'Jakob der Lügner' - Seiten 141 - 213

  • Zur Sache mit dem Schal:

    Ich habe eigentlich gleich angenommen, dass die Schwester schon annimmt, dass das mit der Behandlung des SS-Ortsschefs sehr wahrscheinlich schief geht oder vielleicht auch nicht stattfindet und dass der Schal - ähnlich wie Clare es sieht, ein Zeichen der Fürsorge ist, vielleicht auch ganz konkret eine Möglichkeit, sich bei der Deportation wenigstens zu wärmen.
    Dass sie durch den Schal die Pillen in die Tasche transportiert, scheint mir unglaubwürdig, dann hätte sie ja, während Preuß und sein Kollege da waren, das Ganze vorbereiten müssen und die Tabletten in dem Schal verstecken müssen. Schal und Arztkoffer waren aber im Schrank in dem Raum, in dem auch die ganze Zeit die beiden Schergen gesessen haben, also konnte Elisa nichts daran manipulieren.

  • Dafür spricht auch, dass damals viele eine Giftration vorrätig hatten, für alle Fälle. Und als Arzt kam er da auch ziemlich leicht ran.

    Ich finde es eine schöne Geste, die Schwester umarmt ihn zum letzten Mal, denn das vermutet sie, symbolisch mit dem wärmenden Schal.

  • Ich finde ja sowieso den Schreibstil des Autors wahnsinnig gut. Hat jemand von Euch noch andere Bücher von ihm gelesen? Haben die alle so ein depremierendes Thema oder gibt es da vielleicht etwas fröhlicheres von ihm? Ich kann mir gut vorstellen noch ein Buch von Jurek Becker zu lesen, aber wenn möglich etwas nicht ganz so trauriges.

    Ich habe Einiges von Jurek Becker gelesen, aber das ist zu lange her als dass ich mich an den Stil erinnere.

    Becker war ein begnadeter Drehbuchautor. Vielleicht sollte man in Erinnerung behalten, dass "Jakob der Lügner" ein nicht verfilmtes Drehbuch ist und zum Roman umgearbeitet wurde.

    Die Art und Weise tödlich Unbequemes mit Charme und Ironie aufs Trapez zu bringen hat Becker beibehalten. Ich denke da an so manche Folge von "Liebling, Kreuzberg" im TV.

    Vielleicht will der Erzähler diesem Preuß suggerieren, dass der sich bloß nicht so sicher fühlen soll mit seiner Entnazifizierung sondern dass die westlichen Geheimdienste noch immer ein Auge auf ihn haben.

    Njet. Die westlichen Regierungen mit ihren Geheimdiensten brauchten die Deutschen als Bollwerk gegen den Kommunismus. Da sahen sie einfach über solche geschichtliche Belange wie Deutsche, die Nazis waren, hinweg (persönliche Ironie, Ende). Sie behielten nur die bei Kriegsende beschagnahmten Akten unter Verschluss. Vertrauen ja, Kontrolle besser.

    Da Westberlin ein Spielbrett der Geheimdienste war, hätte das Zitieren des sowjetischen Geheimdienstes möglicherweise Preuss zum Untertauchen bewegt. Damit wäre niemandem geholfen worden.

  • Sie werden sich sicher gewesen sein, dass der Professor aus Angst um sein Leben und das Leben seiner Schwester schon alles tun würde, um den Kranken zu retten.

    Sie haben nicht bedacht, dass es vielleicht einen Punkt gibt, an dem man nichts mehr zu verlieren hat.


    Mir ist eben erst aufgefallen, dass ich ja noch gar nicht die anderen Beiträge hier nachgelesen habe. Aber dem hier als Erklärung auf die "Frage" von Tante Li würde ich so zustimmen, hätte ich auch so erklärt.


