'Die an den Tod nicht glauben' - Seiten 001 - 063

  • Oh, das ist für mich kein Widerspruch... sie ist ein Kind ihrer Zeit - einfach, weil sie in diese Zeit hinein geboren wurde. Aber wie Du ja auch sagst: sie begehrt auf.

    Ja, das hat mir an Perditas Vater auch schon gut gefallen: dass er sie so sein lassen darf, wie sie ist, auch wenn das nicht den oft noch sehr starren Konventionen jener Zeit entspricht.

    Für mich bedeutet der Ausspruch "Kind ihrer Zeit", das man sich eben verhält, wie es damals gang und gäbe war, das man also seine Zeit und das Verhalten nicht hinterfragt, weil es einfach "so ist". Und das trifft hier aus meiner Sicht nicht zu, auch wenn sie selbst in Deutschland nicht die einzige Frau ist, die zu der Zeit gegen die Gegebenheiten aufbegehrt.

    "Wie kann es sein, dass ausgerechnet diejenigen, die alles vernichten wollten, was gut ist an unserem Land, am eifrigsten die Nationalflagge schwenken?"
    (Winter der Welt, S. 239 - Ken Follett)

  • Ich bin auch gut reingekommen. Das Hörbuch ist toll eingesprochen von Heike Warmuth, einer Sprecherin, die mich schon mehrfach begeistern konnte. Auch das Booklet mit Glossar, das man auf der Verlagsseite herunterladen konnte, ist hilfreich. Vieles weiß man zwar schon als Leserin historischer Romane, aber manches ist doch neu.


    Ich liebe besonders historische Romane mit Bezug zur Medizingeschichte und mit Frauenfiguren, die aus ihrer vorgegebenen Rolle ausbrechen wollen. Insofern ist der Roman natürlich genau mein Beuteschema. Dabei finde ich Beowulfs Anmerkung wichtig. Die Zeit, in der dieser Roman spielt, war für die Frauenrechte eine wichtige, in der sehr viele Dinge in Bewegung gerieten und sehr viele starke Frauen aufbegehrten. Daher empfinde ich Perdita als sehr stimmige Figur. Natürlich wird sie Rückschläge hinnehmen müssen und benötigt die Hilfe von Männern, aber da hat sie ja zum Glück ein passendes Umfeld.


    Mit den Nebenfiguren geht es mir wie den meisten hier. Ich finde sie interessant, werde aber aus einigen noch nicht so recht schlau.


    Der Vergleich zu den Gereon-Rath-Romanen drängte sich mir auch auf. Natürlich sind Inhalt und Stil ganz anders, aber die Atmosphäre des Berlins im frühen 20. Jahrhundert trifft dieser Roman genauso gut wie die Reihe von Volker Kutscher. Ich bin jetzt schon sicher, dass ich weitere Bände lesen werde.

  • Wir befinden uns hier noch in einer Zeit, die sich selbst noch sehr sicher ist. Dabei sind es nur noch vier Jahre, bis alles zusammenfällt. Noch acht Jahre bis zum Frauenwahlrecht. Das was man heute Tradwife nennt kam dann mit den Faschisten, die uns vielleicht erspart geblieben wären, wenn es nicht das Frauenwahlrecht gegeben hätte.

    Nemo tenetur :gruebel


    Ware Vreundschavt ißt, wen mahn di Schreipfelerdes :lesend America against America Wang Huning:lesend Édouard Louis Monique bricht aus

  • das ist ja mal ne steile These… Die Nazis sind doch nicht nur von Frauen gewählt worden… :nono


    Das klingt fast so, als wolltest Du sagen, dass die Frauen ja zu doof waren um die Beweggründe dieser unsäglichen Partei zu durchschauen und sich haben manipulieren lassen. Sprich dass Frauen eigentlich zu doof zum wählen sind..

  • das ist ja mal ne steile These… Die Nazis sind doch nicht nur von Frauen gewählt worden… :nono


    Nein, die Nazis wurden überwiegend von Männern gewählt. Ich denke, beowulf meint eher, daß die Nazis gewählt wurden, weil sie versprochen haben, die Frauen zurück zu Heim und Herd zu schicken. Ich denke aber nicht, daß es da gereicht hätte, wenn das Frauenwahlrecht nicht gekommen wäre. Zumal die Rolle der Frau aus meiner Sicht nicht gerade einer der Hauptgründe für die Wahl der Nazis war.

