Gendern - notwendig oder nervig?

  • Jedes Instrument, das dafür verwendet werden kann, um Rassismus (aber auch Sexismus, Ableismus, Homophobie, Misogynie usw. - also eigentlich jede Form von Marginalisierung) zum Ausdruck zu bringen, wird selbst als rassistisch kategorisiert. Letztlich gilt das für jedwede auch nur annähernd hierarchische Situation, für jede Bewertungssituation, für jedes Macht- und Abhängigkeitsverhältnis. Es gilt aber, wenn man diesen absurden Gedanken weiterdenkt, für sämtliche sozialen, kulturellen, politischen und überhaupt gesellschaftlichen Strukturen, für alle Formen und Varianten menschlicher Interaktion. Es wird vorgegeben, Rassismus sichtbar zu machen, aber tatsächlich und, vor allem, im Effekt dient es einer Erhebung und Stigmatisierung - und der kategorischen Aburteilung: Das Menschsein, so, wie es im Moment ist, ist in allen Facetten rassistisch, weil es durch die Bank Ergebnis einer vorwiegend weißen Entwicklungsgeschichte ist. All das soll aber vor allem die Opferrolle unangreifbar gestalten, und die Verneinung des Aspekts stärken, Nichtbetroffene Position in solchen Fragen beziehen oder überhaupt zu Wort kommen zu lassen. Nur die marginalisierten Gruppen selbst haben Recht und Anspruch, die Marginalisierung und ihre Folgen und Instrumente zu thematisieren. Das ist eine verdrehte Verstärkung genau des Vorgangs, den man vermeintlich bekämpft. Seiteneffekt: Es ist nicht mehr möglich oder zulässig, Angehörige irgendeiner marginalisierten Gruppe aus zulässigen Gründen zu kritisieren. Arschlöcher sind weiß und männlich, Punkt.


    Was ist eigentlich mit Dicken und Dünnen, mit Hässlichen und Dummen, mit Minderbegabten und Inselunfähigen, oder, einfacher gesagt, mit all den Menschen, die aufgrund weniger kategorischer und eher gruppenübergreifender Aspekte diskriminiert, gemobbt, beleidigt, benachteiligt, ausgegrenzt und einem tragischen Schicksal überlassen werden und wurden? Der zuweilen lebenslange Ausgrenzungseffekt ist absolut vergleichbar (ich habe in mindestens drei österreichischen Orten, die ich auf Reisen besucht habe, ungefragt erfahren, wer der "Dorfdepp" ist), aber der Unterschied schwierig und kristallklar: Die Angehörigen marginalisierter Gruppen werden vermeintlich aufgrund dieser Zugehörigkeit diskriminiert, während dieser andere Vorgang ... äh, schwierig.


    Dass es absurde Züge annimmt, ist natürlich beabsichtigt und strategisch klug. Je krasser man an eine solche Thematik herangeht, je fundamentaler der Angriff auf die fundamentierten Strukturen ist, umso größer könnte möglicherweise ein positiv verändernder Effekt ausfallen. Wer wenig fordert, bekommt wenig. Leider ist der Kollateralschaden enorm, und die zulässige Frage, ob die zugrundeliegenden Gedankengänge nicht möglicherweise bereits auf falschen Annahmen basieren, gerät immer mehr aus dem Blick. Diskurs ist völlig unmöglich, aber auch nicht mehr erwünscht.


    Letzteres erleben wir derzeit in der guten, alten SPD, die ihre "Kandidierendenplakate" für die Bundestagswählenden vorbereitet. Nicht erst von Thierse angestrengt, wird hier schon länger das Thema diskutiert, das diesen Thread ausgelöst hat. Aber man hat sich längst so ungeheuer weit von der Grundfrage entfernt, nämlich ob es tatsächlich überhaupt eine wirkende Ungleichbehandlung darstellt, wenn man "Kunden" oder "Abonnenten" oder "Patienten" als Oberbegriff verwendet, und ob, was bislang lediglich eine Behauptung ist, die noch niemand verifiziert hat, Frauen und Nichtbinäre höchstens etwas herablassend "mitgemeint" sind, was, mit Verlaub, in meinen Augen totaler Bullshit ist.