    Was das Radio angeht und dass die Szene so lang beschrieben wird (mal sehen, bestimmt wurde auch darauf hier eingegangen) - keine Ahnung, was es bewirken soll. Vielleicht das, was es bei Einigen hier bewirkt hat - ein wenig Wärme in der Geschichte. Etwas Schönes und Rührendes in der Geschichte und in der Beziehung von Jakob und Lina. Ich glaube bzw. könnte mir vorstellen, dass es darum ging zu zeigen, dass man auch in so einer hoffnungslosen und traurigen Lage die Phantasie eine Rolle spielt - oder eben genau in so einer Lage. Lina hat kein Kino, eigentlich keine Bücher, kein Radio, kein Theater und doch etwas Schönes. Und der Leser des Buches somit auch. Hm... Aber interessante Frage. Ich habe sie mir gar nicht gestellt, sondern einfach diese Szene sehr gemocht. Sie hat mir sehr sehr gut gefallen.

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  • Das ist ein schönes Bild. Und ich denke auch, das es wahrscheinlich so gemeint ist und die Giftpillen nichts mit dem Schal zu tun haben. Aber es ist auch wirklich gut gemacht von dem Autor, das es ein wenig offen bleibt und jeder Leser sich seinen eigenen Reim auf diese Szene machen kann.


    Ich finde ja sowieso den Schreibstil des Autors wahnsinnig gut. Hat jemand von Euch noch andere Bücher von ihm gelesen? Haben die alle so ein depremierendes Thema oder gibt es da vielleicht etwas fröhlicheres von ihm? Ich kann mir gut vorstellen noch ein Buch von Jurek Becker zu lesen, aber wenn möglich etwas nicht ganz so trauriges.


    Interessant, wie hier der Schal und die Pillen diskutiert wurden. Ich habe das gar nicht in Zusammenhang gebracht, weil ich ohnehin von der Handlung und dieser Szene so irritiert war. Auch wenn ich Kirschbaums Entscheidung verstehe und nachvollziehen kann - diese Möglichkeit kam mir gar nicht in den Sinn, ich war fast schockiert beim Lesen des Abschnitts. Insofern hab ich auch nicht dran gedacht, dass die Pillen im Schal sein könnten. Möglich wäre es, aber ich würde es eher so deuten wie Clare und mich hier Rouge anschließen. In dem Moment, als ich es las, dachte ich einfach nur, dass es ja später wird und ihm kalt werden könnte, aber im Nachhinein wird die Schwester vermutlich gewusst haben, dass er wohl nicht mehr wieder kommt und ich hätte es auch als "letzten Akt der Fürsorge", "eine letzte Umarmung" interpretiert. Vielleicht war das ja auch ihr Schal und sie wollte ihm noch was von ihr mitgeben?

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  • Es ist sehr wichtig. Jedes Detail zählt hier. Becker ist eben ein moderner Autor. Er streut Indizien aus, wie in einem Krimi oder J.K.Rowling bei HP.

    Wie meinst Du das? Das verstehe ich nicht. Für die "Stimmung" im Buch oder ein "Hinweis" für etwas, was später kommt? (Wenn erst im nächsten Abschnitt, gerne als Spoiler. Ich bin zwar durch, aber vielleicht ist es etwas, was jemand anderer nicht wissen will - auch wenn ich mir das jetzt gerade nicht so vorstellen kann, dass es wie in so einem Krimi ist.)

    Aber ich stehe gerade auf dem Schlauch, was Du meinst... :gruebel

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  • Interessant, wie hier der Schal und die Pillen diskutiert wurden. Ich habe das gar nicht in Zusammenhang gebracht, weil ich ohnehin von der Handlung und dieser Szene so irritiert war. Auch wenn ich Kirschbaums Entscheidung verstehe und nachvollziehen kann - diese Möglichkeit kam mir gar nicht in den Sinn, ich war fast schockiert beim Lesen des Abschnitts. Insofern hab ich auch nicht dran gedacht, dass die Pillen im Schal sein könnten. Möglich wäre es, aber ich würde es eher so deuten wie Clare und mich hier Rouge anschließen. In dem Moment, als ich es las, dachte ich einfach nur, dass es ja später wird und ihm kalt werden könnte, aber im Nachhinein wird die Schwester vermutlich gewusst haben, dass er wohl nicht mehr wieder kommt und ich hätte es auch als "letzten Akt der Fürsorge", "eine letzte Umarmung" interpretiert. Vielleicht war das ja auch ihr Schal und sie wollte ihm noch was von ihr mitgeben?

