Wenn Du Dein eigenes Buch bei den Eulen anpreisen willst ...

  • Lieber Autor,


    Du hast ein Buch geschrieben. Wie wunderbar. Okay, es ist bei einem sehr kleinen Verlag erschienen, vielleicht sogar im Selbstverlag oder per BoD, aber, hey, es ist fraglos ein Buch: Bedrucktes Papier zwischen zwei Deckeln, ISBN, VlB-Listung und all das. Dein Umfeld ist hingerissen, und auch die beiden Amazon-Rezensionen, die Du selbst unter verschiedenen Pseudonymen geschrieben hast, lobpreisen das Werk. Tatsächlich ist es Dir sogar gelungen, das kostenlose Anzeigenblatt, das in Deinem Dorf erscheint, zu einem Artikel zu drängen, in dem Du als literarische Hoffnung der Gemeinde angepriesen wirst. Das mag sogar stimmen.


    Nun also ist es an der Zeit, das Opus zu vermarkten. Es scheint naheliegend, eines der vielen Bücherforen (oder, besser: alle) aufzusuchen und dort für den Roman zu werben. Schließlich sollte jeder Leser daran interessiert sein, auf Neuerscheinungen aufmerksam gemacht zu werden, und natürlich zuvorderst auf solche, die am widerwärtigen Mainstream vorbeigehen und sich dem Einheitsbrei der Großverlagsprogramme verweigern. Genau dazu gehört Dein Werk natürlich, weshalb Du eigentlich den Lesern einen Gefallen tust - und längst nicht nur Dir selbst.


    Du bist eigentlich nicht sehr eitel und Du weißt längst, dass Eigenlob stinkt, schließlich musst Du es ja jeden Tag riechen. Zudem hast Du richtig erkannt, dass Bücherforen vor allem Leserforen sind, dass also Menschen, die bestimmte Bücher (gerne) gelesen haben, diese Bücher anderen Menschen empfehlen - so funktionieren diese Communities. Du hast aber außerdem herausgefunden, dass sich die meisten dieser Forenmitglieder hinter Pseudonymen "verstecken", sich also Nicks geben, die mit ihren Realnamen nichts zu tun haben. Mag sein, dass sie das vor allem tun, um sich der Gefahren zu erwehren, mit denen man zu tun bekommt, wenn man als Realperson im Netz zugange ist, aber in der Hauptsache scheint das eine für Deine Zwecke rechte und billige Verfahrensweise zu sein: Denn auch Du bist ja schließlich Leser, und wahrscheinlich derjenige, der Dein tolles Buch am häufigsten gelesen hat. Und damit bist Du auch zweifelsfrei der Leser, der die fundierteste Kritik zu Deinem Roman verfassen kann.


    Also denkst Du Dir ein Pseudonym aus. Oder, besser: Du verwendest dasjenige, unter dem Du in anderen Foren zugange bist. Der Einfachheit halber wählst Du für alle Bücherforen den Nick, den Du im Häkel-, Single-, BDSM-, Modelleisenbahn- und Gebrauchteheftpflastersammlerforum auch verwendest. Wer ist schon so schlau, hier die Zusammenhänge zu suchen? Natürlich niemand. Belletristik-Leser sind leichtgläubig, das liegt in der Natur der Sache. Fiktion ist die Metaebene, die sie vereinigt.


    Unter diesem Nick schreibst Du - als erste Nachricht im jeweiligen Forum - eine kurze Kritik, die auf keinen Fall etwas über den Inhalt des Buches verrät, es aber - in drei, vier knappen Sätzen - als nicht mehr und nicht weniger als das Highlight der Saison (und aller kommenden) hochjubelt. Du vergibst zehn Punkte, die der Roman auf jeden Fall verdient hat, lehnst Dich zurück und aktualisierst im Minutenrhythmus die Amazon-Bestellseite für Dein Buch, um jede Veränderung des Verkaufsranges sofort sehen zu können.


    Verblüffend nur, dass sich da nichts tut. Oder nicht in der erwarteten Weise.


    Stattdessen wird im Forenthread, den Du zu Deinem Buch eröffnet hast, nach Caipirinha gerufen. Wie seltsam.


    Du könntest Dir jetzt natürlich einige Fragen stellen. Zum Beispiel: Habe ich etwas falsch gemacht? Und, wenn ja: An welcher Stelle? Erst mit meiner selbstlosen Selbstkritik oder schon in dem Moment, als ich angefangen habe, das Buch zu schreiben? Oder: Wie kommt es eigentlich, dass dieser, mein Buchtthread so ganz und gar anders behandelt wird als die anderen?


    Diese Fragen sind schwer zu beantworten. Aber, hey - Du könntest ja ein Buch darüber schreiben.

  • Einfach nur großartig! :wave

    Ich mag verdammen, was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du es sagen darfst. (Evelyn Beatrice Hall) ich wünsche allen einen schönen Tod und eine geruchslose Verwesenung.


    Allenfalls bin ich höflich - freundlich bin ich nicht.