  • Ich finde Tom fasst die grundsätzliche Problematik eigentlich perfekt zusammen.


    Zur Geschichte der Mathematik: wie Breumel bereits anmerkte so war es bei mir auch. Mathematikunterricht war kein Geschichtsunterricht, sondern war neutral. Oder wirkte vielleicht neutral aus der privilegierten Perspektive. Selbst Formeln, die nach Mathematikern benannt wurden, hat man kaum personalisiert.

    Ich kann nur spekulieren, aber ich glaube man kann dieses "ethnomathematische" Framework aus Oregon nur verstehen aus den gesellschaftlichen Kontext in den USA heraus. Ich bezweifele, dass es hier wirklich so speziell um Mathematik geht, sondern wohl eher grundlegender wie man benachteiligte Gruppen stärker fördert, wie man Selbstbewusstsein etc. schafft. Da es ja auch um sehr spezielle Gruppen geht (mit vorwiegend schwarzen oder lateinamerikanischen Wurzeln) geht es da ja auch nicht wirklich darum mathematische Geschichtsverfälschung zu korrigieren. Ob da jetzt ein Grieche oder ein Araber etwas erfunden hat - egal, ich brauche für jeden Schüler personalisiert Bezugspersonen, die man mit der Gruppe, mit der man sich identifiziert, verknüpfen kann. Das wird auch möglich sein, nur verschiebt sich dann die Priorität dann irgendwann zu sehr weg vom eigentlichen Thema - den Kindern Mathematik beizubringen.

    Ich kann mich auch schwer so in entsprechende Minderheiten reindenken, um zu begreifen wieso so eine Bevormundung (korrekte Antworten sind nicht mehr so wichtig, keine Leistungsnachweise, Gruppen- statt Einzelarbeit) die Position stärken soll. Wirkt eher für mich wie: liebes Minderheiten-Mädchen, ich helfe dir jetzt, in dem ich dich erstmal für dumm halte.

    Meine naive Idee in dem Fall: parallel zum Mathematik-Unterricht guten Informatik-Unterricht, quasi als angewandte Mathematik. Da dann auch gerne mit einem geschichtlichen Anteil: den Leuten auch gerne Ada Lovelace, Katherine Johnson, Alan Turing etc. vorstellen...

  • Googol :

    Ich sehe in dem Konzept eine Anregung von Pädagogen für Lehrer in einem amerikanischen Bundesstaat ihren Unterricht unter einem bestimmten Aspekt zu reflektieren und möglicherweise zu verbessern.

    Es wird nur dadurch zu einem Thema, weil es in Schlagzeilen hier in Deutschland instrumentalisiert wird.

    I never predict anything, and I never will. (Paul Gascoigne)

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  • Maarten


    Nur zwei Anmerkungen noch, dann ist auch gut, weil wir drehen uns im Kreis :)


    1. Das ist auch - und vor allem - in den USA ein Thema

    2. Es wird sicherlich auch instrumentalisiert, das aber vor allem weil der Inhalt dieses Konzeptes aus meiner Sicht himmelschreiender Unsinn ist (einfach Punkteliste und das Wording im Detail anschauen. Nochmal es ist u.a. rassistisch, dass man im Mathematikunterricht auf korrekte Ergebnisse wert legt) . Rechtskonservative Medien haben es daher einfach linksliberale Positionen generell zu diskreditieren (schaut mal, was die wieder für einen Blödsinn verzapfen).

  • Nochmal es ist u.a. rassistisch, dass man im Mathematikunterricht auf korrekte Ergebnisse wert legt


    Es ist fragwürdig, dass wir darüber diskutieren, ob das Konzept sinnvoll ist.
    Es ist meines Wissens ein von Wissenschaftlern erarbeitetes Konzept in einem bestimmten Kontext. Wir urteilen über die Arbeit dieser Wissenschaftler ohne den notwendigen Hintergrund zu haben.

