'Die längste Nacht' - Kapitel 10 - 19

  • Ehrlich gesagt, beneide ich Bruno und Emma um ihre Wohnung. Und auch um ihre Nachbarn, was nicht heißen will, ich beschwere ich um meine.

    Emma scheint eine verlorene Seele zu sein. Ihre Mutter hat sie früh verlassen, sie bei den Großeltern untergebracht, der Vater, mit dem sie später wegen seiner Diplomatentätigkeit eine zeitlang unterwegs war, scheint auch keine große Hilfe gewesen zu sein. Menschen kommen und gehen in ihrem Leben, nichts ist konstant. Aber ist das nicht immer so?

    Als ihre Mutter nach dem Tode des Vaters plötzlich auftaucht überlegt sie, was sie überhaupt von ihren Eltern weiß.

  • Nun, sie hatte immerhin die Großeltern. Irgendwo im ersten Leseabschnitt hieß es doch, die Großmutter sei ihr näher gewesen als die Mutter.

    Sie hat ihre mehr bedeutet als die Mutter, allerdings hatte sie den Krieg nicht überlebt. Aber gut, da war Emma auch schon Ende 20. Ich muss sagen, manche Sätze regen mich zum nachdenken an und zum reflektieren. Wie der, auf Seite 91, dass Eltern unergründliche Wesen seien, Menschen die man zu kennen glaubt, die aber nicht selten in einer völlig anderen Wirklichkeit leben.

    Würde mich ja mal interessieren,ob jeder in Bezug auf seine Eltern so empfindet.

  • Nach meiner Erfahrung gehört es zum Erwachsenwerden, die Eltern eben auch als andere Erwachsene sehen zu können.

    Auch wenn es manchmal lange dauert, das zu können. Dann hat man auch die Chance, ganz neue Seiten an ihnen zu entdecken.


    Bei Emma und ihren Eltern war es dann ja nochmal anders, weil ja offenbar beide ein wirklich geheimes zweites Leben gehabt haben. Der Vater das Schmuggeln von Flüchtlingen - und wer weiß was noch alles.

    Und Kate ihr "afrikanisches Leben". Wobei sie das vor der Tochter nicht hätte geheim halten müssen.


    Emma wiederholt das ja mit ihren Kindern wieder. Ihr "erstes Leben" in Deutschland lässt sie ja auch im Dunkeln.


    Haben wir das schon gesagt? Ich meine, die längste Nacht ist natürlich die, die Emma gerade erlebt. Die Nacht der Erinnerungen.

  • Emma wiederholt das ja mit ihren Kindern wieder. Ihr "erstes Leben" in Deutschland lässt sie ja auch im Dunkeln.


    Haben wir das schon gesagt? Ich meine, die längste Nacht ist natürlich die, die Emma gerade erlebt. Die Nacht der Erinnerungen.

    Wobei Emma ja noch keine Kinder hatte in ihrem vorigen Leben, es liegt also etwas anders als bei ihren Eltern, die ja Emma deswegen bei den Großeltern abgeladen hatten.


    Stimmt, die längste Nacht könnten auch die Nächte vor ihrem Tod sein, in denen sie ihr Leben Revue passieren lässt. Sie sieht ja oft ihre Pflegerin schlafen.

  • Stimmt, die längste Nacht könnten auch die Nächte vor ihrem Tod sein, in denen sie ihr Leben Revue passieren lässt. Sie sieht ja oft ihre Pflegerin schlafen.

    Ich denke auch, dass sich der Titel des Buches darauf bezieht. Wobei ich es so verstanden habe, dass es sich bis jetzt wirklich nur um eine Nacht handelt, nicht um mehrere Nächte. Emma durchlebt in der einen Nacht die ganzen Erinnerungen. Sie wartet ja in dieser einen Nacht auf dieses Palliativ-Team, was am nächsten Tag kommen soll.


    Findus, hattest Du dieses Buch für die Leserunde vorgeschlagen? Vielen Dank auf jeden Fall dafür. Ohne die Leserunde hätte ich dieses Buch bestimmt nie gelesen und mir wäre dieser wunderbare Autor nicht begegnet. Ich bin immer noch total begeistert von seiner Sprache und der intensiven Atmosphäre.


    Es gibt so viele Sätze und Szenen die mich berühren und zum Nachdenken anregen. Ganz besonders hat mich auch das Kapitel mit Brunos Bruder Rob getroffen. Er kommt zu spät zu der Beerdigung von seiner Mutter. Und er ist selbst dem Tod geweiht. Diese Feier, mit den ganzen Nachbarn die für ihn organisiert wird fand ich so eindrücklich und bewegend geschildert. Ganz toll.

    Emma wiederholt das ja mit ihren Kindern wieder. Ihr "erstes Leben" in Deutschland lässt sie ja auch im Dunkeln.

