Beiträge von John Dowland

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    Original von sylli7


    Ich hab das Buch heuer im Sommer gelesen. Es hat mir überhaupt nicht gefallen. Ich konnte mit diesen eigenartigen Figuren, eingebettet in eine ebenso eigenartige Geschichte absolut nichts anfangen, und weiß auch nicht, was das Genie dieses Joseph Conrad ausmacht. Lesen würde ich es deshalb nicht nochmals, aber wenn eine LR stattfinden sollte, lese ich die Kommentare sehr gerne mit. Vielleicht geht mir dann ja noch ein Licht auf.


    Herzlichen Dank für deine Antwort! Vielleicht ist das der Grund, warum niemand außer mir Interesse an dem Buch zu haben scheint... Mich fasziniert der Autor. Ein kurzer Blick in die Biographie zeigt, wie sehr Joseph Conrad an der Verwirklichung seiner Träume gearbeitet hat. Aufgrund dessen weiß er auch, wovon er schreibt (wenn es beispielsweise um die Schilderung seemännischer Sachverhalte geht.) Schließlich - das war bei Lord Jim der Fall: seine Hauptpersonen müssen Konflikte austragen, die das Maß des Üblichen bei Weitem übersteigen und eine nähere Betrachtung schon lohnen.

    Ich würde „Herz der Finsternis“ gern in einer Leserunde behandeln – am liebsten im Original, da ich mir nach der Lektüre von „Lord Jim“ gleich die entsprechende Penguin-Ausgabe zugelegt habe.


    Kurzbeschreibung:


    Im Zentrum der ca. 100 Seiten umfassenden Erzählung steht Marlow, ein Seefahrer und Abenteurer, der eine Expedition in den afrikanischen Dschungel anführt. Ziel der Reise ist die Begegnung mit dem geheimnisvollen Mr. Kurtz ...


    Das „Herz der Finsternis“ wird immer wieder als Vorbild („Assoziationspool“) für zahlreiche spätere Werke der Literatur und des Films identifiziert – zuletzt etwa in der Besprechung von Denis Johnsons Vietnamroman „Tree of smoke“ (dt. „Ein gerader Rauch“) in der ZEIT vom 30. Oktober 2008.


    Wir könnten die Leserunde ja so gestalten, dass ein Teil auf Englisch, ein Teil auf Deutsch mitmacht (falls überhaupt Interesse besteht, was ich natürlich sehr hoffe).


    Teilnehmer:


    siwa (deutsch)
    SteffiB (engl.)
    nofret78 (deutsch)
    Charlotte (deutsch)
    Anne Hertz 1 (engl.)
    Chilline (deutsch)
    John Dowland (engl.)

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    Original von kero-chan:


    oje, der Arme. Ob die Biographie dann so eine glückliche Lektüre wird???


    Ich fürchte, nein. Und dann dieser Rabe auf dem Grabstein! Als ob einer dem Guten am Ende nochmal kräftig einen mitgeben wollte... Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass das auf eigenen Wunsch hin geschah (denkbar wär´s aber auch, dazu weiß ich zuwenig über Poe Bescheid).

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    Original von Lesebiene:


    Ich habe gerade beide Versionen im Internet gegenüber gestellt. Im Original (auch in meinem Buch) endet der erste Absatz mit: Only this, and nothing more.' In der Übersetzung im Internet - Einer von den Kameraden


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    Original von milla:


    Die oben verlinkte, die ich gelesen habe, nur 18 Wow Aber da sind wahrscheinlich mehrere Strophen zu einer zusammengefasst


    Wenn Ihr die Übersetzung bei „onlinekunst“ meint (mit dem schönen vorangestellten Bild): die ist m. E. als deutsche Fassung nicht schlecht und enthält auch viele Details des Originals. Andererseits lehnt sich der Übersetzer (um die Reime hinzubekommen) mit seinen Formulierungen bisweilen ziemlich weit aus dem Fenster. Darüber hinaus wird einiges, was für das Verständnis des Gedichts notwendig ist, nicht deutlich genug gesagt oder schlicht weggelassen. Drei Beispiele:


    Erste Strophe: Als er das leise Klopfen an seiner Tür hört, vermutet der Erzähler zunächst, dass es sich um einen (unbekannten) Besucher handelt („´Tis some visitor´, I mutterered...“) Von einem „Kameraden“ ist weit und breit nicht die Rede. Der Begriff ist auch nicht gut. Er klingt viel zu soldatisch und weckt damit Assoziationen, die im Original nicht enthalten sind.


