Beiträge von Heide-Solveig

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    Original von Elbereth
    Das "Göttliche Volk" verstehe ich als höhere Rasse, mit quasi mehr abilities, die trotzdem nach Regeln schalten und walten müssen, was sich mir nicht wirklich erschließt, ist die Abhängigkeit der Symbolwirkung der Figuren, also ihre Abbildungen.
    Gewinnen sie ihre Kraft also aus dem Glauben und der Verehrung der Menschen und können ohne sie nicht existieren. Gehen sie also mit dem Vergessen der Generationen einem verfrühten Tod entgegen, obwohl sie unsterblich sein sollten? :gruebel


    (Sorry, Elbereth, hat ein bisschen gedauert mit der Antwort... :schaem)


    Auch da habe ich mich an verschiedene Mythologien gehalten. Dort ist die Symbolwirkung einer Figur gleichbedeutend mit ihrer schöpferischen Kraft, d.h. der Sonnengott ist zugleich auch die Sonne; Anrynan ist die Quelle und Antiles der Tod.
    Um noch mal auf die bereits erwähnte Schöpfungsgeschichte der Insel zu kommen: Die Geister entsprechen den Elementen. Sie bilden also die Welt in einer Art Urzustand ab und der ist - wie die Figuren erfahren - nicht gerade lebensfreundlich. (Siehe dazu z.B. Jemrens Abstieg in den Scye im zweiten Band!)
    Das Erscheinen der "Götter" in der Welt bedeutet eine Art Ausdifferenzierung der Schöpfung in Flora, Fauna usw. Dadurch erst wird die Welt für die Menschen (und die Nraurn) bewohnbar.
    Also liegt das Problem mit dem Vergessen nicht bei Lillias Volk, sondern bei den Menschen. Sie vergessen sozusagen den Grund, warum sie überhaupt auf der Insel leben können, sie vergessen, wie die Welt beschaffen ist, die sie umgibt. Und dadurch verlieren natürlich sie die Lebensgrundlage. Wer die Brunnen nicht mehr achtet (und deshalb pflegt), hat über kurz oder lang kein Wasser mehr.
    Tipp an alle, die es genau wissen wollen: Lest noch mal nach, was passiert, als während der Schlacht um Defágos die Statue der Göttin Amatha gestürzt wird. Der Zustand der Insel im dritten Buch ist eine direkte Folge davon.


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    Original von Elbereth
    Die Tatsache, dass das eine Kind zusammen mit Antiles auf der ewigen Insel lebt und Hand in Hand geht, kam mir wie das Werden und Vergehen des Lebens vor, der Anfag und das Ende, allerdings hat sich mir nicht genau erschlossen, warum die Begleiter des einen Kindes nun doch mit heiler Haut davonkamen.


    Anfang und Ende - deine Beobachtung und auch deine Assoziationen zur antiken Götterwelt stimmen genau!


    Vielleicht noch ein Wort zu den Figuren: Ich finde nicht, das sie mit heiler Haut davonkommen. Zwischen der ersten Begegnung auf den Sternfelsen und dem letzten Schritt auf Lillias magische Insel wurde das Leben von allen Dreien völlig auf den Kopf gestellt. Keiner kann in den alten Trott zurückkehren - und das ist auch so etwas wie eine Todeserfahrung.
    Denn es bedeutet, dass man das alte Ich sterben lassen muss: Gorun den aufbrausenden, überheblichen Krieger, Jemren seine Identität als Blindschütze und Amra ihre Rolle als Dienerin des Todes.
    Ich habe eingangs gesagt, dass die Protagonisten Stellvertreter ihrer Kulturen sind: Nicht nur die Individuen, sondern auch die einzelnen Gruppen und sogar die Götter müssen ihre Rolle neu überdenken. Nur dadurch ist die Spaltung der Insel zu überwinden. Das zeigt auch eine Episode am Rande: Vrarras' Sohn wird später als Erwachsener keinen Kriegsgott sondern den Gott des Handels als Begleiter haben.