    "Wie kann es sein, dass ausgerechnet diejenigen, die alles vernichten wollten, was gut ist an unserem Land, am eifrigsten die Nationalflagge schwenken?"
    (Winter der Welt, S. 239 - Ken Follett)

  • das ist ja mal ne steile These… Die Nazis sind doch nicht nur von Frauen gewählt worden… :nono


    Das klingt fast so, als wolltest Du sagen, dass die Frauen ja zu doof waren um die Beweggründe dieser unsäglichen Partei zu durchschauen und sich haben manipulieren lassen. Sprich dass Frauen eigentlich zu doof zum wählen sind..

    So kommt das bei mir grad auch an. Und das finde ich ehrlich gesagt voll unter der Gürtellinie.

  • Es geht darum, dass der Führer von vielen Frauen ob seiner charismatischen Ausstrahlung gewählt wurde. Die Frauen wurden von ihren Männern politisch dumm gehalten und zwar im doppelten Wortsinn, einmal als männliche Haltung und Meinung, zum anderen auch durch vorenthalten von Information und Diskussion nach dem Motto von Politik verstehst du als Frau eh nichts. Ich habe in meiner Jugend mit vielen dieser Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts geborenen Frauen gesprochen, die erklärt haben, hätten wir eine Ahnung von Politik gehabt hätten wir nie Nationalsozialisten gewählt. Als jemand der glühender Verfechter der Emanzipation ist habe ich alles stets bedauert, das mit der Einschränkung von Frauenrechten einhergeht, aber man muss eben auch die ganze Wahrheit sehen und sehen wie viele Frauen heute wieder mit Freude sich vom Mann versorgen lassen und drei Kinder bekommen wollen und lieber Kinder und Küche, wenn auch nicht mehr Kirche als Lebensmittelpunkt ansehen und sich Tradwife nennen, weil modern. Nicht jeder Fortschritt ist gleich ein Erfolg und Erfolge werden oft mit Rückschlägen erworben. Auch die AfD hat mehr Männer als Wähler, aber die Wahlerfolge fielen ohne die weiblichen Wähler deutlich geringer aus. Wählerinnen an deren Verstand man nicht zweifeln, wohl aber verzweifeln darf. Zurück in eine Zeit in der alles überschaubarer war, aber war es auch besser? Ich habe dort nur Fragen, keine Antworten und wenn mir jemand unterstellt eine Antwort gegeben zu

    haben, dann irrt er.

    Nemo tenetur :gruebel


    Ware Vreundschavt ißt, wen mahn di Schreipfelerdes :lesend America against America Wang Huning:lesend Édouard Louis Monique bricht aus

  • naja, sagen wir es mal so…. Dummheit ist ja nicht auf ein Geschlecht beschränkt. Ich verzweifle auch immer wieder, wenn ich Frauen absoluten Schwachsinn von sich geben höre. Ich hab nix gegen das Modell „Ich kriege drei Kinder und lass mich von meinem Mann versorgen“ Solange das nicht als das einzig wahre Frauenschicksal verstanden wird. Wer das möchte und sich entsprechend einrichtet in seinem Leben mit allem was dazu gehört, meinetwegen. Nicht mein Weg, aber gut.

    Schlimm finde ich so Frauen wie die MAGA Frauen in den USA, die jedes andere Lebenskonzept als falsch und verachtenswert sehen. Und nicht davor zurückschrecken anderen ihre Sicht der Dinge aufdrängen

  • Auch die AfD hat mehr Männer als Wähler, aber die Wahlerfolge fielen ohne die weiblichen Wähler deutlich geringer aus.

    Und damit begründest Du, daß die Nazis an die Macht kamen, weil die Frauen wählen dürfen? Ohne Frauenwahlrecht hätten die Nazis prozentual stärker abgeschnitten, ebenso die AfD heute. Ja, es stimmt, wenn die Frauen nicht für die Nazis gestimmt hätten, hätten sie weniger Prozent gehabt, aber daraus zu schließen, daß sie aufgrund des Frauenwahlrechts gewählt wurden, ist aus meiner Sicht Unsinn, auch wenn ich Dir durchaus recht gebe, daß es ein Problem war, daß das Frauenwahlrecht eingeführt wurde, ohne den Frauen die Eigenständigkeit gleich mitzugeben.