    Das finde ich auch ein wenig schade, dass Emma anscheinend mit ihren Kindern überhaupt nicht über ihre Zeit in Deutschland spricht. Sie kann anscheinend nicht darüber reden. Aber ich finde, ihre Kinder hätten es schon verdient von ihrer Rolle in Berlin und ihrem ersten Ehemann zu erfahren. Ansonsten haben sie bestimmt ständig das Gefühl, dass es ein besonderes Geheimnis um ihre Mutter gibt. Ich denke schon, dass Kinder so etwas spüren. Aber vielleicht kommt dazu ja noch etwas im weiteren Verlauf des Buches.

  • Ich denke auch, dass sich der Titel des Buches darauf bezieht. Wobei ich es so verstanden habe, dass es sich bis jetzt wirklich nur um eine Nacht handelt, nicht um mehrere Nächte. Emma durchlebt in der einen Nacht die ganzen Erinnerungen. Sie wartet ja in dieser einen Nacht auf dieses Palliativ-Team, was am nächsten Tag kommen soll.


    Findus, hattest Du dieses Buch für die Leserunde vorgeschlagen? Vielen Dank auf jeden Fall dafür. Ohne die Leserunde hätte ich dieses Buch bestimmt nie gelesen und mir wäre dieser wunderbare Autor nicht begegnet. Ich bin immer noch total begeistert von seiner Sprache und der intensiven Atmosphäre.

    Ja, da war mein Vorschlag. Danke Rouge ist ja auch mein erstes Mal, dass ich ihn lese. Freue mich, dass es Dir so gut gefällt. Ich empfinde das auch so.


    Ich dachte eher sie warte auf ihre Sohn Thomas der morgen kommen soll. Das war doch auch die Frage an Judith ganz zu Anfang. Das Palliativ-Team kommt wohl auch aber das Warten bezieht sich für mich auf den Sohn. Vielleicht will sie ihm ja noch etwas mitteilen. In der Vielzahl der Erinnerungen, ihren vielen verschiedenen Zeiten, kann man schon mal denken, es handelt sich um mehrere Nächte.

  • Ja, da war mein Vorschlag. Danke Rouge ist ja auch mein erstes Mal, dass ich ihn lese. Freue mich, dass es Dir so gut gefällt. Ich empfinde das auch so.


    Ich dachte eher sie warte auf ihre Sohn Thomas der morgen kommen soll. Das war doch auch die Frage an Judith ganz zu Anfang. Das Palliativ-Team kommt wohl auch aber das Warten bezieht sich für mich auf den Sohn. Vielleicht will sie ihm ja noch etwas mitteilen. In der Vielzahl der Erinnerungen, ihren vielen verschiedenen Zeiten, kann man schon mal denken, es handelt sich um mehrere Nächte.

    Das finde ich so faszinierend - diesen Roman so anzulegen, dass in einer einzigen Nacht die wichtigsten Stationen eines Lebens noch einmal durchlebt werden.

    Denn so kann man es bei Emma schon sagen, finde ich.

  • Ich dachte eher sie warte auf ihre Sohn Thomas der morgen kommen soll

    Ja stimmt, sie wartet natürlich in erster Linie auf ihren Sohn. Oder vielleicht auch auf beide Söhne. Sie hat doch zwei Söhne. Vielleicht möchte sie ihnen ja beiden noch etwas wichtiges mitteilen vor ihrem Tod. Sie hat ja anscheinend mit ihnen nicht wirklich über ihre Erlebnisse in Deutschland geredet.

  • Man kann viel sprechen ohne wirklich miteinander zu reden. Kommt immer darauf an, ob jemand bereit ist, wirklich zuzuhören, oder alle so sehr mit sich selbst beschäftigt sind, dass man für den anderen kein Interesse oder was auch immer aufbringt. Alltägliche Kommunikation ausgenommen.

  • Ich kenne diese Art der Gedanken, die Emma da gerade durchlebt. Zwar kann ich jetzt nicht gerade auf 96 Jahre zurück blicken und auch nicht auf Kriegszeiten, aber mir ging es auch oft so, dass ich von hier nach da mit meinen Erinnerungen gesprungen bin und das über Stunden.


    Ich denke, dass Emma ihre Gedanken an Carl einfach nicht teilen möchte. Er gehört zu einem anderen Leben in einer anderen Zeit und es tut ihr wohl immer noch weh an ihn zu denken. Für die Kinder und auch für Bruno wäre die Zeit sicher interessant gewesen und Emma hätte es wohl erleichtert, hätte sie drüber geredet, aber notwendig ist es nicht. Immerhin hat sie erfolgreich und ausgefüllt ihr Leben gelebt. Zumindest klingt es für mich so.


    Ich finde es allerdings seltsam, dass eine Mutter ihr Kind einfach so alleine lässt.

