Tom Liehr - Nachttankstelle

  • Also, ich möchte mich vorab bei Tom entschuldigen, dass meine "Rezension" (die diesen Namen jetzt ernsthaft nicht verdient, weil ich für Rezis zurzeit einfach keinen Kopf habe...) seinem Buch in keinster Weise gerecht werden kann, aber ich muss sie schreiben, weil ich da in so einem Thread vertreten bin, in dem einen die Lieblingsbücher einer anderen Eule nahegelegt werden und dann sagt man auch seine Meinung zu dem gelesenen Buch. Immer diese Verpflichtungen. :lache :rolleyes *


    Jedenfalls...über die Handlung sag ich nicht mehr viel, das wurde ja etwas beschrieben, um was es geht. Oder - um es in ehrlichen Worten zu sagen - ich weiß nicht so ganz genau, um was es geht. Irgendwie um Nichts. Und dann doch um Alles. Um das Leben, so schlicht und doch so vielfältig und überraschend, wie es nur sein kann. Wahrscheinlich ist es das, was mich an Toms Büchern gleichzeitig anzieht und "abtörnt". Ja, ehrlich, es ist so eine Art Hassliebe, merkte ich wieder mal.


    Auch in der Nachttankstelle passiert nichts "Außergewöhnliches" oder um es positiver auszudrücken nichts Realitätsfernes. Bei allen komischen Menschen mit ihren Macken und allen (Un-)Glücksfällen, die dort vorkommen, fühlte ich mich an das wahre Leben erinnert. Es wird nichts groß beschönigt oder um der Spannung willen dramatisiert, aufgebauscht, hochgespielt. In stillen, aber doch sehr kraftvollen Tönen (das wird an dem Schreibstil liegen, nehm ich an...) werden Ereignisse und Personen beschrieben, die irgendwie alltäglich sind. Was nicht so alltäglich ist, ist die Intensität, mit der man sich diesen Menschen nahe fühlt. Das ist ein sehr schönes Gefühl. Ich glaube, vor allem mit Jessy hab ich oft mitgelitten, wenn ich auch Uwe sehr mochte. Aber Jessy doch ein wenig mehr. :grin


    Aber komischerweise ist genau dieses "wie das wahre Leben"-Phänomen an Toms Büchern oft das, was mich...naja, nicht unbedingt stört, aber mir das Lesen etwas schwer macht. Ja, mich teilweise frustriert. Ich lese oft, um einfach dem Alltag ein bisschen zu entfliehen. Da darf es also ruhig ZU dramatisch, ZU kitschig, leicht unrealistisch sein. Wenn ich Realität will, geh ich in die Innenstadt. Warum also soll ich ein Buch lesen, dass, statt mir zu helfen, dieser Realität zu entfliehen, mich sehr intensiv da reinkatapultiert? Mich verwirrt, vielleicht auch niedergeschlagen, leicht frustriert zurücklässt? Muss ich mir das wirklich antun? Ist die Realität nicht hart genug, reicht mir das nicht? Ich gebe zu...ich freue mich über Toms Bücher, aber ich kämpfe immer mit mir, bevor ich sie beginne. Ich will nicht mitleiden und an die manchmal so fade Welt erinnnert werden.


    Auf der anderen Seite - ach, es ist so wundervoll geschrieben, dass ich nach paar Seiten vergesse, dass ich das alles eigentlich nicht wollte. Und obwohl ich mich wirklich beim Lesen und evtl. auch danach "grau" fühle (naja, "blue" würden die Engländer sagen) - es vergeht. Denn ich sehe ja auch das Schöne am Leben, was Tom in seinen Büchern beschreibt. Die wunderbaren kleinen Dinge, die dort auftauchen. Die kleinen Glücksmomente, die die Figuren erleben. Die Liebe und Freundschaft und Erfolgsgefühl, die zum Glück nicht zu kurz kommen. Die Erinnerung daran, dass jede Realität auch ihre schönen Seiten hat, man muss sie eben nur finden und zu schätzen wissen.