    "Wie kann es sein, dass ausgerechnet diejenigen, die alles vernichten wollten, was gut ist an unserem Land, am eifrigsten die Nationalflagge schwenken?"
    (Winter der Welt, S. 239 - Ken Follett)

  • Schlimm finde ich so Frauen wie die MAGA Frauen in den USA, die jedes andere Lebenskonzept als falsch und verachtenswert sehen. Und nicht davor zurückschrecken anderen ihre Sicht der Dinge aufdrängen

    Das sind ja hauptsächlich die Tradwives die beowulf meint. Dann wird da auch noch klerikal unterstützt und hoch gehalten. Schrecklich, sich so in Abhängigkeit zu begeben. Aber wie Du sagst, jeder kann und darf so leben wie er möchte.

    Und beowulf danke für die Ausführung, ja klar, das Charisma hat auf viele Frauen gewirkt.

    Aber es gab auch andere, die dürfen wir nicht vergessen.

  • Hach, ist das schoen, das alles zu lesen. Danke!

    Und hach, ist das schwierig, nichts zu verraten.

    Darin bin ich bekanntermassen ganz schlecht. Mein Schwiegersohn hat vor kurzem meiner Tochter eine Wochenendreise nach Paris geschenkt. Sowohl er als auch meine Söhne haben mir eindringlich immer wieder erzählt, sie fahren nach Amsterdam, sodass ich mich schon gewundert habe ...

    Als sie dann in Paris waren, wurde mir mitgeteilt: "Weil du doch nichts fuer dich behalten kannst ..."

    Ich war total erleichtert. Das mit Amsterdam war mir meiner Tochter gegenüber nämlich rausgerutscht ...

  • Jetzt noch schnell etwas zum Buch, hoffentlich ohne jemanden zu spoilern:

    Der Beruf des Bestatters war um diese Zeit in dieser Form tatsächlich noch brandneu. Bis 1869 hatte der sogenannte Leichen-Commissarius die Organisation von Beerdigungen in Preussen übernommen. Als das Amt abgeschafft wurde, entstand ein Gewerbezweig, der nicht konzessionspflichtig war. Die ersten Unternehmen fuer Teilbereiche entstanden, und dann gab es bald welche wie das von Charon Czerny, die alles unter einen Hut brachten. Ab 1876 gab es in Europa dann Kongresse fuer die Feuerbestattung, die aber noch etwas brauchte, um sich zu etablieren.


    Ich freu mich, dass ihr so viel ratet und mitdenkt und spekuliert. Das ist ganz toll.

    Und über das Kompliment mit Gereon Rath könnte ich im Achteck springen wie meine Buchprüferhasen, weil ich die Bücher so so sehr liebe. Und 'Berlin Babylon'. Wirklich so so sehr.


    Die Kriminalfälle, die in dieser Serie behandelt werden, sind alle wahren Mordfällen nachgestaltet. Die meisten sind aus mehreren Fällen zusammengestückelt. Dieser aber nicht. Er ist einem einzigen Fall nachempfunden, der mir so sehr am Herzen lag, dass ich unbedingt einen Roman daraus machen wollte. Den wollte mir aber niemand abkaufen, weil Opfer und Täter nicht bekannt genug waren. Also habe ich eine fiktive Geschichte daraus gemacht und vieles abgewandelt. Am Ende verrate ich bei Interesse natürlich, um wen es geht. Kommt aber eventuell jemand von euch von selbst darauf? (Liebste Corinna, du darfst leider NICHT mit raten ...)

  • Die Kriminalfälle, die in dieser Serie behandelt werden, sind alle wahren Mordfällen nachgestaltet. Die meisten sind aus mehreren Fällen zusammengestückelt. Dieser aber nicht. Er ist einem einzigen Fall nachempfunden, der mir so sehr am Herzen lag, dass ich unbedingt einen Roman daraus machen wollte. Den wollte mir aber niemand abkaufen, weil Opfer und Täter nicht bekannt genug waren. Also habe ich eine fiktive Geschichte daraus gemacht und vieles abgewandelt. Am Ende verrate ich bei Interesse natürlich, um wen es geht. Kommt aber eventuell jemand von euch von selbst darauf? (Liebste Corinna, du darfst leider NICHT mit raten ...)