    Um z.B. obigen Einwand kurz aufzugreifen:

    An der Stelle geht es meiner Vermutung nach darum:

    • Andere Rechenwege die zum gleichen Ergebnis führen nicht als falsch anzusehen (Der Rechenweg gilt häufig als Teil einer richtigen Antwort)
    • Nicht zu entmutigen, indem ein Ergebnis lediglich als falsch gewertet wird, sondern den Lösungsweg zu würdigen und dabei zu einem richtigen Ergebnis zu kommen

    Wenn Du Dich tiefer einlesen würdest, würdest Du wahrscheinlich etwas in der Art vorfinden.

    • Andere Rechenwege die zum gleichen Ergebnis führen nicht als falsch anzusehen (Der Rechenweg gilt häufig als Teil einer richtigen Antwort)
    • Nicht zu entmutigen, indem ein Ergebnis lediglich als falsch gewertet wird, sondern den Lösungsweg zu würdigen und dabei zu einem richtigen Ergebnis zu kommen

    Das war bei uns damals schon so. Punkte gab es auch für den Rechenweg, und solange das Ergebnis stimmt und der Rechenweg korrekt ist darf auch ein anderer Weg genutzt werden.

    “You can never get a cup of tea large enough or a book long enough to suit me.” :lesend

    C.S. Lewis

  • Wenn Du Dich tiefer einlesen würdest, würdest Du wahrscheinlich etwas in der Art vorfinden.

    Jetzt werd' nicht frech ;) Ich habe mir tatsächlich nicht alles, aber vieles, teilweise auch im Detail durchgelesen.

    Die Basis des Konzeptes ist eine Bewertung des aktuellen Lehrrahmenwerks "California Standards for the Teaching Profession", das aus fünf Schritten besteht (wie man Schüler einbezieht, wie man Lehrmaterial strukturiert usw.).


    Die Bewertung startet mit der These, dass "White Supremacy Culture" in allen diesen Schritten sichtbar ist und gibt Beispiele, wodurch sich das manifestiert. Das sind dann insgesamt 19 Einzelpunkte. Die meisten dieser Punkte würden isoliert, außerhalb dieses Kontextes, vielleicht auch Sinn ergeben, auch wenn sie halt sehr auf antiautoritäre, wenig auf Leistung orientierte, Methoden setzt. Die Intention, die tatsächlich auch hier sichtbar ist, benachteiligte Kinder abzuholen und zu fördern, ist eine gute Intention. Auch dass Lehrer darüber reflektieren, was sie besser machen können.


    Nun kommt der Haken an der Geschichte: jeder dieser Punkte wird rassistisch belegt bzw. mit der Kultur der weißen Überlegenheit verknüpft. Das ist dann erst einmal ein inhaltlicher Spagat. Wie bekomme ich jetzt diese Ideen damit verknüpft?

    Ziel dieses Konzeptes ist, dass sich die Lehrer sich des aktuellen Rassismus in der Lehre erst einmal bewusst werden und es sich eingestehen, um dann explizit sich dann in antirassistische Lehrer zu verwandeln. Ich wage zu behaupten, dass das keine intelligente Strategie ist, um Leute ins Boot zu holen. Nicht nur in diesem Kontext, in all diesen Kontexten. Behaupteter Rassismus erzeugt erst einmal Gegenwehr. Vor allem auf dieser Detailebene (ich habe bei dieser Frage Kind X aufgerufen und nach dem Ergebnis gefragt und das war rassistisch? Dass ich mündliche Partizipation oder korrekte Resultate oder zumindest einen korrekten Lösungsweg beurteilt habe macht mich rassistisch).

    Wenn man von dieser Grundbehauptung absehen könnte, dann steckt in diesem Framework sehr viel drin, was Unterricht kreativer und inklusiver macht, aber wie viele Lehrer haben dieses Konzept nicht schon viel früher aufgegeben, weil sie nicht über diese initiale Hürde gekommen sind.

