'Krieg und Frieden' - Band 2, Teil 5 - Kapitel 01 - 12

  • Pierres Begeisterung für die Freimaurer und sein Wille die ganze Welt auf einmal verändern zu wollen waren, ich hatte es irgendwie schon erwartet, nur eine kurze Episode. Jetzt versinkt er in Moskau in Alkohol und Selbstmitleid. Ich weiß immer noch nicht so recht, was ich von ihm halten soll, einerseits tut er mir lei, andererseis ist er aber auch ein ganz schön jämmerliches weichei!


    Der alte Fürst Bolonski wird scheinbar so langsam aber sicher senil, was aber nichts an seinem schrecklichen Verhalten seiner Tochter gegenüber ändert, im Gegenteil, in Moskau wird für Marja alles nur noch schlimmer.
    Beim ersten Zusammentreffen mit Natascha, die vielleicht eine Freundin für sie hätte werden können, eht auch gleich mal alles schief, da sind allerdings beide gleichermaßen schuld, die zwei benehmen sich einfach nur total dämlich!


    Anatol hat ein Auge auf Natascha geworfen und will sie der bestimmt schon sehr langen Liste seiner Eroberungen hinzufügen. Hoffendlich kommt Andrei bald zurück, sonst geschieht da noch ein Unglück!

  • Der Anfang dieses Abschnittes, meine Ausgabe Achter Teil, Kapitel I, Seite 712:


    „Ohne jeden klar erkennbaren Grund empfand Pierre es nach der Verlobung des Fürsten Andrej mit Natascha auf einmal als unmöglich, sein Leben in der bisherigen Weise weiterzuführen.“




    In dem Abschnitt, vor allem im Kapitel 11, kommt recht gut zutage, aus welchem Holz die Kuragin geschnitzt sind. Einstens wollten sie Pierre um sein Erbe bringen, dann hat Helene sich mehr oder weniger selbst zur Frau von Pierre (der viel zu leicht zu beeinflussen ist) gemacht, um doch noch in den Besitz der Erbschaft zu kommen (denn das war wohl der einzige Grund), und nun zeigt Anatol, ihr Bruder, sein häßliches Gesicht, indem er Natascha verführen will. Und die, blind vor „Liebe“, schlägt alle guten Ratschläge in den Wind.

    Unter den Büchern finden wir wieder, was uns in der Fremde entschwand, Frieden im Innern und Frieden mit unserer Umgebung.
    (Gustav Freytag, 1816 - 1895)

  • Ich bin noch nicht fertig mit dem Abschnitt. Nur soviel schon mal:


    Pierre hängt in der Luft. Er stellt sich immer noch die gleichen Fragen, auf die er keine Antwort findet. Das raubt ihm jede Energie, er lässt sich treiben und betäubt seinen Frust, in dem er sich in Vergnügungen stürzt und genau so wird, wie er es früher bei anderen verachtet hat.


    Widersprüchlich klingt es für mich, wenn Pierre zu dem Schluss kommt, dass alle Aktivitäten, ob Arbeit oder Vergnügungen, nur da sind, um "sich vor der Last des Lebens zu retten .. Nein, es gibt nichts Unbedeutendes und nichts Wichtiges, es ist alles gleich, nur muß man sich vor dem Druck des Lebens retten, so gut man kann."

    Wie soll ich das verstehen? Kann man sich vor dem Druck des Lebens retten oder muss man sich ihm nicht eher stellen? Oder meint er, dass man mit einer ordentlichen Portion Gelassenheit an das Leben herangehen sollte, sich selbst nicht so wichtig nehmen?


    Ich frage mich, warum der alte Bolkonski Pierre in seinen inneren Zirkel aufgenommen hat? Sie sind doch völlig unterschiedlich.

    Was findet er an Pierre? Weil er wie Andrej erkannt hat, dass er ein goldenes Herz hat? Weil er zumindest in der Theorie mehr vom tieferen Sinn des Leben begriffen hat als andere?

    Leider erfährt man (zumindest in meiner Ausgabe) nichts darüber, wie sie sich kennengelernt haben und wie ihre Bekanntschaft gewachsen ist.


    Boris, Julia und die Melancholie! Das ist einfach zu köstlich!

  • Madame Auber-Chalmé als Ober-Schelmin zu bezeichnen ist eine großartige Idee des Übersetzerin. Steht das bei euch auch so (Kap. 6)?


    Was ist ein sehr tief entblößter Hals? Ich hab mir das versucht vorzustellen. Später ist dann von halbnackten Damen die Rede. Das steigert sich dann zu "fast aller Hüllen bar" bis zu "nackt". Aha. Der Hals reicht bei Tolstoi also fast bis zum Bauchnabel. :grin


    Die Beschreibung der Opernvorstellung ist ja sehr erheiternd. Offensichtlich macht sich Tolstoi über die Sänger, Tänzer und Bühnenbild lustig.


