'Die Hyperion-Gesänge' - Seiten 0325 - 0477

  • Rachels, Sarais und Sol Weintraubs Geschichte hat mich sehr berührt. Dan Simmons hat hier besonders schön die Gefühle von liebenden Eltern beschrieben.

    Sarais ganz eigene Zufriedenheit, die gespeist wird durch die kleinen Dinge, ist mir sehr nah, umso näher ging mir aber auch ihre Verzweiflung über die "Erkrankung" ihrer Tochter.


    Wer ist nun der eigentliche Pilger, Sol oder Rachel.

    Die versteckte Kritik an der biblischen Opfergeschichte Abrahams teile ich und finde ich gut dargestellt. Obwohl ich nicht glaube, dass Sol mit einem Gott diskutiert und von diesem in seinen Träumen heimgesucht wird.


    Sehr berührt bin ich auch von Sol als Vater. Das Gespräch zwischen ihm und Rachel, in dem sie ihn bittet, sie nicht mehr täglich zu erinnern, sondern das Vergessen zu akzeptieren, war für mich schwer zu lesen. Die Weintraubs tun mir sehr leid.


    Beeindruckt bin ich davon, wie unterschiedlich die einzelnen Geschichten sind und Simmons eben mehr kann als Horror, Spannung und Gewalt. Diesen Teil hier habe ich besonders gern gelesen.

  • Es ist wirklich erstaunlich, wie unterschiedlich die Geschichten geschrieben sind, da gebe ich dir Recht.

    Wie ich vorher schon vermutet hatte, mochte ich Sols Geschichte besonders. Sie ist voller Liebe und Hingabe, Trauer und trotzdem in gewisser Weise auch voll Trost. Trost durch die Menschen, die die Weintraubs auf Hebron aufnehmen.

    Ich mag mir allerdings gar nicht vorstellen, wie es für Sol und Sarai gewesen sein muss, das eigene Kind beim vergessen, verlernen und verlieren beobachten zu müssen...


    Ich glaube, dass Rachel der eigentliche Pilger ist. Sie war auf Hyperion, Sol nicht.

  • Interessant fand ich, dass auch Sarai diese "Träume" hatte. Ob die Entscheidung, Rachel zurück nach Hyperion zu bringen, früher gefallen wäre, wenn sie es einander eher gesagt hätten?

    Obwohl, hätte sich das Kind Rachel, dass sich jeden Morgen wundert, überhaupt so einfach nach Hyperion bringen lassen, wie Sol es nun mit dem Baby Rachel tun kann? Wohl nicht.

  • Das Kind wäre durch die wache Überfahrt viel stärker gefährdet gewesen als das Baby. Viele Synapsen verbinden sich ja erst in den ersten Lebensmonaten. Wobei mir nicht klar ist, warum Rachel nicht in die Fuge versetzt werden kann.


    Mich erinnert das Geschehen an die Pflege von Demenzkranken, welche nach und nach ihre Erinnerungen verlieren und manchmal auch vergessen, wie alt sie schon sind.

    “You can never get a cup of tea large enough or a book long enough to suit me.” :lesend

    C.S. Lewis

  • Wobei mich dann schon gewundert hat, wie schnell es plötzlich ging. Selbst die Reise war ja vergleichsweise ein Katzensprung, wenn man die Zeitschuld von den anderen, bspw. Hoyt betrachtet. Auch die Auswahl und Bewerbung gingen ja ratz fatz, was ja durch die Öffentlichkeit erklärbar wäre. Wobei es natürlich fraglich ist, ob sich die Entscheider darauf einlassen, wenn es so viele Möchtegernpilger gibt, das wäre ja ein prima Präzedenzfall für die folgenden Pilgerfahrten so sie denn stattfinden können. Das war jetzt aber auch das erste Mal im Buch, dass ich das Vorgehen irgendwie unschlüssig fand.


    Insgesamt eine sehr bewegende Geschichte. Es ist sehr grausam, welches Schicksal sich Simmons hier für Rachel ausgedacht hat, aber gleichzeitig eine schöne Verbindung zum gegensätzlichen Zeitstrom von Kassad. Auch die Reaktion des Shrikebischhofs passt gut dazu, sobald er von Rachel erfährt, und zwar nur wo sie war und das es etwas mit Zeit zu tun hat, wusste er ja direkt Bescheid. Das er Rachel dann direkt sowohl als Heilige als auch Verdammte ansieht zeigt aber auch, dass es etwas sehr besonderes ist.


