'Jakob der Lügner' - Seiten 069 - 141

  • Jakobs Lügen, sind es nicht eher Phantasieantworten, gleichen Treppenstufen, und so geht die Geschichte fort und eine Unwahrheit folgt der vorhergehenden. Mir jeder Stufe wächst die Gefahr. Die Gefahr für alle, wenn sich einer an der falschen Stelle verquatscht, und die Gefahr für Jakob, an die er interessanterweise kaum noch denkt.

    Oder die Gefahr für Lina, ein angenommenen Kind, auch so ein Schicksal.


    Was das bisschen Hoffnung mit Menschen macht, zeigt sich an Herschel, der die Hoffnung als Bachricht in den Wagon ruft und dafür, dass er sich genähert hat, erschossen wird.


    Und da meint Jakob, dass sein Ghetto keine Helden hervorbrachte und entschuldigt sich halb dafür. Heldentum braucht keine gigantischen Taten, sondern kann sehr leise sein.

    Wie sich um ein allein zurückgeblieben Kond zu kümmern und seine Essenstation mit diesem zu teilen.

  • Ich bin noch Mitten in diesem Abschnitt. Aber es sind auch hier wieder die kleinen, unauffälligen Sätze, die mir sehr Nahe gehen. Zum Beispiel als das Mädchen Lina in die Geschichte eingeführt wird und der Autor schreibt: "Lina hat seit zwei Jahren keine Eltern, sie sind weggefahren, sie sind in den Güterzug gestiegen und weggefahren und haben das einzige Kind alleine zurückgelassen."

    So unvorstellbar und so traurig, dass Lina schon seit zwei Jahren ganz alleine in dem Dachzimmer wohnt. Sie ist für mich definitiv auch eine Heldin, genauso wie die Ghetto-Bewohner, die sich um sie kümmern.

  • Ich bin auch noch mitten drin. Jakob hat wirklich zu tun, jeden Tag neue, wenn auch kleine Fortschritte zu melden. Dabei kümmert er sich noch nebenbei um Lina mit ihrem Keuchhusten, teilt sein Essen mit ihr. Das ist nicht selbstverständlich, sind die Rationen gering genug.

    Wenn man liest, wie es kam, dass die Eltern deportiert wurden, weiß man wie schwierig es für die Juden war, sich an die Regeln zu halten. Das einfache Vertauschen der Jacke, auf der kein Judenstern aufgenäht war, entscheidet über Leben und Tod.

    Lina entkommt nur, weil sie gerade nicht in der Wohnung war und die Mutter geistesgegenwärtig keine Aufmerksamkeit erweckt hat.

    Nun kommt natürlich der Stromausfall Jakob entgegen. Die Arbeiter, die die Ursache nicht fanden, werden kurzerhand erschossen.

  • Was das bisschen Hoffnung mit Menschen macht, zeigt sich an Herschel, der die Hoffnung als Bachricht in den Wagon ruft und dafür, dass er sich genähert hat, erschossen wird.

    Ich habe gerade diese Szene gelesen und finde es einfach nur entsetzlich. Herschel ist so erfüllt von der Hoffnung auf die baldige Erlösung durch die Russen, dass er alles riskiert um diese freudige Nachricht weiter zu verbreiten.

    Und mit was für einem Resultat? Ich finde an dieser Szene einfach alles nur traurig: Der Wagon, der den ganzen Tag dort steht mit den eingeschlossenen Menschen darin. Der Tod von Herschel. Und das danach einfach weitergearbeitet wird als wäre gar nichts passiert und der tote Körper bleibt dort auf den Schienen liegen. Einfach unvorstellbar.

  • Ich habe gerade diese Szene gelesen und finde es einfach nur entsetzlich. Herschel ist so erfüllt von der Hoffnung auf die baldige Erlösung durch die Russen, dass er alles riskiert um diese freudige Nachricht weiter zu verbreiten.

    Und mit was für einem Resultat? Ich finde an dieser Szene einfach alles nur traurig: Der Wagon, der den ganzen Tag dort steht mit den eingeschlossenen Menschen darin. Der Tod von Herschel. Und das danach einfach weitergearbeitet wird als wäre gar nichts passiert und der tote Körper bleibt dort auf den Schienen liegen. Einfach unvorstellbar.

    Vielleicht wollte der Autor an dieser Stelle einfach, dass wir uns von der Rührseligkeit, die die Erzählung zuweilen heraufbeschwört, von diesem Bild der kleinen Nische inmitten des Furchtbaren, nicht einlullen lassen...