    Insofern "sterben" die Figuren eben doch: Ihr altes Selbst stirbt. Erst wenn sie diese Verwandlung anerkennen, erfolgt die Rückkehr aus der Unterwelt. Für Gorun bedeutet das, dass er endlich die starren Tabus seiner Welt vergessen kann und Amra lieben darf. Für sie gilt dasselbe, sie wendet sich gegen Ende den Menschen zu. Und Jemren wird schließlich das Leben führen, nach dem er sich immer gesehnt hat. Er wollte von Anfang an kein Blindschütze sein. Der Frieden auf der Insel ist ein Luxus, den er sich endlich leisten kann.

    Na, drängelt ruhig, das motiviert ja bekanntlich. :grin


    Natürlich habe ich noch weitere Bücher in der Art wie "Insel der Stürme" geplant und entsprechend skizziert. Allerdings wird es ein bisschen dauern, bis es so weit ist, denn dazwischen gibt es noch einige andere Projekte, die ich gerne realisieren würde. Unter anderem sind das Jugend- und Kinderbücher und Texte, die nicht in einer Fantasy-Welt spielen.


    Also, ich hoffe, ihr habt noch ein bisschen Geduld und bleibt mir treu? :lesend


    An dieser Stelle bedanke ich mich jedenfalls ganz herzlich für die lebhafte Teilnahme und die spannenden Diskussionen in dieser Leserunde! Hat richtig Spaß gemacht, und ich hoffe, euch ging es genauso!

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    Original von Elbereth


    Ich habe die Tatsache, dass die Nraun die Metalle der Erde bergen, quasi als Sündenfall der sonst so naturnah lebenden Völker der Nraun empfunden.
    Sie haben auf jeden Fall einen hohen Preis gezahlt für den Besitz dieser Metalle, selbst wenn der Handel mit ihnen einen unmittelbaren Fortschritt und Vorsprung vor den Menschen beschert hat, hat es sie in großen Schritten auf einen Krieg zugetrieben :gruebel


    Ist Antiles sogar so etwas wie die Schlange im Paradies, der das gesamte Gleichgwicht zwischen den Völkern und damit der Insel zerstört hat?? :wow



    Sündenfall! Das gefällt mir! Das trifft genau den Kern der Sache.


    Antiles sehe ich allerdings weniger als Schlange im Paradies, sondern eher als Naturgewalt oder als ein unumstößliches Gesetz: Jeder muss sterben. Und das gefällt ja bekanntlich den Wenigsten - also lehnt man sich gegen das Unvermeidliche auf.
    Aber das führt im Verlauf meines Romans nicht zu einer sinnvollen Lösung, sondern steigert sich ins Absurde: Man verbannt den Tod von der Insel.


    Da wir hier noch nicht ganz am Ende sind, möchte ich dem Schluss nicht vorgreifen, sondern auf ein spannendes Buch hinweisen. Es hat mir klar vor Augen geführt, dass in der Angst vor dem Tod ein wichtiger Grund für die Entstehung von Religionen liegt: In "Wir brauchen keinen Gott - Warum man jetzt Atheist sein muss" analysiert Michel Onfray sehr klar: Es geht immer um die Tatsache, dass das Leben irgendwann einfach zu Ende ist. Das ist und bleibt für viele einfach unfassbar, und um dieser letzten Konsequenz nicht ins Auge sehen zu müssen, entwickelt man alternative Vorstellungen.

    MagnaMater: Es gibt tatsächlich spezielle Verfahren, bei denen Kupferoxyde und -sulfide mit Schwefelsäure gelaugt werden. Auch Gold wird beispielsweise durch Cyanidlauge gewonnen (nachzulesen bei Wiki oder im Internet). Das hatte ich noch im Hinterkopf, als mir diese Idee kam.


    Ich gestehe jedoch, dass es mir hier nicht so sehr auf naturwissenschaftliche Präzision ankam (diejenigen Leser, die sich weitaus besser auskennen als ich mögen, mir verzeihen), sondern vielmehr auf dieses ungeheuer starke Bild, dass man sein eigenes Land und eine der wichtigsten Lebensadern vergiftet, um sich zu bereichern!