    Ich habe dem Schal zuerst auch keine Bedeutung zugemessen. Für mich war klar, dass die Pillen eben im Koffer waren. Kirschbaum hatte nur die eine Möglichkeit, hätte er den Kerl behandelt, hätten ihn die Juden im Ghetto gehasst. Hätte er ihn nicht behandelt, wäre er so oder so erschossen worden. Eine ausweglose Situation. Die Szene mit dem Schal habe ich erst mit den anderen Kommentaren wichtig genommen.

  • Ja, so ähnlich ging es mir auch. Finde es nur interessante Überlegung, auch wenn ich sie auch im Nachhinein nicht so interpretieren würde (Pillen im Schal).

    Bei der ausweglosen Situation stimme ich Dir zu. Insofern finde ich Kirschbaums Lösungsweg absolut nachvollziehbar. Ich wäre halt nicht drauf gekommen, dass er diesen Weg wählt - warum auch immer.

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  • Ich finde es spannend, dass man ein Buch so unterschiedlich sehen und interpretieren kann. Jeder legt sein Auge auf ein anderes Detail. Zusammen gibt es dann ein Bild. Ob es stimmig ist, ist vielleicht gar nicht von Bedeutung. Die Auseinandersetzung mit der Handlung scheint mir wichtiger.

  • Ich finde es spannend, dass man ein Buch so unterschiedlich sehen und interpretieren kann. Jeder legt sein Auge auf ein anderes Detail. Zusammen gibt es dann ein Bild. Ob es stimmig ist, ist vielleicht gar nicht von Bedeutung. Die Auseinandersetzung mit der Handlung scheint mir wichtiger.

    Da hast Du vermutlich recht, vor allem auch mit dem letzten Satz.

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  • Mich hat dieser Abschnitt sehr mitgenommen. Becker schafft es, dass die Bewohner des Ghettos ein Gesicht bekommen, man mit ihnen fühlen kann. Um so unbegreiflicher, wie man diese Menschen alle so planvoll umbringen kann. Das Schwanken zwischen Hoffnung und Ausgeliefertsein kann ich beim Lesen kaum aushalten.

    Wieder spielen Bäume eine Rolle. Bei der Autofahrt zu Hardtloff fällt dem Erzähler auf, dass es außerhalb des Ghettos wieder Bäume gibt.

    Auch das Märchen hat mich sehr berührt bzw. wie sehr Lina in die Geschichte eintaucht und an die Magie der Wolke glaubt. Sie verteidigt "ihr" Märchen gegenüber dem Nachbarjungen. Ich finde es tröstlich, dass Lina so eine schöne Geschichte im Herzen trägt. Lina kann noch an das Unmögliche glauben, den Erwachsenen ist diese Gabe abhanden gekommen.

    Auch das leere Bett Fajngolds und Rosas Reaktion darauf haben mir eine Gänsehaut beschert. Rosa kann sich nicht einfach fremder Sachen bemächtigen, die ein Toter hinterlassen hat. Sie ist noch nicht abgestumpft. Vielleicht stellt sie sich vor, was mit ihren Sachen passiert, wenn sie abtransportiert wird. Ich kann ihr Verhalten sehr nachvollziehen. Überhaupt kann ich mir kaum vorstellen, wie es sich angefühlt haben muss, in dem Ghetto zu leben, immer den Tod vor Augen.

    Die eigentliche Geschichte aber bleibt unerzählt, denn ihre wahre Sprache könnte nur die Sprachlosigkeit sein. Natascha Wodin

  • Seine Schwester hat auf mich auch einen großen Eindruck gemacht, ihre unerschütterliche Haltung, die sie gegenüber den Schergen, aber auch beim Abschied von ihrem Bruder bewiesen hat.

