorat durchaus ein Anwärter auf mein Jahreslesehighlight 2020 gewesen...

    Biyon Kattilathus Sachbuch "Weil jeder Tag besonders ist: Dein Tagebuch (Graefe und Unzer Verlag GmbH Mind & Soul Einzeltitel)" bot mir weder sonderlich viel Neues (beispielsweise kannte ich viele seiner Tagessprüche und die Geschichten zu den 3 Sieben oder den tausend Spiegeln) noch bisher die Möglichkeit des Ausprobierens seiner Thesen (die ganze Angelegenheit ist auf ein halbes Jahr angelegt ), aber die Lektüre als solche genügte mir durchaus, um einen positiven Eindruck zu gewinnen.

    Zwar gibt es schon sehr viele derartige Ratgeber, aber für diesen spricht neben einem gut durchstrukturierten Aufbau die sowohl originelle als auch sympathische Weise der Präsentation.

    Statt der "Herzchen" hätte ich allerdings die Angabe von Seitenzahlen vorgezogen. Positiv: Ein Lesebändchen war mit von der Partie.

    Mangels technischer Möglich- und Fähigkeiten konnte ich nie via "Kopfscannen" irgendwelchen angepriesenen Schnickschnack mitmachen, mangels Interesse verzichtete ich auch auf das Ausmalen von Mandalas.

    Ich glaube, dass interessierte Leser bei konsequenter "Anwendung" (Mo. - Fr. morgens und abends je ca. 2 Minuten) Einiges aus diesem Buch für ein besseres Leben mitnehmen können.

    Nach Entfernung des m. E. aus umweltlicher Perspektive überdenkenswerten Folienumschlages bedurfte das Buch einer gründlichen "Lüftung".

    Der Titel passt, der Einband ist dezent.

    Den lobenden Anmerkungen hier kann ich mich nur bedingt anschließen, denn leider entsprach die Lektüre von Kent Harufs - wie bei Diogenes üblich, mit einem mich überaus ansprechenden Coverbild versehenen - Roman "Kostbare Tage" ganz und gar nicht meinen hohen Erwartungen.

    Zwar hatte ich zuvor noch kein Buch dieses Autors gelesen, aber sehr viel Lob über seine "Holt"-Geschichten, hauptsächlich jedoch über sein zuletzt veröffentlichtes Werk über die beiden älteren Liebesleute gehört.

    Zuerst einmal störte meinen Lesefluss erheblich, dass die wörtliche Rede nicht in sog. "Gänsefüßchen" gesetzt ist.

    Darüber hinaus reihten sich kurze Szenen mit immer neuen Personen für mich zu oft zusammenhanglos aneinander.

    Vielleicht liegt das ja daran, dass ich keines der vorausgegangenen "Holt"-Bücher gelesen habe...

    Überaus nachhaltig berührt hat mich allerdings die Schilderung der dem Sterben des Protagonisten unmittelbar vorausgehenden Stunden!

    Weil ich das vor einigen Jahren gelesene Cora Stephan-Buch "Ab heute heiße ich Margo" wenn auch nicht mehr in Einzelheiten, aber insgesamt als beeindruckend in Erinnerung hatte, war ich auf den Nachfolger "Margos Töchter" besonders gespannt.

    Anfangs erwog ich dann jedoch überraschenderweise einige Male den Abbruch: So viele Namen/Personen, die Schilderungen einer auf dem Selbstfindungstrip befindlichen Nachkriegs- Tochter aus gutsituierter Familie, all das zog und zog und zog sich. Irgendwann nahm die Geschichte dann an Fahrt auf, und zwar sowohl emotional als auch den historischen Hintergrund betreffend. Das Ende wiederum war zwar schlüssig, wirkte auf mich dennoch ein wenig konstruiert, denn nahezu jeder der Hauptakteure arbeitete irgendwann für Stasi/MfS.

    Bedauerlicherweise ist es mir nur sehr eingeschränkt möglich, die in der ersten Rezension gezeigte Begeisterung nachzuempfinden.