    Diese mythologisch-philosophisch-sinnliche Verquickung gefällt mir! :freude


    Es gibt tatsächlich eine Mythologie der Insel, die sich z.T. aus Überlieferungen aus Nordamerika speist. Bei den Hopi oder Laguna (Südwesten der USA) heißt es z.B., das Land sei eines Tages aus dem Urmeer aufgetaucht. Aus den Elementen werden von den Göttern die ersten Wesen geformt...


    Deshalb sind die Elemente-Geister auf der Insel die wildesten und unbeherrschbaren Wesen; sie sind die Ur-Kräfte, die das Land bewohnen.
    Anrynans Volk verfügt über stärkere magische Kräfte als die Menschen, weshalb sie zu den "Bezähmern" der Elemente-Geister wurden - aus Sicht der Menschen zu einer Art Götter, unter denen sich jeder einer anderen Aufgabe widment. Anfang und Ende, Tod und Leben sind natürlich die machtvollsten Positionen und deshalb mit ganz speziellen Figuren besetzt.


    Die Nraurn und schließlich die Menschen sind also die jüngsten Bewohner der Insel, hitzköpfig, naiv und in ihre Konflikte verstrickt. SiCollier hat das perfekt zusammengefasst:


    Zitat

    Original von SiCollier
    So habe ich die Geschichte (Historie) verstanden:


    Einst lebten auf der Insel nur das Wilde Volk. Dann kamen die Feen, die selbige „zähmen“ konnten. Danach die Nraurn (oder waren die schon da?). Später kamen die Menschen mit Schiffen als Schiffbrüchige. Es gab Streit unter den Feen, ob man die aufnehmen sollte oder nicht. Diese Feen wurden zu den Göttern der Menschen, sind aber dennoch nicht ewig (auch wenn die Menschen sie so bezeichnen). Die Menschen beten also eigentlich zu den Feen. Letztere haben (warum auch immer) kein Taú. In den Großen Kriegen wurde die Statue Lillias zerschlagen und getrennt, damit auch die Insel. Antiles (= der Tod) wurde verbannt. Das Bestreben ist es (bzw. die Prophezeiung besagt), daß Antiles zurückkehren und die Statue Lillias wieder „geheilt“ werden muß. Gleichzeitig gehören Lillia (als „Symbol“ für den Anfang) und Antiles (als solches für das Ende) untrennbar als Einheit zusammen. Erst wenn diese Einheit wieder hergestellt ist, ist der Kreis vollständig und das „Leben“ kann wieder fließen.


    Dass Anrynans Volk "Götter" sein sollen, ist eine Interpretation (!) der Menschen. Man hätte sie eben genausogut "Feen", "Magier" "Hexer oder sonstwie nennen können - nur um deutlich zu machen, dass sie magische Kräfte (oder im Gegensatz zu den anderen Wesen stärkere magische Kräfte) besitzen.


    Sie haben ein Tau und zwar was für eins! Es ist Lillia bzw. der See, den sie hütet. Das ist eine Art kollektives Tau, anders als bei den Menschen. Lillia (bzw. ihre Quelle, ihr See) verkörpert die Seele der Insel, analog zu den Brunnen in den Städten. Nun wird vielleicht auch noch einmal deutlich, in welcher Gefahr diese Welt schwebte, der die Seele geraubt wurde.


    Das man Antiles von der Insel verbannte, war schlichtweg verrückt, genau wie Lillia aus der Runde der Götter zu entfernen und mit üblen Prophezeiungen zu belegen. Eine Zeitlang haben die Menschen ihre eigene Natur verdrängt und verbannt, nämlich die Tatsache, dass alle geboren werden und sterben müssen. Wenn man das vergisst, ist es natürlich leicht, Krieg zu führen, weil der Tod (und das Leben) dann keine Bedeutung haben.


    Kaylin-Gua träumt nur davon, dass Antiles - d.h., dass der Tod bzw. das Töten ihr Macht verleiht. Welcher Kriegsherr oder Warlord träumt nicht davon?


