Die Welt aus den Angeln - Philipp Blom

  • Interessant ist die Weise, wie die Juden ihre Regeln interpretieren. Wie sie den Spagat schaffen zwischen der Pflicht der buchstabengetreuen Anwendung der Gesetze und den Gegebenheiten des Alltags.

    Den Abschnitt habe ich gerade gelesen. Eigentlich ist das doch auch schon irgendwie lustig und selbstironisch, wenn die Talmudisten bei der Auslegung des Gesetzes zum "eigenwilligen und ungehorsamen Sohn" selbst schreiben, dass es den bei ihrer Auslegung gar nicht mehr geben kann. Wer isst schon jeden Tag anderthalb Kilo nicht koscheres Fleisch und trinkt ein Fass italienischen Wein? Auch die Auslegung des "gehorcht unserer Stimme nicht" im Sinne, dass die Eltern den Jungen gleichzeitig mit den gleichen Worten und mit der gleichen Tonhöhe ermahnen müssen, damit der Tatbestand des Nichtdaraufhörens festgestellt werden kann, ist doch wirklich sehr buchstabengetreu. Aber alles, was der Menschlichkeit dient, ist in Ordnung, egal wie weit man es bei Beachtung religiöser Vorschriften herbeiziehen muss.

    Erschüttert war ich von dem Ausmaß der Judenpogrome in Osteuropa zu der hier dargestellten Zeit: 100 000 Tote bei einer sehr viel geringeren Bevölkerung als heute, das ist schon auch hier eine frühe Form des Völkermordes.

  • Ich bin nun fertig mit dem Buch. Den Epilog finde ich sehr bitter, aber leider auch sehr realistisch.

    Die zweite Hälfte des Buches , in dem es um den zweiten Teil der Kleinen Eiszeit im 17. Jahrhundert und die dortige sozioökonomische und kulturelle Entwicklung ging, hat mir noch besser gefallen. Das war einmal eine richtig gute Philosophiegeschichte, die sich im realen Umfeld erdet und die Wirkung darauf zeigt.

  • Erschüttert war ich von dem Ausmaß der Judenpogrome in Osteuropa zu der hier dargestellten Zeit: 100 000 Tote bei einer sehr viel geringeren Bevölkerung als heute, das ist schon auch hier eine frühe Form des Völkermordes.

    Ja, ich muss zugeben, dass mir das bisher nicht bewusst war. Ich wusste, dass die Juden in Europa schon immer Repressalien ausgesetzt waren. Aber dass es sich um so ein Ausmaß handelte, war mir neu.

    und mich macht es im Hinblick auf die Zukunft noch nachdenklicher.

    Den Epilog finde ich sehr bitter, aber leider auch sehr realistisch.

    Ich sehe schwarz. Ich glaube nicht, dass der Mensch willens ist, zugunsten zukünftiger Generationen auf den schnellen Gewinn zu verzichten. Ich frage mich, ob er jemals dazu in der Lage war. Seit er sesshaft geworden ist und gezwungen war, Vorräte anzulegen, hat er genommen, was er kriegen konnte. Besitz bedeutet nicht nur Überleben, sondern auch Macht.

  • Und die technischen Möglichkeiten wurden immer gewaltiger.

    Wenn ich lese, wie viele Menschen im 30jährigen Krieg umkamen, mit den beschränkten Mitteln, die es damals gab, dann graust es mir angesichts der Spannungen, die heute schon auf der Welt herrschen.

    Wehe, die Verteilungskämpfe um Wasser und fruchtbares Land verschärfen sich weiter.

  • finsbury, ich versuche immer auch die Sachen zu lesen, die beweisen, dass sich manche Dinge doch verbessert haben und hoffe, das trifft tatsächlich zu.

    Und es stimmt, dass es Menschen gibt, die tolle Sachen entwickeln, die anderen helfen, die Gutes tun. Nur sind die anderen oft einflussreicher und mächtiger.

  • Wollen wir hoffen, dass sich die sinnvollen, umwelt- und menschenfreundlichen Entwicklungen durchsetzen. Je älter ich werde, desto pessimistischer bin ich aber in dieser Hinsicht. Ich glaube schon, dass sich die Menschheit irgendwann entweder dem Klimawandel anpasst oder diesen etwas abmindern kann, aber das wird wohl nicht ohne viel Leid und Konflikte abgehen.


    Wenn ihr hier Lust habt, vielleicht mal die "Bösen Philosophen" von Philip Blom zu lesen, würde ich da gerne mithalten. Historisch schließt sich dieses Buch recht gut an das hier Gelesene an.

    Der Austausch hat mir Spaß gemacht. Eine schöne Leserunde, wenn ich auch recht spät eingestiegen bin. Danke.