    Es ist nachvollziehbar, dass Natascha empfänglich ist für Anatols Anmache. Sie ist enttäuscht über Andrejs langes Fortbleiben, sie macht zum ersten Mal in ihrem Leben die Erfahrung, dass sie von anderen nicht gemocht wird. Dann die Atmosphäre der großen Welt in der Oper. Zu allem Unglück kommt noch dazu, dass sie Helenes Absichten völlig missversteht. Sie vertraut ihr naiv. Doch Helene geht es nicht darum, ob Natascha das tun, was für sie am besten ist, sondern nur darum, wie sie selbst am meisten Spaß hat.

  • Um damit anzufangen: den Begrigg „Ober-Schelmin“ gibt es in meiner Ausgabe auch. :chen



    „Boris, Julia und die Melancholie! Das ist einfach zu köstlich!“

    :chen Allerdings!


    „Widersprüchlich klingt es für mich, wenn Pierre zu dem Schluss kommt, dass alle Aktivitäten, ob Arbeit oder Vergnügungen, nur da sind, um "sich vor der Last des Lebens zu retten .. Nein, es gibt nichts Unbedeutendes und nichts Wichtiges, es ist alles gleich, nur muß man sich vor dem Druck des Lebens retten, so gut man kann."

    Ohne das jetzt näher erläutern zu können, kam mir das sehr „russisch“ vor. Solche Einstellungen findet man ja auch bei Dostojewski.


    Ich habe jetzt das Kapitel 1 nochmals diagonal durchgelesen, aber die von Dir zitierte Stelle ist mir im Wortlaut nicht begegnet. (Vielleicht las ich auch „zu diagonal“.)


    Aus diesem Satz:

    „Aber dabei mußte er doch leben, mußte sich doch auf irgendeine Weise beschäftigen! Es war furchtbar und unerträglich, beständig unter dem Druck dieser unlösbaren Lebensfragen zu stehen , und so überließ er sich den ersten besten Zerstreuungen, nur um diese Lebensfragen zu vergessen.“ (S. 716)

    habe ich geschlossen, daß er schlicht nichts mit sich anzufangen weiß, keine Ahnung hat, was er eigentlich tun soll und sich darob treiben läßt. Geld genug hat er ja.


    Bei der Opernvorstellung habe ich mich die ganze Zeit gefragt, um welche Oper es sich handelt. Verdi kann es nicht sein, der war zu dem Zeitpunkt noch nicht geboren. Und mit Opern dieser Zeit, zumal solchen, die in Rußland gespielt wurden, kenne ich mich leider kaum aus.


    Helene halte ich für eine ganz durchtriebene Person - das mag negativ klingen und ist auch so gemeint.


    „Was ist ein sehr tief entblößter Hals?“

    Ich habe mir darunter einfach ein tiefes Dekolletee vorgestellt. Und die Vorstellung von „nackt“ war sowohl Mitte des 19.Jahrhunderts als auch zurecht an dessen Beginn eine andere als heute. :grin

    Unter den Büchern finden wir wieder, was uns in der Fremde entschwand, Frieden im Innern und Frieden mit unserer Umgebung.
    (Gustav Freytag, 1816 - 1895)

  • Ich habe jetzt das Kapitel 1 nochmals diagonal durchgelesen, aber die von Dir zitierte Stelle ist mir im Wortlaut nicht begegnet. (Vielleicht las ich auch „zu diagonal“.)

    Es sind die letzten Sätze im 1. Kapitel.


    Ich habe jetzt dieses Kapitel stellenweise in meiner neuen Ausgabe gelesen. Und ich muss sagen, jetzt verstehe ich Pierre etwas besser. Er macht sich durchaus Gedanken, was er mit seinem Leben Positives anfangen kann. Allerdings sieht er bei allen Arbeitsfeldern, die er in Erwägung zieht, Schlechtigkeit und Lüge. Das hält ihn davon ab, irgendetwas zu beginnen.

  • Allerdings sieht er bei allen Arbeitsfeldern, die er in Erwägung zieht, Schlechtigkeit und Lüge. Das hält ihn davon ab, irgendetwas zu beginnen.

    Das dürfte damals wie heute ein Problem sein, denn mit der Begründung könnte man auch in unseren Tagen noch argumentieren.


    Ich nehme an, daß in Deiner bisherigen Ausgabe vieles an Beschreibungen oder "philosophieren" gefehlt hat. Ich bin gespannt, wie Du es siehtst, wenn Tolstoi viel später im Buch dann fast schon geschichtsphilosophisch schreibt (entsprechend der Leserundeneinteilung ab: Band 3, Teil 1 - Kapitel 01 - 10).


    Unter den Büchern finden wir wieder, was uns in der Fremde entschwand, Frieden im Innern und Frieden mit unserer Umgebung.
    (Gustav Freytag, 1816 - 1895)

  • Das dürfte damals wie heute ein Problem sein, denn mit der Begründung könnte man auch in unseren Tagen noch argumentieren.

    Das genau war auch mein Gedanke.

    Ich nehme an, daß in Deiner bisherigen Ausgabe vieles an Beschreibungen oder "philosophieren" gefehlt hat. Ich bin gespannt, wie Du es siehtst, wenn Tolstoi viel später im Buch dann fast schon geschichtsphilosophisch schreibt (entsprechend der Leserundeneinteilung ab: Band 3, Teil 1 - Kapitel 01 - 10).


    Ich mag so etwas sehr. Solange es mich intellektuell nicht überfordert.:lache