    SiCollier: Dass es durchaus Parallelen zu den Theorien meiner Mutter gibt, ist keineswegs unbeabsichtigt, wobei die Trilogie aber definitiv kein Matriarchats-Roman ist! Ich habe mich von vielen Einflüssen inspirieren lassen: von der Mythologie aus Nordamerika, dem Alten Griechenland und Asien, von Parzival, König Artus und anderen Heldenepen sowie von eine Menge Fantasy-Literatur, die sich (bes. in den 70er und 80er Jahren) durchaus mit Utopien beschäftigt hat.


    Allen, die auf den Geschmack gekommen sind, sei eine meiner Lieblings-Autorinnen empfohlen: C.J. Cherryh hat nicht nur den Morgane-Zyklus sehr originell bearbeitet, sondern sich in der Reihe "Sterbende Sonnen" bei den Tuareg bedient und im Atevi-Zyklus die Samurai-Zeit anklingen lässt.
    Daher mein Faible für Fantasy im ungewöhnlichen Gewand!


    Jep. Das passiert mir dauernd. :rofl Ich glaube, es gab keine Lesung, auf der mich nicht jemand angesprochen hat. "Du, sag mal, ist das nicht..."
    Aber so ganz hart, wie SiCollier das macht und Mutter und Tochter im Doppelpack liest, passiert das eher selten... :chen


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    Original von MagnaMater
    Wird Anaxi je wieder aufgebaut? Jemren hat sie doch so bewundert, wäre ein schöner gedanke, wenn leute aus allen völkern wieder zusammen kommen, und die stadt wieder errichten.


    Nein, Anaxi bleibt als Ruinenstadt erhalten, quasi als Mahnmal. So habe ich mir das nach Abschluss der Trilogie vorgestellt. In Anaxi ist die Quelle unwiderruflich verwüstet (so wie in Tegaressos auch) und das bedeutet das endgültige Aus für eine Stadt. Die Quelle, also das Tau, vereint ja ziemlich viele Bedeutungen auf sich: Herz, Atem, Leben, göttliche Energie usw. Deshalb kreist der magsiche Kampf auch um den Erhalt der Brunnen. Wenn eine Stadt jedoch verliert, ist ihr Schicksal besiegelt.


    Zitat

    Original von MagnaMater
    Was machte Jemren eigentlich? Er geht gegen ende der geschichte irgendwie unter, er geht nicht einmal auf die Lillias insel, und es ist Harat, die seine aufgabe/sein geschenk übernimmt.
    Wenn ich Nesyn's schüler richtig interpretiert habe, hatte Jemren im norden nachkommen, die seine rolle gegenüber den anderen begleitern des einen kindes hervorstreichen wollen. Sind das wirklich seine nachkommen, oder stammen sie bloss aus dem norden, und verehren ihn weil er auch aus dem norden kam?


    Jemren hat gegen Ende der Trilogie einen der wichtigsten Parts, nämlich das Thema "Stirb und Werde", das jeder echte Held einmal durchmachen muss! Bezeihungsweise ist es auch das Thema "Schuld und Sühne", das er da abarbeitet. Denn, wie Antiles ganz richtig anmerkt, hat jeder der drei Protagonisten getötet und muss nun einmal am eigenen Leib die Reise durch das Totenreich erleben.
    Gorun und Amra tun dies, in dem sie auf die Insel des Todes (und des Lebens) rudern; Jemren dagegen erlebt die Todesnähe ganz real. Um aber an diesen Punkt zu gelangen und anschließend in Calaxí ein neues Leben zu beginnen, muss er seine alte Identität vollständig ablegen. Deshalb übernimmt Harat seinen Bogen und die magischen Pfeile.


