Vincent
von Breumel
"Mama, können wir Vincent nicht adoptieren?"
Verblüfft sah Ines ihre fünfjährige Tochter an. "Wer ist denn Vincent?"
"Mein Freund!"
"Aber der hat doch bestimmt auch Eltern, die ihn liebhaben. Den können wir doch nicht einfach adoptieren!"
"Seine Mama und sein Papa sind schon lange tot."
"Das ist wirklich traurig. Aber er hat doch bestimmt jemanden, der sich um ihn kümmert."
"Nein, er ist ganz allein. Ich bin seine einzige Freundin."
"Wirklich? Gibt es denn keine anderen Kinder wo er wohnt?"
"Aber Mama, hier wohne doch nur ich!"
"Wie meinst du das?"
"Na, Vincent wohnt hier, und ich wohne hier. Aber sonst wohnen hier keine Kinder. Das weißt du doch!"
Eine kurze Gänsehaut fuhr Ines über den Rücken.
"Vincent wohnt hier?"
"Ja. Bei mir. Deshalb könnten wir ihn doch auch adoptieren." Maja strahlte sie an.
"Wo wohnt Vincent denn hier?"
"In meinem Zimmer natürlich."
"Und wo ist er jetzt?"
"Er ist gerade nicht da."
"Wann kommt er denn wieder?"
"Wenn ich schlafen gehe. Dann ist er immer da und hört mit mir die Gute Nacht Geschichte."
Ines atmete auf. Vincent musste so etwas wie ein imaginärer Freund sein.
"Da muss ich erst mit Papa drüber reden. Ich kann ja nicht einfach so ein Kind adoptieren. Vincent ist doch noch ein Kind?"
"Klar ist er das, er spielt doch auch mit mir! Obwohl er ganz schön alt ist."
"Wie alt ist er denn?"
"Ich weiß es nicht genau. Soweit kann ich nicht zählen… Aber er hat schon hier gewohnt, bevor wir hier gewohnt haben. Und vor den Leuten vor uns auch."
"Und er ist trotzdem ein Kind?"
"Ja. Er ist genauso groß wie ich."
Ines wusste nicht genau, wie sie damit umgehen sollte, aber vermutlich sollte sie es einfach akzeptieren. Sie könnte ja später in einem der Erziehungsratgeber nachschlagen, die sie irgendwann zu Beginn der Elternzeit gekauft hatte.
"Was macht ihr denn so zusammen?"
"Heute haben wir gemalt!" Freudig streckte Maja ihre Hände in die Höhe, auf denen Spuren von Farbstiften zu sehen waren.
"Wie wäre es, wenn Vincent und du jetzt Hände waschen und wir decken den Tisch. Papa kommt gleich, und dann gibt es Abendessen."
"Okay."
Als Daniel nach Hause kam, erzählte ihm Ines von Majas imaginärem Spielkameraden. Neugierig sprach er sie nach dem Essen an: "Mäuschen, ich habe gehört du hast einen neuen Freund?"
"Meinst du Vincent? Er ist nicht neu."
"Wie lange kennst du ihn denn schon?"
"Seit wir hier eingezogen sind."
"Und wo hast du ihn kennengelernt?"
"Er hat in meinem Zimmer gesessen und darauf gewartet, dass jemand mit ihm spielt."
"Und geht er auch in den Kindergarten?"
"Nein. Er muss immer hier im Haus bleiben."
"Aber warum das denn?"
"Weil er hier auf seine Familie wartet."
"Hast du Mama nicht erzählt, dass seine Eltern gestorben sind?"
"Ja. Aber er wartet darauf, dass sie ihn holen."
Daniel fröstelte unwillkürlich. Was war das für eine Geistergeschichte, die Maja sich da ausgedacht hatte? Hatte sie versehentlich etwas falsches im Fernsehen gesehen?
"So mein Schatz, ich glaube, es ist Zeit fürs Sandmännchen."
Freudig stürmte Maja aufs Sofa, während ihr Vater das Programm einstellte.
Nach dem Zähneputzen ging Ines an Majas Bett. Heute war sie dran mit Vorlesen. Dabei fielen ihr die Zeichnungen auf, die im Zimmer verstreut lagen. Liebevoll betrachtete sie jedes Bild. Auf einem hatte Maja sich selbst gemalt und mit Krakelschrift "MAJA" darunter geschrieben. Das nächste zeigte ihre Familie – Mama, Papa, Maja, und daneben stand ein blonder Junge. Dann sah sie es. Die Bilder fielen ihr aus der Hand. Zwischen all den Kindergartenzeichnungen lag ein sorgfältig gemaltes Portrait eines blonden Jungen, unter dem in Sütterlinschrift "Vincent" stand…
