Die Nebel des Morgens - Viola Alvarez

  • Ein wunderschönes Buch, äußerlich und innerlich. Schön geschrieben und schön zu lesen. Dazu eine überraschende Portion an Humor. Eine wahrlich gelungene Mischung.
    "Das Herz des Königs" habe ich zwar auch mit Genuß gelesen, aber wirklich berühren konnte es mich erst am Ende und erst hier, bei "Die Nebel des Morgens", begreife ich das Entzücken meiner Vorleserinnen und kann mich nun endgültig dafür bedanken, daß mir Violas Bücher so heftig ans Herz gelegt wurden.


    Das Buch war nicht auf einer einzigen Seite langweilig, wobei ich tatsächlich die Erinnerungen am interessantesten gefunden habe. Es ist eine sehr interessante Version einer Sage, mit der ich aufgewachsen bin, die ich aber nie so sonderlich mochte, weil ich mit den Haupttragenden wenig anfangen konnte. Das hat sich hier fortgesetzt, ich könnte nicht behaupten, daß ich eine der Hauptpersonen wirklich mochte. Eher die Nebenfiguren wie Uote oder Dankwart. Aber obwohl persönliche Sympathien für mich beim Lesen eine wichtige Rolle spielen, hat es den Lesegenuß in keinster Weise beeinträchtigt. Auch die anfängliche Distanz hat sich schnell gelegt.
    Faszinierend finde ich, wie Viola hier die einzelnen Elemente der Sage neu zusammengefügt hat und dennoch durch logische Folge der Charaktere und Handlungen ihrer Version der Personen das gleiche Ende erreicht hat. Und daß man sich zwischendurch wider besseren Wissens dennoch wünscht, es wäre anders. Doch das wird schon durch die Erinnerungen negiert.


    Nun bin ich also endgültig überzeugt vom Namen Viola Alvarez und werde auch gern "Wer gab Dir ..." lesen und warten, was da noch kommen wird.

  • „Die Nebel des Morgens“ ist stilistisch, sprachlich, erzählerisch und inhaltlich ein ganz besonders, vielleicht sogar außergewöhnliches Buch.
    Viola Alvarez erzählt nicht einfach die Nibelungen-Sage nach, sondern versucht, diesen Mythos neu zu erzählen. Sie selbst sagt: „Grundsätzlich versucht der Roman ja eine Geschichte zu erzählen, die sich erst nachher in die bekannte Legende verwandelt haben könnte.“ (www.buechereule.de, 10.02.2007) Und das ist ihr absolut glaubwürdig gelungen.
    Sie räumt auf mit der gängigen Mythologie, zeigt genial auf, aus welchen Ereignissen ihrer Version das Sagenhafte entstanden sein könnte. Es macht unheimlich viel Spaß, als Kenner der Legende diese kleinen Hinweise zu entdecken und zustimmend nicken zu können – ja, so könnte es sich zugetragen haben.
    Die Rollen von Held und Bösewicht werden hier neu verteilt, was sehr interessant war.


    Viola Alvarez hat einen in sich sehr schlüssigen, realistischen Roman geschrieben, der nicht nur Liebhaber der Nibelungen begeistern wird. Von der ersten Seite an ist der Roman absolut spannend und faszinierend. Ihre Sprache ist sehr intensiv, fast schon poetisch schön und lässt den Leser in eine andere Welt, in eine andere Zeit abtauchen.


    Erzählerisch ist der Roman für mich sagenhaft, im doppelten Sinne. Viola Alvarez’ Erzähler Bryndt – ein Nachfahre der Nibelungen - beschreibt die Ereignisse mit allen Facetten seines Charakters, seiner Herkunft, seiner Lebenserfahrung, seiner eigenen Erinnerung. So wirkt die Geschichte nicht nur realistischer und lebendiger, sondern auch sehr emotional und humorvoll, aber auch abstoßend und erschreckend.

    Ihre Figuren empfinde ich äußerst gelungen, sind sie nicht nur äußerlich sehr unterschiedlich, sondern auch vom Charakter her unglaublich facettenreich und bleiben nicht starr, sondern verändern sich im Laufe der Jahre, ihrer Erfahrungen. Und für alle charakterlichen Eigenschaften ihrer Figuren hat Viola Alvarez auch noch psychologische Erklärungen für den Leser, die sich aus den prägendsten Erfahrungen der Hauptfiguren leicht herauslesen lassen.


    Ich bin restlos begeistert von diesem Roman, der sich eindeutig von vielen anderen historischen Roman nicht nur sprachlich abhebt. Er wird sicherlich zu meinen Lesehighlights 2007 gehören und ich bin mir sicher, dass ich ihn irgendwann noch einmal lesen werde!