    Und jetzt stell dir vor, wenn dann eben Fox News so etwas instrumentalisiert - und genau deshalb muss man sich natürlich anmaßen können eine wissenschaftliche Arbeit bewerten zu können, weil sie ist nun einmal in der Welt und wird von Menschen aller möglichen politischen Richtung bewertet - da wird dann eine Wissenschaftlerin eingeladen, die hinter diesem Konzept steht: Dr. Anne DeLessio-Parson.

    Fox-News-Mensch: Anne, was 2+2=4 ist jetzt rassistisch? Haha.

    Dr. DeLessio-Parson: Dr. Parson, bitte. Bob, hast du das Buch gelesen, das ich dir das letzte Mal empfohlen habe (Anmerkung: über die Geschichte des Rassismus in den USA).
    Fox-News-Mensch: ja, was hat das mit 2+2=4 zu tun? Haha. Hihi

    Dr. DeLessio-Parson: Bevor ich das erkläre, können wir uns darauf einigen, dass die Lehre in den USA von systemischen Rassismus geprägt ist...
    usw. usw.

    Wäre die Sendezeit nicht schon drei Minuten später beendet gewesen und hätte sie eine Stunde zum Ausformulieren ihrer Thesen bekommen, dann wäre sie sicherlich zum nachvollziehbareren Kern ihrer Thesen gekommen. So hat sie sich und das Konzept einfach nur lächerlich gemacht. Dass sie an anderer Stelle in einer anderen wissenschaftlichen Arbeit Fleischkonsum als rassistisch beschrieben hat hat ihre Position auch nicht gerade gestärkt.

    Wissenschaft beinhaltet auch Wissenschaftskommunikation.

    Ich weiß nicht, ob ich meinen eigenen politischen Standpunkt bisher klargemacht habe. Ich bin in wesentlichen viel näher an Dr. DeLessio-Parson als an den Positionen, die Fox News vertritt. Tatsächlich streite ich mich viel häufiger mit Leuten, die mir politischer näher sind, als mit Leuten mit komplett konträren Ansichten. Wieso sollte ich mich z.B. mit einem AFD-Fan streiten? Das wäre verlorene Zeit. Was mich aber auf die Palme bringt sind Extrempositionen und schlechte Kommunikation, die die von mir vertretene politische Position schwächen.


    So viel erst mal. Bitte sag mir nicht nochmal, dass mein Beitrag zur Diskussion fragwürdig und uninformiert ist. Danke :)

  • Googol
    Kurz dazu:
    Es ist fragwürdig, dass wir darüber diskutieren, ob das Konzept sinnvoll ist.

    Ich meinte, dass es fragwürdig ist, wenn wir eine wissenschaftliche Arbeit beurteilen ohne uns mit den Details beschäftigt zu haben. Das gilt für mich genauso.
    Du hast Dich da offensichtlich mittlerweile tiefer eingelesen.
    Sorry, wenn das anders rüberkam.

  • Googol :
    So, jetzt habe ich ein bisschen mehr Zeit und habe mir mal Anne DeLessio-Parson angeschaut. Und bin verwirrt. Die selbst hat doch gar nichts mit dem Konzept zu tun und ich bin mir auch nicht sicher, ob sie fachlich die richtige ist, um dazu überhaupt eine Aussage zu machen, oder habe ich da was übersehen? Was ich so an wissenschaftlichen Veröffentlichungen von ihr finden konnte, scheint sie mir überhaupt nicht zu diesem Kontext zu passen (https://www.researchgate.net/s…eLessio-Parson-2084640959).

    Aber egal, ich will dieses Konzept ja überhaupt nicht verteidigen. Ich versuche nur in diesem ganzen Kuddelmuddel für mich eine Position zu finden und hinterfrage dazu das ein oder andere.

    Ich teile durchaus Deine Befürchtung, dass die linke Politik unter die Räder kommen könnte. Ich sehe da weniger die von Dir angeführte schlechte Kommunikation als Gefahr an, sondern dass starke Differenzen, ähnlich denen, wie sie auch im Feminismus zwischen 2. Welle und 3./4. Welle bestehen, zunehmend in die linken Parteien hineingetragen werden. Differenzen zwischen woke und nicht-woke, die wahrscheinlich häufig Differenzen zwischen jung und alt entsprechen.