    Dasselbe gilt übrigens auch für Amra und Gorun, wenn sie ein Paar werden wollen!
    "Du bist nicht länger Laîren, weil du jetzt den Stimmen der Lebenden lauschst. (...) Und ich bin nicht länger Anführer eines Reiterheers, ebensowenig wie Jemren noch einen Bogen halten kann, ohne die Blutgier des Schwarzen Gottes heraufzubeschwören." So klagt Gorun auf S. 273. Das ist eine der Schlüsselstellen, denn jetzt endlich begreifen die drei Helden (und erleben es auch), dass sie ihre falsch verstandene Rolle in ihrer Welt aufgeben müssen, um auf der Insel dauerhaft Frieden zu schaffen. Keine Krieger mehr und auch keine Dienerinnen des Todes. Deshalb erleiden alle drei am Ende einen symbolischen Tod, um sich und die Insel zu erneuern. Insofern war Jemren auch auf Lillias Eiland, wenn auch auf andere Weise...


    Für Jemren war das Wichtigste das Überleben seines Klans und seiner Stadt. Als Amra und Harat ihm klar machen, dass es sein Klanhaus nach wie vor gibt, wenn auch nun unter dem Namen seiner Schwester, ist er an dem Ort angekommen, an den er gehört und den Lillia ihm prophezeit hat. Was er dann mit seinem Leben anfängt, sei eurer Phantasie überlassen! Ich wüsste jedenfalls die eine oder andere Beschäftigung für ihn... :-]


    Noch ein Wort zu Nesyns Zuhörern im letzten Kapitel: An dieser Stelle fängt die Geschichte bereits an, sich zu wiederholen, denn die Jungs und Mädels (alles Nachfahren aus dem Norden und Süden) wissen zwar noch, dass es da mal drei Helden gab, die wohl etwas Wichtiges geleistet haben, aber keiner der Berichte stimmt mit den wahren Ereignissen überein! Das bedeutet, dass die nächste Generation die Geschichte bereits wieder vergessen hat.

    Zitat

    Original von xania
    Antiles ist der Schatten von Lillia (oder umgekehrt), ich bin gespannt was passiert wenn Lillia die Stadt erreicht.


    Genau! Vielleicht waren so manche Ängste gegenüber dem Einen Kind doch nicht so ganz unberechtigt...


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    Original von xania
    Nesyn verstehe ich immer noch nicht, seine Ideen sind nicht so leicht zu durchschauen.


    Nesyn ist stur und schlau und sehr auf die Wiederherstellung seiner Ehre bedacht. Aber er ist auch noch jung und beeinflussbar. Und er spürt, wo sich der Einfluss von Magie bemerkbar macht: im alten Zauberer Qyon und natürlich auch in Lillia. Außerdem ist er hin- und hergerissen in seiner Verachtung für die Menschen und seiner maßlosen Enttäuschung über seine Königin.


    Wie schon ein paarmal in dieser Leserunde erwähnt, sind natürlich auch die Nraurn von der Frage "Wer bin ich eigentlich?" betroffen. Und Nesyn hat da auch die eine oder andere Lektion zu lernen. Noch hält er sich jedenfalls für einen großen und mächtigen Krieger...

    Zum Thema Bogenhand: Ich habe mir immer vorgestellt, die Bogenhand sei die Linke, weil das die Hand ist, die den Bogen hält. Die Rechte nennt Jemren einmal die Pfeilhand - weil sie den Pfeil hält. Ich wollte Begriffe wie "links" und "rechts" vermeiden, weil sie für mich nicht in die Welt der Insel passen.


    Was die Prophezeiung angeht, bitte ich euch zu bedenken, dass es in den drei Büchern vor allem um das Thema Interpretation geht!


    Wie interpretiert Gorun seine erste Begegnung mit Jemren? Er sieht ihn sofort und ungefragt als Feind.


    Wie interpretiert Amra anfangs ihre Aufgabe als Laîren? Unterwürfig dient sie dem Tod und rutscht auf Knien in staubigen Grabkammern herum, während sie sich vom Leben völlig abwendet. (SiCollier, das wäre eine weitere Frage zum Thema: Was bedeutet die Laîren? Ein viel zu junges Klageweib, eine vom Helfersyndrom geplagte Priesterin, die sich der Überforderung durch ihre Gesellschaft unterordnen muss!)


    Was hält überhaupt jede Figur von sich und ihrer Rolle in der Gesellschaft? Wie sehen sich die Regionen der Insel, die Menschen und die Nraurn? Und sind nicht die Götter auch ein Produkt einer bestimmten Interpretation der Welt?


