So 'n Gedicht ...

  • Wieder ein bisschen Busch geschmökert.

    Sommer - Sonntag - Sonnenschein

    Sommer - Sonntag - Sonnenschein. -

    Blühende Kirchhofslinde

    Nickt durchs zerbrochene Fenster hinein

    Der Kirche im Morgenwinde.


    Vogel fliegt dort ein und aus

    Friedlich am Sonntagmorgen,

    Oben im stillen Gotteshaus

    Glaubt er sein Nest geborgen.


    Kirche - Orgel und Choral,

    Warm ist's im Kirchenraume;

    Dorfes Mütterchen allzumal

    Nicken behaglich im Traume.


    Still Gesang. Das Wort beginnt:

    Gott kommt in Strafgewittern;

    Worte so da geschrieben sind:

    Heulen und Kniezittern. -


    Jeder Schläfer fährt so bang

    Auf aus behaglichem Traume.

    Doch der Vogel, der Vogel sang

    Laut ein Lied in dem Raume.


    War ein Lied vom Sonnenschein,

    Frühling und Frühlingstriebe:

    War ein Lied so hell und rein;

    Frühling und Gottes Liebe!


    Dummen Vogels dummes Lied,

    Dachte der Küster verdrossen.

    Als er, der letzte, die Kirche mied,

    Hat er das Nest zerstoßen.


    Ängstlich flattert das Vögelein

    In der blühenden Linde,

    Die da nickt zum Fenster hinein

    Der Kirche im Morgenwinde.


    Wilhelm Busch

    fueller.gifAus der Sammlung Gelegenheitsdichtung

    Man sollte alles lesen. Mehr als die Hälfte unserer heutigen Bildung verdanken wir dem, was wir nicht lesen sollten.

    Oscar Wilde (1854 - 1900)


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  • Europa


    Am Rhein, da wächst ein süffiger Wein –

    der darf aber nicht nach England hinein –

    Buy British!

    In Wien gibt es herrliche Torten und Kuchen,

    die haben in Schweden nichts zu suchen –

    Köp svenska varor!

    In Italien verfaulen die Apfelsinen –

    laßt die deutsche Landwirtschaft verdienen!

    Deutsche, kauft deutsche Zitronen!

    Und auf jedem Quadratkilometer Raum

    träumt einer seinen völkischen Traum,

    Und leise flüstert der Wind durch die Bäume . . .

    Räume sind Schäume.


    Da liegt Europa. Wie sieht es aus?

    Wie ein bunt angestrichnes Irrenhaus.

    Die Nationen schuften auf Rekord:

    Export! Export!

    Die andern! Die andern sollen kaufen!

    Die andern sollen die Weine saufen!

    Die andern sollen die Schiffe heuern!

    Die andern sollen die Kohlen verfeuern!

    Wir?

    Zollhaus, Grenzpfahl und Einfuhrschein:

    wir lassen nicht das geringste herein.

    Wir nicht. Wir haben ein Ideal:

    Wir hungern. Aber streng national.

    Fahnen und Hymnen an allen Ecken.

    Europa? Europa soll doch verrecken!

    Und wenn alles der Pleite entgegentreibt:

    daß nur die Nation erhalten bleibt!

    Menschen braucht es nicht mehr zu geben.

    England! Polen! Italien muß leben!

    Der Staat frißt uns auf. Ein Gespenst. Ein Begriff.

    Der Staat, das ist ein Ding mitm Pfiff.

    Das Ding ragt auf bis zu den Sternen –

    von dem kann noch die Kirche was lernen.

    Jeder soll kaufen. Niemand kann kaufen.

    Es rauchen die völkischen Scheiterhaufen.

    Es lodern die völkischen Opferfeuer:

    Der Sinn des Lebens ist die Steuer!

    Der Himmel sei unser Konkursverwalter!

    Die Neuzeit tanzt als Mittelalter.


    Die Nation ist das achte Sakrament –!

    Gott segne diesen Kontinent.


    Kurt Tucholsky als Theobald Tiger 1932

    Man sollte alles lesen. Mehr als die Hälfte unserer heutigen Bildung verdanken wir dem, was wir nicht lesen sollten.

    Oscar Wilde (1854 - 1900)