    Deine Ausführungen über das Bestattungswesen finde ich interessant. Ich habe ehrlicherweise noch nie darüber nachgedacht, welchem Wandel dieses Business im Laufe der Jahrzehnte / Jahrhunderte unterlag. Auch, ab wann Feuerbestattungen in unserem Raum üblich oder zumindest "salonfähig" waren, habe ich bislang kaum hinterfragt. Bestand ja bislang keine Veranlassung dazu. :grin


    Natürlich intessiert mich auch der reale Hintergrund der Fälle. Bislang habe ich noch keine Ahnung, bin aber auch - leider aus Zeitgründen - noch nicht so weit im Buch, wie ich es gerne schon wäre. :lache

    Lieben Gruß,


    Batcat batsmile.gif


    Ein Buch ist wie ein Garten, den man in der Tasche trägt (aus Arabien)

  • Ich habe diesen Teil der Recherchen auch total spannend gefunden. Der Bau eines Krematoriums und damit eine weitergehende Akzeptanz der Feuerbestattung wurde nach der Choleraepidemie von Hamburg schlicht notwendig. Der Papst hat das dann aber erst einmal verboten, was katholische Menschen in einen Zwiespalt brachte, der erst sehr allmählich aufgehoben wurde.

  • Deine Ausführungen über das Bestattungswesen finde ich interessant. Ich habe ehrlicherweise noch nie darüber nachgedacht, welchem Wandel dieses Business im Laufe der Jahrzehnte / Jahrhunderte unterlag. Auch, ab wann Feuerbestattungen in unserem Raum üblich oder zumindest "salonfähig" waren, habe ich bislang kaum hinterfragt. Bestand ja bislang keine Veranlassung dazu.

    Es ist wirklich ein sehr spannendes Thema, über das auch ich (noch) nicht wirklich nachgedacht hatte. :zwinker Umso interessanter ist es hier darin etwas einzutauchen.

    Ich habe diesen Teil der Recherchen auch total spannend gefunden. Der Bau eines Krematoriums und damit eine weitergehende Akzeptanz der Feuerbestattung wurde nach der Choleraepidemie von Hamburg schlicht notwendig. Der Papst hat das dann aber erst einmal verboten, was katholische Menschen in einen Zwiespalt brachte, der erst sehr allmählich aufgehoben wurde.

    Ah, das erklärt sicher auch, warum es bei uns im Oberwallis (= erztkatholische Region) so lange gedauert hat, bis sich das Kremieren immer mehr durchgesetzt hat.

  • Da hat sich das ganze Bestattungswesen in den letzten Jahrzehnten erheblich geändert. Meine Großeltern z.B. (erzkatholisch:grin) haben sich noch mit Händen und Füßen gegen eine Feuerbestattung gewehrt, das war in ihren Augen keine "anständige" Bestattung. Damals hatte man ja teilweise sogar Wartezeiten, wenn man sich bereits zu Lebzeiten eine Grabstätte pachten wollte. :huh:


    Und nun? Wenn man auf dem Friedhof spazieren geht, gibt es ganz viele Freiflächen, weil die meisten Menschen sich kremieren lassen und ganz oft auch alternative, platzsparende und vor allem auch pflegeleichtge Grabformen wählen: Urnenfelder, Friedwälder, Stelengräber etc.

    Lieben Gruß,


    Batcat batsmile.gif


    Ein Buch ist wie ein Garten, den man in der Tasche trägt (aus Arabien)

  • Es ist wirklich ein sehr spannendes Thema, über das auch ich (noch) nicht wirklich nachgedacht hatte. :zwinker Umso interessanter ist es hier darin etwas einzutauchen.

    Ah, das erklärt sicher auch, warum es bei uns im Oberwallis (= erztkatholische Region) so lange gedauert hat, bis sich das Kremieren immer mehr durchgesetzt hat.

    Genau! Berlin und Hamburg mit ihren grossen protestantischen Anteilen waren da Vorreiter.