    Dazu noch ein Beispiel: Als die drei Freunde im 2. Band das Weiße Schiff entdecken, das wie ein Spuk aus dem Meer, wie das Erscheinen eines ozeanischen Gottes wirkt, verteidigt sich Jemren damit, dieses Schiff sei ja bloß eine Legende. Das sagt er in der Überzeugung, Legenden seien weniger wahr als Goruns Götterglaube - und ist damit schon wieder auf dem Holzweg.


    Insofern ist eine Prophezeiung erst einmal nichts anderes als eine Reihe von Worten. Auf die Auslegung kommt es an!

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    Original von xania
    Ich habe endlich auch mit dem Lesen angefangen. Ich finde das Buch aussergewöhnlich schön, das Bild gefällt mir sehr und die drei Büchercover passen sehr gut zueinander. Wurden die Bilder extra für die Bücher gemalt?


    Nein, die Bilder stammen von einem Maler namens De Maccio. Er malt uebrigens ganz spannende und sehr fantastische, mystische Bilder. Die Gestaltung d~er Einbaende hat ein Grafikbuero uebernommen. Mir gefallen sie auch supergut. :-]


    Zu den Schwierigkeiten, die manche beim Hereinlesen in Band 3 haben: Ich denke, es wird hart, wenn man Band 1 + 2 nicht kennt. Wie ich schon im Schlussteil dieser Leserunde geschrieben habe, funktionieren alle der Baende als Einheit (wie es z.B bei der guten, alten Herr-der-Ringe-Geschichte der Fall ist). Und wie gesagt bauen alle drei Buecher aufeinander auf. Ich wollte eine Welt zeigen, die allmaehlich, aber unaufhaltsam in die Katastrophe schlittert, eine Welt mit schwieriger Vergangenheit, komplizierten Kulturen, Mythologien undsoweiter. Dfeshalb kam mir der Platz, den eine Trilogie bietet, gerade recht. Wie schon an anderer Stelle beschrieben, gelangt der Konflikt mit jedem Band auf eine neue Ebene.


    Deshalb habe ich auf eine abgesetzte, eigene Einleitung verzichtet. Ich fand, das stoert den Fluss der Geschcihte. Aber: Wer genau liesst, entdeckt im jeweils ersten Kapitel der Folgebaende eigentlich genug Hinweise, um den Anschluss zu finden.


    Noch ein Wort zu Nesyn: Ich freue mich immer, wenn eine Figur derart widerspruechliche Reaktionen ausloest... :chen. Nesyn hat zwar ein Gewissen, Stolz und eine ausgepraegte Persoenlichkeit, aber er gehoert zum wilden Naturvolk auf der Insel. Also betrachtet er die Menschen (zunaechst) genauso, wie sie ihn betrachten: als eine Art seltsame Tiere. Beim Ueberfall auf die Stadt heisst es an einer Stelle, dass er eine Frau aus ihrer "Hoehle" scheucht. Gemeint ist das Haus - die Sichtweise entspricht aber den Ziegenkriegern.

    Zunaechast mal: Danke fuer diese schoenen Kommentare zum Abschluss! Ich freue mich natuerlich ungemein, wenn meine Planung aufgegangen ist und ich die Spannung und die Emotionen bis zum Schluss hochhalten konnte.


    SiCollier, du hast ein paarmal angesprochen, dass alles so rasant geschieht. Ich denke, dass liegt auch daran, dass ich unheimlich viele Handlungsfaeden durch das Nadeloehr "Schluss" faedeln musste. Schliesslich habe ich eingangs eine ganze Welt in Bewegung gesetzt. Diese vielen Aspekte der Insel (Goetter, Menschen, Nraurn, Enzelschicksale, die Insel selbst) tragen vielleicht zu diesem Eindruck bei. Ich denke, die Buecher funktionieren wirklich nur als Trilogie, weil man vieles erst vom Ende her verstehen kann. Zumindest war das meine Intention.