    Zweite Strophe: Hier wird beschrieben, womit der Erzähler gerade beschäftigt war, als er das Klopfen hörte. Im Original steht: „...vainly I had sought to borrow / from my books surcease of sorrow – sorrow for the lost Lenore –". Soll heißen: hier hat sich einer vergebens bemüht, die Trauer über die verlorene Geliebte durch das Studium seiner Bücher zu überwinden. Diese Bedeutung kommt in Strophe 2 der Übersetzung nicht rüber.


    Vorletzte Strophe: Im Original fleht der (völlig verzweifelte) Erzähler den Raben an, dessen „Schnabel“ aus dem eigenen Herzen zu ziehen („Take thy beak from out my heart, and take thy form from off my door!“) Vielleicht hab´ ich´s überlesen. Aber auch dieses wichtige Bild kommt in der Übersetzung nicht vor.


    Fazit: ich bin kein Anglist und meine Englisch-Kenntnisse mögen ein wenig von vorgestern sein. Aber das Ansinnen, Poes Gedichte in der deutschen Sprache zu reimen, halte ich für ziemlich gewagt. Und auch für die Leserunde ist es natürlich nicht gut, wenn die Texte zu stark differieren.

    Poe scheint ein Faible für das Bild gehabt zu haben, schwarze Kreaturen durch Fenster in die Stuben ihrer ahnungslosen Bewohner eintreten zu lassen – wobei diese hier nicht gerade sachte angeklopft hat... :wow


    Zunächst habe ich mich ein wenig auf den Arm genommen gefühlt. ?( Im Vordergrund der Geschichte scheint jedoch weniger der kriminalistische Aspekt zu stehen. Es geht um die Bewältigung einer vollkommen chaotischen Situation durch einen überlegenen Verstand. Auch ein eigentlich „undenkbares“ Geschehen lässt sich verstandesmäßig begreifen und vom Grunde her verstehen.

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    Original von milla


    Ich glaube dass jeder Süchtige in "klaren Momenten" mehr oder weniger Skrupel empfindet.


    Du hast Recht – Poe wird in klaren Momenten Skrupel empfunden haben. Und nach dem zu urteilen, was wir bisher gelesen haben, können solche klaren Momente nicht die Ausnahme gewesen sein: nach der zehnten Flasche Rotwein entstehen solche Texte nicht (oder ist da jemand anderer Auffassung?)


    Die Frage wäre, ob Poe seine Skrupel (ähnlich wie der Erzähler in William Wilson), gern abgelegt hätte. Ob er es, ebenso wie dieser, als Erleichterung empfunden hätte, von ihnen befreit zu sein... (Wobei mir allerdings der Kern der Geschichte im Aufzeigen dessen zu liegen scheint, wohin solch eine "Befreiung" führt.)


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    Original von milla


    Zitat (Quelle: wikipedia): Dass Poe in den USA so nachhaltig verdammt und als zügellos und alkoholabhängig hingestellt wurde, liegt unter anderem an seiner Verfeindung mit den führenden Literaten und Verlagen seiner Zeit, die er immer wieder in bissigen und harten Satiren angegriffen hatte. Sein von ihm selbst bestellter Nachlassverwalter, Rufus Wilmot Griswold, ein konservativer Christ, sorgte dafür, dass sich das Bild Poes als eines trunksüchtigen Sünders in den USA verfestigte.


    Das ist ein spannender Aspekt! Teil´ es doch bitte mit, wenn Du hier weiter fündig wirst!

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    Original von milla


    Was ich allerdings nicht verstehe, der Erzähler vermutet (doch ganz vernünftig), dass der Rabe möglicherweise nur dieses eine Wort "nimmermehr" gelernt hat und deshalb nur damit antwortet. Wenn er das aber tatsächlich annimmt, wieso stellt er dann diese existentiellen Fragen, die ihn so belasten und die der Rabe zwangsläufig mit "nimmermehr" beantworten muss? Damit stiehlt er sich doch selbst die Hoffnung und den Glauben.


    Damit hast Du recht. Der Rabe ist natürlich zunächst ein Eindringling; einer, dessen Ankunft der Erzähler nicht erwartet oder gar bestellt hat. Und diesem Eindringling haftet etwas Übernatürliches, Furcht und Angst Einflößendes an – der Erzähler versucht ja immer wieder (vergeblich), sich durch natürliche Erklärungsversuche zu beruhigen (es ist „nur ein Besucher“, es ist „nur der Wind“, nichts mehr...) Auch die Sache mit dem auswendig gelernten Wort ist vielleicht so ein Erklärungsversuch. Einmal hereingelassen, wird er den Raben aber nicht mehr los.