    Auf mich auch. Sie strahlt aus, dass ihr niemand ihre Würde nehmen kann, auch wenn sie noch so unmenschlich behandelt wird. Eine sehr starke Frau.

    Die eigentliche Geschichte aber bleibt unerzählt, denn ihre wahre Sprache könnte nur die Sprachlosigkeit sein. Natascha Wodin

  • Es ist eine Schlüsselszene in dem Buch und die Schwester hat einen guten Anteil daran.


    Sie sagt ja, "Sag ihnen, dass wir es nicht mehr gewohnt sind." Was? Gäste zu haben? Patienten zu betreuen? Egal, ich glaube auch, dass in dem Schal das Röhrchen versteckt war. Mit dem Segen der Schwester ging der Professor aus der Welt.

    So habe ich mir das auch vorgestellt. Als die Geschwister sich verabschieden war mir beim Lesen klar, dass sie sich nie wieder sehen würden, obwohl Becker das mit keinem Wort erwähnt. Ganz stark, welche Bilder Becker in meinem Kopf erzeugen kann, ohne sie direkt auszusprechen.

    Die eigentliche Geschichte aber bleibt unerzählt, denn ihre wahre Sprache könnte nur die Sprachlosigkeit sein. Natascha Wodin

  • Mich wundert, dass der Autor diese Szene so ausführlich berichtet und sogar das Märchen in allen Einzelheiten erzählt. Nur um darzustellen, dass Kinder eine Geschichte nicht richtig wiedergeben können?

    Oder welche Aussage könnte dieses Textfragment haben?

    Für mich hat das Märchen gleich mehrere Bedeutungen. Zum einen, wie ich oben schon schrieb, schenkt Jakob Lina etwas, was ihr niemand mehr nehmen kann: eine schöne Geschichte, ein Märchen, das ihr liebevoll erzählt wurde. Ich habe mich auch schon in manchen schrecklichen Momenten meines Lebens an Geschichten, Gedichte oder Liedtexte erinnert. Das hat mir dann in dieser Situation geholfen.

    Zum anderen ist dieses Märchen ja ein besonderes Märchen. Es spielt mit Lüge und Fantasie und dem Glauben an das Unmögliche. Die imaginäre Watte bzw. Wolke heilt die Prinzessin. Jakobs Lügen schenken wenigstens ein bisschen Hoffnung im Ghetto.

    Die Wolke ist für mich auch ein Symbol für Freiheit und Unbeschwertheit. Die Kraft der Gedanken schenkt der Prinzessin ihre Gesundheit wieder. Vielleicht gibt das Märchen von der Wolke Lina auch irgendwann eine gedankliche Freiheit, und sie kann sich gedanklich von der Folter lösen und muss dann nicht so sehr leiden. Die Wolke ist auch ein Symbol, was Menschsein ausmacht, nämlich die Freiheit der Gedanken zu besitzen. Es berührt mich, dass Lina dies so vehement vor dem Jungen verteidigt. Was für ein tolles Mädchen!

    Ich habe viel über das Märchen nachgedacht. Es berührt mich sehr.

    Die eigentliche Geschichte aber bleibt unerzählt, denn ihre wahre Sprache könnte nur die Sprachlosigkeit sein. Natascha Wodin

  • Das hast Du sehr schön ausgedrückt Regenfisch - so kann man tatsächlich deuten.

    Ein Gedanke ist mir dazu noch gekommen: Jurek Becker erzählt die Geschichte vom Erzähler, der von Jakob erzählt, der Lina das Märchen erzählt und die erzählt es wiederum den beiden Jungen - und erst die nehmen die Geschichte nicht an, sondern wollen sie nach ihrem eigenen Geschmack umschreiben. Das Ganze ist also sehr verschachtelt und passt sich den jeweiligen Hörern oder Lesern an.

