Marlen Haushofer: DIE WAND

  • Nachdem das Buch überraschend und zu meiner Freude (es war unter den 3, die für mich zur Wahl standen, hätte ich mitgemacht) bei der Deutschen liebste Bücher unter die TOP50 kam und Elke Heidenreichs Gast Reinhard Mey es in LESEN ebenfalls empfahl, aber eine Eulen-Empfehlung bisher fehlte, hier meine Besprechung vor 2 Jahren für das buecher4um.de:


    Ein Frau fährt mit ihrer Schwester und ihrem Schwager in die Berge, ein ganz normaler Wochenendausflug auf die Jagdhütte. Am Abend der Ankunft gehen Schwester und Schwager zu Fuß noch ins Dorf, „sich unters Volk mischen“. Als die Frau am nächsten Morgen erwacht ist sie immer noch alleine. Der Wagen steht auch da. Sie macht sich Gedanken und will jetzt ebenfalls mit dem Hund ins Dorf.


    Plötzlich benimmt der Hund sich merkwürdig. Es ist als stoße er an ein unsichtbares Hindernis. Sie untersucht die Stelle... und tatsächlich, sie fühlt eine unsichtbare, undurchdringliche Wand. Sie reagiert geschockt, geht die Wand entlang, kein durchkommen. Hat der Atomkrieg stattgefunden? Hat der Feind alles vernichtet und nur sie lebt durch einen Zufall? Auf der anderen Seite der Wand scheinen sichtbare Menschen und Lebewesen wie zu Stein erstarrt, leblos.


    Sie hat Angst, vor allem vor denen, die das angerichtet haben. Sie lässt Wand Wand sein und verschanzt sich in der Hütte. Dank ihres übervorsorglichen Schwagers sind eine Menge Lebensmittelkonserven gelagert. Nur ob das reicht, bis sie von anderen Menschen, und wenn es der Feind ist, gefunden wird.


    Das war vor drei Jahren. Sie ist immer noch alleine, mehr allein als am Anfang. Die Verantwortung für das Überleben ihrer Tiere Hund, Katze, Kuh hat sie bisher davor bewahrt, selbst zu einem dahin vegetierendem Wesen zu werden. Sie beginnt ihre Erlebnisse. die Gedanken der vergangenen drei Jahre aufzuschreiben. Dazu nutzt sie jedes Stückchen Papier, dass sie findet.


    Es ist ein unspektakulärer Bericht, es gibt keine ausgeprägten Hochs und Tiefs, keinen Spannungsbogen. Es geht ganz einfach nur um das Überleben, Nahrung beschaffen für sich und die Tiere, die unwirtlichen Jahreszeiten zu überstehen. Namen sind nicht mehr wichtig, wie so viele Dinge, die in ihrem Leben vor der Wand ihr Tun dominiert haben.


    Gerade diese Reduzierung auf ein menschenwürdiges Leben ohne die „Annehmlichkeiten“ der Zivilisation, dieses in Frage stellen so vieler Dinge, die ihr (und uns heute genauso) einmal wichtig waren, macht für mich den eigentümlichen Reiz dieses Buches aus.


    Dieses Buch brennt sich ein in die eigenen Gedanken und Erfahrungen. Könnte ich in einer ähnlichen Situation überleben? Was weiß ich vom Pflanzen, von Tieren? Nützt mir mein Wissen, um Kartoffeln anzupflanzen, eine Kuh zu melken, ein Kalb zur Welt zu bringen? Oder bin ich ohne „Zivilisationskrücken“ lebensunfähig? Sind die "Dinge", die mir heute wichtig sind, wirklich die wichtigen "Dinge" meines Lebens? Und dieses manchmal bohrende, selten ausgesprochene Gefühl „da muß doch noch mehr sein“, gehe ich ihm nach oder verdränge ich es auch?