    I never predict anything, and I never will. (Paul Gascoigne)

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  • Maarten :


    Ich habe nochmal geschaut. Du hast Recht. Sie wurde von FOX News als "Expertin" zu diesem Thema eingeladen.

    Ich vermute, es ist ein inszeniertes Interview mit einer inszenierten Expertin. Die Frage 2+2=4 ist rassistisch mit der entsprechenden Antwort ist Twitter-Niveau. Aber ich kann das natürlich nur vermuten.

    Das aber ist eines der größten Probleme: Die Diskussion in der Öffentlichkeit dringt nicht mehr zum Kern, diskutiert Dinge, um die es nicht geht. Es wird nicht mehr versucht gute Ideen von schlechten Ideen zu trennen, sondern alles von der schlechtesten Seite darzustellen, zu verspotten, dabei vielleicht gute Ideen unsichtbar zu machen und das ganze Bündel abzufackeln. (Ich meine die öffentliche Diskussion, Googol. Dich erlebe ich als interessanten Diskussionspartner.)

    Dieses Konzept, um das es hier geht, geht der Fragestellung nach, wie man den Mathematikunterricht anders gestalten kann, so dass eine statistisch beobachtete Benachteiligung bestimmter Bevölkerungsgruppen vermindert werden kann. Ja, es steckt auch aus meiner Sicht eine viel zu große Portion Ideologie darin, pädagogische Konzepte haben das häufig. Wenn die statistische Analyse stimmt, wissen wir, dass es ein relevantes Problem gibt. Das hier ist ein Konzept, bei dem sich Wissenschaftler Gedanken darum gemacht haben, wie es gelöst werden kann. Es können auch gute Ideen darin stecken.

    Ich versuche für mich herauszufinden, wo falsch abgebogen wird (nicht bei diesem Konzept, sondern im großen), wo aus gutgemeint schlechtgemacht wird. Tom hat da ja schon vieles zu geschrieben, aber ich würde es gerne griffig für mich formulieren können.

    Mein momentaner Stand:
    Gutgemeint: Die Vielfalt der Welt anzuerkennen...
    Schlechtgemacht: und dabei die Vielfalt der Welt aus den Augen zu verlieren.

    Trifft's nicht, ich weiß...

    Das Merkwürdige ist, dass bei einer Diskussion, bei der es eigentlich um Vielfalt geht, alle in 2 Lager getrieben werden.

  • Das Merkwürdige ist, dass bei einer Diskussion, bei der es eigentlich um Vielfalt geht, alle in 2 Lager getrieben werden.

    Ich sehe mich keinem Lager zugehörig. Ich bin gegen das Gendern, was übrigens eine Aussage ist, für die man online nahezu umgehend als Nazi tituliert wird, aber ich bin für die Zielsetzung, um die es hier geht. Es gibt übrigens auch nicht wenige Frauen, die so denken. Und ich würde mich tatsächlich als Feministen bezeichnen, obwohl das umgekehrt möglicherweise einige Feminist*:*innen nicht oder nicht ohne zu zögern tun würden. Die Situation, die wir haben, ist längst noch nicht hinzunehmen, obwohl schon einiges erreicht ist. Das, was noch erreicht werden muss, werden wir aber nicht dadurch erreichen, dass wir die Sprache (vermeintlich) entnazifizieren.