  • Die Nebel des Morgens“ ist bereits das dritte Buch von Viola Alvarez und auch das dritte Buch, das ich von ihr gelesen habe. Viola Alvarez hat die besondere Gabe, alte Geschichten oder Sagen in eine wunderbare Sprache zu packen und daraus einen Roman zu basteln, der seinesgleichen sucht.
    Auch in diesem Buch schafft sie es wieder, die Personen dermaßen gefühlvoll darzustellen, gleichzeitig schafft sie aber auch mit einem recht trockenen Humor, die manchmal doch recht brenzligen Situationen aufzulockern, was in den zwei Büchern vorher nicht so der Fall war.
    Bryndt, Sohn von Brunhild und Hagen, erzählt hier die Geschichte der Nibelungen, er ist der einzige, der das Drama nacherzählen kann, alle anderen sind tot. Dass dies eher subjektiv ausfällt, sollte klar sein.
    Siegfried, der eigentliche Held und Drachentöter, wirkt hier in diesem Buch wie ein oberflächlicher Möchtegern, auch seine Frau Krimhild passt eher in das Barbiepüppchenklischee. Hagen ist der gefühllose Leiter, auf den alle hören. Gunther, der König, wirkt wenig könighaft. Allen gemein ist aber eine herbe Enttäuschung in der frühen Kindheit oder andere tiefe Verletzungen, die letztendlich zum furchbaren "Showdown" führen.
    Die Geschichte der Nibelungen ist an sich ja bekannt, wird hier nur aus einer völlig anderen Sicht erzählt und der Leser hält trotz Kenntnis der Geschichte immer wieder die Luft an, weil es so furchtbar ist, weil man nicht eingreifen kann.


    „Die Nebel des Morgens“ ist ein wirklich wunderschön geschriebener Roman über die Nibelungen, der in einer gefühlvollen und bildreichen Sprache ihre Geschichte erzählt. Es ist ein Buch für das man sehr lange braucht, weil es so fantastische Sätze hat, die man immer wieder lesen muss und so nicht wirklich vorankommt. :-]


    Schon im Februar ist klar, dass dies ein Jahreshighlight sein wird! Und außerdem sieht es auch so toll aus, dass es sich sehr gut im Regal macht! Gelungen sind auch Karte und Stammbaum, die vor allem anfangs sehr hilfreich sind.


    Bibi

  • Ich bin von "Die Nebel des Morgens" begeistert.
    Zu Anfang musste ich mich noch ein wenig in die Sprache des Buches hineinlesen und die vielen Namen nachschlagen. Dafür ist der Stammbaum, der sich dabei befindet sehr hilfreich, um die Beziehungen der einzelnen Personen zueinander besser zu verstehen.


    Schon nach wenigen Kapitel war es dann aber überhaupt kein Problem mehr, sich damit zurechtzufinden und dann habe ich das Buch wirklich genossen.
    Auch die immer wieder vorkommenden lustigen Szenen sind klasse!
    Die Autorin schafft es, die Geschichte glaubhaft klingen zu lassen und hat mich als Leserin dazu gebracht, die Motive aller Personen zu verstehen.


    Für mich war auch keine einzige Seite langweilig - ganz im Gegenteil. Jede neue Seite verleitet zum Weiterlesen.


    Von mir gibt's 10 Punkte und "Wer gab dir, Liebe, die Gewalt" steht jetzt auch auf meiner Wunschliste.

    Alles Liebe!

    Bücher sind fliegende Teppiche ins Reich der Fantasie
    (James Daniel)

    Ich lese gerade: Charlotte Thomas - Die Madonna von Murano

  • Oh, ich hab ja noch gar keine Rezension geschrieben, ich tendiere bei Leserunden dazu das zu vergessen, Schande über mich. ^^;


    Dieses Buch ist ein wirklich äußerst gelungener Versuch, den Nibelungen-Mythos von einer gänzlich anderen Seite aufzurollen und die Geschichte zu erzählen, die die Grundlage für diesen Mythos gebildet haben könnte. Dabei lernen wir die Protagonisten von einer gänzlich anderen als der gewohnten Seite kennen: Siegfried, von Kindesbeinen an verwöhnt, ist ein Blender und alles andere als der strahlende Held den man so kennt, König Gunther ist mit seiner Position vollkommen überfordert und schreit bei jeder Entscheidung sofort nach seinem treuen Ratgeber: Hagen von Tronje. Dieser hat vermutlich die größte Wandlung durchgemacht. Statt des "heimtückischen Mörders" lernen wir einen Mann kennen, der sehr beherrscht und strategisch planend die Geschicke der Burgunder lenkt, der ein übermäßig stark geprägtes Gerechtigkeitsempfinden hat und den vor allem eines umtreibt: die verbotene Liebe zu seiner Königin Brynhild. Dieser Beziehung entspringt Bryndt, der Ich-Erzähler der Geschichte. Er berichtet uns im Rückblick all die Geschehnisse am Hofe von Burgund, die wir kennen, aber auch die wirklichen Gründe die dazu führten und wo die gekauften Dichter und Sänger die Geschichte verfälschten.