    Rachel selbst und ihr Umfeld strotzt vor Liebe und Sympathie, selbst ihr Freund von wenigen Monaten richtet ja sein ganzes Leben danach aus, ihr zu helfen. Die Beziehung zwischen Sarai, Sol und Rachel ist so schön gezeichnet. Und aucj das Disaster des 22 Geburtstages vertieft diesen Eindruck. Hierdurch wird der Eindruck durch die Krankheit aber auch noch weiter intensiviert.

  • Interessant fand ich, dass auch Sarai diese "Träume" hatte. Ob die Entscheidung, Rachel zurück nach Hyperion zu bringen, früher gefallen wäre, wenn sie es einander eher gesagt hätten?

    Obwohl, hätte sich das Kind Rachel, dass sich jeden Morgen wundert, überhaupt so einfach nach Hyperion bringen lassen, wie Sol es nun mit dem Baby Rachel tun kann? Wohl nicht.

    Rachels Krankheit hat die drei vor so viele Probleme gestellt, ich denke da wäre die Reise nach Hyperion nicht das Problem. Wie breumel schon schrieb ging es körperlich bei Rachel nicht.


    @breumel schrieb:

    Das Kind wäre durch die wache Überfahrt viel stärker gefährdet gewesen als das Baby. Viele Synapsen verbinden sich ja erst in den ersten Lebensmonaten. Wobei mir nicht klar ist, warum Rachel nicht in die Fuge versetzt werden kann.

    Wie ich es verstanden habe kann Rachel nicht in die Fuge, da es zu schlafähnlich ist und keiner einschätzen kann, was in dieser Zeit mit ihr passiert. Da es ein "tieferes" schlafen ist, ob sie auch noch schneller jünger wird, ob sie daraus überhaupt wieder erwacht.

  • Wow, was für ein berührender Abschnitt. Gegen Ende musste ich tatsächlich ein paar Tränen verdrücken, und bei Büchern passiert mir das eher selten. Aber Simmons erzählt diese Familiengeschichte so rührend und zärtlich, dass es mir schier das Herz zusammenzieht bei dem Unglück, das die Familie Weintraub heimsucht. Und so empfinde ich es tatsächlich, als Heimsuchung. Inklusive aller Begleiterscheinungen wie der abbrechenden Kontakte zu Familie und Freunden oder die Reportermeute.


    Ich teile die durchklingende kritische Haltung von Simmons gegenüber der Geschichte um Abrahams Opfer des eigenen Sohnes - die Geschichte hat mir schon als Kind ein ganz ungutes Gefühl gegeben, und das hat sich bis heute nicht geändert. Allgemein scheint mir Simmons Religionen in ihrer extremen / fanatischen Form sehr kritisch gegenüber zu stehen, das betrifft ja auch die Kirche des Shrike, die mir immer mehr wie ein Endzeitkult vorkommen.


    Ich bin eurer Meinung, dass Rachel die eigentliche Pilgerin ist und jetzt zurückkehrt. Aber wie kann sie ihren eigenen Wunsch aussprechen, wenn sie erst wenige Wochen alt ist? Kann ihr Vater das für sie übernehmen? Wird das Shrike das akzeptieren, falls sie überhaupt so weit kommen?


    Berührend fand ich auch, dass die Geschichte keinen an Bord kalt lässt. Diese so unterschiedlichen Menschen wachsen langsam von einer reinen Zweckgemeinschaft zu einer echten Gemeinschaft zusammen, finde ich.

    SUB 220 (Start-SUB 2020: 215)


    :lesend Susanne Michl u. a. - Zwangsversetzt. Vom Elsass an die Berliner Charité. Die Aufzeichnungen des Chirurgen Adolphe Jung (1940 - 1945)

    :lesend Antonio Iturbe - Die Bibliothekarin von Auschwitz

    :lesend Anthony Doerr - Alles Licht das wir nicht sehen (Hörbuch)

  • Sicher kann Rachel ihren Wunsch nicht aussprechen vor dem Shrike, ja nicht mal denken, denn als sie an den Gräbern ankommen, ist sie nur noch wenige Tage alt. Aber muss sie einen Wunsch aussprechen? Wünsche sind doch eher immer ein "kann". Könnte Sol Weintraub seinen Wunsch für sie verwenden und sich Heilung für sie wünschen?

    Wozu einen Wunsch haben, wenn man davon ausgeht, und den Eindruck habe ich, dass man wahrscheinlich nicht zurückkommt, nicht überlebt?

  • Man muss den bewussten Wunsch haben, die Pilgerfahrt anzutreten und vor das Shrike zu treten. Das ist das Problem. Als sich Sol zur Pilgerfahrt entschieden hat war Rachel längst zu klein für eine derartige Entscheidung.