    Danke schon mal fuers aufmerksame Lesen und fuer viele Postings! Ich melde mich wieder, sobald die anderen Teilnehmer aufgeholt haben! Bis dahin ganz herzliche Gruesse in die Runde!


    :wave

    Die Beziehung zwischen Gorun und Amra beruht auf den vielen kulturellen Missverstaendnissen, die ich in den Text einfließen lassen wollte. Sie darf gar nichts fuer in empfinden, weil sie ja Lairen ist. Andererseits ist es schon beim Kampf um Defagos oder vielleicht schon vom ersten Augenblick an zu spaet. Das ist der Kampf, den Amra mit sich ausfechten muss: die Ueberwindung der inneren Barrieren, der Tabus und Beschraenkungen, die man sich selbst auferlegt.


    Der wichtigste Kampf, den die drei Protagonisten austragen muessen, findet vielleicht nicht auf der Insel, sondern im Inneren statt. Sie muessen ihre Vorurteile und kulturellen Praegungen ueberwinden. Das ist unter Umstaenden schwieriger, als einen äusseren Feind zu besiegen.


    (Edit: :-( Sorry, dass ich so viele wirre, kryptische Zeichen verwende... Das waren die Computer in Portugal. Aber jetzt bin ich wieder da.)

    Nesyn wird im dritten Band tatsaechlich immer wichtiger, weil er selbstaendig denkt und entscheidet. Er gehoert zu denjenigen, die begriffen haben, dass auf der Insel der Stuerme ALLES (und das ist woertlich zu nehmen!!) zerrissen ist. Auch das Ziegenvolk. Also: Behaltet ihn gut im Auge! :chen

    Ich melde mich nochmal zum Thema Anrynan: Ihr habt angemerkt, dass ihr Erscheinen eine Art Bruch in der Trilogie markiert. Das ist voellig richtig. Deshalb liegt ihr Auftritt auch in der Mitte der ganzen Reihe. Und hat mehrere Bedeutungen.


    Zunaechst ist sie der lebende Beweis, dass es die Goetter gibt. Das war ja der zentrale Streitpunkt zwischen Gorun und Jemren, d.h. dem Sueden und dem Norden. Gleichzeitig widerspricht sie dieser Interpretation selbst, indem sie sagt, ihr Volk ist nur eines von vielen. Also hat, wie Jemren treffend bemerkt, keiner recht - und gleichzeitig alle.


    An dieser Stelle aber noch eine Anmerkung zum Aufbau der ganzen Trilogie: Es war mein Bestreben, mit jedem Buch auf eine neue Ebene zu kommen: In Band 1 prallen erst einmal die verschiedenen Persoenlichkeiten aufeinander. Im zweiten Buch kommen aber - durch die Plaene des Nordens und Goruns und Jemrens Ankunft in Defagos - die Laender in Bewegung. Mit Anrynans Erscheinen wird die dritte Ebene wirksam: die Ebene der Mythen und der Goetter, die dann im dritten Band die Grundlage ist.

    Zu den Fragen zur Lairen: Es ist ein Kult, der mit Aberglaube verbunden ist. Daher auch Jemrens Unverstaendnis. Und wie so vieles, das mit Aberglaube zu tun hat, ist das nicht immer logisch.


    Der entscheidende Punkt ist die Angst vor dem Totengott. Wenn man die Toten nicht anschauen darf, heisst das v.a., dass man Antiles nicht anschauen darf! Dieses Tabu wird schon von Gorun im ersten Band gebrochen, als er seinen toten Bruder findet und beruehrt. Er traegrt lange Zeit das Amulett des Toten. Also sind die Regeln, die sich die Gesellschaft selbst gibt, keineswegs immer gueltig. Das ist ja gerade das Thema der Trilogie und das Tabu um Antiles und die Toten ist das kulturelle Missverstaendnis, mit dem Amra ringt.


    Die Toten in Band 2 werden uebrigens von den Reitern zu den Graebern gebracht. Die Lairen sind fuer die Bestattung zustaendig. Fuer eine kleine Stadt wie Calaxi reicht in normalen Zeiten eine Lairen sicherlich aus (wie der katholische Priester im Dorf). Erst in Krisenzeiten wird es eng.