    Mich persönlich hat die Geschichte vor allem deshalb fasziniert, weil sie aus jeder der Figuren der alten Sage tatsächlich Menschen macht. Menschen mit Schwächen und Fehlern, sowohl die vermeintlich "Guten" als auch "Bösen", die es in diesem Roman nicht wirklich gibt. Eine Rollenaufteilung ist eigentlich gar nicht möglich, denn man erfährt immer plausible Gründe für das Handeln der Figuren, auch wenn man diese nicht gut heißen mag. Letztendlich sind alle Personen in der Geschichte vor allem eines: Opfer. Opfer ihres Hochmuts, ihrer Kindheit und somit der Eltern, ihrer Begierden und ihrer Moralvorstellungen, etc.


    Obwohl man den Verlauf der Ereignisse kennt (den dieser wird beibehalten) hat man doch einen Kloß im Hals, wenn Gunther, Hagen und die anderen am Hof der Hunnen ankommen. Man hofft, dass sich vielleicht etwas ändern möge, obwohl man doch eigentlich weiss, dass diese Hoffnung vergebens ist.


    Ein emotional bewegendes Buch mit einer sehr starken, bildhaften Sprache, das eine altbekannte Sage in neuem Gewand fesselnd aufbereitet. Ich habe mir bereits "Wer gab Dir Liebe die Gewalt" gekauft und hoffe auf ein ebenso wunderbares Leseerlebnis wie bei "Die Nebel des Morgens.

    „Furcht führt zu Wut, Wut führt zu Hass. Hass führt zu unsäglichem Leid.“

    - Meister Yoda

  • Zitat

    Original von Celina
    Ich bin von "Die Nebel des Morgens" begeistert.


    Da kann ich mich nur uneingeschränkt anschliessen!


    Ich habe dieses wirklich in sehr schöner Art und mit einem tollen Schreibstil geschriebene Buch mit in meinen Urlaub genommen und auf Mallorca gelesen.


    Zu diesem Meisterwerk ist ansonsten hier schon (fast) alles geschrieben worden.


    Abschließend bleibt mir eigentlich nur noch zu sagen:


    Dieses Buch wird mit Sicherheit eines der Jahres-Highlights 2007 sein !!!


    Vielen Dank Viola Alvarez !!!


    :anbet :anbet :anbet :knuddel1 :knuddel1 :anbet :anbet :anbet

  • Ich schliesse mich allen begeisterten Rezensionen an.
    Dieses Buch ist genial, einzigartig, wundervoll, absolut lesenswert und einfach nur sooooo schön geschrieben :anbet :anbet
    Ich weiss nicht, wann ich zuletzt so ausschliesslich von einem Buch begeistert war. :-]


    Ganz, ganz große Klasse. :anbet


    10 Punkte ( wenn es möglich wäre, würde ich 20 vergeben ).

  • Oh!
    Dieses Buch hoert sich ja an wie eines, ohne das man nicht weiterleben kann.
    Danke fuer die Empfehlung, Beowulf und Caia!
    Ich wollte mir ja zwar eigentlich in 2007 kein Buch mehr kaufen, aber es ist ja noch nicht Silvester, die Stunde der guten Vorsaetze.


    Eine Frage: Wieso steht dieses Buch unter "griechisch-roemische Antike"?


    Herzliche Gruesse von Charlie

  • Für mich ist das Buch auch was. *seufz* Warum geh ich hier überhaupt noch hin, wenn ich ständig über Bücher stolpere?


    Charlie : Vielleicht muss man irgendwo einen Schnitt machen? Ich finde die Einteilung gar nicht mal so schlecht, auch wenn jetzt dieser konkrete Roman für mich schon dem Frühmittelalter zugerechnet werden könnte, wenn die Zäsur zwischen Antike und Mittelalter früher angesetzt wird. Aber das würde hier wohl zu weit führen ;-)


    Liebe Grüße
    Juliane

  • Danke Rosenstolz,


    bei mir ist dieses Buch auch schon lange auf der Wunschliste. War mir aber immer ein wenig zu teuer. Aber nun als Taschenbuch, wird es in der nächsten Zeit auf jeden Fall gekauft. So viele Eulen können sich ja wohl nicht irren. :grin

  • Mit Entsetzen festgestellt, dass ich damals nur in der Leserunde mein Fazit gepostet habe.