    Man kann dieses Buch als Frauen-Emanzipations-Literatur bezeichnen, als Zurück-zur-Natur-Reader; als Aussteigertraum einer Nachkriegs-Frau, als weibliches Robinson Crusoe-Abenteuer; alle das und mehr kann der Leser darin sehen, aber über eines bin ich mir sicher, es ist ein


    zutiefst MENSCHLICHES Buch


    LG dyke



    Zu diesem Buch gab es eine gemeinsame Leserunde, klick


    Edit: Ich habe den Link zur Leserunde nachgetragen. LG, milla

    "Sie lesen?"
    "Seit der Grundschule, aber nur, wenn's keiner sieht."


    Geoffrey Wigham in "London Calling" von Finn Tomson

    Dieser Beitrag wurde bereits 1 Mal editiert, zuletzt von dyke ()

  • Eins von zwei Büchern auf dieser Lieblingsliste, die mich interessieren und die ich noch nicht gelesen habe.
    Habe zwei Kurzbiographien im Netz gefunden: in einem Archiv für Feministische phantastisch-utopische Literatur und beim österreichischen Kulturserver aeiou.at.

  • Hallo Dyke,


    das klingt aber wirklich sehr abenteuerlich und interessant, die Geschichte ist ja unglaublich. Habe es schon notiert, danke. :wave

  • *schubs* gibt es hier noch andere Meinungen dazu? Bin unschlüssig, ob ich es mir zulegen soll. Es hatte in der Sendung damals auch meine Aufmerksamkeit erregt.

  • Ich habe das Buch im Regal meiner Eltern entdeckt,als ich 13 oder 14 war,
    ich konnte damit irgendwie nichts anfangenund habe es weggelegt.
    Aber vor kurzem war es wieder Thema und meine Mom sagte es wäre eines der besten Bücher,die sie je gelesen hat und eine Freundin pflichtete ihr bei.
    Vielleicht lese ich es ja doch nochmal,wäre eventuell eine gute Idee,für eine Leserunde?
    Meld.

  • Ja, machst Du einen Vorschlag auf, oder soll ich? Ab Mitte April, sonst komme ich nicht mehr mit. :grin

  • Ich habe es im Deutsch-LK lesen müssen, und ich habe es gehasst.


    Ich fand es einfach sterbenslangweilig, *so* langweilig, das ich ihm nicht mal nach 16 Jahren Pause eine zweite Chance geben würde.


    Aber wie heißt's so schön: "Wat dem een sin Uhl..."


    Gruß,
    Griswold

  • Vor Jahren war dieser Roman in der WAZ abgedruckt. Jeden Morgen habe ich da gespannt auf die Fortsetzung gewartet. Es war eines der Bücher, die zum Nachdenken anregen, sowohl über das Leben im hier und jetzt als auch über sich selbst. Leider kann ich mich nicht mehr erinnern, WARUM da eine Wand war. Ich glaube, ich werde mir das Buch jetzt doch noch zulegen. :-)
    LG
    Christiane

    Das Leben ist bezaubernd, man muss es nur durch die richtige Brille sehen.
    Alexandre Dumas [fils, Sohn, der Jüngere] (1824 - 1895), französischer Schriftsteller
    LG
    Christiane

  • Ich kam mit ihrer Sprache überhaupt nicht zurecht, fand sie fremdartig wie die ganze Geschichte. Abschreckend auch dieses Gefühl der stets unterliegenden Bedrohung und Gewalt.
    Feministisch? Vielleicht. Jedenfalls nicht sehr hoffnungsvoll.
    Bestimmt ein Leseerlebnis und eine besondere Erfahrung, aber ganz bestimmt nicht 'mein' Buch.
    magali
    PS.: Es gibt keine konkret beschriebene Begründung, warum da eine Wand ist. Das ergibt sich aus dem Geschehen, offen für Interpretationen.