    Ganz abgesehen davon gibt es in Toms Bücher immer ein paar gnadenlos tolle Sätze, die ich wunderbar für eine Zitatensammlung finde. Oder auch einfach so "dahingestreute" Sätze, die mich zum Nachdenken bringen. Leider finde ich eine Stelle, die mich sehr beschäftigt hat, gerade nicht mehr**, aber diese Aussage "Man muss nicht alles und jeden verstehen. Verständnis zu haben reicht schon." (oder so, sorry, Tom, find das nicht...) zum Beispiel ist so ein Satz.


    Und genau wegen diesen Perlen, der wunderbaren Sicht auf das Leben und dem schönen Schreibstil kann ich es doch nicht lassen, Toms Werke zu lesen, auch wenn ich vorher immer ein wenig Angst vor der Realität habe. :chen


    *Eigentlich muss ich das gar nicht machen, denn die Nachttankstelle wollte ich eh lesen und ich werde daher noch ein anderes Lieblingsbuch der Eule ginger ale lesen, aber was soll's...


    ** Ich könnte wetten, dass es irgendwo eine fast philosophische Stelle über das Andersein, Dazugehören oder sowas gab. Ich finde sie leider nicht. Aber wer sie findet, darf mir Bescheid sagen.

    With love in your eyes and a flame in your heart
    you're gonna find yourself some resolution.

  • Zitat

    Original von Gummibärchen
    Auf der anderen Seite - ach, es ist so wundervoll geschrieben, dass ich nach paar Seiten vergesse, dass ich das alles eigentlich nicht wollte. Und obwohl ich mich wirklich beim Lesen und evtl. auch danach "grau" fühle (naja, "blue" würden die Engländer sagen) - es vergeht. Denn ich sehe ja auch das Schöne am Leben, was Tom in seinen Büchern beschreibt. Die wunderbaren kleinen Dinge, die dort auftauchen. Die kleinen Glücksmomente, die die Figuren erleben. Die Liebe und Freundschaft und Erfolgsgefühl, die zum Glück nicht zu kurz kommen. Die Erinnerung daran, dass jede Realität auch ihre schönen Seiten hat, man muss sie eben nur finden und zu schätzen wissen.


    Mir geht es genau anders. Der Alltag fühlt sich für mich oft grau und uninteressant an, aber durch Geschichten wie "Nachttankstelle" wird mir bewußt gemacht, dass das "Bunt" immer da ist und es hauptsächlich durch meine Einstellung erst grau wird. Bücher wie die von Tom helfen mir meine graue Brille abzunehmen und die Farben zu entdecken :knuddel1

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    "Es hat alles seine Stunde und ein jedes seine Zeit, denn wir gehören dem Jetzt und nicht der Ewigkeit."

  • Zitat

    Original von Tom
    Hallo, Gummi.


    :anbet


    Ich rechne Dir ganz persönlich hoch an, dass Du meine Bücher trotzdem liest. ;-)


    Irgendwie hab ich jetzt das Gefühl, das Positive kam nicht so gut rüber wie das augenscheinlich Negative. Ich mag dich trotzdem. :grin

    With love in your eyes and a flame in your heart
    you're gonna find yourself some resolution.

  • Das war vergleichsweise ironiefrei gemeint. Ich kann das gut verstehen, wenn Lektüre quasi alltagsbefreiend sein soll, und meine Texte legen den Fokus ja sehr stark auf das genaue Gegenteil davon, obwohl sie unterm Strich allesamt ziemlich romantisch sind*.


    Zitat

    Ich mag dich trotzdem.


    Jetzt kann das Wochenende kommen. :knuddel1


    (*Edit: Von jenem Roman mit dem hochsubtilen Titel mal abgesehen. :grin)