    Und die Pilger sind verzweifelt und sehen keinen anderen Ausweg. Wie bei einer lebensrettenden Operation mit Überlebenschance von 1:7.

    “You can never get a cup of tea large enough or a book long enough to suit me.” :lesend

    C.S. Lewis

  • Man muss den bewussten Wunsch haben, die Pilgerfahrt anzutreten und vor das Shrike zu treten. Das ist das Problem. Als sich Sol zur Pilgerfahrt entschieden hat war Rachel längst zu klein für eine derartige Entscheidung.


    Und die Pilger sind verzweifelt und sehen keinen anderen Ausweg. Wie bei einer lebensrettenden Operation mit Überlebenschance von 1:7.

    Genauso ist es.

    Sol ist der Pilger. Aber sein Wunsch hängt ganz sicher mit Rachels Genesung zusammen. Da bin ich sicher.

    Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt und die Hoffnung, dass einer der Pilger sein Wunsch erfüllt wird und er überleben könnte, gehört dazu.

  • Interessant ist dabei aber die Frage, wie das "überwacht" werden soll, ob ein Wunsch vorliegt. Ich denke nicht, dass der Wunsch der Shrike-Kirche mitgeteilt werden muss. Sonst müsste Kassad sich einen Alternativwunsch ausdenken, ich glaube nicht die fänden Jagen und Töten des Shrike einen angemessenen Wunsch.

  • Interessant ist dabei aber die Frage, wie das "überwacht" werden soll, ob ein Wunsch vorliegt. Ich denke nicht, dass der Wunsch der Shrike-Kirche mitgeteilt werden muss. Sonst müsste Kassad sich einen Alternativwunsch ausdenken, ich glaube nicht die fänden Jagen und Töten des Shrike einen angemessenen Wunsch.

    Ich glaube, ob die Kirche das annimmt, ist nur die eine Frage. Die Frage ist, inwiefern es für das Shrike eine Rolle spielt.

    SUB 220 (Start-SUB 2020: 215)


    :lesend Susanne Michl u. a. - Zwangsversetzt. Vom Elsass an die Berliner Charité. Die Aufzeichnungen des Chirurgen Adolphe Jung (1940 - 1945)

    :lesend Antonio Iturbe - Die Bibliothekarin von Auschwitz

    :lesend Anthony Doerr - Alles Licht das wir nicht sehen (Hörbuch)

  • Beeindruckt bin ich davon, wie unterschiedlich die einzelnen Geschichten sind und Simmons eben mehr kann als Horror, Spannung und Gewalt.

    :writeDa kann ich wirklich nur zustimmen. Mit so einer berührenden Familiengeschichte hätte ich jetzt wirklich nicht gerechnet und gerade diese extreme Unterschiedlichkeit der Lebensgeschichten der Sieben ist toll! Da zeigt der Autor, wie vielseitig er ist. Jedede Geschichte hat nicht nur ein ganz eigenes Thema, sondern auch eine sehr individuelle Atmosphäre. Die der Familie Weinlauf war von viel Liebe, Fürsorge, aber auch unedlichem Leid geprägt. Mir ging das alles sehr nahe und so habe ich das Kapitel relativ schnell gelesen, um die großen Emotionen etwas auszublenden. Als "gern gelesen" würde ich das wirklich nicht bezeichnen, aber ich weiß, was du meinst Saiya  :knuddel1. Ich kann meine Gefühle dazu ganz schwer beschreiben, auf der einen Seite war es ja wirklich eine leseswerte (um das Wort "schön" bewusst zu vermeiden) Geschichte, auf der anderen Seite sehr von Trauer und Verlust geprägt. Wobei mir die Eltern dabei am meisten leidtaten - sie sind gefangen in einen nicht-enden-wollenden Albtraum. Da mag ich gar nicht länger drüber nachdenken. ;(

    Ich glaube, dass Rachel der eigentliche Pilger ist. Sie war auf Hyperion, Sol nicht.

    So sehe ich das auch. Und Sol ist ihr "Stellvertreter", ihre Stimme. Ich könnte mir auch gut vorstellen, dass ihre Anwesenheit noch eine weit größere Rolle steht, als "nur" dazusein.

    Wobei mich dann schon gewundert hat, wie schnell es plötzlich ging. Selbst die Reise war ja vergleichsweise ein Katzensprung, wenn man die Zeitschuld von den anderen, bspw. Hoyt betrachtet.