    Ich und meine Öffentlichkeit verstehen uns sehr gut: sie hört nicht, was ich sage und ich sage nicht, was sie hören will.
    K. Kraus

  • ich hab mir das buch zu weihnachten gewünscht und wie meine ma so ist, hat sie mal reingelesen. sie sagte, daß sie es furchtbar deprimierend fand und recht bald wieder weggelegt hat. vielleicht würde sie es bei strahlendem sonnenschein nochmal versuchen, aber eigentlich nicht gern. *lach*
    ich hab es bisher noch nicht gelesen. es lebt bei den anderen ungelesenen..

  • Ich bin im Herbst durch die "50 beliebtesten Bücher der Deutschen" auf die Wand aufmerksam geworden und nach dem Lesen habe ich mich einfach nur gewundert, warum das Buch in so einer Liste landet.
    Die Idee der Geschichte fand ich spannend und so hat mir auch die erste Hälfte des Buches noch recht gut gefallen. Aber irgendwann wurde es dann einfach langweilig, immerzu das gleiche und die wenigen "Besonderheiten" (z.B. der Fremde) wurden überhaupt nicht erklärt.
    Und was mich besonders gestört hat: das Buch hat keine Kapitel, nicht einmal Leerzeilen zwischen Abschnitten, es ist von der ersten bis zur letzten Seite einfach ein durchgehender Text.

  • Zitat

    Original von chiclana
    die wenigen "Besonderheiten" (z.B. der Fremde) wurden überhaupt nicht erklärt.


    Da der Text ein Rückblick der Frau ist, etwas, was sie nach 4 Jahren (?) aufschreibt, kann sie keine Erklärung haben, wo der Fremde herkommt. Sie weiß es einfach nicht


    LG Dyke

    "Sie lesen?"
    "Seit der Grundschule, aber nur, wenn's keiner sieht."


    Geoffrey Wigham in "London Calling" von Finn Tomson

  • Zitat

    Original von dyke


    Da der Text ein Rückblick der Frau ist, etwas, was sie nach 4 Jahren (?) aufschreibt, kann sie keine Erklärung haben, wo der Fremde herkommt. Sie weiß es einfach nicht


    LG Dyke

    ´


    Ja, da hast Du schon recht. Ich konnte einfach nicht nachvollziehen, dass da ein Fremder auftaucht, sie eigentlich nicht weiter verfolgt woher der kommt und ihn lieber gleich erschlägt. Naja, sei's drum.
    War einfach nicht mein Buch. :-(

  • Bisher bin ich sehr angetan, mal schaun, wie weit ich heut nacht komme :-)


    Ich mag dieses Gedankenspiel, vermutlich weil ich so krank im Hirn bin und mir oft solche Endzeitgedanken mache. Dazu gehört z.B. dass ich niemals irgendwo wohnen könnte, wo es keinen Kamin gibt. etc.

  • Puhh, ich bin aber doch froh, wenn ich damit fertig bin, irgendwie doch sehr beklemmend, aber trotzdem gut.


    Danach brauch ich was lustiges, glaub ich ;-)


    Eine Ungereimtheit: warum macht sie sich Sorgen darüber, dass die Streichhölzer ausgehen? Man kann ein Feuer doch auch lebendig halten, ohne jeden Tag ein Streichholz dafür zu brauchen! Fehlte da der Autorin die persönliche Erfahrung?

  • Zitat

    Eine Ungereimtheit: warum macht sie sich Sorgen darüber, dass die Streichhölzer ausgehen? Man kann ein Feuer doch auch lebendig halten, ohne jeden Tag ein Streichholz dafür zu brauchen! Fehlte da der Autorin die persönliche Erfahrung?


    Gute Frage...




    Da ich "Marlen Haushofer" jetzt als Spezialgebiet in Deutsch habe, habe ich mich ein bisschen näher mit ihrer Biographie auseinander gesetzt und das Buch strotz ja nur so von autobiographischen Aspekten...
    seit mir das bewusst ist, gefällt mir das Buch noch ein Stück besse als vorher...