  • Tom Liehr hat uns (unter anderem) bereits die „Radio Nights“ den „Sommerhit“ und die „Leichtmatrosen" beschert. Sein 2015er Roman „Nachttankstelle“ zeigt uns einen weiteren einsamen Charakter, der nicht so ganz im Leben angekommen ist. Mit seinen 38 Jahren arbeitet Uwe Fiedler nachts in der Tankstelle, führt eine monotone Beziehung, die eigentlich keine mehr ist und ist auch sonst ziemlich neben der Spur. Doch die Dinge ändern sich und plötzlich steht Uwe ohne Freundin, ohne die alte Wohnung und ohne Job da. Es ist der Beginn einer Reise, die Uwes längst überfälligen Reifeprozess in Gang setzt.
    Der Titel „Nachttankstelle“ ist etwas irreführend, weil eben dieser Ort mit der Handlung wenig bis gar nichts zu tun hat. Auch Uwes fieser Chef und alles, was damit zusammenhängt, spielen ab der Hälfte des Romans auf einmal gar keine Rolle mehr. Stattdessen geht es um psychotische Frauen, alte Bekanntschaften aus der Vergangenheit und eine ominöse Erbschaft.
    Das Buch ist nicht so witzig wie die vorherigen, allerdings auch nicht sooo tiefgründig, dass man nach jedem zweiten Satz innehalten muss. Im Gegensatz zu früheren Liehr-Bücher kam ich diesmal in die Handlung nicht so leicht hinein und wusste längere Zeit auch nicht recht, worauf der Autor überhaupt hinaus wollte. Auch nach dem Buch bin ich mir unschlüssig darüber.
    Schade fand ich, dass es Liehr auf den letzten dreißig, vierzig Seiten auf einmal sehr eilig hatte, so als hätte er die Lust verloren und würde deshalb versuchen, die Handlung schnell abzuhandeln. Deshalb bleiben am Ende auch einige Fragen offen.

  • Es ist ganz einfach: das Leben. Immer und ohne jede Ausnahme.



    Ich könnte jetzt viel über die Handlung dieses Buches schreiben, über die wunderbar gezeichneten Figuren, die der Autor irgendwie lieb haben muss, denn sonst würden sie vor meinem inneren Auge nicht eine solche Gestalt annehmen, wie sie das tun, im fernen Neukölln, in der Stadt, zu der auch ich mich verbunden fühle und in der ich lebe. Über all die kleinen und großen Schicksale, die es in ihr jeden Tag zu meistern gibt, die Anonymität, die Kälte, das Glück im Kleinen, das irgendwo ganz offen auf der Straße liegt, sieht man nur richtig hin und greift zu. Über die Art und Weise, wie Menschen miteinander umgehen, sich respektieren oder nicht. Und manchmal braucht es dessen auch noch nicht mal eine Erklärung, nur Akzeptanz. Über Gentrifizierung, dem Übel unserer Zeit, das schleichende Gift der Verdrängung und dem Sterben von Stadtteilen durch Aussaugung all dessen, was sie interessant und lebenswert, abseits von Gewinnmaximierungen, macht.


    Und obwohl das Buch es hergeben würde, dass ich stundenlang darüber philosophieren könnte, so viele herrliche Wortspielereien und Querdenkweisen enthält es, will ich das gar nicht. Ich will mich einfach mal bedanken. Für dieses wunderbare Buch voller Gedankengänge, die mich erinnern, mal wieder mit offeneren Augen durch den Alltag zu gehen, voller Anerkennung an all das Skurillnormale, das uns tagtäglich umgibt, so liebenswert banal. Für den Gedanken an Spinoza, von dem ich auch mal wieder dringend was lesen sollte. Ich mag die Figuren, weil sie so brachial ehrlich sind, und die Welt, in der sie leben, ist es auch. Das macht es für mich schön.


    Das hier würde ich gerne auf Flugblätter drucken, über der Stadt abregnen lassen und auf allen sozialen Netzwerken posten. Ich habe lange nichts mehr so erschütternd Wahres gelesen.