    Aber eins kann man jetzt getrost sagen- es blieb das Jareshiglight 2007, das findet sich als Bemerkung in meinem Bookcook:



    Auch ich bin jetzt fertig mit dem Lesen dieses Buches, das ich als wahrhaft starke Parabel über die Liebe und insbesondere über die Folgen von fehlender Liebe in der Kindheit verstehe.


    Bryndt sitzt gefangen im Käfig auf seinem Weg zu Qual und Marter oder Tod durch seien verhassten Vetter. Er ist freier und glücklicher als alle anderen Personn des Dramas, er hat als Kind die Liebe beider Eltern genossen, die ihm Sicherheit und Stütze und Freiheit gegeben hat.


    Ganz anders Kriemhild, die ohne zu wissen warum von der Liebe des Vaters getrennt wurde und auf sich und eine Frauenrolle zurückgeworfen wurde, die sie nur als Leere empfand, die Enttäuschung und der Schmerz den sie empfindet als sie diese Leere mit der Liebe für einen Mann auffüllen will, von dem sie weiß, das er es nicht wert ist, dies aber über seinen Tod nicht wahrhaben will und die mit Hass gefüllt ist bis an den Rand.


    Siegfried, in Affenliebe großgeworden ohne Grenzen, in völliger Eigenliebe aufgehend, ohne jede Möglichkeit echte Gefühle zu entwickeln, einer der nur im Lob der anderen lebt und alle anderen nur ausbeutet, ohne das zu wollen oder zu merken, es ist ihm letztlich das Leben langweilig und öde.


    Hagen von Tronje, mißbraucht und geschlagen als Kind, selbstgestählt und gehärtet, Rächender Vatermörder und Held vieller Schlachten und Lieder, Rationalist, der von großem träumt, dass er wegen der Kleinheit seiner Mitmenschen nicht erreichen kann. Ein Mann, der trotz der Liebe die er in Brynhild und mit Bryndt findet aus diesen alten Fesseln nicht ausbrechen kann.


    Brynhild, die in Liebe und übergroßer Besorgnis von ihren Eltern großgezogen wird und aus dieser übergroßen Umklammerung ausbricht, ausbricht in ihr Verderben und doch in ihr Glück, das sie mit Hagen und Bryndt eie Zeitlang geniessen kann, die aber letztlich an ihrem Stolz zerbricht, nach Hagen kann nichts mehr kommen, keine Zukunft, so dass sie die Zukunft, die sie haben könnte (Ring) nicht verwendet.


    Gunther, vom Vater nie geliebt, nicht beachtet, stets unsicher und bis zuletzt alles seinem Traumvater Hagen überlassend, er weß von seiner Unzulänglichkeit, kann aber nicht dagegen an, da ihm jeder Sinn fehlt was er warum tun soll. Er ist die personifizierte Leere.


    Gunther II, verzweifelnd suchen nach einem Sinn, den das ganze haben muß und dabei die Propaganda nutzend, die dazu führen muß, das sein Thronanspruch sicher ist und nicht Bryndt zum Erben ausgerufen wird.


    Alle, ausser dem, der am unglücklichsten sein müsste und der doch das Lied seiner Freiheit singt, alle haben Defizite in der Liebe als Kinder erfahren und werden davon durch ihr Leben durch betroffen.

    Nemo tenetur :gruebel


    Ware Vreundschavt ißt, wen mahn di Schreipfelerdes andereen übersiet :grin


    :lesend Ungläubiges Staunen- Über das Christentum Navid Karmann :lesend

  • Hab ich, Rosenstolz!
    Und gerade viel Zeit, die ich eigentlich nicht hab', in der Leserunde zum Buch vergeigt.
    Wieso ist mir nur das Buch bisher entgangen?
    Es hoert sich an, als sei's ganz genau "meins".


    Vielen Dank,
    Charlie

  • Jetzt hab ich auch noch Beowulfs herrliche Rezension gelesen - und finde es schier unertraeglich, dass ich nicht in diesem Augenblick anfangen kann, das Buch zu lesen.

  • Das schlimme an mir ist: Ich finde fuer hinreissende Buecher IMMER irgendwie Zeit.
    Ich knaps die von meinem Schlafkonto ab.
    Weshalb mir, falls ich so alt werde, wie ich aussehe, auch die Queen zum Geburtstag gratulieren kommt.


    Aber wen scheren schon solche Banalitaeten, wenn einem ein unvergessliches Buch aus heiterem Himmel ins Bett faellt?


    Ich werde jetzt NICHT mehr in diesen Thread sehen, nein nein nein, sonst tropft mir demnaechst der Geifer aus dem Maul. Das Buch hab ich mir naemlich nach Berlin schicken lassen, und da bin ich erst naechsten Freitag - gemein!


    Alles Liebe von Charlie (Buecherwuestling)