    Was der Rabe hier anrichtet und wofür er letzten Endes steht, ergibt sich für mich aus der Situation, in der sich der Erzähler gerade befunden hat – er berichtet ja, in alten Büchern Trost für die verlorene Lenore gesucht zu haben. Man kann darüber spekulieren, um welche alten Bücher oder „Lehren“ es sich hier gehandelt hat. Es mögen religiöse oder auch philosophische Werke gewesen sein. Dann käme mit dem Raben einer daher, der sein „Nimmermehr“ auch dem Ewigkeitsversprechen der Religion entgegenkrächzt. Und der Posten, den er da auf der Büste von Pallas Athene bezogen hat, stellt dann eine Verhöhnung philosophischer Heilsversprechen dar. (Man kann sich ja vorstellen, was er dort oben alles gemacht hat...) Es gibt kein Wiedersehen mit Lenore, so sehr „alte Lehren“ auch darüber hinwegtrösten mögen – das ist m. E. der Punkt, der den Erzähler hier aus der Bahn wirft.


    Vielleicht hast Du mit Deiner Frage genau das ausgesprochen, was Poe zum Ausdruck bringen wollte: es gelingt dem armen Erzähler gerade nicht, die Fragen, die ihm in der Seele brennen, nicht zu stellen. Und den Antworten, die ihm der Rabe gibt, zu entkommen. Denn dieser wird seinen Wachtposten ja nun nicht mehr verlassen.

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    Bei der Beschreibung der Schulzeit flossen auch autobiographische Aspekte ein: Von 1818-1820 besuchte Poe ein Internat im englischen Stoke Newington, dessen Gebäude im wesentlichen mit denen hier beschriebenen übereinstimmen


    Poe hat im Text vermutlich noch weitere Spuren hinterlassen: der Doppelgänger des Erzählers wurde, wie dieser sagt, am 19. Januar 1813 geboren; Poe kam am 19. Januar 1809 in Boston zur Welt. Man muss davon ausgehen, dass zwischen Autor und Ich- Erzähler weitere Gemeinsamkeiten bestehen. Alkohol, Drogen und Glücksspiel waren Poe offenbar nicht fremd. Ob er dabei unter ähnlichen Skrupeln wie die Hauptperson gelitten hat?


    Das Schulgebäude, das Poe hier beschreibt, scheint mir wieder ein wenig mehr als nur der bloße Schauplatz des Geschehens zu sein. Mir sind der gefängnisartige Charakter (Glasscherben auf der Mauerkrone; ein mit eisernen Bolzen versehenes wuchtiges Tor) und die Beschreibung der verschachtelten und verwinkelten (Irr-)Gänge und Räume besonders aufgefallen. Trotz allem klingt in der Poes Worten eine gewisse Sehnsucht nach der Schulzeit durch: die Stadt wird als „traumhaftes und beruhigendes Fleckchen“, das alte Schulgebäude als „verzauberter Palast“ bezeichnet. Mir schien es fast so zu sein, als ob der Erzähler es vorgezogen hätte, zeitlebens ein „Gefangener“ zu bleiben – die wirklichen Schwierigkeiten, von denen die Geschichte handelt, setzen ja auch erst nach der „Entlassung“ aus der Schule in der Beliebigkeit der Studienzeit ein.

    Wie alles, was wir bislang von Poe gelesen haben: sehr rätselhaft! Spätestens nach dem zweiten Absatz scheint festzustehen, dass das „verräterische Herz“ von einem Mord handelt. Ein alter Mann wird ohne äußeren Anlass vom Erzähler umgebracht. Dieser stellt sich – von heftigen Gewissensqualen gepeinigt - noch in der gleichen Nacht der Polizei. Schaut man genauer hin, kommen Zweifel auf: Poe hat offenbar bestimmte Motive, Themen oder Bilder wiederholt zum Gegenstand seiner Geschichten gemacht: eine gesteigerte Wahrnehmungsfähigkeit der handelnden Personen und das Motiv des Weiterlebens nach dem (vermeintlichen) Tod findet man im „Fall des Hauses Ascher“ (Roderick Ascher „litt schwer unter einer krankhaften Verfeinerung der Sinne;...“); das nächtliche Aufsuchen eines geheimnisvollen Widersachers taucht – bis in die Einzelheiten der Schilderung- in „William Wilson“ auf. Die Geschichte vom verräterischen Herz kann sich darüber hinaus so, wie sie erzählt wird, nicht zugetragen haben – dazu sind die Einzelheiten zu grotesk (z.B. der Lichtstrahl, der in das Auge fällt und natürlich der Herzschlag des alten Mannes am Ende –).