    Wir reden hier die ganze Zeit über Symbolpolitik. Kinder lernen in der Schule das Gendersternchen und erleben zu Hause Rollenspiele aus den Fünfzigerjahren, und übrigens selbst in aufgeklärten, gutsituierten Mittelstandsfamilien, deren Mitglieder intelligente Menschen zu sein scheinen - nicht auszudenken, wie es sich in anderen Schichten darstellt. Gefühlt neunundneunzig und geschätzt weit über achtzig Prozent der Menschen nehmen Debatten wie diese hier überhaupt nicht wahr oder halten sie für vollständig lächerlich, mindestens aber für unerheblich. Gut, wenn man solche Instrumente als Bestandteil eines ganzen Arsenals sieht, mag das ein wenig anders sein, aber ich bin an meine Oberschulzeit erinnert, als wir fast drei Jahre lang das Dritte Reich behandelt haben, und die Anzahl brauner Strohköpfe in meiner Klasse danach noch exakt genauso hoch war wie vorher. Unser Zusammenleben ändern wir anders, nicht über akademische Konzepte.


    Was wir aber auf jeden Fall erreichen, das ist die von Dir genannte Polarisierung und Fraktionierung, nicht nur bei diesem Thema. Das geht mit der Demokratisierung der Meinungsäußerungen einher, aber auch mit technischen Konstrukten, die uns dazu zwingen, klar zwischen Ablehnung und Zustimmung zu unterscheiden, und deren Gefahren wir noch nicht auszubremsen in der Lage sind. Hier kommt viel zueinander.

  • Ich vermute, es ist ein inszeniertes Interview mit einer inszenierten Expertin. Die Frage 2+2=4 ist rassistisch mit der entsprechenden Antwort ist Twitter-Niveau. Aber ich kann das natürlich nur vermuten.

    Die Masche von Fox News (und ähnlichen Medien) ist relativ einfach durchschaubar. Als Linker wirst du dort vorgeführt wie ein untalentierter Nerd im Stimmbruch bei DSDS. Natürlich haben die Redakteure in erster Linie das "Krawallpotential" gesehen. Wie ich früher in diesem Thread schon schrieb: das war alles in liberalen Medien in den USA anscheinend überhaupt kein Thema. Fox News hat da Zündstoff gesehen und das Thema aufgebauscht.

    Ändert aber nichts daran, dass ich das Konzept wie bereits angemerkt problematisch finde. Zudem - und das ist zugeben vielleicht eine persönliche Interpretation von mir - glaube ich, dass sich auf der linken Seite dieser Debatte schon ein aktivistischer Cluster gebildet hat, der diese radikale Position eingenommen hat, vollkommen synchron in ihren Ansichten ist und entsprechend als Einheit auftritt. Man hätte einen beliebigen anderen Aktivisten aus dieser Gruppe in diese Fox News Sendung schicken können und sie hätten dasselbe gesagt.

  • Man hätte einen beliebigen anderen Aktivisten aus dieser Gruppe in diese Fox News Sendung schicken können und sie hätten dasselbe gesagt.

    Ich hab's mir jetzt dann doch mal angesehen.

    Kann das wirklich nicht inszeniert sein?
    - Sie ist unseriös gekleidet. Auf dem amerikanischen Fernsehen, bei Fox News. Schlecht frisiert, wirkt unausgeschlafen.
    - Bei der Einleitung schaut sie nach unten, als hätte sie etwas zu verbergen
    - Nach seiner Einleitungsfrage, macht sie 3 Dinge:

    - Als erstes gibt sie zu erkennen, dass sie zu doof ist seiner Frage folgen zu können.
    - Dann verbittet sie sich mit dem Vornamen angesprochen zu werden, besteht auf Dr.
    - Um dann als Nächstes klar zu machen, dass sie ihn mit dem Vornamen anredet und ihm die Gelegenheit zu geben, deutlich zu machen, dass das für ihn ok ist, weil er einer der normal guys ist, nicht abgehoben und akademisch wie sie.

    Fox News kann ja versuchen die Leute möglichst schlecht aussehen zu lassen. Aber das ist bekannt. Darauf bereitet man sich nicht auf diese Weise vor.
    Ich habe tatsächlich Schwierigkeiten zu glauben, dass das kein Drehbuch ist.

    Man könnte das vergleichen, wenn sie auch von anderen Nachrichtensendern interviewt wird.
    Gibt's da was?