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    Von den vielen Welten, [...] ist die Welt der Bücher die größte. (Hermann Hesse)


    :lesend Becky Chambers: the long way to a small angry planet

  • Auch das leere Bett Fajngolds und Rosas Reaktion darauf haben mir eine Gänsehaut beschert. Rosa kann sich nicht einfach fremder Sachen bemächtigen, die ein Toter hinterlassen hat. Sie ist noch nicht abgestumpft. Vielleicht stellt sie sich vor, was mit ihren Sachen passiert, wenn sie abtransportiert wird. Ich kann ihr Verhalten sehr nachvollziehen. Überhaupt kann ich mir kaum vorstellen, wie es sich angefühlt haben muss, in dem Ghetto zu leben, immer den Tod vor Augen.


    Schön, dass Du noch so ausführlich postet, Regenfisch. :)

    Den Satz, den ich bei Dir hervorgehoben habe, finde ich sehr interessant. Also, diesen Gedanken von Dir. Das kann natürlich sein. Ich glaube, es ist wie so oft bei einem Unglück - es beschäftigt einen mehr, wenn es in der Nähe oder nahe stehenden Menschen passiert und man hat evtl. mehr Angst, dass es einen trifft, weil es nicht mehr so abstrakt ist. Die Angst im Getto war sicher nicht abstrakt, das möchte ich damit nicht sagen. Aber sie kommt durch Ereignisse wie diese einfach doch näher.


    Interessant finde ich, dass sehr vielen klar war, dass Kirschbaum und seine Schwester sich nicht mehr wiedersehen. Es war ja durch die Art des Abschieds absehbar, auch wenn es gar nicht erwähnt werden musste.

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  • Stimmt, ein guter Gedanke. So nehmen Geschichten ihren Lauf.

    oder Gerüchte. Aber ich kann mir gut vorstellen, dass auch Grimms Märchensammlung so entstanden ist.



    Für mich hat das Märchen gleich mehrere Bedeutungen. Zum einen, wie ich oben schon schrieb, schenkt Jakob Lina etwas, was ihr niemand mehr nehmen kann: eine schöne Geschichte, ein Märchen, das ihr liebevoll erzählt wurde. Ich habe mich auch schon in manchen schrecklichen Momenten meines Lebens an Geschichten, Gedichte oder Liedtexte erinnert. Das hat mir dann in dieser Situation geholfen.

    Zum anderen ist dieses Märchen ja ein besonderes Märchen. Es spielt mit Lüge und Fantasie und dem Glauben an das Unmögliche. Die imaginäre Watte bzw. Wolke heilt die Prinzessin. Jakobs Lügen schenken wenigstens ein bisschen Hoffnung im Ghetto.

    Die Wolke ist für mich auch ein Symbol für Freiheit und Unbeschwertheit. Die Kraft der Gedanken schenkt der Prinzessin ihre Gesundheit wieder. Vielleicht gibt das Märchen von der Wolke Lina auch irgendwann eine gedankliche Freiheit, und sie kann sich gedanklich von der Folter lösen und muss dann nicht so sehr leiden. Die Wolke ist auch ein Symbol, was Menschsein ausmacht, nämlich die Freiheit der Gedanken zu besitzen. Es berührt mich, dass Lina dies so vehement vor dem Jungen verteidigt. Was für ein tolles Mädchen!

    Ich habe viel über das Märchen nachgedacht. Es berührt mich sehr.

    Ich habe gerade den Film zu Ende gesehen, in dem das Märchen ja bildlich dargestellt wird. Zum einen finde ich den Film lange nicht so intensiv wie das Buch, und das Märchen wirkt ziemlich gestellt.

    Aber der Inhalt des Märchens und wie es auf Lisa wirkt ist wirklich ein Geschenk. Für Lisa ist Jakob ein Held, einer der alles zum Guten wendet. In der ganzen traurigen Geschichte ist das wirklich ein Lichtblick.