    Offenkundig ist wohl, dass wir es mit einer Variante des Hauptthemas aus „William Wilson“ zu tun haben – das quälende Beobachtet- und Durchschautwerden durch eine geheimnisvolle Instanz, die (jedenfalls bei William Wilson) im Kern das eigene Ich ausmacht. Bei dem alten Mann im „verräterischen Herzen“ schwanke ich noch – das Bild vom „Auge eines Geiers“ könnte einerseits auf eine böse, dem Tod nahestehende Macht hindeuten. Oder es hat die Bedeutung einer besonderen Scharfsichtigkeit, der keine Gemütsregung entgeht. Wie dem auch sei: Für alptraumgefährdete Kinder und Jugendliche unter 14 Jahren dürfte die Geschichte kaum zu empfehlen sein.

    Mich hat der Bericht von William Wilson auch sehr beeindruckt. Schon das vorangestellte Motto verrät ja, um was es dabei, zumindest zum Teil, geht: da macht einer zeitlebens einen Kampf mit sich selbst aus. Und es ist ausgerechnet der hart erkämpfte und schließlich auch errungene Sieg (über sich selbst), der den Erzähler ins Unglück stürzt.


    Die Geschichte ist aber m.E. so angelegt, dass man sie als „Rechenschaftsbericht“ lesen muss, eine Art Verteidigungsschrift (die auch vor Gericht standhalten sollte): Das wird schon im zweiten Absatz sehr deutlich ausgesprochen: „I long, in passing through the dim valley, for the sympathy – I had nearly said for the pity – of my fellow men.“ („Ich sehne mich, bei meiner Wandrung im finstern Tal, nach der Anteilnahme – beinah hätt´ ich gesagt, nach dem Mitleid meiner Mitmenschen. Gern würd ich es sehen, wenn sie glauben könnten, dass ich in gewissem Maße der Sklave von Umständen gewesen bin, die außerhalb menschlicher Kontrolle liegen. [...] Und sterbe ich nicht, als ein Opfer des Grauens & Mysteriums der wildesten aller Visionen unterm Mond?”) Der Erzähler, das ist klar, sieht sich selbst als „Sklave“ seiner Vorstellungswelt, als „Opfer“ einer gewissermaßen höheren Gewalt. Und die Frage ist, ob der Leser ihm diese Version „abkauft“ – um im Bild zu bleiben: müsste einer, der sich so verteidigt, freigesprochen werden?


    Ein wenig misslich ist, dass wir nicht wirklich erfahren, was der „Angeklagte“ so alles auf dem Kerbholz hat: im Text ist ausführlich von Falschspielerei , also Betrug, und von Ehebruch die Rede. Vom Rest gibt´s nur Andeutungen: es soll sich aber um „unverzeihliche Verbrechen“ bzw. „Gipfel der Verworfenheit“ handeln.

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    Dieses schaurige Wetter scheint ein typisches Stilmittel zu sein, um eine düstere Stimmung zu erzeugen. Zumindest kann ich mich nicht erinnern, dass eine Geschichte von Poe bei Sonnenschein spielt Grinsen


    Da hast Du recht. Und wenn, dann wird sie, wie in der Rue Morgue, zugenagelt. Bei mir ist aber der Eindruck entstanden, dass es Poe um mehr geht. Mal ein paar Beispiele – der zweite Satz lautet: „I know not how it was – but, with the first glimpse of the building, a sense of insufferable gloom pervaded my spirit.” (Ich weiß nicht, wie es geschah – aber beim ersten flüchtigen Anblick des Baues beschlich ein Gefühl unleidlicher Düsternis meinen Geist). Später beschreibt der Erzähler eine von Aschers seltsamen Ideen wie folgt: „Besagte Ansicht spricht, in ihrer allgemeinen Fassung, von der Beseeltheit der gesamten Pflanzenwelt. In Aschers abwegiger Einbildungskraft aber hatte die Hypothese verwegeneren Charakter angenommen, insofern als sie, unter bestimmten Bedingungen, sogar in die Bereiche des Anorganischen übergriff.“ Gemeint ist wahrscheinlich der Herrensitz der Aschers. Und dieses Haus spielt in der Erzählung Poes ja eine herausragende und durchaus eigene Rolle. Ohne das Haus hätten wir es hier lediglich mit den Wahnvorstellungen eines skurrilen Geschwisterpaars zu tun, das vielleicht ein paar Probleme mit der Tagesstruktur hat. Das Haus fügt den Untergang der beiden aber in einen viel weiteren, gewissermaßen kosmischen Zusammenhang ein: alles in allem eine geisterhafte, weil unerklärliche, Verschränkung von Natur, Umgebung, Welt und individuellem, persönlichem Schicksal.