  • Wir reden hier die ganze Zeit über Symbolpolitik. Kinder lernen in der Schule das Gendersternchen und erleben zu Hause Rollenspiele aus den Fünfzigerjahren, und übrigens selbst in aufgeklärten, gutsituierten Mittelstandsfamilien, deren Mitglieder intelligente Menschen zu sein scheinen - nicht auszudenken, wie es sich in anderen Schichten darstellt.


    Genau damit argumentiert ja der Feminismus nach Butler (in meiner laienhaften Sicht). Da eine Gleichstellung in einem binären Geschlechtssystem trotz aller Bemühungen nicht funktioniert, wird das Geschlecht als solches dekonstruiert.

    Salopp gesagt:
    Für Feminismus vor Butler entfällt damit das feministische Subjekt.
    Für Feminismus nach Butler entfällt die Möglichkeit wegen des Geschlechts zu diskriminieren.

    Wenn Du Dich als Feminist bezeichnest, wirst Du also dazusagen müssen, ob Du vor oder nach Butler meinst.
    Ob Du lieber FeministInnen schreibst, oder Feminist*innen. ;-)

  • Da eine Gleichstellung in einem binären Geschlechtssystem trotz aller Bemühungen nicht funktioniert, wird das Geschlecht als solches dekonstruiert.

    Ich kenne diese These, die ja auch längst politische Konsequenzen hat (soziale sowieso). Aber ich halte die Aussage für falsch, dass die Gleichstellung nicht funktioniert - oder nicht grundsätzlich funktioniert. Während der letzten Jahrzehnte sind ganz enorme Fortschritte gemacht worden. Ich glaube nicht, dass es nötig wäre, die Existenz (überwiegend binärer) Geschlechter vollständig zu verneinen, um Gleichbehandlung vollständig herzustellen. Die realen Menschen, die einem solchen Paradigma zu folgen bereit sind, passen vermutlich auf Helgoland.


    Andererseits. Es wird so viel Druck gemacht und psychische Gewalt angewendet, in Form von Drohungen und Shitstorms, denen Behörden, Unternehmen, Medien und viele andere ausgesetzt werden, wenn sie zum Beispiel nicht mitgendern. Das funktioniert oft im Stillen, man gibt nach, um keinen Stress zu bekommen (Verlage stampfen klammheimlich tonnenweise Texte ein, die vermeintlich -istische Stellen enthalten). Und es funktioniert auch bei anderen Aspekten. Insofern mag Helgoland momentan reichen, aber das ist eine Aussage, die nur von etwaigen Annexionen galt.

  • Ich kenne diese These, die ja auch längst politische Konsequenzen hat (soziale sowieso). Aber ich halte die Aussage für falsch, dass die Gleichstellung nicht funktioniert - oder nicht grundsätzlich funktioniert.

    Was mich derzeit verwirrt:
    Wenn ich dieser These folge, dass binäre Systeme automatisch zu einer Hierarchie und zu Unterdrückung führen...
    Warum wird dann bei White/PoC ein binäres System eingeführt?
    In dem Fall wird ein Subjekt erschaffen analog zum feministischen Subjekt des Feminismus der zweiten Welle, das wiederum ja gerade dekonstruiert werden soll. Vermutlich gibt es auch da eine Theorie/These zu, die das in Einklang bringt?

  • Börsenblatt, 11. März 2021

    Zitat

    Lesetipp aus der "Zeit" - Verleger zum Streit um Gorman-Übersetzung

    Darf Amanda Gormans Gedichtband "The Hill We Climb" nur von einer Schwarzen übersetzt werden? Nach dem Rückzug der (weißen) niederländischen Übersetzerin Marieke Lucas Rijneveld geht auch in Deutschland die Debatte weiter. Die "Zeit" hat dafür mit den Verlegern Jo Lendle (Hanser) und Jörg Sundermeier (Verbrecher Verlag) gesprochen.

    Manche Bücher müssen gekostet werden, manche verschlingt man, und nur einige wenige kaut man und verdaut sie ganz.
    (Tintenherz - Cornelia Funke)