    Liebe Eulen,


    ich möchte euch herzlich zu meiner nächsten Lesung einladen und zugleich ein wenig Werbung machen für die Tübinger Tolkien Tage, wo ihr neben zahlreichen anderen Events ein reiches Lesungsprogamm erleben könnt. Mehr dazu unter:


    http://tuebinger-tolkien-tage.de


    Meine Lesung findet am


    Samstag, 8. September 07 um 16.00 Uhr im Salzstadel, Salzstadelgasse in Tübingen


    statt. Ich würde mich freuen, wenn viele von euch dabei sind!


    Bis dann!


    Heide

    @ MagnaMater


    Was deine Überlegungen zur Laîren angeht, hast du sicherlich Recht: Amra schafft es wohl kaum, einen Zwei-Zentner-Kerl zum Begräbnisplatz zu schaffen! :wow
    Da werden ihr die Reiter zur Hand gehen, allerdings ohne den Toten anzufassen, denn das Tabu verbietet jeden direkten Kontakt zwischen Lebenden und Toten. Im zweiten Band gibt es in dieser Hinsicht eine Szene, die die Riten etwas näher beschreibt.


    Amras Aufgabe ist vor allem spiritueller Art; sie wird "Begleiterin des Taú" genannt und ist als solche in der Lage, die Grenze zum Totenreich zu überschreiten. Das ist ihre wichtigste Gabe und darin unterscheidet sie sich von den anderen Menschen in der Stadt, die jeden Kontakt mit dem Totenreich meiden.


    Natürlich würde sie sich zu diesem Zweck nicht zu Tode hungern bzw. absichtlich verdursten! Aber sie hat so einen leichten Hang ins Opferbereite, ins freiwillige Leiden, der gar nicht zu einer jungen Frau passt. Das wie auch die viel zu geringe Zahl der Laîren und ihre geächtete Randstellung innerhalb ihrer Gesellschaft haben mit der Geschichte der Totenpriesterin ganz allgemein zu tun, mit der Geschichte der Insel und mit dem Geheimnis, dass die drei Helden während ihrer magischen Reise lösen müssen. Dieses Thema setzt sich in den beiden Folgebänden fort; deshalb verrate ich an dieser Stelle nicht allzu viel dazu.


    An Amras Situation sieht man jedenfalls sehr deutlich, dass im Süden keineswegs alles im Lot ist!


    :wave


    Heide

    Zitat

    Original von Joschi
    jeder ist dem anderen sein Teufel


    Das gefällt mir! Und es stimmt: Jeder auf der Insel ist der Feind des anderen - deshalb hat auch niemand zu hundert Prozent Recht.


    Die Einsicht, die man in den drei Teilen in das Innenleben der Figuren bekommt, soll aber auch dazu führen, dass man keine Seite zu hundert Prozent verdammt - nicht einmal die Nraurn!


    @ Joschi Deshalb freut es mich zu hören, dass dich jede Figur auf ihre Weise in ihren Bann geschlagen hat. Ich weiß schon, was dein Gefühl bei den Jemren-Passagen ausgelöst hat: An der Stelle steht vor allem die Action im Vordergrund. Die Drei müssen ihren Hals retten - da bleibt wenig Zeit zum Nachdenken!


    Alles auf der Insel wurde zerrissen - wodurch bleibt vorerst ein Geheimnis. Die Frage, ob und wie man ein solches Land wieder "zusammensetzen" kann, wird die Helden noch eine Weile beschäftigen.


    :wave


    Heide

    @ Elbereth


    Aber klar! ;-)
    Das Abenteuer der Helden kreist nämlich in erster Linie um diese Geheimnisse!
    Und wie sonst sollten die Drei aus den Problemen wieder rauskommen, in die sie sich gerade so schön verwickeln? Wie kompliziert dieses Beziehungsgeflecht noch wird, davon ahnen sie allerdings nicht das Geringste... :chen


    :wave


    Heide