    Im Gegenteil, gäbe es den Bernhardinerhund "Bernhard", den bis kurz vor Buchende treuen Begleiter des Dorfpolizisten des Tiroler Örtchens Stubenwald, Bernhard Franz, nicht, ich hätte vermutlich die Lektüre von Joe Fischlers Regionalkriminalroman "Ein Fall für Arno Bussi 2 - Die Toten vom Lärchensee" abgebrochen.

    Schon die Frage, was das Dessertschüsselchen auf dem Titelbild mit dem Inhalt der Geschichte denn zu tun haben soll, erschließt sich mir nicht, zumal der menschliche Protagonist, Gruppeninspektor Arno Bussi, der vom Innenminister Qualtinger höchstpersönlich zwecks Ermittlung in einem sog. "cold case" in die trügerische Idylle abkommandiert wurde, (über?) deutlich erkennbar eine Vorliebe für Käsesahnetorte hegte.

    Positiv erwähnt zu werden verdient hingegen die Ortsskizze auf den Coverinnenseiten.

    Anfangs gab es tatsächlich einigen allerdings leider zunehmend gewollt wirkenden charmanten österreichischen Schmäh, versetzt mit kleinen Seitenhieben auf die "Piefkes", aber dann zogen und zogen die Ermittlungen sich immer mehr in die Länge, so dass ich immer öfter unterbrach. Deshalb kann ich mich nicht erinnern, so viele Tage an einem nur gut 300 Seiten umfassenden Buch gelesen zu haben.

    Note 1 für "Die Schule am Meer"

    Autorin: Sandra Lüpkes

    Titel: Die Schule am Meer

    Meine Meinung:

    Titel und -Bild passen auf den Punkt und ich betrachtete auch gern die Fotos auf den vorderen und hinteren Umschlagseiten. Als ich gerade daran dachte, dass man eigentlich der guten Karl May-Sitte der Originalbände folgend dort auch eine Landkarte hätte unterbringen können, entdeckte ich die Skizze des Schulgeländes vorn.-

    Erzählt wird die wahre Geschichte einer von Mitte der Zwanziger bis Anfang der Dreißiger Jahre des letzten Jahrhunderts auf der Nordseeinsel Juist existierenden ganz besonderen Schule.

    Einige bekannte Namen finden Erwähnung, z. B. die beiden Zuckmayer-Brüder, Erich Kästner und Alfred Döblin, auch die Beschreibungen des regionalen Flairs und der Bedrohung durch den aufziehenden Nationalsozialismus sowie natürlich im Zusammenhang mit Alltag und Unterricht stehende Einblicke z. B. in Flora, Fauna und Musik sprachen mich sehr an.

    Aufbau und Erzählstil ermöglichten es, gut folgen und Anteil am Schicksal der handelnden realen und fiktiven Personen aus unterschiedlichsten gesellschaftlichen Schichten nehmen zu können.

    Auch sehr interessant finde ich die Erläuterungen zum erzählten Geschehen, welche Personen der Fantasie der Autorin entsprangen und wo sie warum von tatsächlichen Ereignissen in welcher Hinsicht abgewichen ist. Und natürlich, wie es den Hauptakteuren nach Romanende erging.

    Ein wirklich sehr empfehlenswertes Buch!


    (Berliner) Luft nach oben

    Autorin Charlotte Roth (Lyne, Lobato, Klausen u. a.) setzt in ihrem Roman "Die Königin von Berlin" einer in Vergessenheit geratenen interessanten Frau ein mich nur teilweise überzeugendes Denkmal: Schauspielerin Carola (Karoline) Neher, die als "Königin von Berlin" bekannt gewordene erste "Polly Peachum" aus Bertolt (Eugen) Brechts "Dreigoschenoper".

    Obwohl die Autorin es in ihrem Vorwort ausdrücklich abstreitet, trägt dieser Roman Recherchen bei google und Wikipedia zufolge deutliche biografische Züge. Neben einem Nachwort gibt es auch ein informatives Glossar und ein Lesebändchen.