    Da hast du recht und mir ging das Reisen an der Stelle auch zu plötzlich und zu schnell. Es wird ja erzählt, dass Rachel für ihre Expedition vier Jahre (!) nach Hyperion gebraucht hat und auch wenn man davon ausgeht, dass sie von einem anderen Planeten aus gestartet ist, war dieses Ruck-Zuck-Verfahren in wenigen Wochen, ja fast Tagen, einfach unlogisch. Das ist nicht sonderlich entscheidend, aber ein kleines Detail, das Simmons sicher auch anders hätte lösen können.


    Wenn ich das richtig verstanden habe, gibt es verschiedene Antriebe:

    - die Farcasterprotale, wo man ganz schnell von einem zum anderen Planeten kommt - allerdings sind nicht alle Welten damit ausgestattet;

    - den Hawking-Antrieb, den man dann nutzen muss, wenn man per Farcaster nicht hinkommt, der aber viel Zeitschuld auflaufen lässt und

    - den ultralangsamen Schnarchantrieb, mit dem Martin Silenius unterwegs war.

    So richtig?


    Als Sol unterwegs zur Kirche des Shrike war habe ich mich gefreut, endlich mehr darüber zu erfahren (ich war ja im letzten Abschnitt schon ganz wissbegierig). Aber vergeblich - bis auf ein paar Einzelheiten, wie die streng hierarchische Struktur hat und das Achten auf Etikette, nichts Neues. Und dass, obwohl ich den deutlichen Eindruck hatte, die wissen weitaus mehr, als sie Sol verraten wollen! =O  Clare : ich weiß, ich muss mich weiter in Geduld üben. ;) Interessant war aber die Reaktion des Oberpriesters, als Sol die Spinx erwähnte. Scheint so, als hätte dieses Bauwerk nochmal eine ganz besondere Bewandnis!


    Überhaupt - es ist schon erstaunlich, dass weder einer der anwesenden Menschen, noch eine der zahlreichen Sensoren, Kameras .... irgendetwas Besonderes in der Nacht, als Rachel "verwundet" wurde, wahrgenommen haben. Rachel hat ja durchaus die Wahrnehmnung, dass sich das ganze Gebäude verändert. Diese Stelle (und auch die Träume von Sol mit den roten Augen in der Dunkelheit) fand ich sehr gruselig, ich hatte schon kurz die Befürchtung, dass es jetzt in den Horrorbereich abdriftet.


    Um nochmal auf die Träume zu kommen: Sarai träumt ja von einem Golem, von rotglühenden Augen ist da nicht die Rede. Mich hätte Sarais Traum sehr interessiert - gleich ist wohl bei beiden, dass sie Rachel auf Hyperion bringen sollen. Ich denke mal, sie erhalten beide eine Botschaft (ob aus ihrem Unterbewusstsein oder von jemanden/etwas anders ist fraglich) und je nach Vorerfahrungen und/oder eigenem Glauben passt das Gehirn diese Botschaft an. Beim Juden Sol vermischt es sich mit der Geschichte Abrahams, wo es ja auch um das Leben eines Kindes geht.


    Martin Silenius bezeichnet ja das Shrike als Grendel, eine Sagenfigur aus der angeslsächsichen Kultur. Anscheinend (und das wäre ja auch logisch) nimmt jeder als Anknüpfungspunkt eine Gestalt, die er/sie "kennt".


    Und dann wird am Ende auch noch das Baumschiff zerstört! :rolleyes: Der arme Het Masteen, so tatenlos zusehen zu müssen, wie seine Freunde, Kollegen und seine Heimat in Flammen aufgehen! Wenn zwei Ousters-Erkundungsjäger das vermögen, dann sehe ich für die Hegemonie nicht allzuviele Chancen bei einem kommenden Krieg! Haben sie jetzt überhaupt noch eine Chance, von Hpyerion wegzukommen? Ich hoffe ja doch sehr, dass nicht alle am Ende sterben!


    Jetzt bin ich aber erstmal gespannt, welche Geschichten noch auf mich warten. Beim Konsul könnte es durch seine Position in Richtung Politik gehen, bei den anderen beiden habe ich gar keine Ahnung. Da bleibt nur eins: weiterlesen!

    "Wir brauchen alle immer mal wieder Beschäftigungen, die uns eine Pause von uns selbst gönnen." Tracy Chevalier, Violet, Atlantik Verlag 2020

  • Weiterlesen ist eine gute Idee :)


    Deine drei Möglichkeiten zur Fortbewegung sind zumindest sie relevanten der Hegemonie. Die Hawking-Antrieb sind über der Lichtgeschwindigkeit, im englischen mit FTL abgekürzt.


    Dass die Kirche des Shrike so geheimnisvoll beschrieben wird, macht seinen ganz eigenen Reiz aus. Gerade das fand ich auch toll. :)