    Die Chronische Erkrankung, mit der wir alle zur Welt kommen, besitzt keine Symptome, die sich nach einem ICD- Schlüssel kategorisieren lassen. Sie wird sehr selten, genauer genommen niemals diagnostiziert, und es gibt keine Therapie abseits der natürlichen, die darin besteht, das Leben zu beenden, indem man schlicht stirbt. Zwischen der Geburt und dem Ableben jedoch müssen wir versuchen, die Symptome zu unterdrücken, uns anzupassen, die Krankheit zu verheimlichen. Sie hat keinen Namen, es gibt lediglich ein unscheinbares Adjektiv, das sie bezeichnet. Wir alle, jeder einzelne von uns, wir sind unnormal. Letztlich besteht die Erkrankung nur darin, dass der Störungsbegriff zu eng oder zu weit gefasst ist, je nachdem, welche Perspektive man einnimmt. Wir versuchen lebenslang, uns nicht innerhalb dieser Definition wiederzufinden, nehmen mit einer gewissen Schadenfreude zur Kenntnis, wenn anderen dieser Versuch misslingt, oder bemitleiden sie, was nicht viel besser ist. Was uns krank macht, unsere Krankheit definiert, das ist der Anspruch, normal zu sein. Damit verleugnen wir nicht nur uns selbst, sondern lassen auch eine Art von Gemeinschaft zu, die keine ist, weil ihr Fundament in Ausgrenzung besteht. Daran ändern auch dummkluge, gönnerhafte Modeworte wie "Inklusion" nichts, weil sie diejenigen, die nach ihnen handeln oder wenigstens schwätzen, vom fundamentalen Missverständnis ausgehen, dass es Menschen gibt, die inkludieren können und andere, die das mit sich machen lassen. Damit wird die Unterscheidung nur zementiert, und es lenkt höchstens vorübergehend davon ab, dass die Kranken genauso gesund wie die Gesunden sind- und umgekehrt. Menschen sind Menschen, nichts weiter, und es ist meistens ziemlich normal, auf die ein oder andere Art krank zu sein, ob nun akut, chronisch, eingebildet, faktischwissenschaftlich, emotional, physisch, psychisch oder vielleicht nach der Auffassung irgendeiner außerirdischen Lebensform, der wir erst in fünf Jahrtausenden begegnen werden. Die Idiotie, der wir alle aufgesessen sind und die uns krank macht, besteht darin, dass wir irgendwann auf die Idee gekommen sind, eine Norm zu erfinden. Das leben aber lässt sich nicht nach DIN oder ISO beschreiben. Es ist ganz einfach: das Leben. Immer und ohne jede Ausnahme.


    Danke für dieses Buch. Ich glaub, das ist bisher das beste.

    Ailton nicht dick, Ailton schießt Tor. Wenn Ailton Tor, dann dick egal.



    Grüße, Das Rienchen ;-)

    Dieser Beitrag wurde bereits 1 Mal editiert, zuletzt von rienchen () aus folgendem Grund: Ergänzungen und Rechtschreibung. :)

  • “Nachttankstelle“ von Tom Liehr



    Der Roman handelt von einem rücksichtsvollen, aber entscheidungsschwachen Mann, dessen Lebensgestaltung stark von der ständigen Bedrohung seiner Migräneanfälle abhängt. Erst durch das konsequente Handeln der Frauen – seiner Ex sowie seiner neuen Flamme - wird er gezwungen, Verantwortung für sein eigenes Leben zu übernehmen und dadurch entwickelt sich sein Selbstbewusstsein, das auch noch anderen zugute kommt. Thematisiert werden die moralischen Abgründe anderer Männer – seien es nun Mitglieder einer Autobetrugsbande, diverse Ärzte oder die Immobilienhaie im Boomtown von Berlin.



    Das Ganze ist logisch verknüpft und humorvoll erzählt.



    Man könnte zu dem Schluss kommen, dass nur Kinder, die von ihren Eltern in Ruhe gelassen oder verlassen wurden, sich zu anständigen Menschen entwickeln. Aber das hieße ein Einzelbeispiel verallgemeinern. Und ich ziehe wahrscheinlich nur diese Parallele, weil ich gerade „Narziß und Golmund“ von Hermann Hesse gelesen habe, wo der Mutterverlust auch deutlich prägenden Einfluss auf ein Männerleben hatte. Dort war es die lebenslange Suche nach der Mutter – hier ist es die Enttäuschung bis hin zum Hass. Vielleicht kann mir Uwe den Zusammenhang erklären, wenn er sein Psychologie-Studium demnächst beendet hat ;-)

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    Von den vielen Welten, [...] ist die Welt der Bücher die größte. (Hermann Hesse)


    :lesend Anton P. Tschechow: Erzählungen aus dem alten Russland