  • Der Erzähler reiht diese Erschließung wie andere Episoden wie kuriose Anekdoten aneinander. Für ihn gehört die einfach mit zu dem grausamen Ghetto-Alltag. Der Unterschied ist nur Jakobs unmittelbare Betroffenheit. Er versucht seine Schuld abzuwägen und bekommt vom übriggebliebenen Zwilling die Schuld zugeschoben. Dabei ist eindeutig das unmenschliche Machtsystem an allem Schuld.

    Seltsamerweise hat Jakob keine Skrupel seiner Lina Lügen zu erzählen, von wegen, er wäre mit der Lokomotive gefahren, aber nun wäre ein Rad kaputt gewesen, so dass er nicht fahren konnte. Aber Kinder anzulügen zählte damals wohl noch weniger als heute.

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    Von den vielen Welten, [...] ist die Welt der Bücher die größte. (Hermann Hesse)


    :lesend Siegfried Lenz: Der Geist der Mirabelle

  • Ich sehe das, was er zu diesem Zeitpunkt Lina gegenüber erzählt, nicht direkt als Lüge.

    Linas Welt ist winzig klein, besteht mehr oder weniger aus ihrer Kammer, kleinen Ausflügen im Haus und dem, was Jakob oder der Arzt ihr erzählen. Deshalb finde ich es verzeihlich, dass Jakob seine Tageserlebnisse ein bisschen ausschlachtet, eher wie einen Akt der Liebe, nicht ungefährlich, aber sehr menschlich.

  • Natürlich sind das Akte der Liebe, ähnlich seiner Weiterführungen, die er seinen Leidensgenossen erzählt mit der Absicht ihren Durchhalte- oder Lebenswillen zu stärken. Er macht das mit den besten Absichten und nicht aus Geltungssucht oder zur Bereicherung wie gemeine Lügner.


    Niemand hat den Zwilling gezwungen dieses Hoffnungszeichen an die Gefangenen im Waggon weiterzugeben (außer vielleicht sein Gott). Warum fühlt sich Jakob so schuldig an dessen Erschießung? :gruebel

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    :lesend Siegfried Lenz: Der Geist der Mirabelle

  • Dann zitiere ich mal, warum ich dich anders verstanden habe:

    Seltsamerweise hat Jakob keine Skrupel seiner Lina Lügen zu erzählen, von wegen, er wäre mit der Lokomotive gefahren, aber nun wäre ein Rad kaputt gewesen, so dass er nicht fahren konnte. Aber Kinder anzulügen zählte damals wohl noch weniger als heute.

  • Ich sehe das, was er zu diesem Zeitpunkt Lina gegenüber erzählt, nicht direkt als Lüge.

    Du hattest mich schon richtig verstanden.

    Die Frage ist weniger das Motiv sondern wie man "Lüge" definiert. Sind Ausschmückungen Unwahrheiten? Ab wann kann man von Lügen reden?


    Jakobs falsche Schilderungen seines Arbeitsalltags könnten bei Lina auch zu einem Vertrauensverlust führen, wenn sie entdeckt, wie wenig erfreulich er tatsächlich ist. Das könnte im kritischen Moment sogar für sie gefährlich werden.

    Meiner Ansicht nach ist das nicht die geeignete Methode ein Kind auf die raue Wirklichkeit vorzubereiten. Linas Überleben könnte davon abhängen, dass sie möglichst genau erfährt, wie man sich in diesem Ghetto am klügsten verhält.

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    :lesend Siegfried Lenz: Der Geist der Mirabelle

  • Du hattest mich schon richtig verstanden.

    Die Frage ist weniger das Motiv sondern wie man "Lüge" definiert. Sind Ausschmückungen Unwahrheiten? Ab wann kann man von Lügen reden?


    Jakobs falsche Schilderungen seines Arbeitsalltags könnten bei Lina auch zu einem Vertrauensverlust führen, wenn sie entdeckt, wie wenig erfreulich er tatsächlich ist. Das könnte im kritischen Moment sogar für sie gefährlich werden.

    Meiner Ansicht nach ist das nicht die geeignete Methode ein Kind auf die raue Wirklichkeit vorzubereiten. Linas Überleben könnte davon abhängen, dass sie möglichst genau erfährt, wie man sich in diesem Ghetto am klügsten verhält.

    Das stimmt schon, aber Lina muss ja eigentlich nicht auf das Leben im Ghetto vorbereitet werden, denn sie darf nie raus, ist im eigentlichen Sinne nicht existent und so soll das auch bleiben.

    Ich sehe die Gefahr eher darin, dass sie die nette Welt draußen unterschätzt und ihr Risiko für harmlos hält. Schwierig.

    Jakob ist kein Vater, und er versucht es richtig zu machen, so wie er es eben für richtig hält.