    Nach den mich nicht überzeugenden Lobatobüchern schließt dieses Buch zwar an die meinen Geschmack eher treffenden Lynebücher und (einige) Rothbücher an, - weist jedoch leider auch Schwächen auf:

    M. E. ist der Focus zu wenig auf die Titel"heldin" und ihre Arbeit gelegt und gleitet trotz einiger Bezüge auf den politischen Hintergrund zu sehr auf die amourösen und teilweise sadistisch bzw. masochistisch anmutenden Beziehungen mit dem Egomanen Brecht und dem nahezu unerträglich verächtlich behandelten treuen kranken ersten Ehemann Alfred Georg Hermann „Fredi“ Henschke, genannt Klabund (Mischung aus "Klabautermann" & "Vagabund") ab.

    Auch die im 50 Jahre später angesiedelten provinzlerischen zweiten Handlungsstrang erzählte Pseudo-Romanze erscheint mir durchaus verzichtbar.

    Viele einstmals große Namen werden erwähnt: Lotte Lenya, Kurt Weill, Frank Wedekind, Lion Feuchtwanger, Elisabeth Bergner, Friedrich Hollaender, Fritzi Massary, Marlene Dietrich...

    Insgesamt ein interessantes Buch über interessante Menschen, was aber noch viel "Berliner Luft" nach oben zeigt.

    Amazonenbuchdetails:

    https://www.amazon.de/Die-Königin-von-Berlin-Bertolt/dp/3426282321/ref=sr_1_1?__mk_de_DE=ÅMÅ´ÕÑ&keywords=Die+Königin+von+Berlin&qid=1583008773&sr=8-1

    Thomas Persdorfs in der Zeit der Weimarer Republik in Berlin angesiedelter historischer Roman "Quintus und der Feuerreiter" ist nach "Entlang des Großen Krieges" und "Das V der Kraniche“ der in sich abgeschlossen und auch durch gelegentlich wohl dosiert eingeschobene rückblickende Informationen allein gelesen verständliche Abschlussband einer Trilogie um den hochbegabten Quintus Schneefahl.

    Das 496 umfassende Taschenbuch ist im Januar 2020 im Shaker Verlag unter der ISBN 978-3-95631-734-7 erschienen

    Darin treffen wir neben dem sowohl auf politischen als auch auf amourösen Pfaden wandelnden fiktiven Protagonisten auf viele berühmte Namen aus Politik und Kultur wie Schleicher, Papen, Hindenburg, Hohenzollern, Ebert, Marlene Dietrich, Rosa Luxemburg, Liebknecht, Sauerbruch, Goebbels und Hitler und erhalten informative bis anrührende Einblicke in das Leben verschiedener Gesellschaftsklassen und Milieus.

    Ich hätte mich trotz Vor- und Nachwort sowie Erläuterungen über ein in fiktive und reale Personen aufgeteiltes Personenverzeichnis gefreut und stolperte über manche Formulierungen, die ich in der damaligen Zeit noch nicht vermutet hätte, mehrfach fehlende erste oder abschließende Gänsefüßchen sowie einige Groß- und Kleinschreibefehler im Hinblick darauf, ob da jemand an- oder von ihn gesprochen wurde.

    Dies, die vielen Personen und vor allem die Komplexivität des Themas vereinfachte die Lektüre nicht, aber - durchhalten lohnt...

    Dieses Buch hat mich zutiefst beeindruckt!
    Nicht nur, dass die Autorin eindrucksvoll zu erzählen versteht, wie schwer der Kampf gegen die Alkoholsucht ist, nein, sie vermittelt ihrer Leserschaft gleichzeitig interessante Eindrücke von ihrem Leben auf den unwirtlichen Orkney-Inseln im Norden Schottlands, berichtet von ihren Begegnungen mit verschiedenen Tierarten und von ihren sportlichen Aktivitäten in Form von ausgedehnten Wanderungen und Schwimmen im kalten Meer.
    Das Aufschreiben war für sie bestimmt Bestandteil einer Art Selbsttherapie.
    Ich hoffe für sie, dass sie es schafft, trocken zu bleiben. Indem sie sich bewusst gemacht hat, dass der trockene Alkoholiker trotzdem ein Leben lang der Versuchung widerstehen muss, ist bereits ein wichtiger Schritt erfolgt.
    Die Inselskizzen rundeten das Buch ab, das Cover passt gut, der Titel auch.
    Volle Punktzahl und eine uneingeschränkte Leseempfehlung!