  • Sie hat aber dadurch, dass die Vergangenheit für alle anderen ein Thema war, das nicht angesprochen wurde, einen großen Abgrund zwischen sich und ihrer Familie geschaffen.

    Bei kleinen Kindern geht das noch, aber wenn sie anfagen zu fragen, etwas über sich und die Welt wissen wollen, ist es schlimm, wenn es Themen gibt, die nicht angesprochen werden dürfen.


    Bei Bruno ist sie offenbar an einen ganz ähnlich gestrickten Menschen geraten, der über viele Dinge ebenfalls nicht gesprochen hat.


    Es ist ja keine lieblose Familie gewesen - aber eine, in der über das innere Erleben geschwiegen wurde. Jeder ist mit seinen Gedanken alleine und das hat Auswirkungen.

  • Ja, das stimmt. Aber vielleicht haben sie auch einfach die Gelegenheit verpasst um über solche Dinge zu reden.

  • Glaubst du, da reicht eine verpasste Gelegenheit?

    Es ist für mich eher eine Angewohnheit, vermutlich eine, die schon aus der Herkunftsfamilie übernommen wurde.

    Denn Emma wiederholt in vielen Dingen das Verhalten ihrer Eltern, ohne jedoch (nach dem Krieg mit ihren Kindern) deren Bedrohungen zu erlegen.

  • Sie hat aber dadurch, dass die Vergangenheit für alle anderen ein Thema war, das nicht angesprochen wurde, einen großen Abgrund zwischen sich und ihrer Familie geschaffen.

    Das sehe ich auch so. Für Emma wäre es vielleicht zu schmerzhaft gewesen darüber zu reden, deswegen hat sie es vermieden. Aber für ihre Familie, besonders für ihre Söhne hätte das schon sehr viel bedeutet und sie spüren bestimmt dieses Unausgesprochenen, was es in Emmas Leben gibt und empfinden das als Distanz zu ihrer Mutter.


    Mich erinnert das ein wenig an meine Großeltern. Ich hatte immer ein sehr enges Verhältnis zu ihnen und konnte über vieles mit ihnen besser reden als mit meinen Eltern. Aber über ihre Erlebnisse in der Kriegszeit haben sie nie mit mir reden wollen. Das hat sich dann erst ganz zum Schluß geändert. Erst als sie beide schon sehr alt und krank waren, haben sie auf mein Nachfragen doch noch von ihren Erlebnissen in dieser Zeit erzählt. Mir hat das wahnsinnig viel bedeutet und ich war so froh und glücklich darüber, was ich noch alles von ihnen erfahren habe. Ich weiß nicht, warum sie sich doch noch dazu entschlossen haben, ganz zum Schluß mit mir darüber zu reden. Aber für mich waren diese Gespräche etwas sehr Wichtiges.

  • Glaubst du, da reicht eine verpasste Gelegenheit?

    Es ist für mich eher eine Angewohnheit, vermutlich eine, die schon aus der Herkunftsfamilie übernommen wurde.

    Denn Emma wiederholt in vielen Dingen das Verhalten ihrer Eltern, ohne jedoch (nach dem Krieg mit ihren Kindern) deren Bedrohungen zu erlegen.

    Nee, schon mehrere. Aber irgendwann ist der Zeitpunkt zum drüber reden verstrichen.

  • Meine Omas und mein Opa haben nie mit mir überdies Kriegszeit gesprochen, nicht mal auf Nachfragen als ich das erste Mal in der Schule davon hörte. Damals fand ich das schlimm, da ich gerne mehr erfahren hätte. Heute kann ich zumindest nachvollziehen, warum es so war. Ich habe letzten Sommer mit meinen Eltern einige Dokumente meiner Großeltern durchgesehen und da packte mich schon das Grauen zum Teil. Es ist noch mal was anderes, ob man lesend seine Fantasie spielen lässt oder echte Dokumente der Großeltern vor sich liegen hat. Mich wundert eh, dass sie das alles aufbewahrt haben.

  • Mittlerweile gibt es in Altenheimen Bemühungen, mit den betagten Menschen ganz vorsichtig an die Kriegserinnerungen zu gehen.

    Bei einigen dementen Menschen kommen genau diese Erinnerungen wieder zum Vorschein und quälen sie sehr. Gut, wenn sie dann nicht allein bleiben müssen damit.


    Nur einer meiner Großväter war im Krieg und der erzählte immer nur von der Zeit als Kriegsgefangener in Holland. Das aber ziemlich positiv.

    Von der "Heimatfront" weiß ich einiges von den älteren Schwestern meines Vaters, die am Ende des Krieges Anfang 20 waren.

    Die Zeit Emmas im Schwarzwalddorf erinnert mich an diese Erzählungen der Tanten.