  • Erstaunlich finde ich auch, dass ausgerechnet der zum Verräter des Geheimnisses wird, der kurze Zeit vorher noch den Stromausfall als göttliches Zeichen gedeutet hat, dass Jakobs Radionachrichten besser aufhören und nicht weiter beachtet werden sollten.

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  • Ich meine Herschel Schtamm auf den Seiten 85 bis 87.

    Als Verräter sehe ich ihn nicht, nicht direkt.

    Sein Weitersagen hat keine ernsten Konsequenzen. Eine Gefahr ist es nur, wenn einer der Posten davon erfährt. Eine große Zahl der Ghettoinsassen weiß davon, aber solange das keiner verrät...

    Herschel sagt es nur dem lieben Gott im Gebet. Und er sagt es den Gefangenen im Wagon, die aber abtransportiert werden. Er will ihnen Kraft schenken, Hoffnung.

  • Zu Jakob gegenüber Lina:

    Ich finde es schwierig, wenn wir mit unseren Moralvorstellungen einer relativ sicheren, wohhabenden und freien Welt über die Verhaltensweisen der Ghettoinsassen so urteilen, als lebten sie in unserer Welt. Das entwicklungspsychologische Wissen war damals sicherlich noch nicht so hoch, und es ist auch die Frage, ob Lina nicht genauso gut die Vorstellung von Normalität braucht, um sich in ihrer besonderen Lage wohlzufühlen. Wenn sie wüsste, welche Gefahr sie jeden Tag läuft, ihren Ziehvater zu verlieren, weil er versehentlich oder aus verzweifelten Gründen sich selbst gefährdet, würde sie das vielleicht erst recht in Verzweiflung versetzen. Dass sie ganz gut mit "Lügen" umgehen kann und auch nicht das Urvertrauen verliert, erkennt man ja an der Szene, in der Kowalski scheinbar in ihrer Anwesenheit Jakob als Radiobesitzer entlarvt.

    Im Zusammenhang mit dieser Szene: Ist es nicht einfach ein toller erzählerischer Einfall, wie Lina die Petroleumlampe mit dem Radio verwechselt, weil diese der einzige Gegenstand in Jakobs armseligem Besitz ist, den Lina nicht direkt identifizieren kann?

    Im vorherigen Thread hatte ich erwähnt, dass ich eine Stelle in diesem Abschnitt hier besonders beispielhaft finde für diese scheinbar leichte Art, wie Becker Schreckliches schildert. Es tut mir leid, Gummibärchen , wenn du dich dadurch schon gespoilert gefühlt hast. ich wollte deinen Beitrag zitieren und habe das deshalb dort getan, aber nicht vermutet, dass das schon deine Lesefreude hemmt.

    Diese Stelle, die ich meine, ist jedenfalls die Ermordung der jüdischen Elektriker, die zunächst doppelte Rationen erhalten sollten und dann, nachdem sie in fünf Tagen nichts gefunden hatten, einfach mal so öffentlich erschossen wurden. Das hat mich noch stärker berührt als Herschels Tod, weil gerade dieses Nebenbei und die folgende Schilderung der anrückenden deutschen siegesfrohen Elektriker, die nur deshalb in kurzer Zeit den Schaden finden konnten, weil ihre jüdischen Kollegen vorher schon viele andere Schadensstellen ausgeschlossen hatten, so besonders menschenverachtend wirkt.


    Was mir von der literarischen Mode her auffällt, ist, dass Becker immer wieder mit dem Thema Wahrheit und Nachdichtung spielt: Der Erzähler weist ja häufiger darauf hin, dass er Leerstellen, über die er keine Zeugeninformationen hat, selber mit dem füllt, was ihm wahrscheinlich erscheint. Das kann man in vielen Romanen und Erzählungen der Fünfziger- bis Achtzigerjahre beobachten: bei Böll, Grass und auch vielen DDR- Schriftstellern dieser Zeit.

  • Warum fühlt sich Jakob so schuldig an dessen Erschießung?

    Also das kann ich sehr gut nachvollziehen . Jakob hat ja die Lügen in die Welt gesetzt und damit den Ghetto - Insassen eine neue Hoffnung gegeben. Und Herschel ist so erfüllt von dieser Hoffnung, dass er sie den armen Leuten in dem Wagon weitergeben möchte, um ihnen damit auch einen Strohhalm zum Überleben zu geben.

    Wenn Jakob die Lügen nicht erzählt häütte, dann wäre Herschel auch nicht zu dem Wagon gelaufen.

    Ich denke ich würde mich an Jakobs Stelle auch schuldig fühlen.