    Es tauchen aber auch andere „Verschränkungen“ auf, nämlich solche zwischen Ideen und persönlichem Schicksal: zunächst gibt Roderick die „Ballade vom Geisterschloss“ zum Besten (die wahrscheinlich mehr über den Inhalt der Erzählung verrät, das der Augenzeugenbericht des Erzählers). Und dann startet unser Erzähler den Versuch, Roderick ausgerechnet mit der Erzählung des „Tristoll“ zu besänftigen, was in der totalen Zerstörung des Anwesens mündet.


    Ich grüble nach wie vor, ob dem Erzähler eine gewisse Mitverantwortung am Schicksal der Lady Madeline zukommt. Und ob die Ärzte, von denen zweimal die Rede ist, einen gewissen Verdacht geschöpft haben. Schließlich: Was die Bemerkung über die fehlenden Seitenlinien, die milla zitiert hat, zu sagen hat.

    Zur Form: Das Gedicht umfasst 28 Strophen. Jede Strophe (des Originaltextes) enthält 5 – relativ lange – Zeilen; häufig reimt sich ein Wort ungefähr in der Mitte der Zeile mit dem ganz am Schluss. Ebenso häufig reimen sich die Zeilenenden aufeinander – vielfach wird das Schlusswort am Ende der nächsten Zeile wiederholt. Trotzdem klingt das Ganze keineswegs harmonisch: gleich die zweite Textzeile durchbricht den Rhythmus und den Reim der umschließenden Zeilen. Damit wird m.E. sichergestellt, dass der Text den Leser nicht „einlullt“ und quasi vom Anfang bis zum Ende unberechenbar bleibt. Ich habe keine Ahnung, ob es für den komplizierten Aufbau der Strophen einen Fachbegriff oder ein Muster gibt – vielleicht weiß hier jemand, der sich ebenfalls mit dem Originaltext beschäftigt hat, besser Bescheid?


    Inhaltlich haben wir es mit drei Teilen zu tun: dem Vorspann (Strophen 1 – 6); dem Hauptteil (Strophen 7 – 27) und dem Schluss (Strophe 28). Über den Erzähler – sein Alter, seine Stellung, seinen Beruf – erfahren wir so gut wie nichts. Da die zweite Strophe besagt, dass sich der Erzähler „zurückerinnert“ ist es denkbar, dass hier ein älterer Mann über ein länger zurückliegendes Ereignis berichtet. Auch über Lenore gibt es nur wenige Hinweise. Es ist zu vermuten, dass es sich um die verstorbene Geliebte des Erzählers handelt; vielleicht muss man sich die beiden als frischvermähltes Paar vorstellen. Durch den Tod der Geliebten wird das Leben des Erzählers (für immer) aus der Bahn geworfen.


    Der Rabe steht m. E. stellvertretend für alles, was im Leben unerklärlich, unvernünftig, zweifelhaft und, letzten Endes, nicht gut ist. Der Erzähler wird in der besagten Nacht unausweichlich mit dem Nichts, mit der Finsternis und auch der Hoffnungslosigkeit konfrontiert: sechsmal schallt ihm das keinen Widerspruch duldende „Nevermore“ des Raben entgegen (als Name des Raben; als Antwort auf die Fragen, ob der Rabe den Erzähler wieder verlassen wird; ob er von Gott gesandt wurde; ob es im Leben Trost, Linderung oder Hoffnung gibt; ob er Leonore eines Tages wieder in den Armen halten wird; schließlich als Antwort auf die Forderung, den Erzähler zu verlassen) – bis es sich endgültig in die Seele des Erzählers einfrisst.


    Nicht erklären konnte ich mir eine gewisse Doppeldeutigkeit, die der Erscheinung des Raben m.E. anhaftet: dieser ist einerseits eine grimmige, gespenstische, den Erzähler zutiefst verstörende und beängstigende Kreatur – andererseits eine „stattliche“ und elegante Erscheinung, die ihn stellenweise sogar erheitert. Vielleicht ein Hinweis auf die mitunter verführerischen Kräfte „des Bösen“?


    (PS: Lenor(e) – der Name wird m.E. tatsächlich genau so wie das bei uns erhältliche Waschmittel ausgesprochen; die Werbeindustrie schreckt vor nichts zurück...)


    Edit: Tippfehler