    Helga Hammer erzählt hier, wie sie im Nachwort erklärt, die mit Fiktion angereicherte wahre Geschichte einer Freundin.
    Sie tut dies in einem Schreibstil, der mir gut gefallen hat.
    Das Coverbild kann ich auf Anhieb nur mit einer einzigen und dazu noch sehr kurzen Szene in Verbindung bringen, zur Zeit der meisten und bedeutendsten Ereignisse passt es aber und ansprechend finde ich es auch.
    Von dem hier bereits thematisierten letzten Satz kann ich das nicht sagen
    (@ Eskalina: :write :anbet :grin:wave ).
    Der Titel hätte vielleicht eher "Durch alle Betten" oder "Durch alle Fettnäpfchen" heißen sollen, denn so sehr mich das Schicksal der Protagonistin Elisabeth auch anfangs zu lebhaftem Mitleid anregte, so weniger Verständnis konnte ich ihr im weiteren Verlauf entgegen bringen.
    Erste Risse bekam mein positives Bild von ihr, als es um das junge Mädchen Gerhild ging, von dem sie ganz genau wusste, dass ihr eigener brutaler Ehemann sich an ihm schadlos halten würde, da sie selbst ihren ehelichen Pflichten nicht mehr nachkam, und das sich dann das Leben nahm.
    Auch ihr Verhalten dem ihr sehr zugetanen behinderten Martin gegenüber stieß mich ab. Erst ihn schnell in eine Ehe locken, damit sie ihm das Kind eines anderen Mannes unterschieben konnte, und sich dann, hochschwanger mit dem nächsten Kind, das auch von einem anderen ist, beim Liebesspiel mit eben jenem von Martin überraschen zu lassen... das hat schon ein "Geschmäckle".
    Aber ich möchte nicht zu viel verraten.

    "Wildfutter" war mein erstes Buch von Alma Bayer.
    Das ins Auge fallende originelle Cover weckte meine Neugier und deutete auf eine witzige Geschichte hin.
    Als Parodie fasste ich denn auch das ganze dort erzählte Geschehen auf.
    Dies wurde zweifellos gut umgesetzt, denn Lokalkolorit, Fußballthematisierung und Humor sprachen mich an.
    Frau Bayer verheddert sich meiner Einschätzung nach jedoch bedauerlicherweise in etlichen unnötigen Wendungen, ferner hätte eine differenziertere Auswahl der Namen einiger "Fußballmütter" definitiv zum besseren Verständnis und ein gründlicheres Lektorat zur Vermeidung diverser Logik- und Schreibfehler beigetragen.
    6 Punkte

    Mich hat dieses Buch sehr beeindruckt!
    Die Abdeckung mehrerer Genres (Historienschmöker, Liebesroman, Kriminalroman, Spionageroman, Milieustudie, Familienroman, Frauenroman...) stellte eine gelungene Mischung dar.
    Die Präsentation in Form von abwechselnden Tagebuchnotizen und Briefen erwies sich als originell und unterhaltsam.
    Die Probleme der handelnden Personen traten deutlich, glaubwürdig und nachvollziehbar zu Tage: Da waren einmal die kriegsbedingten allgemeinen Alltagssorgen wie beispielsweise die Ängste um eingezogene Ehemänner, Söhne und Geliebte und die eingeschränkte Versorgungslage, aber auch die ganz persönlichen Belange wie die Bedeutung des Geschlechtes eines Neugeborenen, galt es doch, einen männlichen Erben zu produzieren.
    Oder eben der Frauenchor, die Rolle der Frau. Das gemeinsame Singerlebnis.
    Ein Leseerlebnis, das mich noch eine Weile beschäftigen wird.
    10/10 Punkten